Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Wissenschaft, Evolutionstheorie, Gebürtlichkeit, Heidentum

In der Diskussion zu der Frage, mit welchen seltsam überspannten und auch hampeligen Methoden ein paar aufgeheizte Wissenschaftsfunktionäre die Evolutionstheorie vor den Kreationisten verteidigen (1), ist die Frage aufgetaucht, ob heidnische Traditionen aufgrund der in ihnen tradierten Mythen eine besondere Nähe zum Kreationismus aufweisen würden. Wenn die Behauptung irgendwie Pfeffer haben soll, muss sie universalistisch auf alle oder zumindest die Mehrzahl der heidnischen Kulturen zielen. Selbst wenn man den wichtigen Umstand außen vor läßt, daß für heidnische Traditionen Mythen bei weitem nicht jenen autoritativen Charakter aufweisen, die die Geschichten der hebräischen und griechischen Bibel für die Schriftreligionen haben, kann man schnell zeigen, daß sie falsch ist. Als Gegenbeispiel wählte ich - trotz der unweigerlich präsenten prometheischen Schöpfungstat - das griechische Heidentum aus, zu dem beispielsweise Bruno Snell feststellte: "Die griechische Gottheit kann (...) nichts aus dem Nichts erschaffen - es gibt darum auch keine Schöpfungsgeschichte bei den Griechen -, sie kann nur erfinden oder verwandeln." (2) und ergänzte: "Wilamowitz hat desöfteren betont (...), daß eine Naturwissenschaft dort nicht entstehen konnte, wo man glaubte, daß die Welt erschaffen sei." (3) Man muss gar nicht bestreiten, daß es auch diverse heidnische Kulturen gibt, die Schöpfungsmythen kennen - natürlich fallen einem die Vorgänger der Genesis ein. Aber daß mein Einwand kein Bongo-Bongoismus ist, ließe sich mit einer ganzen Reihe von Entstehungsmythen anderer heidnischer Traditionen zeigen - man hätte auch mit dem uns überkommenen germanischen Entstehungsmythos einsteigen können - ich hoffe allerdings hier nicht den Hans Peter Duerr machen zu müssen.

Snells Erwähnung der Naturwissenschaft liefert für unsere Diskussion einen wichtigen Hinweis. Wichtig nicht, weil man sich so ganz flott dem allgemein üblichen Vorwurf anschließen kann, dass Kreationismus und Naturwissenschaft sich wiedersprechen. Sondern weil nach üblicher Ansicht die griechische Naturwissenschaft durch ein spezifisches geistesgeschichtliches Bindeglied mit dem Mythos verbunden war, die ionische Naturphilosophie, und eben dieses Bindeglied selbst auf bemerkenswerte Weise die Bilderwelt der Geburt und Sexualität (und eben nicht die der Schöpfung) aufgriff. Die ionische Naturphilosophie gilt als eine Sternstunde abendländischen Fortschritts beim mühsamen und oft besungenen Aufstiegs der Griechen "vom Mythos zum Logos". Sie wird gerne als eine Art Proto-Wissenschaft beschrieben, in der der Europäer - also der Mensch an sich - sich von den Erklärungen der religiösen Märchenwelt emanzipiert.
Aber die Geschichten eines Hesiod haben mit jener Geschichte von Anaximander, der bereits die Menschen aus den Wasserlebewesen sich entwicklen ließ, wesentlich mehr gemein, als man im blinden Glauben an eine rationalen Fortschrittsgeschichte den Griechen gemeinhin zugesteht:

"So gewichtig der Unterschied zwischen dem Theologen und dem Physiker auch sein mag - die allgemeine Form ihres Denkens bleibt dennoch dieselbe. Beide setzen sie an den Anfang einen Zustand der Ununterschiedenheit, in dem es noch keine Erscheinungen gibt (Chaos bei Hesiod; Nyx, Erebos oder Tartanos in bestimmten Orpheus, Musaios und Epimenides zugeschriebenen Theogonien; Apeiron - das Unbegrenzte - bei Anaximander). Aus dieser uranfänglichen Einheit entstehen in einem Prozeß der Scheidung und der Differenzierung die verschiedenen Gegensatzpaare - wie das Dunkle und das Helle, das Heiße und das Kalte, das Trockene und das Feuchte, das Dichte und das Vereinzelte, das Oben und das Unten und so fort - , die nun die Welt in verschiedene Formen und Bereiche des Wirklichen einteilen: den leuchtenden und heißen Himmel, die dunkle und kalte Luft, die trockene Erde und das feuchte Meer. Diese gegensätzlichen Elemente, die durch ihre Trennung voneinander ins Sein getreten sind, vermögen durch ihre Vereinigung oder ihre Mischung bestimmte Erscheinungen wie die Geburt und den Tod alles Lebendigen - der Pflanzen, Tiere und Menschen - hervorzurufen.

Doch nicht allein das Gesamtschema bleibt im wesentlichen erhalten; vielmehr drückt sich auch im Detail, in der Symmetrie der Entwicklungsschritte und in der Übereinstimmung bestimmter Themen, das Fortleben mytischer Vorstellungen im Denken des Naturphilosophen aus. Offenbar haben jene Themen nichts von ihrer sugestiven Kraft verloren: Die sexuelle Fortpflanzung, das Ei des Kosmos, der Baum des Kosmos, die Trennung von Himmel und Erde, die zuvor ungeschieden waren - all diese Bilder scheinen gleichsam durch das Filigran der "physikalischen" Erklärungen Anaximanders für den Prozeß der Schöpfung hindurch: Das Apeiron hat einen Samen oder Keim (gonimon) ausgeschieden (apokrinesthai), der das Heiße und das Kalte hervorbringt. Den Mittelpunkt dieses Keims bildet das Kalte in der Gestalt des aer, und an der Peripherie, um dessen Mittelpunkt herum, entwickelt sich (periphyneai) das Heiße zu einer feurigen Schhale, ähnlich der Rinde (phloios), die einen Baum umgibt. Es kommt der Zeitpunkt, da sich diese brennende sphärische Hülle von dem Kern, an dem sie befestigt war, löst (aporrhegnusthai) und so , wie eine Schale in Stücke geht, zu einzelnen feurigen Kreisen zerbirst - und dies sind die Sterne. - Es ist bemerkt worden, daß hier in auffälliger Weise embryologische Termini verwandt werden, die trotz des neuen rationalen Zusammenhangs an die Themen der geschlechtlichen Fortpflanzung und der Hierogamie erinnern: gonimon, apokrinesthai, aporrhegnusthai und phloios. Dies letztere Wort leitet sich von phleo her, einem eng mit der Vorstellung der Zeugung verknüpftem Verb, und es kann sowohl die Fruchtblase als auch die Schale des Eis, die Rinde des Baums und ganz allgemein jede Art von Haut bezeichnen, die als Hülle den pfanzlichen oder tierischen Organismus während seines Wachstums umgibt."(4)


Bei der Frage wie die Bilderwelt der Natalität und Sexualität Pate bei der Formulierung von biologischen Theorien sein könnte, wäre es spannend zu schauen, welche Konsequenzen es für ein Erkennen der Welt gegeben hätte, wenn die Naturwissenschaft sich weiter an der hier vorgestellten Bilderwelt orientiert hätte. Wie würden wir dann heute die Entstehung der Arten erklären? Diese Bilderwelt der Natalität ist sicherlich ersteinmal sympathischer wie jene der Konkurrenz, Auslese und Sterblichkeit, wie sie der Evolutionstheorie zugrunde liegt und in ihren mehr oder weniger illegitimen Kindern wie dem Sozialdarwinismus oder der Spermiensoziologie besonders zum Ausdruck kommt. Sie ist auch bescheidener und weniger von Machtphantasien geprägt wie die Idee eines Kreators, die trotz aller dann noch möglichen Mikroevolution tatsächlich ein Element des Statischen hat, was das Dasein der Geschöpfe angeht: "Wenn man von einem Design spricht, impliziert das mehr oder weniger eine gewisse Abgeschlossenheit. Damit einhergehend eine Wertung. ("intelligent" ist ja auch eine Wertung)."(5)

Vielleicht hat sie deshalb auch segensreichere Auswirkungen und weniger unangenehme Konsequenzen als die Ideenwelt der "Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life" aber auch als das unweigerlich mitgelieferte Menschenverständnis, von dessen erstarktem Einfluß Kreationisten träumen. (6) Vielleicht - denn letztendlich lässt sich aus jeder Bilderwelt, sei sie noch so nett und ansprechend, auch eine weltanschauliche oder lebensprakticshe Perversion basteln. Das ist auch mit der Bilderwelt der Natalität möglich. Und allein dieser Umstand macht schon deutlich, daß aus einer heidnischen Perspektive ein solcherart Sich-Berufen auf Mythologie ein Irrweg ist.

Doch dazu ein andermal mehr.

Fußnoten:
(1) Eine Diskussion, die vielleicht hilft meine generelle Haltung in der Debatte "Kreationismus versus Intelligent Design" besser einordnen zu können, findet man auf der Philobar.
(2) Bruno Snell: „Die Entdeckung des Geistes. Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen“; Göttingen 1980 (5); S. 34
(3) Bruno Snell: „Die Entdeckung des Geistes. Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen“; Göttingen 1980 (5); S. 299; gemeint ist Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff
(4) Jean-Pierre Vernant: "Die Entstehung des griechischen Denkens"; Frankfurt/M. 1982;
(5) Mspro - Montag, Nov 13, 2006
(6) Denn unabhängig von der Diskussion, ob dann ein Verwechslung zwischen Sein und Sollen vorliegt, hätte selbstverständlich "die Frage, wie der Mensch entstanden ist, (...) auch Folgen für Ethik und Normen". (Reinhard Junker zitiert nach Stefan Schmitt: "Päpstlicher als der Papst"; ZEIT-WISSEN Heft 1/2006; Der Artikel behandelt ausführlich Aktivitäten wissenschaftlicher Kreationisten. Bemerkenswerterweise führt in der Online-Ausgabe des Artikels auch die ZEIT in der beigefügten Rubrik "Links zum Thema" nur Verteidiger der Evolutionstheorie und Kritiker des Kreationismus/Intelligent Design auf. Obwohl sie in dem Artikel angesprochen werden wird kein einziges Institut etc. der kreationistischen Opposition verlinkt.

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