Levinas und Buber und der Andere im Heidentum
"Stammesreligionen erzeugen generell eine permanente Deklassierung der Anderen und proklamieren immerzu das eigene Bessersein (...) Das ist die Weltanschauung des Ethnozentrismus. Bestimmend wirkt hier eine ingroup/outgroup-Moral: Sozialität für die Eigenen - Deklassierung, ja Feindschaft gegen die Anderen. Infolgedessen war und ist in Stammeskulturen der Krieg das Normale."(1)
Als Beispiele zieht er die homerische Heroenkultur (2) und die germanische Kultur (3) heran. Von einer solchen Diagnose her dann auf die Binnenethik von rechtsradikalen Strömungen mit neogermanischer Ausrichtung hinzuweisen, ist sowohl mit Hinweis auf faschistische wie auch auf moderne ethnopluralistische Strömungen nicht schwer.
Natürlich ist das die übliche Rhetorik nicht nur von Christen (das versteht sich von selbst), sondern auch von Mitglieder einer durch und christlich geprägten Kultur, die sich ihrer Fortschrittsgeschichte versichern will. Denn wie man es auch dreht und wendet, die demokratische Ausrichtung unserer Kultur haben wir zu einem nicht unerheblichen Maße unserem heidnischen Erbe zu verdanken - und das Christentum hat es nicht leicht hier den Nachweiß zu führen, daß es heißblütiger Initiator und Verfechter der modernen Demokratie gewesen ist. Ähnliches gilt auch für die Menschenrechte:
"Die oben erwähnte Annahme, wonach das moderne Menschenrechtsverständnis originär christlich bedingt und geprägt sei, setzt voraus, daß es vergleichbare Auffassungen vorher nicht gab. Indessen veranschaulicht der Blick in die heidnische Antike, daß bereits in der vor-christlichen Zeit ethische Prinzipien bestanden, welche als Vorläufer und Wegbereiter des modernen Menschenrechtsverständnisses anzusehen sind. (...) Allerdings handelte es sich dabei weder um ethisch noch politisch dominierende Wertvorstellungen. Indessen wurde die diskriminierende gesellschaftliche Praxis der Griechen den Barbaren, Frauen und Sklaven gegenüber bereits von den Sophisten als naturfremd angesehen und von ihnen für deren Anerkennung als gleichwertige Menschen plädiert. Bereits im 5. Jahrhundert äußerte Antiphon, von Natur aus seien alle gleich, atmeten doch alle durch Mund und Nase und essen mit den Händen. Und im 4. Jahrhundert formulierte Alkidamas, Gott habe alle Menschen frei geschaffen und die Natur keinen zum Sklaven bestimmt. Dem gegenüber herrschte allerdings ein durch die Ablehnung der Gleichheit und die Bejahung der Sklaverei gekennzeichneter gesellschaftlicher Grundkonsens vor, welcher auch von Platon und Aristoteles akzeptiert wurde. "Die Forderung nach grundsätzlicher Abschaffung der Sklaverei", so der Althistoriker Alexander Demandt, "ist weder von den Sophisten noch von den Stoikern oder den Christen je erhoben worden ...".
Insofern bildeten die Einwände der Sophisten gegen die Sklaverei lediglich ethische Postulate, was auch für den bei vielen Denkern der Antike vertretenen Kosmopolitismus gilt. Er begriff den individuellen Menschen in seiner Wertigkeit an sich und nicht über seine Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe oder sozialen Schicht, womit sich die Vorstellung von der Bedeutung des Individuums ebenso wie von der Abwesenheit der Diskriminierung verband. Alle drei großen philosophischen Schulen, die Kyniker, die Stoiker und die Epikureer, vertraten diese Idee eines Weltbürgertums. Danach sollten die Schranken zwischen den Menschen beseitigt werden, gehörten doch von Natur aus alle Menschen zueinander. Man erhoffte sich einen Weltbürgerstaat, indem alle Menschen Brüder wären. (...)" (4)
Bliebe aber noch die Frage, ob die in Stammeskulturen anzutreffende Haltung sich selbst als "wahre Menschen" zu begreifen, dazu führt, den Anderen, den Fremden zu deklassieren. Ryszard Kapuscinski hat in der Lettre International von Herbst 2006 dies ganz anders gesehen.
"Wie anders war dagegen das Bild des Anderen in Zeiten anthropomorpher Religionen! In deren Weltsicht konnten Götter die Form von Menschen annehmen und wie diese handeln. Damals wußte man nie genau, ob nicht nicht der Wandersmann, Reisende oder Unbekannte, der einem begegnete, ein Gott in Menschengestalt war. Diese Ungewißheit und faszinierende Ambivalenz war der Urpsrung einer Gastkultur, die vorschrieb, dem Neuankömmling als einenm letztendlich unergründlichen Wesen in aller Güte und Freundschaft zu begegnen." (5)
Unter Verweis auf die griechische xenía zitiert er Cyprian Norwid:
"No one could have been received as a guest if the first question were: ‘Who is this newcomer?’ But only when the divinity in him was respected did the human questions follow, and that was called hospitality, and for that very reason it was numbered among the pious practices and virtues. There was no ‘last among men!’ with Homer’s Greeks — he was always the first, which means divine." (6)
Wolf Dieter Enkelmann merkte vor einiger Zeit im Merkur an, daß in einer verselbstständigten xenía bereits die Polis angelegt ist:
"Die Verselbständigung der Gastfreundschaft zu einer eigenständigen, im Reich der familiären Oikoi vagabundierenden, nicht an Eigentum gebundenen Daseinsform institutionalisierte sich nach dem Untergang der archaischen Kultur im Entstehen der Polis. Die Polis ist nichts anderes als die organisierte autonome Gastfreundschaft. Sie ist eine Vereinigung Fremder. Nicht Blutsbande und Verwandtschaft stiften Verbindlichkeit und Gemeinsinn, sondern Vereinbarungen, Übereinkünfte und das wechselseitige Vertrauen einander fremder, weil gegeneinander selbständiger Individuen."(7)
Ein Gedanke, den ich allerdings nur für tragfähig halte, wenn man Enkelmanns generellen Erwägungen über die antike Politisierung des Eigentums teilt. Allerdings machen solche Überlegungen deutlich, welche Tendenz zur Überschreitung in der Gastfreundschaft angelegt ist.
Und damit komme ich zu dem mich interessierenden Punkt. Denn Kapuscinski verweist in dem besagten Artikel auf die Arbeit von Emmanuel Lévinas zum Wert des anderen:
"Emmanuel Levinas calls the encounter with the Other an “event,” or even a “fundamental event,” the most important experience, reaching to the farthest horizons. Levinas, as we know, was one of the philosophers of dialogue, along with Martin Buber, Ferdinand Ebner and Gabriel Marcel (a group that later came to include Jozef Tischner), who developed the idea of the Other as a unique and unrepeatable entity, in more or less direct opposition to two phenomena that arose in the 20th century: the birth of the masses that abolished the separateness of the individual, and the expansion of destructive totalitarian ideologies.
These philosophers attempted to salvage what they regarded as the paramount value, the human individual — me, you, the Other, the Others — from being obliterated by the actions of the masses and of totalitarianism (which is why these philosophers promoted the concept of “the Other” to emphasize the differences between one individual and another, the differences of non-interchangeable and irreplaceable characteristics).
This was an incredibly important movement that rescued and elevated the human being, a movement that rescued and elevated the Other, with whom, as Levinas suggested, one must not only stand face to face and conduct a dialogue, but for whom one must “take responsibility.” In terms of relations with the Other and Others, the philosophers of dialogue rejected war because it led to annihilation; they criticized the attitudes of indifference or building walls; instead, they proclaimed the need — or even the ethical obligation — for closeness, openness and kindness. (8)"
Es wäre ungeheuer reizvoll, Kapuscinski Hinweis zu folgen und genau von dem antiken Konzept der Fremdheit eine rationale Erweiterung zu suchen, die den Spuren eben genau dieser Denker folgt - vor allem Bubner und Levinas sacheinen mir da fruchtbar. Schon allein weil das so gar nicht in das Konzept jener Schwarz-Weiß-Denker passt, die Heidentum und Judentum fein säuberlich voneinander trennen wollen.
Fußnoten:
(1) Arnold Angenendt: "Gewalttätiger Monotheismus - Humaner Polytheismus?";
http://www.con-spiration.de/texte/poly.html (Stand 03.03.07)
zuerst veröffentlicht in: "Stimmen der Zeit"; 2005/5; S.319-328;
(2) unter Bezug auf Georg P. Landmann: "Das Gedicht vom Kriege. Homers Ilias"; Heidelberg 1992; S. 17f.
(3) unter Bezug auf Hans-Peter Hasenfratz: "Die religiöse Welt der Germanen. Ritual, Magie, Kult, Mythus"; Freiburg 1992; S. 46.
(4) Armin Pfahl-Traughber: "Haben die modernen Menschenrechte christliche Grundlagen und Ursprünge? Kritische Reflexionen zu einem immer wieder postulierten Zusammenhang"; (Stand 03.03.07)
zuerst veröffentlicht in: "humanismus aktuell" Heft 5, 1999; S. 66-77
(5) Ryszard Kapuscinski: "Das Ereignis des Anderen"; in: "Lettre International"; Heft 74 (Herbst 2006); englisch verfügbar als Ryszard Kapuscinski: "Encountering the Other: The Challenge for the 21st Century";
(6) Ryszard Kapuscinski: "Das Ereignis des Anderen"; in: "Lettre International"; Heft 74 (Herbst 2006); englisch verfügbar als Ryszard Kapuscinski: "Encountering the Other: The Challenge for the 21st Century";
(7) Wolf Dieter Enkelmann: "Europa - nichts als ein Versprechen. Eine Nacherzählung"; online bei Eurozine (Stand 03.03.2007); zuerst veröffentlicht in: "Merkur"; Heft 692 (Dezember 2006)
(8) Ryszard Kapuscinski: "Das Ereignis des Anderen"; in: "Lettre International"; Heft 74 (Herbst 2006); englisch verfügbar als Ryszard Kapuscinski: "Encountering the Other: The Challenge for the 21st Century";
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