Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Personalisierung durch Nähe

"Die moderne Gesellschaft unterscheidet sich »von der Welt, die wir verloren haben«, in erster Linie dadurch, daß in ihr die unpersönlichen Beziehungen zwischen den Menschen die Vorherrschaft über die persönlichen errungen haben. Ist es für traditionelle Gesellschaften die Tendenz charakteristisch, unpersönliche in persönliche Berziehungen zu transformieren (indem man beispielsweis Fremde zu klassifikatorischen Verwandten macht), kennzeichnet die »Modernität« eine Zurückdrängung und Abkapselung des Persönlichen." (1)

Was wäre, wenn man das Phänomen, daß in der Ontologie einer Vielzahl an naturreligiösen Kulturen einiges als Person gehandhabt wird, was bei uns eine Sache ist, auch unter diesem Licht betrachtet werden muß. Diese Sozialisierung der Natur liegt aber weniger daran, dass ein psychisch infantiler Wildbeuter sein Innenleben auf die Außenwelt projeziert, wie es bis heute in schamloser Arroganz von einigen Gelehrten heißt. Es entspringt eher einer Sorge um und Pflege des menschlichen Nahraums. so wie dies z.B. bei den Germanen deutlich wird:

"Gut belegt ist die »Personalisierung« von »Gegenständen« durch Verleihung eines Eigennamens, der »Gegenstand« gilt dann auch als mit Eigenschaften ausgestattet, die ein reiner »Gegenstand« nicht hat. (...) Das Kriterium für das »Verleihen des Gesichts« (mein improvisierter Ausdruck für die Konstituierung des Gegenübers als Quasi-Person) ist die »Nähe« zum Verband, als dessen Bestandteil die oder der einzelne sich sieht. Wie ich sagte: wären für gewissen Philosophen alle gleichen großen Bäume gleich, bekam bei »den Germanen« derjenige große Baum ein »Gesicht«, mit dem man zu tun hatte."(2)

Dasjenige was nah ist, erhält ein Gesicht, damit entstehen Verpflichtungen zum Gegenüber - aber auch Scham. Je entfernter und je anonymer dieses Etwas uns gegenüber ist, desto mehr verlieren wir den Drang zu einer persönlichen Beziehung, ein Phänomen, daß nahtlos zu zeitgenössichen Diagnosen sozialer Verantwortlichkeit passt:

"Auch die immer länger werdenden Interdependenzketten zwischen Individuen, die einander nicht oder nur ganz oberflächlich kennen, die keine persönliche Verantwortung für einander tragen, bedeuten im psychologsichen Sinne eine Ent- und keine Verflechtung der Individuen. Schon Durkheim hat vor über hundert Jahren darauf hingewiesen, daß solche Formen der gegenseitigen Abhängigkeit in hochgradig arbeitsteiligen Gesellschaften keine Moral oder »sentiments de symapthie« für den Anderen hervorbringen (...)(3)"

Die Frage, die sich daraus entspinnt lautet: Ist das einfach nur ein psychischer Reflex oder ist es in irgendeinem Sinne rational, was die "traditionellen" Gesellschaften da machen? Doch was heißt hier rational? Die Kriterien anhand derer hier das Prädikat "Person" zugeschrieben wird sind andere als bei uns. Sie haben andere Verhaltensweisen zur Konsequenz. Es spricht nichts dafür, daß dies den Menschen geschadet hat. (Nicht die Desozialisierung der Natur hat den wissenschaftlichen Fortschritt gebracht.) Denn was Entwicklung von Technik angeht, so scheint eine animistische Kultur durch diese Vorgehensweise nicht per se an einer solchen gehindert zu werden. Wer immer perfidere Waffen entwickelt, um einen Gegner zu töten, der entwickelt auch immer ausgeklügeltere Techniken Bergbau zu betreiben, Tiere zu jagen oder zu züchten, Landwirtschaft effektiver zu gestalten. Ob Ressourcenschonung wirklich ein Effekt dieser Lebensweise war?

Aber was, wenn die Sozialisierung der Natur das Resultat einer habituellen Einstellung, also einer Tugend ist? Tugend wirken in Ganzheit. In meinem Nahraum achte ich dann auf eine angenehme und zwischenmenschliche Atmosphäre, und wandle unpersönliche in persönliche Beziehungen. Das mache ich mit fremden Menschen, mit denen ich zu tun habe genauso wie mit fremden Steinen, Bäumen und Wassern, mit denen ich mich auseinandersetzen muß.

Notiz: Bernand Williams Idee der moralischen Instanz bei den archaischen Griechen? Sind die Personen eine ähnliche Instanz?

(1) Hans Peter Duerr: "Der erotische Leib - Der Mythos vom Zviliationsprozeß, Band 4" Stuttgart 1997; S.13
Lassen wir mal die übliche, auch hier durchgeführte Gegenüberstellung zwischen "traditonell" und "modern" ausser acht - eine pingelige Kritik würde hier einem Duerr nur begrenzt gerecht werden.
(2)
(3) Hans Peter Duerr: "Der erotische Leib - Der Mythos vom Zviliationsprozeß, Band 4" Stuttgart 1997; S.15

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