Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Wie sollen wir mit säkularen Fundamentalisten umgehen?

Eigentlich sollte an dieser Stelle ein zweiseitiger Artikel mit vielen Gemeinheiten und schön gedrechselten Sätzen stehen, als Antwort auf neuerlichen kindischen Quatsch, der auf der Website der AG Evolutionsbiologie zu meiner Person verkündet worden ist. (1) Offenkundig kann man von den "ganz vielen Fehlern in der öffentlichen Darstellung" (wie es ein Kommentator hier zusammenfasste) nicht lassen: Die gleichen albernen Vorwürfe, das gleiche Unvermögen mein Anliegen zu verstehen. Unterdessen bekommt es eine Frontfigur von denen nicht gebacken, sich ordentlich bei mir zu entschuldigen, so daß ich jetzt auch noch Nachhilfe in Benimmregeln geben muß.

Letztendlich ist mir das zu blöd und deswegen habe ich es dann doch sein gelassen, auf so 'nen Quatsch ausführlich einzugehen. Paul Feyerabend wurde ja nicht müde zu betonen, daß Wissenschaftler sich von anderen Menschen vor allem dadurch unterscheiden, daß man ihnen eine Sache immer und immer wieder vorbeten muß, damit sie sie nachvollziehen können - möglichst noch in einfacher, kindlicher Sprache. Könnt ich jetzt machen, die Leser hätten vielleicht wiedermal ihre Gaudi, unter Umständen würde es ein paar andere Blogs auch wieder amüsant finden. Aber vielleicht auch nicht. Denn es ist doch echt billig sich auf solche leichten Ziele einzuschießen. Sollen die sich doch ruhig zum Vollhorst machen weiter so unprofessionell aufführen, wenn sie's unbedingt brauchen. Wer bin ich, daß ich denen das ausreden will? Und für fein zugespitzte und mit gemeinen Widerhaken versehene polemische Sätze braucht es ernstzunehmende Gegner, nicht 'ne irregeleitete Truppe von 5 Mann, die zwar pro Forma zahlreiche Institute als Mitglieder verlinkt, von denen aber anscheinend so manch eines gar nicht so recht weiß, was da so in seinem Namen getrieben wird.

Das Erstarken der politischen Religionen

Eine andere Frage beschäftigt mich mehr und die hat auch mit meiner Motivation zu tun, Kreationisten und Vertretern des Intelligent Design mit Toleranz zu begegnen: Wir erleben ja ein Erstarken der politischen Religionen, ein Vorgang vor dem einige ja schon vor 30 Jahren gewarnt haben. Die Koinzidenz von islamischen und christlichen Fundamentalisten ist mittlerweile Stammtischthema. Beides ist nicht ein Backlash der Vergangenheit, sondern ein spezifisches modernes Phänomen. Nichts wäre irreführender als zu glauben sie wären eine Reaktion der Tradition auf die Moderne. Sie sind bestimmten sozialistisch-kommunistischen, faschistischen oder liberalistischen Weltanschauungsformen näher als traditionellen religiösen Praktiken und Bekenntnissen.

Nun haben wir aber auch noch eine andere aktuelle Entwicklung. Nämlich die der äußerst umtriebigen Neocons, die jene eigenartige Kombination autoritärer und etatistischer Vorstellungen in Fragen der inneren und äußeren Sicherheit mit einer antietatistischen Einstellung bei wirtschaftlichen Prozessen verbinden. Das Ganze hat sich in Bekämpfung des Islamismus radikalisiert und sich mit einem gehörigen Schuss kulturellen Narzissmus versehen. Dabei spielt der missionarischen Einsatz des kämpferischen Vokabulars der Aufklärung und deren heilsbringende Symbolik eine wichtige Rolle. Das Feindbild gibt zu denken: Mindestens verlangt diese moderne Weltanschauung, dass auch der Islam im Sinne einer Universalgeschichte die Aufklärung nachholen müsste, aber bekanntlich gehen ja einige soweit, daß die gläubige Zugehörigkeit zu Islam prinzipiell eine demokratische Gesinnung unmöglich mache. Die Verachtung, mit der das Wort "Gutmensch" ausgesprochen wird, der Marktfundamentalismus, der in Diskussionen bei Kritik Reaktionen hervorruft, wie man sie von weltanschaulich geschlossenen Gruppierungen kennt, die Aggressivität und auch der Totalitätsanspruch - all das verstärkt den Eindruck, daß wir es auch hier mit einer neue politischen Religion zu tun haben. Ich habe mal erlebt, mit welcher Ladung jemand von einer Schulung für Journalisten zurückkam, die eine US-amerikanische Stiftung in Osteuropa durchführte. Mit einem Glühen in der Stimme und einem Beben in den Wangen wurde ich inquisitorisch zur Rede gestellt: Für Staat oder Markt? Ich müsse mich jetzt bekennen.

Schaut man sich jetzt die Verhaltensweisen von einigen Evolutionsbefürwortern an (2), dann scheint sich da eine ähnliche Problematik abzuzeichnen. Das Schwarz-Weiß-Denken, das selektive Wahrnehmungsraster, die unsouveräne Emotionalität und Aggressivität, wenn das eigene Weltbild frontal kritisiert wird, die missionarische Umtriebigkeit, das Beharren auf Feindbilder, die Betonung der Unzweifelhaftigkeit der eigenen Auffassung zur Entstehung der Arten (deren Leugnung ja von einer prominenten Galionsfigur der Evolutionstheorie mit der Leugnung von Auschwitz verglichen wurde) - sowas läßt einen stutzig werden. In einem gewissen Sinne vermeint man in der sich offenbarenden Mentalität Züge zu erkennen, die man eher beim kreationistischen Gegenüber vermutet hätte und die nach meinen Erfahrungen ja auch durchaus im deutschen christlichen Fundamentalismus jenseits des akademischen Milieus vorhanden sind.

Wissenschaftliche Forschung war schon immer auch von weltanschaulichen Hintergrundströmungen beeinflusst, ob das nun Naturwissenschaftlern bewusst ist oder nicht. Haben wir es aber hier nun - ähnlich wie bei den anderen Fundamentalismen - mit einer neuen Art von "politischer Religion" zu tun, die sich in ihrer Rhetorik an bestimmte Strömungen der Aufklärung anlehnt? Die Konversion des wissenschaftlichen Betriebs, ausgelöst als eine Immunreaktion auf den christlichen Fundamentalismus? Kann schon sein: Die oben beschriebene Mentalität, vor der gar nicht klar ist, ob sie den Betreffenden selbst bewußt ist, scheint mir mittlerweile keine isolierte Verranntheit zu sein. Nachdem ich ein paar Hinweisen nachgegangen bin, ein paar Querverbindungen nachvollzogen habe und mich in einem Gespräch mit einem kirchlichen Sektenbeauftragten rückversichert habe, bin ich schließlich zu der Erkenntnis gekommen, dass anstatt dem Einprügeln auf leichte Ziele irgendwann mal (aber nicht jetzt) eine kleine Recherche über ideologisierte antiklerikale Weltanschauungsgrüppchen und deren Umtriebe im seriösen Wissenschaftsbetrieb von Nöten wäre: Wir haben hier anscheinend zwei (quasi)-religiöse Weltanschauungen am Start, nicht eine. (3)

Einüben in demokratische Tugenden

In diesem Beitrag interessiert mich nun, wie wir jenseits solcher konkreten Details mit der generellen Herausforderung, vor die uns diese Entwicklung stellt, umgehen müssen. Fundamentalistische Strömungen weisen anscheinend eine untergründige Kraft auf, durch bipolare Diskurse die Akzeptanz für Ausschluß- und Ausgrenzungsmechanismen zu erhöhen - gleichsam so, als wenn sie ihre diskursiven Gegner in diese Mechanismen mit einüben. Christliche Fundamentalisten sind ja nicht wirklich für ihre Toleranz berühmt, auch wenn jetzt deutsche Kreationisten um den Think Thank von Siegfried Scherer und Reinhard Junker ein ganz anderes intellektuelles und liberales Format aufzuweisen haben als das, was uns die Stereotypen der öffentlichen Wahrnehmung des klassischen Kreationisten weißmachen wollen. Gleiches gilt für Islamisten, auch wenn sie oft vehementer Vertreter demokratischer Staatsformen sind (ein Umstand, der in der öffentlichen Wahrnehmung viel zu wenig gewürdigt wird). Offenkundig schaffen es fundamentalistische Strömungen es aber ihre Gegner in ähnliche Grundhaltungen "hineinzumentalisieren". So entstehen wohl die säkularen Formen des Fundamentalismus.

Die Frage ist nun: Wie sollen diejenigen damit umgehen, denen eine plurale Kultur am Herzen liegt und die wissen, daß dies weniger eine Frage der formalen Strukturen, sondern die der entsprechenden Mentalitiät ist. Meine Meinung dazu war bisher: Die beste Herangehensweise ist eine Einübung in pluralistisch orientierte Handlungsweisen und damit die Einübung in die Handlungsdisposition (Tugend) der Toleranz. Diese Herangehensweise ist mehr als das in atomisierten Gesellschaften übliche Desinteresse, das ein "Leben- und Leben lassen" propagiert. ("Ich lass dich in deinem Garten saufen, du mich in meinem Garten grillen, aber wenn ich an Freßsucht sterbe oder du an Alkoholismus zugrunde gehst, so geht das jeden von uns einen feuchten Dreck an.") Sie ist eher "republikanisch" gestimmt. Sie ist aktive, nicht passive Toleranz, von Interesse und menschlicher Wärme geprägt. Sie erzeugt Kohäsion. In meinem Fall habe ich versucht, diese Haltung dadurch umzusetzen, dass ich mich für christliche Fundamentalisten eingesetzt habe, wenn diese mit ungerechtfertigten intoleranten Reaktionen konfrontiert werden - siehe der Umgang mit Kreationismus. Ich glaube, daß diese Strategie ganz natürlich auf die unterschiedliche Verfassung der europäischen christlichen Fundamentalisten aufsetzt. Europäische Kreationisten haben ja zum Beispiel schon eine andere Mentalität als US-amerikanische. Hier wirkt bereits die andere Umgebung.

Natürlich darf man da nicht naiv sein und muss auch mit instrumentell orientierter Ausnutzung einer solchen Toleranz rechnen. Das ist es ja, wovor die "säkularen Fundamentalisten", (also jene z.B. des aggressiven Anti-Fundamentalismus) die "Gutmenschen" unentwegt warnen - in einem gewissen Rahmen durchaus zurecht. Man muss also zugleich eine scharfe Grenzziehung zu allem aufrechterhalten, wo demokratiefeindliche, gewaltverherrlichende, volksverhetzende Gesinnungen in fundamentalistischen Strömungen auftauchen. Andererseits ist diese Grenzziehung nur dort glaubwürdig, wenn man demonstriert, daß die Prinzipien einer toleranten pluralistischen Zivilgesellschaft auch für Randgruppen gelten. Ihre Verfolgung, Stigmatisierung, populistisch-demagogische Ausgrenzung, ungerechte Diffamierung muss offen kritisiert werden. Ein Islamist ist kein Freiwild für Sicherheitsorgane, ein Pfingstler darf an seinem Arbeitsplatz nicht schikaniert werden. Und ein christlich orientierte Evolutionskritiker hat eine faire Behandlung im öffentlichen Streit verdient. Trivial oder?

Und die neuen fundamentalistischen Strömungen?

Nur: wie gehen wir mit den neuen fundamentalistischen Strömungen, die sich als Gegenreaktion auf die monotheistischen Fundamentalismen gebildet haben? Auch hier ist ja eine pluralitätsfeindliche Mentalität durchaus erkennbar. Derzeit haben sie eine nicht unerhebliche Präsenz in der Öffentlichkeit - und auch Einfluss. Sie sind viel eher eine Majoritätserscheinung als die anderen Fundamentalismen. Klappt da die gleiche, oben beschriebene Strategie der aktiven Toleranz, wie ich sie bei den Kreationisten passend fand? Sollen wir uns für sie einsetzen, wo uns auffällt, daß sie ungerecht behandelt werden und hat das die gleiche Wirkung wie bei den anderen Fundamentalisten? (Da gibt es durchaus auch Gelegenheit, selbst bei den Herren der AG Evolutionsbiologie: So mancher ihrer Gegenspieler ist ja selbst nicht zimperlich bei der Wortwahl.) Oder ist das so, daß sich diese Damen und Herren schon selbst gut zu helfen wissen und jede Unterstützung ihrerseits instrumentalisieren? Sollten wir sie doch besser ausgrenzen, damit sie spüren, daß Scharfmacher an unseren Tischen und in unseren Häusern nicht erwünscht sind? Hilft hier Stigmatisierung doch weiter? Machen wir uns nichts vor: Gezielte Ausgrenzungsstrategien sind bei anderen Gruppen mit gestörtem Verhältnis zur Toleranz (z.B. Rechtsradikalen) durchaus auch sinnvoll, um Mentalitäten einzudämmen. Und wenn ich das richtig beobachte, plädieren einige im Netz auch bei einigen aggressiven Mitgliedern der berühmt-berüchtigten "Achse der Guten" für eine aktive Ausgrenzung (selbstverständlich heißt das nicht, das die letzteren mit Rechtsradikalen gleichzusetzen sind. Aber ihr Verhältnis zu Toleranz und Pluralität ist umstritten).
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Ich habe noch keine Lösung in dieser Frage. Generell habe ich die Haltung, daß ungerechte Akte und Diffamierung selbstverständlich immer angeprangert werden. Wir müssten uns selbst für Nazis einsetzen, wenn sie ungerechtfertigt stigmatisiert würden (z.B. als Kinderschänder). Letztendlich ging es mir ja bei meinem Einsatz für Kreationisten auch um generelle Standards, die eingehalten werden müssen - unabhängig von pädagogischen Impulsen. Aber eine solche Einstellung hilft nicht im großen Bereich der Grautöne, die im Alltag einer Zivilgesellschaft vorherrschen. Wem gibt man wann ein Podium? Wen nimmt man in den Fokus der Berichterstattung? Wen lädt man nicht ein? Bei wem bringen Streitgespräche was, bei wem nicht? Bei welchen Fundamentalisten bewirkt eine Handreichung eine Mäßigung, bei wem eine Bestärkung der Radikalität?

Ein unergiebiges Ende für eine Wortmeldung, ich weiß.


Update 1. April: Vielleicht sollte ich noch auf den Artikel von Timothy Garton Ash hinweisen, der im Oktober 2006 über den "Enlightenment Fundamentalism" schrieb, dessen Fragestellung aber mehr die Unbrauchbarkeit des säkularen Fundamentalismus für eine Lösung des Problems ist. Die sich seit Januar bei Perlentaucher bzw. bei signandsight.com abspielenden Multikulturalismus-Debatte, die sich an diesem Begriff eines Fundamentalismus der Aufklärung entzündete, gibt bis auf den Artikel von Stuart Sim für meine Frage ("Wie sollen wir mit den neuen Fundamentalisten umgehen?") wenig her.
(Danke an Rene, der auf einen Artikel bei Telepolis hinwies, der an Garton Ash's Artikel erinnerte.)
Fußnoten:

(1) Jede andere Organisation hätte nach so 'ner Blamage erstmal die Bälle flach gehalten und Gras über die Sache wachsen lassen. Stattdessen widmet man mir 270 Wörter in einem Aufsatz, der eigentlich zu einem anderen Thema geht (den evolutionskritischen Biologen Wolf-Ekkehard Lönnig) und bei diesem Thema auch hätte bleiben sollen. Aber die Jungs müssen sich allen Ernstes immer noch damit beschäftigen, daß ich ihrer Meinung nach eine "Diffamierung der Evolutionsbiologen" betreibe, nichts zur Sachdiskussion beitrage und sowieso irrelevant sei . ( Ja Leute, dann schreibt doch nix über mich, wenn ihr wiedermal - und zurecht - feststellt, daß irrelevant bin; alles andere ist doch albern). Außerdem müssen sie noch einmal ausführlich verteidigen, warum sie zu blöd sind nicht in der Lage waren zu realisieren, daß ich kein Evolutionsgegner bin. Dieses Leseverhalten könnte man jetzt mit der Aussage eines Anhängers des Intelligent Design vergleichen, der mir vor zwei Monaten sagte: "Naja, das war für mich 'ne Sache von drei Minuten um zu realisieren, daß Sie kein Vertreter unserer Sache sind." Natürlich ist das verständlich, daß jetzt "Me too"-Stellungnahmen von weiteren Akteuren der AG Evolutionsbiologie veröffentlicht werden, in denen man sich wechselseitig die Wahrnehmungsschemata bestätigt. Was ich allerdings nicht kapiere: Die Leser wissen doch bereits, wie die Jungs ticken, darum ging es mir ja mit meiner Leimspur. Wieso wollen die das jetzt noch ein ums andere Mal bestätigen? Ich weiß es nicht. Offenkundig haben die Zeit zuviel.

(2) Damit ein Dr. Andreas Beyer von der AG Evolutionsbiologie doch noch was was zum epistemischen Knochennagen hat: Das ist ein Satz, in dem ein sogenannter Existenz-Quantor auftaucht, kein All-Quantor. Ich kritisiere Evolutionsbiologen - einige Evolutionsbiologen. Für ihre merkwürdigen und unseriösen Methoden mit Kritikern umzugehen. (Letzteres konnte man ja leibhaftig auf diesem Blog bestaunen) Aber einige Evolutionsbiologen sind nicht alle Evolutionsbiologen. Wenn ich also einige Evolutionsbiologen kritisiere, dann kann man, wenn man unbedingt will, das als Diffamierung betrachten. Von einigen Evolutionsbiologen. Aber das ist dann nicht Diffamierung "der" Evolutionsbiologen. Sondern einiger Evolutionsbiologen. In der Logik nennt man so etwas Verwechslung von Quantoren. Ich weiß, daß passiert Euch dauernd, das hat auch seine Gründe und das werdet Ihr auch nicht abstellen. Ich wollt's nur mal gesagt haben.


(3) Mal sehen, ob das die Recherche-Tiefe von anderen, hier behandelten Themen erreicht. Man braucht ja auch mal andere Untersuchungsobjekte als europäisch vernetzte Abzockerklitschen.

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nerone (Gast) - Mo, Apr 02, 2007

bin deinen links gefolgt

ich bin nicht glücklich über die immer deutlicher werdenden Grenzlinien zwischen gut und böse gezogen werden. Sowohl die in diesem Medium und auch zunehmend in der Gesellschaft und den Massenmedien nehme ich wahr, wie sich der Ton verschärft. Lagerbildung, Fraternisierung mit Meinungen, Stimmungen, Verunglimpfungen sind eine Zeichen für eine zunehmende Radikalisierung. Vielleicht gab es die schon immer. Heute ist aber nicht immer.

Es tut Not diese Phänomene zu verstehen. Noch wichtiger wird die Frage wer hinter dieser und jener Meinung wohl stünde, denn kaum etwas erscheint heute noch außerhalb von Netzwerken zu geschehen. Gibt man jetzt den Netzwerken zugunsten des Interesses an Pluralität eine zusätzliche Plattform? Prinzipiell würde ich das bejahen. Ginge es um die Tugend der Toleranz und Pluralität. Missbrauch ließe sich ja (aktiv) ausschließen. Die Schwierigkeit in der Abwägung bleibt zwar, aber Radikalität zeigt ja, wie im Falle Neukamp, wie peinlich falsche Bewegungen von Elefanten im Porzellanladen sein können. Wer Radikalität darstellt stellt einen Teil der Zivilgesellschaft dar. Damit würde ich kaum hadern. Für uns Rezipienten, die wir kein Spezialisten sind, wird nur trauriges Nebenprodukt, dass wir in der Profilierungssucht der Streitenden vielleicht ein paar nette Verbal-Attacken kommentieren darf aber inhlatlich kein klares Bild erhält (Warum beispielsweise bleiben die vermeintlich fundamentalistischen ID-ler so gelassen, während die Evolutionisten derart radikalisieren? (Dabei können sie argumentativ anders, dazu hattest du selbst einen Link angeboten).

Kann es sein, dass eine Gesellschaft sich von fundamentalistischen religiösen Systemen die Diktion und den Umgang mit einander aufzwingen lässt? Sind wir wirklich bereit die Grundfeste einer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft zugunsten einer Ausgrenzungs-Mentalität (untolerant, dogmatisch, agressiv) auf zu geben? Ich bin nicht gegen Diskussionen über Integration. Die Debatten, die man findet, folgt man deinen Links drohen aber teilweise mit einer Zero-Tollerance-Gesellschaft.

Ich bin zu Müde um hier fort zu fahren. Auch muss ich das Ganze noch mal durcharbeiten. Ich werde hier weiter nachlesen, wie sich deine Fragestellung entwickelt...

gruss

nerone
häher (Gast) - Do, Apr 05, 2007

Ein zweites Mittelalter?

"Kann es sein, dass eine Gesellschaft sich von fundamentalistischen religiösen Systemen die Diktion und den Umgang mit einander aufzwingen lässt? Sind wir wirklich bereit die Grundfeste einer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft zugunsten einer Ausgrenzungs-Mentalität (untolerant, dogmatisch, agressiv) auf zu geben? Ich bin nicht gegen Diskussionen über Integration. Die Debatten, die man findet, folgt man deinen Links drohen aber teilweise mit einer Zero-Tollerance-Gesellschaft."

Irgendwo (keine Ahnung mehr, wo) hab' ich mal gelesen, dass "wir" (die Welt? Das Abendland? Die westliche Zivilisation?) auf ein "zweites Mittelalter" zusteuern. Der von nerone oben beschriebene Vorgang wäre IMO ein Indiz dafür.

Gruss

Peter
nerone (Gast) - Di, Apr 10, 2007

zweites Mittelalter

Bin mir nicht sicher ob die These so stimmig ist. Gemeint ist wohl ein Stimmungsbild, dass wir uns heute vom Mittelalter machen. Allerdings denke ich bei Mittelalter an eine Bewegung in Gemeinschaften (Dorf, Grafschaft, Land, Religion), während der Netzwerkgedanke eher von (vermeintlichen) Indivdualisten getragen wird. Während also "damals" Menschen nicht nur verführbare Masse waren und damit auch lenkbar, scheinen die Menschen heute eher wie Schafe, die auf dieser Weide grasen und auf jener scheissen. Sie werden vielleicht für das eine Netzwerk sichtbar und insofern manipulative Masse, weil sie einer behaupteten Mehrheit dienlich sind (wichtiges Mittel für Mediengesellschaften, so ne Art Quotendruck), ihr handeln kann aber ganz anders sein, als ihr Äusserungen, ihre Beteiligung an beliebig vielen Netzwerken ist denkbar und auch die Gegensätzlichkeit der Inhalte dieser Netzwerke. Ich könnte hier in Lack und Leder sitzen und Papst Benedikts dogmatische Ethik rezitieren, nur so als Beispiel.
Worin ich die Gefahr sehe, ist dass wir heute nicht mehr über die Konequenzen unseres Handeln und Denkens und Redens so richtig im Klaren sind. Wir brabbeln drauf los, wir handeln mal eben. Das bildhafte Mittelalter, dass mir vorschwebt, kannte die Konsequenzen für sein Handeln über den Tod hinaus. Das hat das Leben freilich nicht leichter gemacht, aber auch nicht schwerer.
Um auf die fanatisch Säkularen hin zu weisen. Ihre Einvernehmlichkeit wird ja durchaus von klugen Köpfen gestützt. Ihre Argumente folgen immer bestimmten Systemen, die in sich schlüssig sind. Ihre Argumentation hat oft den plaudernden Ton einer Glosse, gehen aber in ihrer Konsequenz weit darüber hinaus (Achse des Guten), da sie tatsächlich polarisieren. Sind solche Phänomene eigentlich nur ein mediales Problem? (das ist so meine frage bei dem ganzen. handelt sich hier um eine virtuelle fragmentierung, die sich aufhebt, wenn man mit broder oder neukamp mal einen kaffee trinkt?)

ein wenig nachgedacht im schwarzwald, so oder ähnlich...
Julio Lambing - Di, Apr 10, 2007

Die Verbissenheit der Moderne, nicht des Mittelalters

Den Hinweis auf das Mittelalter finde ich wichtig. Und darauf dass es sich eher um ein Bild handelt, daß wir uns vom Mittelalter machen. Denn dieses Bild ist tief verankert in der Rhetorik der säkularen Fundamentalisten. Es gehört ja in vielerlei Hinsicht zur Symbolik der Aufklärung - nicht nur was die Wortwahl "Mittel-Alter" angeht, nicht nur was die Lichtsymbolik (dunkles Zeitalter versus Licht der Vernunft) angeht, sondern auch was die Klage über die angebliche Geschlossenheit des Lebens und der Umgang mit dem Widerspruch angeht. Und diese Klage wird auf die neuen "Feinde der Aufklärung" übertragen: Die Islamisten sind mittelalterlich, die Kreationisten sind mittelalterlich usw. Ich halte das für eine Fehleinschätzungen dieser Phänomene, die aus dem begrifflichen Arsenal der neuen Aufklärungsprogandisten kommt, um mit den Methaphern des geschichtlichen Fortschritts diejenigen zu kennzeichnen, die als neue Feinde identifiziert wurden.

Das Mittelalter war voll von Widersprüchen, Skandalen, Brüchen, gedanklichen Konflikten. Nur hat es immer versucht, sie vor sich selber zu verheimlichen: Das was gesagt wurde, wie revolutionär es auch war, wurde so dargestellt, als ob es immer schon mit der Tradition und dem, was vorher anerkannt gesagt wurde, übereingestimmt hat. "Die mittelalterliche Kultur bringt durchaus Neues hervor, wenngleich sie sich bemüht, es unter den Überresten der Wiederholung zu verstecken (im Gegensatz zur modernen Kultur, die auch dann vorgibt, Neues zu produzieren, wenn sie nur Altes wiederholt.)", brachte es Umberto Eco mal auf den Punkt(1). Der Widerspruch ist im alltäglichen Leben des Mittelalters immer greifbar, vielfach präsent, mit ihm wird gelebt. Jeder kennt die Berichte über die Frivolität, die Lust, die Narrenfeste, die Ketzereien, die Konflikte, die Fremden etc. Nur die Theorie im Mittelalter, die muss jeden Widerspruch auflösen, die kann ihn nicht bestehen lassen. Dort gibt es den übergreifenden Horizont, der alles einordnet und das Böse als dasjenige, was aus dem Horizont rausfällt, identifiziert.

Eco meinte auch, dass die Neuzeit im Unterschied zum Mittelalter ihre Widersprüche bewußt in Szene setzte. Ich bin da nicht so sicher. Die Neuzeit setzt den Bruch, den Neuanfang in Szene. Und dieser Bruch führt dann zu neuem Formen des Lebens, die die bisherigen Widersprüche im Leben selbst ausschalten sollen. Ein neuer Kodex wird geschaffen, der so vernünftig, oder so wahr, oder so humanistisch, oder so gottesfürchtig, oder so wissenschaftlich, oder so aufgeklärt ist, dass er dort alle Widersprüche ausschalten kann, mehr noch ausschalten muß: Letztendlich muss alles, die Zeitrechnung, die Kalender, die Feste, das Alltagsleben, die Rechtsprechung, die Bildungseinrichtungen, die Wissenschaft etc. auf diesen neuen Kodex ausgerichtet werden. Eine Linie, die von den Zeiten Oliver Cromwells über die franz. Revolution bis zu den modernen religiösen Fundamentalismen reicht.

Wir erleben hier also kein zweites Mittelalter, wenn wir mit dieser seltsamen Verkrampfheit, dieser Enge der Herzen und der Köpfe gegenüber den Widersprüchen konfrontiert werden. Wir erleben Moderne wie sie leibt und lebt. Allerdings so, wie sie sich selber nicht gerne sieht. Denn die Moderne verheimlichlicht nicht ihre Widersprüche vor sich, sondern vielleicht eher ihre Sehnsucht nach Gleichschaltung.

(1) Wenn's interessiert: Umberto Eco: "Kunst und Schönheit im Mittelalter"; 2000/5; S.13 u.S.188
IkarosSikinnos - Mi, Apr 11, 2007

Denn die Moderne verheimlichlicht nicht ihre Widersprüche vor sich, sondern vielleicht eher ihre Sehnsucht nach Gleichschaltung.

BINGO!
Lugaddon (Gast) - Mi, Apr 11, 2007

>>>Denn die Moderne verheimlichlicht nicht ihre Widersprüche vor sich, sondern vielleicht eher ihre Sehnsucht nach Gleichschaltung.

Das ist so ein Satz, der erstmal so gescheit klingt, dass man ihn auf eine Silberplatte gravieren und am Kaminsims aufhängen möchte. Dazu würde Adorno auf der Blockflöte eine kleine Hymne spielen.

Aber eigentlich tu ich mich mit solchen Hypostasierungen unglaublich schwer ("Die Moderne will/treibt/verschweigt dies oder jenes") - denn was soll das eigentlich heißen? Für mich scheint an der Moderne kennzeichnend, dass eine Vielzahl an Kräften in verschiedene Richtungen auseinanderstrebt, sei es nun in den Künsten oder der Politik. Am Anfang ist da eine große Fortschrittsgläubigkeit, am Ende Resignation - bzw. die Einsicht, dass man nicht mehr alles unter einen Hut bekommt. Wer sich darauf einlässt und schöpferisch tätig ist, treibt etwas, dass andere irgendwann als postmodern bezeichnen, wer nicht, wird bekloppt oder erklärt sich die Brüche mit Theorien von kognitiven Dissonanzen oder derlei hinweg. Viele der seit der klassischen Moderne an den Start gegangenen Teilnehmer mögen einen Universalismusanspruch mit im Gepäck haben, womöglich tatsächlich aus Sehnsucht nach einer Zeit, wo dies noch möglich erschien. Aber heute ist doch gerade die Vielzahl solcher (völlig unterschiedlich gelagerter) Ansprüche in der Praxis bestimmend sowie eine Theoriebildung, die die Facettenhaftigkeit, die gedanklichen Multiversen und Divergenz der Ansätze besingt. Wie bekomme ich das mit Deinem schönen Silberplakettenspruch zusammen?

Sorry, Juli, dass ich so keck und en passant hier in ein größer aufgehangenes Thema reinplärre. Aber (wie fast immer) bin ich Blog-Flaneur, dem bei der Lektüre ein kleiner Gedanke in die Quere kommt... ;-)
Julio Lambing - Mi, Apr 11, 2007

Also ich bring hier einen Silberplatten-Spruch und du meinst, der ist bei Licht betrachtet nur platt, aber nicht Silber. Ich finde es scheiße von dir, wenn du mein mühevolles Wortgeklimper zu Blech erklärst und das belegt, daß du ein Positivist bist, Agent des Logophallozentrismus, postmoderner Defätist, unselige Diffamierung betreibst. Ich fände es nämlich toll, wenn Adorno hier mal zum Flötenspielen auftauchen würde, irgendwas enervierend trauriges, trostloses am besten.

Ansonsten bin ich mir jetzt nicht sicher, ob ein Missverständnis vorliegt:
Der obige Satz kam ja als Reaktion auf die immer wieder kolportierte Erzählung über das Dark Age und die tolle helle Lichtwelt der Moderne zustande: Damals die grauen Landschaften des Mittelalters, in der jede buntsinnliche duftende Orchidee der Originalität sofort von den intoleranten bleichen Kuttenträgern zertrampelt und eingeäschert wurde - während die Moderne für den Regenbogen der Freiheit steht, der tausend Blumen blühen lässt. Fanatismus versus Toleranz.

Da wollte ich einfachmal "Theorie" und "Leben" gegeneinander ausspielen: Mag ja sein, dass es im Mittelalter so etwas wie einen einheitlichen, vereinnehmenden Sinnhorizont gab, der ist aber eher ein Phänomen der Schriftgelehrten, der Theorie. Und in der Moderne mag es ja schon sein, daß sie von ihren Theoretikern immer wieder als den nichtentscheidbaren "Kampf der Götter der einzelnen Ordnungen und Werte" geschildert wird ("Schicksal unserer Kultur aber ist, dass wir uns dessen wieder deutlicher bewusst werden, nachdem durch ein Jahrtausend die angeblich oder vermeintlich ausschließliche Orientierung an dem großartigen Pathos der christlichen Ethik die Augen dafür geblendet hatte." Max Weber), daß sie also "in der Theoriebildung, die Facettenhaftigkeit, die gedanklichen Multiversen und Divergenz der Ansätze besingt". Aber zu den Geburtshelfern dieser Moderne, wie sie von deren Verteidigern selbst immer wieder genannt werden, gehören eben auch jene totalitären Regelungsversuche des alltäglichen Lebens, wie sie sich im Puritanismus, der "Terreur“ etc. gezeigt haben.

Diesen Sound wollte ich einfach mal in die Schalmei blasen, wenn die Reservekadetten der Aufklärung wieder mal die Tamburine zum Kampf gegen den rückschrittlichen "Aberglauben" scheppern lassen. Wenn du jetzt sagst: "Naja, den Universalismusanspruch, der hat sich heute doch weitgehend erledigt", dann würde ich zwar vorläufig zustimmen, aber wenn das Phänomen, was ich angesprochen habe, irgendwie im Mutterboden der heutigen Kulturlandschaft liegt, dann sollten wir uns nicht so sicher sein über die Postmoderne. Denn dann gäbe es da eine klammheimliche Sehnsucht bei vielen, und vielleicht ist es genau diese Sehnsucht, die da auch bei säkularen Fundamentalisten wieder hochpoppt. Ich weiß nur nicht so genau wie das Saatgut in die Erde kam. An dieser Stelle hab ich ja vermutet, daß es vom männlichen Elternteil kommt, aber ich glaube, so simpel wie da formuliert, widersprecht das dem hier gesagten.
nerone (Gast) - Mo, Apr 02, 2007

Toleranzzumutung

Um den Zettelkkasten hier auf zu füllen:

Julio schrieb: "Wem gibt man wann ein Podium? Wen nimmt man in den Fokus der Berichterstattung? Wen lädt man nicht ein? Bei wem bringen Streitgespräche was, bei wem nicht? Bei welchen Fundamentalisten bewirkt eine Handreichung eine Mäßigung, bei wem eine Bestärkung der Radikalität?"

Habermas sagt:"Wenn wir wissen wollen, worin die Bürde von Toleranzzumutung genau besteht, müssen wir die Aktzeptanz von Gründen erklären, die die Ablehnungsgründe moralisch übertrumpfen."

Ich arbeite weiterhin an dem Text von Habermas und finde nicht nur erstaunliche Parallelen, sondern auch Hinweise für den Umgang mit der Toleranzzumutung, einem faszinierender Begriff , der das Paradoxon von Toleranz und notweniger Abgrenzung (aus guten Gründen) verdeutlicht.

Ein Antwort auf Lambings Fragen habe ich freilich noch nicht.

so oder ähnlich

marco
IkarosSikinnos - Mo, Apr 02, 2007

der Diskursbegriff von Habermas...

...wäre vielleicht eine andere Perspektive:
Habermas spricht von Vorraussetzungen im Diskurs und das ist u.a. vernünftig und konsistent zu argumentieren, Zurechnungsfähigkeit und Wahrhaftigkeit sowie Kompetenz und Relevanz anzustreben und - das finde ich für den Fall besonders wichtig - einen herrschaftsfreien Dialog anzustreben und damit meint Habermas Macht im Sinne der Repression zu verhindern. Das ist nach Habermas kommunikatives Handeln und wer außerhalb davon handelt, der handelt strategisch.
Und strategisches Handeln ist nach H. "erfolgsorientiert und erfolgt ohne das Einverständnis der betroffenen Personen" ist also willkürlich wohingegen im kommunikaten Handeln Verständigung erfolgt.
Ich meine beurteilen zu können, dass die Herren und Damen von der AG Evolutionstheorie strategisch Handeln (s.o.) und Julios Handeln sehe ich hier u.a. als Versuch die aus dem Diskurs- Getretenen wieder ins kommunikative Handeln zu integrieren. Durch die Erinnerung an die Funktionen des Diskurs - das geht bei Julios Texten deutlich hervor.
nerone (Gast) - Di, Apr 03, 2007

das hätte ich so nicht sagen können

"...Julios Handeln sehe ich hier u.a. als Versuch die aus dem Diskurs- Getretenen wieder ins kommunikative Handeln zu integrieren." Ich bin da voll bei dir, Ikaros.

Aber ich finde in der Fragestellung von Julio auch die Frage nach der Toleranzzumutung wieder, da Julio sich ja mitunter (auch) als Plattform versteht. So zumindest sehe ich sein Hadern.

Es gilt also abzuwägen, ob Ablehnungsgründe durch den Willen einen Diskurs zu ermöglichen, moralisch übertrumpft werden. Das bleibt mit Sicherheit eine ehrenwerte Aufgabe für diesen Zettelkasten, aber eine schwierige und vielleicht auch leicht zu missbrauchende Handlungsweise, sobald sie "strategisch" benutzt wird.

Wie dem auch sei, als Rezipient mit nur geringen fachlichen Grundlagen wünschte ich mir nichts sehnlichster als einen offenen und nachvollziehbaren Disput ohne persönliche Verunglimpfungen und Unterstellungen. Ein "bei der Sache" bleiben. Ein demokratisches Verständnis von Kommunikation, dass nicht solche von demokratischen Handlungsweisen ausschließt, die anderen Anschauungen folgen. Dinge eben, die mitunter auf diesen Seiten versucht wurden einzufordern.

So oder ähnlich sehe ich das bis hierher...

gruss
IkarosSikinnos - Mi, Apr 04, 2007

Hallo Nerone,

Es gilt also abzuwägen, ob Ablehnungsgründe durch den Willen einen Diskurs zu ermöglichen, moralisch übertrumpft werden.

deinen Satz verstehe ich nicht. Magst du ihn erläutern?
nerone (Gast) - Do, Apr 05, 2007

ich versuchs mal, Ikaros

Manchmal zu spät in der Nacht, manchmal zwischendurch versuche ich mich hier zu beteiligen und dann entsteht so ein Satz. Zudem gräbt man sich in so Brocken wie Habermas-Texte hinein und es geht mit einem durch, dass man -halb verdaut- versucht das gerade ein wenig Verstandene auf die Welt (die man ja auch kaum mehr versteht) anzuwenden.

Der Wille einen Diskurs zu ermöglichen ist das Grundsätzliche Anliegen, den Julio hier verfolgt, wenn er z.B. Kreationisten einlädt hier zu schreiben und wenn er -nicht nur durch diese Massnahme- Evolutionsbiologen herausfordert sich an der Diskussion zu beteiligen. Julio löst sich dabei von seiner eigenen Position - die er zu diesem Thema hat - soweit , dass es ihm möglich wird nicht nur die Bühne für Aussagen zu bereiten, die er in ihrem Ergebnis und ihrer Gänze vielleicht ablehnt, sondern auch die hier vorgebrachten Argumente dann ernst zu nehmen.

Und jetzt bewegt Julio folgendes:

"Wie gehen wir mit den neuen fundamentalistischen Strömungen, die sich als Gegenreaktion auf die monotheistischen Fundamentalismen gebildet haben? Auch hier ist ja eine pluralitätsfeindliche Mentalität durchaus erkennbar. Derzeit haben sie eine nicht unerhebliche Präsenz in der Öffentlichkeit - und auch Einfluss. Sie sind viel eher eine Majoritätserscheinung als die anderen Fundamentalismen. Klappt da die gleiche, oben beschriebene Strategie der aktiven Toleranz, wie ich sie bei den Kreationisten passend fand?...."

Auf der Suche nach dem o.a. Diskurs kommt man letztlich nicht an deren Akteuren vorbei. Die Ablehnungsgründe (fundamentalistische Strömung, pluralitätsfeindlich, breite Präsenz/ Einfluss, etc.) die gegen eine Beteiligung derselben sprechen beschreibt Julio in dieser Passage. Wiegen die Gründe diesen Diskurs zu führen (und damit die Voraussetzung dafür ihnen tolerant zu begegnen) schwerer als die Summe und das Gewicht der Gründe sie nicht aktiv zu beteiligen? Also besser in diesem Falle (im schlimmsten Falle) über jemanden reden, anstatt mit ihm?

Ist der Wille, oder die Notwendigkeit einer Diskussion über den säkularen Fundamentalismus ausreichend und höher zu Bewerten als die eben beschriebenen Ablehnungsgründe (für eine Toleranz im Dialog, so wie sie hier praktiziert wird)?

So oder ähnlich

(ach ja: frohe ostern allen - bin mal ein wenig offline...eier sammeln, wenn ich dennoch ein kabel finde, werde ich mich aus dem schwarzwald melden, sonst erst wieder in ab dem 16.04 - bin gespannt, wie es hier weiter geht...)
Martin (Gast) - Fr, Apr 27, 2007

Ambiguitätstoleranz

Ambiguitätstoleranz ist die Fähigkeit, Ambiguitäten, also Widersprüchlichkeiten, kulturell bedingte Unterschiede oder mehrdeutige Informationen, die schwer verständlich oder sogar inakzeptabel erscheinen, wahrzunehmen und nicht negativ oder vorbehaltlos positiv zu bewerten.
Für mich sind weder Kreationismus noch Evolution als Erklärungen zur Enstehung des Menschen befriedigend. Das eine weil ich finde das Gott nicht für Sol genauso lange wie für alle anderen Sonnen zusammen gebrauch hat ... hmm vieleicht is es auch die Selbstbezüglichkeit in ein Buch zu schreiben 'dieses Buch ist die einzige Wahrheit' die mich so abschreckt. Das andere weil ich mir die Sprünge und deutlichen Trennungen zwischen Fischen, Vögeln, Säugetieren und Menschen innerhalb der gesetzten Zeiten nicht schlüssig sind. Als der Affe zum Mensch wurde ... warum blieben dann noch Affen zurück die es bis heute nicht 'gepackt' haben zu Menschen zu werden? Unstimmigkeiten, Unwissenheit und Vermutung haben mich dazu bewogen beide Dogmen skeptisch zu betrachten.
Die Gründe warum ich persönlich jetzt nicht überzeugt bin sind aber auch nicht wichtig. Ich bin der Meinung das die Frage etwas sehr persönliches ist. Etwas das man für sich entscheiden kann. Es ist für mich nicht verständlich darauf zu drängen, das sich alle anderen genauso entscheiden müssen wie ich mich entschieden habe. Ich habe vollstes Verständniss dafür das man sich nicht wie ich entscheidet.
Für mich wird es da schwierig wo Leute Ihre Theorien als Wahrheiten vertreten. Und das merkt man meistens daran das diese Leute es nicht aushalten einen nicht zu 'bekehren' oder zu bewerten. Entweder du bist für uns oder gegen uns. Ausgrenzung und Grenzziehung vom feinsten. Spielt es im Leben wirklich eine Rolle wie die Mitmenschen über die Entstehung des Menschen denken ... oder anders ausgedrückt; Ist es nicht toll wenn es bis zum endgültigen Nachweis möglichst unterschiedliche Ideen darüber im Umlauf sind?
Christian Passon (Gast) - Di, Mai 15, 2007

Säkulare Fundamentalisten aktuell...

Während Julio Lambing die Toleranz besaß (oder soll man lieber sagen den Schneid) Reinhard Junker zu Wort kommen zu lassen, war das den Brights eindeutig zu viel, wie hier (http://evolution-schoepfung.blogspot.com/2007/05/die-gedanken-sind-frei.html) nachzulesen ist.

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Praxis der Aphrodisia

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