Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Das Neuheidentum im Bildungsradio

Ich komme gerade von der Aufzeichnung einer Radiodiskussion für den SWR 2. Im Auftrag des Senders hatte der Radiojournalist Holger Gohla den Rabenclan, eine Interessenvertretung für neuheidnische Traditionen, in der ich unter anderem auch engagiert bin, für eine solche Diskussion angefragt. Anlaß war die empfundene zunehmende Verbreitung von mehr oder weniger neuheidnischen Feierlichkeiten zu Walpurgisnacht/Beltaine. Titel: "Hexensabbat und Germanenkult - Was fasziniert an heidnischen Traditionen?" Nach interner Besprechung und angesichts der Frage, wer zur Verfügung stand, kam die zuständige AG überein, daß ich das machen sollte. So wurde ich zum "Pressesprecher" des Vereins. Mitdiskutanten waren Dr. Matthias Pöhlmann von der Evangelischen Zentrale für Weltanschauungsfragen (also das, was mal früher "Kirchlicher Sektenbeauftragte" genannt wurde), und Bernhard Maier, Professor für Religionswissenschaft in Tübingen. Die Diskussion soll am 2. Mai im "SWR 2 Forum" um 17 Uhr ausgestrahlt werden.

Ich war ziemlich aufgeregt und nervös. Ich war bis dato einmal, ein einziges Mal im Radio gewesen, allerdings nur in beruflicher Angelegenheit für ein knappes Statement. In einer längeren Radiodiskussion anzutreten, das war neu für mich. Man denkt in dieser Situation an die vielen Leute, die zuhören werden, man denkt an den vielen Blödsinn, den man in einer Stunde sagen kann und an die vielen Verkürzungen und Halbwahrheiten, die man sagt, weil eine Stunde auf der anderen Seite gar nicht ausreicht, um alles richtigzustellen.

Die spitzen Finger...

Noch dazu startet man nicht gerade aus der Poleposition. Neuheidentum: Jemand, der sich damit beschäftigt - und zwar nicht als distanzierter Wissenschaftler oder Weltanschaungsbeauftragter -, der muss entweder ein Fascho sein oder zumindest gefährlichen irrationalen Weltanschauungen und Mythen anhängen. Mindestens ist er naiv, so wie die frustrierte Hausfrau, die als Wald- und Wiesenhexe vorzugsweise in Seidentüchern über die Wiese schwebt und mit salbungsvollen Worten was von Merlins magischen Geheimnissen verkündet. Man spürt die spitzen Finger und die hochgezogene Augenbraue, mit der der Begriff "Heidentum" am ausgestreckten Arm zur kurzfristigen Begutachtung hochgehoben wird, wenn man nicht gleich unter Bemühung der üblichen Klischees und Stereotypen das ganze abtut: Faschisten, Obskurantisten, Wirrköpfe, Esospinner. Es gibt gute Gründe, wenn eine Menge Leute - vor allem solche, die Wert auf einen guten Ruf in der Öffentlichkeit legen müssen - es vorziehen, mit Neuheidentum nicht mit ihrem Klarnamen in Verbindung gebracht zu werden. Ich selbst habe es - eingedenk der ganzen Spinner, eifernden Sektierer, Selbstdarsteller, Druiden, Goden, Hohepriester, denen tatsächlich keine Peinlichkeitsschwelle zu niedrig ist - vor einiger Zeit noch recht ähnlich gehalten.

Etwas von dieser Situation bestätigte sich auch in der Konstellation der Radiosendung, so wie wir dort am Tisch des Radiostudios an den großen schwarzen Aufnahmemikrofonen saßen: derjenige, der durch die Themenstellung in Frage stand, das war der "Repräsentant" des Neuheidentums. Mir gegenüber zum einen ein christlicher Weltanschauungsbeauftragter, der schon von Berufs wegen damit beauftragt ist, mit dem christlichen Amtskirche konkurrierende religiöse und kulturelle Strömungen zu begutachten, und zum anderen ein Religionswissenschaftler, der auch eher aufgerufen war, das (Neu-)Heidentum zu kommentieren (und nicht z.B. den gesellschaftlichen Umgang mit solchen kulturellen Phänomen wie das Neuheidentum). Moderierend dazwischen der Radiojournalist, der mir allerdings viel Platz für meine Ausführungen und Reaktionen ließ. Ich mag mich täuschen, aber im Nachhinein hatte ich ersteinmal den Eindruck, daß von den vier Gesprächspartnern ich derjenige war, der immer wieder in einer Rechtfertigungssituation stand. Apologetik im wohlbekannten Sinne war gefragt.

Jeder von den beiden Mitdiskutanten machte seinen Job, der Christ sprach über die Gefahren, der Wissenschaftler über die unreflektierten Konstruktionen, die im Neuheidentum über heidnische Kulturen verbreitet sind. Beides wohlbekannt und berechtigt. So ging mir das überhaupt in großen Teilen mit dem Gespräch und den dort vorgebrachten Einwänden und Warnungen gegenüber dem Neuheidentum: So gut wie jeder Punkt erwartet man irgendwie. Ich frag mich dann immer nach dem Gewinn einer solchen in stereotypen Bahnen verlaufenden Diskussion. (Ob ich jetzt immer passend geantwortet habe, ist eine andere Frage und werde ich mir am Mittwoch anhören können.)

Wie ich das Hellsehen übte

Was allerdings überraschend war, das war der Einstieg in die Runde. Da der Sendetermin (2. Mai) nach der diesjährigen Walpurgisnacht (30. April) liegt, wurde ich überraschenderweise kurz vor Aufzeichnungsbeginn von dem SWR Journalisten Gohla gebeten, in der Sendung so zu tun, als ob das diesjährige Treffen des Vereins bereits in der Vergangenheit stattgefunden habe. Das ist schwierig, was soll man da viel sagen? Ich weiß ja gar nicht, wie sich das Fest entwickelt, was stattfinden wird. Gerade die künstlerische Fraktion des vereins lässt sich im Vorfeld schwer in die Karten schauen und diejenigen, die die sozialen Plastiken und Performance inszenieren, machen viel von der Situation vor Ort abhängig. Mehr als ein paar Plattitüden wie "es hat Spaß gemacht" und Sätze über das schöne Wetter (hoffentlich wird es wirklich schön in vier Tagen ;-) ) kommen da gar nicht zustande. Und da man mit mir auch noch jemanden hat, der trotz verbreiteter Erwartungshaltung wie Neuheidentum geschildert werden soll, großen Widerwillen zeigt, wenn er über "religiöse Gefühle" und "religiöse Erlebnisse" reden soll, fiel die Schilderung auch noch sehr blaß aus. Ohnehin wird jemand, der durch diese Radiodiskussion eine plastische Darstellung des Neuheidentum in farbenfrohen Bilder erwartet, vermutlich enttäuscht sein, wenn ausgerechnet jemand wie ich, der sich eher mit theoretischen Fragen beschäftigt, es beschreibt. Dass ich mich auch noch eher mit den antiken Traditionen Griechenlands und Roms beschäftige, und nicht sehr viel zum Keltentum und Germanentum sagen kann, macht's auch nicht besser. Denn im Bewusstsein vieler Neuheiden wie auch der Öffentlichkeit sind germanische oder keltische Traditionen originär heidnisch, von slawischen Traditionen hat man dagegen keine Ahnung und die Griechen und Römer gelten nicht als Heiden, sondern als sowas wie "halbierte Normale", sprich unvollkommen entwickelte Vorläufer des modernen zivilisierten Menschen.

Mein Hauptanliegen war es deutlich zu machen, daß ein neuzeitlicher Rekurs auf heidnische Traditionen bei weitem nicht so irrational ist, wie das weitverbreitete Vorurteil es bis heute sagt. Neuheidentum besteht eben nicht nur aus Menschen, die naiv nationalistische, romantische und exotistische Konstrukte heidnischer Traditionen aus dem 19. Jahrhundert verwenden, um sich eine ideale Vergangenheit herbei zu phantasieren. Wenn ein paar Leute nach der Radiodiskussion das Gefühl hätten, daß Menschen, die sich auf heidnische Traditionen beziehen, nicht prinzipiell einen Sockenschuss haben und sich sehr wohl dem kritischen Dialog stellen können, dann wäre ich schon zufrieden. Kann aber auch sein, daß man doch lieber die Wald- und Wiesenhexe bevorzugt, über deren Naivität man sich erhaben fühlen kann.

Können wir wirklich nichts, gar nichts lernen?

Bemerkenswert fand ich die Diskussion zu der Frage, ob wir von heidnischen Kulturen etwas lernen können. Dass das prinzipiell bestritten wird, hat mich erstaunt. "Etwas" lernen heisst ja nicht kritiklos übernehmen. Das übliche Fragespiel: "Wollen Sie die Skalverei der Griechen und die Menschenopfer der Kelten zurück?" Nein. Wenn ich sage, daß ich von der christlichen Tradition lernen kann, meine ich ja auch nicht die Kreuzzüge. Selbstverständlich ist die Quellenlage zum Beispiel bei den keltischen, germanischen oder slawischen Traditionen äusserst unbefriedigend. Und über das Thema wie die Beschreibung fremder und vergangener Kulturen oftmals Opfer einer Projektion eigener kultureller Ideale oder Gegenbilder sind schreibe ich selbst gerade einen Text. Aber bei der Stetigkeit mit der betont wird, daß jede Beschreibung solcher Kulturen nicht nur eine kulturell beeinflusste Konstruktion, sondern eigentlich auch nur Projektion ist, fragt man sich sofort: Ja was steht denn in den vielen tausend Seiten drin, die Archäologen, Keltologen, Skandinavisten, Slawisten, Historiker und Religionswissenschaftler im Forschungsalltag so produzieren? Nichts weiter als lehrreich ausgeschmückte Wiederholungen des dürren Statements: "Eigentlich wissen wir gar nichts?". Dann würde die Zunft fleissig an ihrer Selbstabschaffung arbeiten. Zudem ist die Quellenlage nicht für alle heidnische Kulturen gleichermaßen unbefriedigend. Weder bei der Beschreibung animistischer oder polytheistischer Kulturen in Übersee, noch wenn es um die Antike geht. Ganz sicher ist auch bei der Beschreibung und Charakterisierung, bei den Feldberichten und Deutungen ihrer kulturellen Güter viel Projektion im Spiel, die viel, sehr viel sogar verzerrt. Aber schaffen diejenigen, die solche Projektionen widerlegen, wirklich selbst nichts weiter als nur neue Projektionen, die keinen begründbaren Anspruch erheben können, die soziale Wirklichkeit dieser Kulturen nachzuzeichnen? Dann sollten wir ihre Lehrstühle doch abschaffen, die Naturwissenschaftler sagen im Konkurrenzkampf um Forschungsgelder schon lange, daß ihre Forschungen sinnvoller sind.

Wo ist denn Ihre spirituelle Mitte?

Genauso klingt in mir die Frage nach, wo beim Neuheidentum die spirituelle Mitte ist. Meiner Meinung nach gibt es die nicht. Dass ein Christ danach fragt, ist durchaus verständlich, denn beim ihm gibt es eine spirituelle Mitte - die Offenbarung der Schrift, der Gott und schließlich sein menschgewordener Sohn, der am Kreuz starb. Ich wüsste nicht, was die spirituelle Mitte in der germanischen, der keltischen, der römischen oder der griechischen Kultur sein sollte. Und noch weniger weiß ich das, wenn es um die Gesamtheit der unter dem Sammelbegriff "Heidentum" subsummierten Kulturen geht. Es bringt uns nur Verzerrung, wenn wir solche Kulturen mit christlichen Kategorien entschlüsseln wollen.

Damit hängt eine weitere Problematik zusammen: Es scheint mir kein Zufall zu sein, daß heidnische Kulturen in der Regel keinen abstrakten Begriff der Religion kennen, so wie wir ihn verwenden. Ich glaube nicht, daß das daran liegt, daß es ihnen nur des Wortes, aber nicht des Phänomens ermangelt. Es gibt in ihnen schlicht nicht den geschiedenen Bereich der Religion, wie wir ihn aus den modernen westlichen Gesellschaften kennen, die ihn in den Auseinandersetzungen der Aufklärung mit der Christentum gebildet haben. Um im Wittgenstein'schen Duktus zu reden: Das Wort dreht dort nichts, zumindest nicht das gleiche wie bei uns. Das bedeutet nicht, daß dort die Religion alles durchflutet hat, wie es heute gerne heißt. Es bedeutet, daß die soziale Welt anders, eben nicht an der Scheidung religiös versus profan aufgeteilt wurde.

Sofern nun der neuheidnische Rekurs auf diese Kulturen sensibel mit diesem Umstand umgeht, ist das Neuheidentum selbst auch keine Religion. Faktisch stellt sich die Situation zwar anders da, denn die neuheidnische Szene wie sie leibt und lebt hat sich schon eine heidnische Religion geschaffen, eben in struktureller Analogie zum Christentum. Dann wird die Große Göttin oder die Edda zum spirituellen Kern, es werden neuheidnischen Messen, die an die katholische Liturgie erinnern, inszeniert und eine entsprechende Priesterkaste installiert. Aber ich wüsste nicht, warum ich das als sinnvolle moderne Adaption heidnischer Kulturen verstehen sollte. Wenn also die Radiodiskussion mit der Feststellung des Religionswissenschaftler Bernhard Maier endete, daß das Neuheidentum wohl eher eine Freizeitbeschäftigung ist, anstatt eine Religion, dann weiß ich nicht, ob ich mit dieser Aussage unzufrieden sein soll. Sollte damit gemeint sein, daß das Neuheidentum nicht unter jenen Religionsbegriff fällt, der bis heute das Christentum als Leitlinie nimmt, um das Wesen des Phänomens "Religion" zu bestimmen, dann eher nicht.

Ein heiseres Bellen ist im Wald zu hören, die Mondsichel hängt in den Seilen, ich lass jetzt das Radio Radio sein und gehe schlafen.
Wolfram von Specht (Gast) - Do, Mai 03, 2007

Ich habe Dich gehört!

Hallo Julio,
rein zufällig habe ich Mittwoch abend (nach dem Fußball) und heute früh im Autoradio die Sendung teilweise gehört, als Podcast ist sie leider nicht erhältlich, wie es aussieht. Ich finde Du hast Dich achtbar geschlagen, und das Ziel darzustellen, daß Neuheiden "nicht prinzipiell einen Sockenschuss haben" jedenfalls erreicht. Die Abschlußfrage, ob Neuheidentum nicht eher ein Teil der Freizeitkultur ist, war eine Frechheit (und Prof. Maier leider eine Enttäuschung). Manchmal hätte ich mir etwas mehr Begeisterung gewünscht, aber Du schreibst ja, Du bist mehr Theoretiker und ich stelle es mir in der Tat auch schwierig vor, in einer solchen Situation begeisternd zu sein, wenn man erstmal versucht, nicht völlig bekloppt zu wirken. Positiv ist: Immerhin sind "wir" Neuheiden überhaupt mal in eine ernstzunehmende Sendung eingeladen worden. Herzlichen Glückwunsch und den Segen von Artemis sendet Wolfram
nerone (Gast) - Fr, Mai 04, 2007

Link zum Podcast via

http://www1.swr.de/podcast/xml/swr2/forum.xml

ich bin gespannt, julio.
ich hör mir das gerade an. (livemitschnitt)

stimme klingt recht jung, mein alter etwa? (30-40) ;)
sympatisch, recht klar.
man hört heraus, dass du keine ahnung von dem fest hast, wie es gelaufen sein könnte - nett. du bist ein schlechter "wahrsager".
postmodern, projektionen, spirituell...
traditionsstränge 1900, sogenannte naturreligionen, neuzeitliche rekonstruktion

ästhetik, kultur, wissen, ethos, etc. (hast du eigentlich sloterdijk gelesen, wegen der auffassung von raum, blasen, mythomotorik, etc.?)
psychologie ist eine machttechnik, andere tarditionen, keine religion/ eine philosophie also?

abgrenzung? weil germanen?
dignität, rassegedanke, hass auf jüdisch/christliche traditionen?
gemeinschaftserleben internet als existenzgarant für die neuheiden?
aufräumen statt abgrenzen. hiedenpapst?
du gehörst zum generationswechsel? konsumhaltung - profitieren, plündern? scheint ne' schnelllebige angelegenheit zu sein. der eine redet die ganze zeit von den germanen, der lambing redet griechisch... "spirituelle kleptomanie" finde ich allerdings ganz gut und anschaulich.
keltentum light (kelts) - du hast einen philosophischen ansatz, julio. warum wird das nicht erkannt? neuzeitliche ansichten sind zu berücksichtigen. eskapismus wird unterstellt. der rückbezug als vergegenwertigung abendländischen denkens (traditionen) wird nicht wahrgenommen. ethische resourcen des christentums (verbündete - das gefällt mir) religionshaltigkeit im rabenclan?
bekenntnischarakter. sterben als neuheide?

religionswissenschaftler - immerhin - gesellschaftliche relevanz. ist das ein frage die sich rabenclan tatsächlich stellt? ist das nicht eher eine individuelle weltanschauung? die frage nach der autentizität? neue tradition wird konstruiert. welche mythen bringen uns weiter? der evangele ist für die aufklärung - aber was ist aufklärung? heute doch eine tradition. => mythomotorik (sloterdijk)

zwielichtig
komplex, aber freizeitangebot, weil nicht religiös

julio, das war nicht ganz schlecht von dir, du warst der falsche gesprächspartner für die anderen beiden. gerade der EWB als Speerspitze der Aufklärung schien ja verwundert, dass du keine Klotten ausgepackt hast, die er in der Luft zerreißen konnte. Ganz unverständlich finde ich die Fragestellungen deiner Mitdiskutanten dennoch nicht. Ich vermute dich als eine Ausnahme mit deiner Haltung im Clan. Du sprichst auch nie von einer Esoterik. Bei klingt das alles eher exoterisch. Ich geh jetzt noch ein bisschen pennen.
Anna Kühne - Fr, Mai 04, 2007

@ nerone
Julio ist mit seiner Haltung insofern eine Ausnahme im Rabenclan, als es noch diverse weitere, von seiner völlig verschiedene Ausnahmen dort gibt. Deswegen sind wir ja auch so schlecht auf eine "spirituelle Mitte" festzunageln. Es ist keine Religionsgemeinschaft. Jeder hat seine eigene, ganz individuelle Auffassung von Heidentum. Als Schnittpunkt würde ich höchstens die Auffassung sehen, daß man von heidnischen Kulturen für das Leben in der Gegenwart der westlichen Moderne durchaus Nützliches lernen kann und daß dieses Nützliche auch der Gesellschaft insgesamt nutzen kann. Heidentum ist weder Religion noch Freizeitangebot, es ist eine Lebenseinstellung.
Thaleia - Fr, Mai 04, 2007

Ausnahmen?

Hallo Anna und alle,

hm, ganz kann ich Dir mit Julio als "Ausnahme" nun nicht zustimmen. Ich würde es eher so sehen, dass es im Rabenclan durchaus eine Art "Konsens" gibt, unter anderem auch bei Sichtweisen oder Weltbildern, die wir nicht teilen würden. Beispielsweise dürfte ein Ansatz wie der von Wolfram (bei allem Respekt!) vertretene im heutigen Rabenclan auf sehr wenig positive Resonanz stoßen. Die Richtung von Wolframs "Weg" (wenn ich es mal so nennnen darf) dürfte in etwas derjenige sein, der offenbar von den beiden Mitdiskutanten erwartet wurde. Damit die Bilder vom Heidentum eines Prof. Meiers und Dr. Pöhlmanns wieder stimmen, dürften auch sie dazu neigen, Julio als "Ausnahme, die die Regel bestätigt" in ihrer Heidenschublade abzulegen.

Ich würde sagen, gerade nach den Veranstaltungen der letzten Jahre, dass zumindest im Rabenclan die Tendenz durchaus in die Richtung einer von wissenschaftlicher Forschung inspirierten Beschäftigung mit verschiedenen Kulturen geht. Der Umgang mit dieser Forschung ist kreativ, künstlerisch und von verschiedenen Fachrichtungen wie Philosophie, Sprachwissenschaft, Geschichte etc. durchdrungen. In dieser Herangehensweise und Julios Ansatz vom "kulturellen Lernen" sehe ich bei der Mehrheit der Raben doch einen großen Konsens. Die Schwerpunkte der einzelnen mögen dabei recht unterschiedlich gewichtet sein, doch die Richtung, in die sich der Verein in den letzten Jahren bewegt hat, weist doch eine gewisse Kontinuität und Folgerichtigkeit auf.

Zur Radiodiskussion selbst:
Abgesehen von der Aufregung, die mich als Rabenclan Mitglied ein wenig in den Bann schlug, fand ich die Diskussion ebenso wie Julio eher langweilig und vorhersehbar. Es war recht deutlich, dass die beiden anderen Diskussionsteilnehmer mit einem recht festgefügten Bild der Heidenszene in das Gespräch eingestiegen sind und ihre Fragen auch genau darauf abgestimmt waren. Erinnerte mich ein wenig an die Kolonialzeiten oder frühe Ethnologen, die ja auch bereits im Vorfeld wußten, wie die "Wilden" denn so "ticken" und dass sie ja noch nicht so weit entwickelt sind wie der westlich zivilisierte Mensch. Heutzutage ist dann, wie auch in der Diskussion, immer gern von "sozialer Desorientierung in der modernen Welt" die Rede. Ein Argument, das meiner Beobachtung nach x-beliebig bei jedem Phänomen herbeigezogen wird und im Grunde nichts erklärt, außer, dass das Phänomen als solches für jede ernsthafte Beschäftigung disqualifiziert wird.

Und ja, ich kann die Einschätzungen von einem Meier und Pöhlmann durchaus nachvollziehen: was man im allgemeinen in der Heidenszene geboten bekommt entspricht leider den von ihnen vorgebrachten Klischees. Enttäuschend fand ich bei beiden die mangelnde Flexibilität und intellektuelle Beweglichkeit in die Diskussion mit jemanden einzusteigen, der offenbar eine andere Kultur als das übliche Heidenfidifidi vertritt und der meiner Meinung nach neue Fragen zum Heidentum aufwirft. Da beraubt man sich einer Chance, neue Sichtweisen kennenzulernen und in einen konstruktiven Diskurs einzutreten. Und ich bin mir sicher, um auch hier nochmal die "Ausnahmeregel" auszuhebeln, dass die Herrn Meier und Pöhlmann völlig unabhängig von Julio noch bei weitem mehr interessante Gesprächspartner im Rabenclan vorfinden würden, die ihr Bild vom "klassischen Neuheidentum" auf den Kopf stellen würden, sofern denn ihrerseits eine Bereitschaft zum Mitdenken und Dialog vorhanden ist.

Soweit erstmal.

LG,

Steffi
Anna Kühne - Fr, Mai 04, 2007

In dieser Herangehensweise und Julios Ansatz vom "kulturellen Lernen" sehe ich bei der Mehrheit der Raben doch einen großen Konsens.
...
Und ich bin mir sicher, um auch hier nochmal die "Ausnahmeregel" auszuhebeln, dass die Herrn Meier und Pöhlmann völlig unabhängig von Julio noch bei weitem mehr interessante Gesprächspartner im Rabenclan vorfinden würden, die ihr Bild vom "klassischen Neuheidentum" auf den Kopf stellen würden ...

Nichts anderes habe ich doch geschrieben. Meine Formulierungen waren zwar kürzer, laufen aber genau auf deine Aussage hinaus.
IkarosSikinnos - Fr, Mai 04, 2007

>>wissenschaftlicher Forschung inspirierten Beschäftigung mit verschiedenen Kulturen geht<<

soweit das möglich ist: ja. aber das bedeutet eher das lesen von "schrägen monographien", die wenig Beteiligung an den akademischen Diskussionen im "alltäglichen wissenschaftlichen Dialog" finden. Die universitäre Landschaft ist nicht wirklich inspirierend, vielleicht partiell und kurz, und das sagt auch ihr Selbstgefühl: wir sind nicht originell, aber sorgfältig. Und auf der anderen Seite der Vorwurf: die Studenten brächten keine origenellen, kreativen Impulse und würden sich in die selbstdrehende Zitatlandschaft einfügen. Nachzulesen in verschiedenen Nabelschau-Blättern.

Insofern finde ich es hier stark vereinfachend vorliegend, wenn man sagt: Der Rabenclan hat nichts mit den Neuheiden zu tun, aber ganz viel mit diversen Fachwissenschaften. Und die müde Pole-Position von Bernhard Maier hat gezeigt, dass es eben nicht so ist.
Viel interessanter wird eine eigene Positionierung, die ohne den gehorsamen Rekurs auf Institutionen auskommt, sondern aus sich selbst heraus klug und stark hervorgeht.
Tau (Gast) - Fr, Mai 04, 2007

Ist die Beschäftigung mit dem Heidentum nur eine Freizeitbeschäftigung und nicht mehr?

Ist die Beschäftigung mit dem Heidentum eine Freizeitbeschäftigung und nicht mehr?
Diese Frage wurde gegen Ende der Sitzung gestellt und von Dr. Pöhlmann und Bernhard Maier als wahrscheinlich beantwortet.
Na und?
Wenn es nur eine Freizeitbeschäftigung sein sollte, dann ist das doch erst mal auch in Ordnung. Es gibt Freizeitbeschäftigungen die nicht ausschließlich durch Spaß und Oberflächlichkeit, sondern durch intelligente Tiefe und Begeisterung für die Sache gekennzeichnet sind.

Aus Fairness sollte man für alle die es nicht wissen und die Sendung gehört haben, klarstellen, dass die Sendung am 26 April 2007, also einige Tage vor dem eigentlichen Beltaine Fest aufgenommen wurde. Gesendet wurde die Aufzeichnung aber am 2. Mai.
Die Antwort Julios auf die Frage "wie das Fest denn war ?" hat also keinen Wahrheitsanspruch. Holga Gohla sollte sich in seiner Diskussion nicht auf die Aussage Julios, sie hätten viel Spaß und intellektuellen Austausch gehabt, beziehen um dann am Ende den Bogen zu schlagen, das "neue" Heidentum sein doch wohl nur eine Freizeitbeschäftigung.
Und wenn er es doch tut, sollte er es wenigstens klarstellen, das es sich bei der Frage um
eine Frage handelt, die in die Zukunft gerichtet ist.
Lugaddon (Gast) - Fr, Mai 04, 2007

>>>Wenn es nur eine Freizeitbeschäftigung sein sollte, dann ist das doch erst mal auch in Ordnung.

Der Unterschied: Für eine Freizeitbeschäftigung wie Fußball oder Angeln geht man an einen bestimmten Ort. Dort beginnst du mit XY und hörst irgendwann auch mit XY auf. Natureligiöses Denken oder eine naturreligiöse Haltung als Freizeitbeschäftigung anzusehen, halte ich für genauso unplausibel, als wenn man den christlichen Glauben als Freizeitbeschäftigung ansieht. Beides prägt Deine Sicht auf die Dinge und beeinflusst Deine Urteile und Entscheidungen.

Das ist überhaupt so eine Sache, die ich dem Duo Maier-Pöhlmann gerne entgegengehalten hätte. Das Christentum kann sicher eine zweitausendjährige Geschichtskontinuität und eine Fülle an Institutionen vorweisen, die ihm Autorität verleihen. Wenn man sich aber viele der religiösen Praktiken im Christentum anschaut, gerade solche die im folkloristischen oder volkstümlichen Katholizismus liegen, könnte man genauso gut die Nase rümpfen und das Ganze als Seelentrösterei in einer kalten Welt oder als schratigen Mumpitz abtun. Die ganze Reliquienverehrung, der Blasius-Segen (zum Schutz gegen Halskrankheiten!) und der Heiligenkitsch sind auch mächtig weit weg von der von Pöhlmann bei den Heiden vermissten Aufgeklärtheit (von der liturgischen Praxis der heiligen Kommunion und dem Mysterium der Transsubstantiation zu schweigen).

Dies alles wird aber (im Fall der Volksbräuche) augenzwinkert geduldet, bzw. nicht in der Form angeprangert wie die Bemühung um eine Fruchtbarmachung der Beschäftigung mit vorchristlichen Kulturen. Unter solchen Bedingungen ist ein Dialog fruchtlos.
IkarosSikinnos - Fr, Mai 04, 2007

>>Aus Fairness sollte man für alle die es nicht wissen und die Sendung gehört haben, klarstellen, dass die Sendung am 26 April 2007, also einige Tage vor dem eigentlichen Beltaine Fest aufgenommen wurde. Gesendet wurde die Aufzeichnung aber am 2. Mai.<<

Das hatte Julio in seinem Bericht erwähnt.

>>Wenn man sich aber viele der religiösen Praktiken im Christentum anschaut, gerade solche die im folkloristischen oder volkstümlichen Katholizismus liegen<<

Dr. Pöhlmann von der EZW ist evangelischer Theologe und wird sich bestimmt gegenüber katholischem Mystizismus in ähnlicher Weise kritisch und mit dem Duktus des Aufklärers äußern, wie er es in dem Radio-Gespräch getan hat.

Interessant an der Radio-Diskussion finde ich, dass Julio keine Apologetik des Neuheidentums vertreten hat (und das haben Maier-Pöhlmann wahrscheinlich erwartet) sondern auf eine Ebene gesprungen ist, die für die Herren zu originell bzw. vielleicht unbekannt war. Nicht das ich die langweilige Grundhaltung der beiden verteidigen möchte; es läßt mich schmunzeln wie beschädigt die EZW und die Universität Tübingen aus dem Gespräch herausgegangen sind. Und es wird derart noch mehr kommen, vor allem wenn - an anderer Stelle - ein renomierter Professor aus der Philologie Christus mit Dionyos struktural vergleicht (so im Sinne einer romantischen Hölderlin-Idee: die "christliche" und "heidnische" Weltanschauung in einen besinnlichen Hut zu schmeißen). Das stinkt doch gewaltig nach verstaubten, romantischen Nostalgikern.... ;-)
Tau (Gast) - Fr, Mai 04, 2007

Freizeit als Pause vom Alltag?

Ich trenne das nicht.
Meine Freizeit ist doch im Besten Fall ein Teil meines gutenLebens, um das ich mich bemühen will.
Das heißt ich drücke mich auch in meiner Freizeit kulturell und vielleicht spirituell aus. Ich wähle Dinge, die nicht bei X anfangen und Y aufhören, wie Angeln oder Golfspielen und ich brauche auch nicht an einen anderen Ort gehen.
Wer die Arbeitswelt und das Private stark trennt, der hat vielleicht eine enge Definition von Freizeit. Eng im dem Sinne dass Freizeit nicht mehr als eine kurze Pause vom Alltag ist, in der man aber inhaltlich nichts weiter voranbringen kann, was auch für die ganze Lebensform, den Ethos eines Menschen oder einer Gruppe gewinnbringend wäre.
Lugaddon (Gast) - Fr, Mai 04, 2007

>>>Ich trenne das nicht.

Brauchst Du auch nicht. Ist in diesem Zusammenhang auch eher uninteressant, was Du als Freizeitbeschäftigung so tust - denn wichtig war ja, was die Radio-Crew, d.h. vor allem: Pöhlmann meinte, als er von Freizeitbeschäftigung sprach. Und da bringt es nichts, wenn Du jetzt sagst, dass es mit einem erweiterten Freitzeitbegriff doch möglich wäre, dem zuzustimmen.

So wie ich ihn verstanden habe, war gemeint: Das ist nichts Ernstes, sondern so eine Art Hobby. Ihm zufolge steckt da keine ausreichende Reflektion hinter, sondern viel Romantik und Unaufgeklärtheit.
Adolf (Gast) - Fr, Mai 04, 2007

In der Freizeit geschrieben

Ich finde, Du hast Dich wacker geschlagen bei dieser Unterhaltung, Julio. Mein Eindruck ist, dass es weniger um eine Diskussion ging, sondern darum zu zeigen, wie falsch die Neuheiden in Bezug auf die "Qualitätsreligionen" doch liegen. Bei Herrn Maier bilde ich mir ein, hinter seinen Worten eine gewisse professorale Arroganz herauszuhören. Es waren für Dich die falschen Gesprächspartner, die im Grunde nur darauf lauerten, Dir eins auszuwischen, was ihnen aber nicht gelungen ist - im Gegenteil. Echtes Interesse war, wie ich finde, nicht herauszuhören.

Amüsant und auch irrelevant fand ich die Frage, warum sich der Rabenclan (RC) nicht Rabenclub nennt. Für mich klingt das nach Ohrensesseln und dicken Zigarren, wo Frauen dann höchstens als Bedienung geduldet sind. Der Terminus "Club" weckt in mir gewisse Assoziationen an Rassismus, z.B. an den Nachtclub "Cotton Club", in dem zwar Farbige "Dschungelmusik" spielen sollten, denen aber der Zutritt als Gäste versagt war - dies nur nebenbei bemerkt. Biblisch gesprochen, sind Namen ja sowieso "Schall und Rauch".

Man sollte diese Leute einmal darauf hinweisen, dass die Walpurgisnacht oder besser gesagt Beltaine und damit Lughnasad, Samhain und Imbolc, wenigstens 6000 Jahre alte Feste sind - die Solstitien und Äquinoktien möglicherweise noch älter. Dies beweisen archäologische Entdeckungen von Kreisgrabenanlagen, sog. Kalenderbauten. Wenn man sich die Zeitgleichung betrachtet, wird das zusätzlich klar und nachvollziehbar. Ein starker Bezug zum Kosmos, zur Natur wie andere es nennen, ist von daher gezwungenermaßen vorhanden. Auch die drei großen monotheistischen Religionen leiten wichtige Feste von astronomischen Ereignissen ab. So fällt das Osterdatum z.B. immer auf den ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach dem Frühjahrsäquinoktium. In diesen Zusammenhang gesetzt, wäre für mich die Nennung "naturreligiös" vollkommen berechtigt und auch nicht unglücklich gewählt.

Und dann dieser Vorwurf von Herrn Maier - ich drücke es mal etwas überspitzt aus -, Wissen zu konsumieren bzw zu stehlen, das eigentlich seiner Fakultät gehört. Das ist die Geisteshaltung des Herrschaftswissenden, der in der Zeit vor Luther lebt. Software und Ideen zu patentieren, Patente auf Lebewesen etc. entspringen dieser Einstellung, die ich unchristlich nenne. Wissen sollte allen gehören. Wo wäre die Menschheit, wenn damals das Feuer patentierbar gewesen wäre und heute zum Patentportfolio Halliburtons oder Gazproms gehören würde? Wären dann schon alle Kriege geführt?

Die neuen Heiden als marginales Phänomen zu bezeichnen, geht an der Sache vorbei. Da scheint der Wunsch der Vater des Gedankens zu sein. Wenn Herr Pöhlmann die Zahl der organisierten "Heiden" auf ca. 1000 Personen schätzt, mag er wohl richtig liegen. Die tatsächliche Zahl der Nichtorganisierten, die in irgendeiner Weise dieses "heidnische" Gedankengut teilen, dürfte um ein Vielfaches höher liegen, wenn man sich allein die Verkäufe bestimmter, auch esoterischer Literatur ansieht. Irgendwie finde ich es ja lustig. Hat nicht auch Microsoft Linux bzw. die Open-Source-Bewegung kleingeredet und Bill Gates höchstpersönlich deren Anhänger als Kommunisten diffamiert, bis daraus ernstzunehmende Konkurrenz entstand?

Ich hätte noch einiges dazu zu sagen, aber das übersteigt im Moment meine Geduld, die ich mit mir selbst beim Tippen habe.

Adolf
Julio Lambing - Sa, Mai 05, 2007

Hallo allerseits,

Danke für das rege Interesse. Bemerkenswert finde ich die ganz unterschiedlichen Folgerungen, die aus der Diskussion gezogen werden, und da sich hier wohl eine ganze Reihe Leute melden, die mit dem Thema Neuheidentum zu tun haben, ist das auch eine Art, eine rege geistige Auseinandersetzung zu demonstrieren. Ein paar Sachen sind mir bei den ganzen Rückmeldungen aufgefallen:

Bemerkenswert scheint mir, daß wohl auch die Zuhörer die Gesprächssituation ähnlich wie ich empfunden haben, so ist z.B. vom "Duo Maier-Pöhlmann" die Rede. Selbst wenn man also Nerone nur Recht geben kann, daß die Fragestellungen der Mitdiskutanten nicht unverständlich waren, bleibt doch der Eindruck, daß eben "unter solchen Bedingungen ein Dialog fruchtlos ist". Man sollte übrigens aus dem konträren Gesprächsverlauf nicht folgern, daß ich ansonsten mit meinen beiden Gesprächspartner groß über Kreuz liege.(Nicht, daß das hier jemand behauptet hat, ist mir aber wichtig zu sagen). Mit Herr Pöhlmann tausche ich mich immer wieder mal aus und in vielem, was kritikwürdig am Neuheidentum ist, sind wir einer Meinung.

Herr Maier kannte ich vorher nur aus zwei Bücher, die ich kursorisch gelesen habe. Mit ihm hatte ich ein längeres freundliches Gespräch nach der Sendung, bei der wir an einigen Punkten uns näher gekommen sind. (Er hat übrigens einen der wenigen religionswissenschaftlichen Lehrstühle in Deutschland inne, die nicht einer theologischen Fakultät angeschlossen ist.) Bei ihm eine Geisteshaltung des Herschaftswissenden zu vermuten, wird ihm sicher nicht gerecht. Ihn treibt die Sorge an, sensibel und solide mit dem umzugehen, was wir über fremde und vergangene Kulturen erfahren und verbreiten. Ein schönes Beispiel ist das angebliche uralte Alter von Kalenderfesten; Maier hat z.B. in einem Buch über Stonehenge einige verbreitete archäoastronomische Erkenntisse angezweifelt (etwas was ich nur teilen kann). Und er hat sicherlich Recht, wenn er sagt, daß es eben nicht hooplahopp auf der Hand liegt, was das ist, was wir von Kulturen lernen könne, über die die Quellenlage schlecht ist. Allerdings ist das etwas anderes als die verbreitete absurde Idee vom "kulturellen Diebstahl". (Das Beispiel mit dem patentierten Feuer finde ich nicht schlecht.)

Die Frage, ob Neuheidentum eine Freizeitveranstaltung ist, sehe ich ähnlich wie Tau ersteinmal gelassen, ich empfinde das auch nicht als Frechheit. (Die Bemerkung von Bernhard Maier war vielleicht nicht zuletzt durch meine eigene blasse Beschreibung des Festes etc. angeregt. Den Hinweis, daß ich da vielleicht hätte aussteigen und das Ganze auflösen sollen, wurde mir jetzt öfters gegeben, ich denke da noch drüber nach.) Ich würde auch sagen, daß Neuheidentum - vor allem in seiner reflektierten Variante - besser als eine Lebenseinstellung beschrieben werden sollte, einfach um es adäquater zu fassen, nur würde ich Herr Maier auch konzidieren, daß diese Lebenseinstellung noch in einem Prozess des Gebärens und des Sich-Findens ist. Wenn wir uns allerdings die mehr als zweihundertjährige Geschichte des Neuheidentums vergegenwärtigen, dann ist auch klar, das sich diese Lebenseinstellung auch schon am verfestigen ist, daß sie Tiefe hat und auch Substanz aufgebaut.

Für die Bemerkungen hinsichtlich meines angeblichen "Ausnahmecharakters" bin ich durchaus dankbar, weil sich auch bei mir der Eindruck verfestigt, daß man - sowohl im Neuheidentum selbst als auch bei denjenigen, die es interessegeleitet beobachten - versucht, sich an das vertraute Bild des Szeneheiden zu klammern. Man hätte gern den Heiden, der ins Klischee passt, den der Kritiker im übrigen gar nicht verachten muss, sondern auch ganz liebenswürdig authentisch und pittoresk finden kann.

Dass eine eigene geistige Positionierung des Milieus von nöten ist, die ohne den ehrfürchtigen Rekurs auf die staatlichen akademischen Institutionen auskommt, würde ich unterstützen, gerade dann wenn man wie Steffi die spielerische Neuschöpfung betont, die sich auch von wissenschaftlicher Forschung inspirieren lässt. Das scheint mir keine besondere Herausforderung des Neuheidentums zu sein, sondern für eine ganze Reihe von intelletuellen Strömungen notwendig, die sich mit einerm verlotterten und verschulten Bildungsapparat auseinandersetzen müssen. Ich glaube aber nicht, daß hier nur "schräge Monographien" weiterhelfen. Für präzise Fragen sind die Werkzeuge des wissenschaftlichen Alltags gerade sehr hilfreich. Dass letzterer so uninspirierend ist, liegt daran, daß die dort erarbeiteten Instrumente in der Regel für Aufgabenstellungen verwendet werden, die ihren lebensweltlichen Ursprung eben in einem Mainstream-Leben und in Mainstream-Weltanschauungen haben.

Den Hinweis, daß die Zahl der nicht-organisierten Neuheiden wesentlich höher ist als die der organisierten ist richtig, war mir aber in der Radiosendung entfallen. Bestimmte neopagane Vorstellungen dürften in der Bevölkerung ganz gut verbreitet sein. Aber muss man das sagen? Ich sehe schon wie die üblichen besorgten Geister zur Bewahrung von Sittlichkeit und Vernunft die Stirn runzeln. Man muss sie doch nicht beunruhigen.
Adolf (Gast) - Sa, Mai 05, 2007

Nachtrag

Mea culpa!
Präzisierung tut Not: Ich verwende aus Bequemlichkeit und der Einfachheit halber für die Maxima und Minima der Zeitgleichung die keltischen Begriffe Samhain, Imbolc, Beltaine und Lughnasad. Wenn ich hier anfinge die Begriffe Allerheiligen, Lichtmäß und Walpurgisnacht zu verwenden, so fehlte mir schon die Entsprechung für den letzten Begriff Lughnasad. Ich meine mit den Kreisgrabenanlagen ausdrücklich nicht Stonehenge und vergleichbare. Damit wird meiner Meinung nach zuviel Schindluder getrieben. Ich beziehe mich auf die Anlagen der Bandkeramiker, die auf ca. 4000 v. Chr. datiert werden. Diese Anlagen geben architektonisch nichts her und sind, wenn überhaupt, meistens nur durch die Luftbildarchäologie zu entdecken - also relativ unbekannt - und nur mit geophysikalischen Prospektionsmethoden zu präzisieren.

Meine zugegebene Affinität zu den Kelten beruht auf deren Kunsthandwerk. Für mich war es, bevor ich ein Studium begann, DER Grund überhaupt, eine mehrjährige Ausbildung als Silberschmied zu absolvieren. Mich faszinierten die künstlerische Reduktion und die handwerkliche Perfektion, allerdings nur bis zur Latène-Zeit. Die handwerkliche Perfektion erhält ab da zwar einen neuen Schub durch etruskische Kontakte, aber die gestalterische Qualität nimmt, für meine Begriffe, extrem ab. Für mich verhält es sich damit wie mit dem Jugendstil: Man mag ihn oder eben nicht. So hat eines zum anderen geführt und ich beschäftige mich inzwischen mit Keltologie. Das beste Werk dazu stellt für mich "Kelten" von Helmut Birkhan dar. In diesem Buch, 3. Ausgabe 1999, S. 790, nimmt er Bezug auf die vier wichtigen Feste in Irland, die zeitlich identisch mit den bereits oben genannten sind. Der letzte Satz des letzten Absatzes lautet: "Wie man sieht, spielen hier die Tag- und Nachtgleichen keine Rolle!".

Ich behaupte, mit Hilfe der Zeitgleichung ließe sich der zeitliche Bezug dieser Feste aber sehr gut erklären. Das Wissen darum scheint aber begrenzt zu sein.

Adolf
jochen bloch (Gast) - So, Mai 06, 2007

Rabenclan: Ein Haufen individualistischer Ausnahmen ?

hi julio,
im gegensatz zu deiner selbstkritischen einschaetzung dieser
diskussion bin ich der meinung, dass du die einstellung des
RC sehr gut wiedergegeben hast.
einen punkt habe ich vermisst-den unterschied zwischen der
erfahrungsreligion und der glaubensreligion. fuer mich ist
das jedenfalls der punkt der mich an der alten religion
am meisten fastziniert.
ansonsten war die diskussion natuerlich sehr intellektuell
(was nicht verwundert, wenn studierte leute diskutieren.)
es war ein sehr guter anfang einer oeffentlichen diskussion.
meine hochachtung fuer dich !
Lugaddon (Gast) - So, Mai 06, 2007

>>>es war ein sehr guter anfang einer oeffentlichen diskussion.

Anfang? Wir sind doch jetzt schon seit über 10 Jahren zugange, auch was Mediengespräche angeht!

;-)
L.
Thorsten E. (Gast) - Mo, Mai 07, 2007

Neuheidentum im Bildungs-Fernsehen?

Als Musikliebhaber bin ich ein regelmäßiger Zuschauer der Sendung "Tracks" auf ARTE. Im Herbst letzten Jahres zeigte "Tracks" einen Beitrag über eine neuheidnische Band, die so etwas wie Folk-Rock machte. Diese Band gehört zu einer germanischen Religionsgruppe. (Ich weiß ich nicht mehr so genau, ob es wirklich eine germanische Gruppe war, jedenfalls benutzte sie Runen. )

Die Mitglieder der Band äußerten sich in diesem Beitrag zu ihrem Verständnis des modernen Heidentums. Mir fällt im Ihrem Beitrag auf, daß Sie hier und auch an andere Stelle Ihres Blogs ähnliche Ansichten vertreten. Sie (die Musiker) traten entschieden anti-rassistisch auf, kritisierten das völkische Denken andere Neuheidengruppen und distanzierten sich außerdem vom Nostalgieheidentum, also von jener Art Neuheiden, die sich gerne als alte Germanen verkleiden und bierernst komplizierte Rituale aufführen. Als ich hier von von dem eher spielerischen, kreativem Ansatz der Ritualgestaltung in der Heidenvereinigung "Rabenclan" las, mußte ich sofort an diesen ARTE-Beitrag denken.

Ich kann mich leider nicht an den Namen der Religionsgemeinschaft erinnern, es war aber nicht der "Rabenclan" . Die Band hieß, wenn ich mich recht erinnere "Singvögel".

Ich fand diesen Tracks Beitrag sehr gelungen und positiv für das Neuheidentum, besonders, weil auftretenden Heiden nicht, wie Sie so schön schrieben, mit spitzen Finger und hochgezogene Augenbraue angefaßt wurden, sondern genau so respektvoll wie die in der selben Sendung in anderen Beiträgen vorgestellten christlichen, jüdischen, muslimischen Musiker.

Dazu hätte ich eine Frage: Gehören die "Singvögel" vielleicht zum Rabenclan oder stehen sie mit ihm in freundschaftlicher Verbindung?

Vielen Dank für Ihre Antwort und weiterhin viel Erfolg bei Ihrer Öffentlichkeitsarbeit!
jensscholz - Mo, Mai 07, 2007

Die Singvögel haben tatsächlich sehr viel mit dem Rabenclan zu tun, als daß die drei ehemalige Rabenclan-Mitglieder sind, die z.T. diesen damals auch mitgegründet haben. Die Asatrugruppe, der sie angehören und die in besagter Sendung vorgestellt wurde, entwickelte sich und wuchs eine gute Weile im Rahmen des Vereins, bis ihre Mitglieder sich dann vor einiger Zeit entschieden, ihren eigenen Weg zu gehen.
Fans der Singvögel, Freundschaften und in meinem Fall auch Verwandschaften gibt es somit tatsächlich im Rabenclan. Die sehr ähnlichen grundsätzlichen Ansichten zum Thema Heidentum sind somit also gar nicht überraschend, die Unterschiede liegen in der Richtung, in der man das jeweils ausleben möchte, denke ich.

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