Das Neuheidentum im Bildungsradio
Ich war ziemlich aufgeregt und nervös. Ich war bis dato einmal, ein einziges Mal im Radio gewesen, allerdings nur in beruflicher Angelegenheit für ein knappes Statement. In einer längeren Radiodiskussion anzutreten, das war neu für mich. Man denkt in dieser Situation an die vielen Leute, die zuhören werden, man denkt an den vielen Blödsinn, den man in einer Stunde sagen kann und an die vielen Verkürzungen und Halbwahrheiten, die man sagt, weil eine Stunde auf der anderen Seite gar nicht ausreicht, um alles richtigzustellen.
Die spitzen Finger...
Noch dazu startet man nicht gerade aus der Poleposition. Neuheidentum: Jemand, der sich damit beschäftigt - und zwar nicht als distanzierter Wissenschaftler oder Weltanschaungsbeauftragter -, der muss entweder ein Fascho sein oder zumindest gefährlichen irrationalen Weltanschauungen und Mythen anhängen. Mindestens ist er naiv, so wie die frustrierte Hausfrau, die als Wald- und Wiesenhexe vorzugsweise in Seidentüchern über die Wiese schwebt und mit salbungsvollen Worten was von Merlins magischen Geheimnissen verkündet. Man spürt die spitzen Finger und die hochgezogene Augenbraue, mit der der Begriff "Heidentum" am ausgestreckten Arm zur kurzfristigen Begutachtung hochgehoben wird, wenn man nicht gleich unter Bemühung der üblichen Klischees und Stereotypen das ganze abtut: Faschisten, Obskurantisten, Wirrköpfe, Esospinner. Es gibt gute Gründe, wenn eine Menge Leute - vor allem solche, die Wert auf einen guten Ruf in der Öffentlichkeit legen müssen - es vorziehen, mit Neuheidentum nicht mit ihrem Klarnamen in Verbindung gebracht zu werden. Ich selbst habe es - eingedenk der ganzen Spinner, eifernden Sektierer, Selbstdarsteller, Druiden, Goden, Hohepriester, denen tatsächlich keine Peinlichkeitsschwelle zu niedrig ist - vor einiger Zeit noch recht ähnlich gehalten.
Etwas von dieser Situation bestätigte sich auch in der Konstellation der Radiosendung, so wie wir dort am Tisch des Radiostudios an den großen schwarzen Aufnahmemikrofonen saßen: derjenige, der durch die Themenstellung in Frage stand, das war der "Repräsentant" des Neuheidentums. Mir gegenüber zum einen ein christlicher Weltanschauungsbeauftragter, der schon von Berufs wegen damit beauftragt ist, mit dem christlichen Amtskirche konkurrierende religiöse und kulturelle Strömungen zu begutachten, und zum anderen ein Religionswissenschaftler, der auch eher aufgerufen war, das (Neu-)Heidentum zu kommentieren (und nicht z.B. den gesellschaftlichen Umgang mit solchen kulturellen Phänomen wie das Neuheidentum). Moderierend dazwischen der Radiojournalist, der mir allerdings viel Platz für meine Ausführungen und Reaktionen ließ. Ich mag mich täuschen, aber im Nachhinein hatte ich ersteinmal den Eindruck, daß von den vier Gesprächspartnern ich derjenige war, der immer wieder in einer Rechtfertigungssituation stand. Apologetik im wohlbekannten Sinne war gefragt.
Jeder von den beiden Mitdiskutanten machte seinen Job, der Christ sprach über die Gefahren, der Wissenschaftler über die unreflektierten Konstruktionen, die im Neuheidentum über heidnische Kulturen verbreitet sind. Beides wohlbekannt und berechtigt. So ging mir das überhaupt in großen Teilen mit dem Gespräch und den dort vorgebrachten Einwänden und Warnungen gegenüber dem Neuheidentum: So gut wie jeder Punkt erwartet man irgendwie. Ich frag mich dann immer nach dem Gewinn einer solchen in stereotypen Bahnen verlaufenden Diskussion. (Ob ich jetzt immer passend geantwortet habe, ist eine andere Frage und werde ich mir am Mittwoch anhören können.)
Wie ich das Hellsehen übte
Was allerdings überraschend war, das war der Einstieg in die Runde. Da der Sendetermin (2. Mai) nach der diesjährigen Walpurgisnacht (30. April) liegt, wurde ich überraschenderweise kurz vor Aufzeichnungsbeginn von dem SWR Journalisten Gohla gebeten, in der Sendung so zu tun, als ob das diesjährige Treffen des Vereins bereits in der Vergangenheit stattgefunden habe. Das ist schwierig, was soll man da viel sagen? Ich weiß ja gar nicht, wie sich das Fest entwickelt, was stattfinden wird. Gerade die künstlerische Fraktion des vereins lässt sich im Vorfeld schwer in die Karten schauen und diejenigen, die die sozialen Plastiken und Performance inszenieren, machen viel von der Situation vor Ort abhängig. Mehr als ein paar Plattitüden wie "es hat Spaß gemacht" und Sätze über das schöne Wetter (hoffentlich wird es wirklich schön in vier Tagen ;-) ) kommen da gar nicht zustande. Und da man mit mir auch noch jemanden hat, der trotz verbreiteter Erwartungshaltung wie Neuheidentum geschildert werden soll, großen Widerwillen zeigt, wenn er über "religiöse Gefühle" und "religiöse Erlebnisse" reden soll, fiel die Schilderung auch noch sehr blaß aus. Ohnehin wird jemand, der durch diese Radiodiskussion eine plastische Darstellung des Neuheidentum in farbenfrohen Bilder erwartet, vermutlich enttäuscht sein, wenn ausgerechnet jemand wie ich, der sich eher mit theoretischen Fragen beschäftigt, es beschreibt. Dass ich mich auch noch eher mit den antiken Traditionen Griechenlands und Roms beschäftige, und nicht sehr viel zum Keltentum und Germanentum sagen kann, macht's auch nicht besser. Denn im Bewusstsein vieler Neuheiden wie auch der Öffentlichkeit sind germanische oder keltische Traditionen originär heidnisch, von slawischen Traditionen hat man dagegen keine Ahnung und die Griechen und Römer gelten nicht als Heiden, sondern als sowas wie "halbierte Normale", sprich unvollkommen entwickelte Vorläufer des modernen zivilisierten Menschen.
Mein Hauptanliegen war es deutlich zu machen, daß ein neuzeitlicher Rekurs auf heidnische Traditionen bei weitem nicht so irrational ist, wie das weitverbreitete Vorurteil es bis heute sagt. Neuheidentum besteht eben nicht nur aus Menschen, die naiv nationalistische, romantische und exotistische Konstrukte heidnischer Traditionen aus dem 19. Jahrhundert verwenden, um sich eine ideale Vergangenheit herbei zu phantasieren. Wenn ein paar Leute nach der Radiodiskussion das Gefühl hätten, daß Menschen, die sich auf heidnische Traditionen beziehen, nicht prinzipiell einen Sockenschuss haben und sich sehr wohl dem kritischen Dialog stellen können, dann wäre ich schon zufrieden. Kann aber auch sein, daß man doch lieber die Wald- und Wiesenhexe bevorzugt, über deren Naivität man sich erhaben fühlen kann.
Können wir wirklich nichts, gar nichts lernen?
Bemerkenswert fand ich die Diskussion zu der Frage, ob wir von heidnischen Kulturen etwas lernen können. Dass das prinzipiell bestritten wird, hat mich erstaunt. "Etwas" lernen heisst ja nicht kritiklos übernehmen. Das übliche Fragespiel: "Wollen Sie die Skalverei der Griechen und die Menschenopfer der Kelten zurück?" Nein. Wenn ich sage, daß ich von der christlichen Tradition lernen kann, meine ich ja auch nicht die Kreuzzüge. Selbstverständlich ist die Quellenlage zum Beispiel bei den keltischen, germanischen oder slawischen Traditionen äusserst unbefriedigend. Und über das Thema wie die Beschreibung fremder und vergangener Kulturen oftmals Opfer einer Projektion eigener kultureller Ideale oder Gegenbilder sind schreibe ich selbst gerade einen Text. Aber bei der Stetigkeit mit der betont wird, daß jede Beschreibung solcher Kulturen nicht nur eine kulturell beeinflusste Konstruktion, sondern eigentlich auch nur Projektion ist, fragt man sich sofort: Ja was steht denn in den vielen tausend Seiten drin, die Archäologen, Keltologen, Skandinavisten, Slawisten, Historiker und Religionswissenschaftler im Forschungsalltag so produzieren? Nichts weiter als lehrreich ausgeschmückte Wiederholungen des dürren Statements: "Eigentlich wissen wir gar nichts?". Dann würde die Zunft fleissig an ihrer Selbstabschaffung arbeiten. Zudem ist die Quellenlage nicht für alle heidnische Kulturen gleichermaßen unbefriedigend. Weder bei der Beschreibung animistischer oder polytheistischer Kulturen in Übersee, noch wenn es um die Antike geht. Ganz sicher ist auch bei der Beschreibung und Charakterisierung, bei den Feldberichten und Deutungen ihrer kulturellen Güter viel Projektion im Spiel, die viel, sehr viel sogar verzerrt. Aber schaffen diejenigen, die solche Projektionen widerlegen, wirklich selbst nichts weiter als nur neue Projektionen, die keinen begründbaren Anspruch erheben können, die soziale Wirklichkeit dieser Kulturen nachzuzeichnen? Dann sollten wir ihre Lehrstühle doch abschaffen, die Naturwissenschaftler sagen im Konkurrenzkampf um Forschungsgelder schon lange, daß ihre Forschungen sinnvoller sind.
Wo ist denn Ihre spirituelle Mitte?
Genauso klingt in mir die Frage nach, wo beim Neuheidentum die spirituelle Mitte ist. Meiner Meinung nach gibt es die nicht. Dass ein Christ danach fragt, ist durchaus verständlich, denn beim ihm gibt es eine spirituelle Mitte - die Offenbarung der Schrift, der Gott und schließlich sein menschgewordener Sohn, der am Kreuz starb. Ich wüsste nicht, was die spirituelle Mitte in der germanischen, der keltischen, der römischen oder der griechischen Kultur sein sollte. Und noch weniger weiß ich das, wenn es um die Gesamtheit der unter dem Sammelbegriff "Heidentum" subsummierten Kulturen geht. Es bringt uns nur Verzerrung, wenn wir solche Kulturen mit christlichen Kategorien entschlüsseln wollen.
Damit hängt eine weitere Problematik zusammen: Es scheint mir kein Zufall zu sein, daß heidnische Kulturen in der Regel keinen abstrakten Begriff der Religion kennen, so wie wir ihn verwenden. Ich glaube nicht, daß das daran liegt, daß es ihnen nur des Wortes, aber nicht des Phänomens ermangelt. Es gibt in ihnen schlicht nicht den geschiedenen Bereich der Religion, wie wir ihn aus den modernen westlichen Gesellschaften kennen, die ihn in den Auseinandersetzungen der Aufklärung mit der Christentum gebildet haben. Um im Wittgenstein'schen Duktus zu reden: Das Wort dreht dort nichts, zumindest nicht das gleiche wie bei uns. Das bedeutet nicht, daß dort die Religion alles durchflutet hat, wie es heute gerne heißt. Es bedeutet, daß die soziale Welt anders, eben nicht an der Scheidung religiös versus profan aufgeteilt wurde.
Sofern nun der neuheidnische Rekurs auf diese Kulturen sensibel mit diesem Umstand umgeht, ist das Neuheidentum selbst auch keine Religion. Faktisch stellt sich die Situation zwar anders da, denn die neuheidnische Szene wie sie leibt und lebt hat sich schon eine heidnische Religion geschaffen, eben in struktureller Analogie zum Christentum. Dann wird die Große Göttin oder die Edda zum spirituellen Kern, es werden neuheidnischen Messen, die an die katholische Liturgie erinnern, inszeniert und eine entsprechende Priesterkaste installiert. Aber ich wüsste nicht, warum ich das als sinnvolle moderne Adaption heidnischer Kulturen verstehen sollte. Wenn also die Radiodiskussion mit der Feststellung des Religionswissenschaftler Bernhard Maier endete, daß das Neuheidentum wohl eher eine Freizeitbeschäftigung ist, anstatt eine Religion, dann weiß ich nicht, ob ich mit dieser Aussage unzufrieden sein soll. Sollte damit gemeint sein, daß das Neuheidentum nicht unter jenen Religionsbegriff fällt, der bis heute das Christentum als Leitlinie nimmt, um das Wesen des Phänomens "Religion" zu bestimmen, dann eher nicht.
Ein heiseres Bellen ist im Wald zu hören, die Mondsichel hängt in den Seilen, ich lass jetzt das Radio Radio sein und gehe schlafen.
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