Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Die heile Welt des Heidentums 1

Vergegenwärtigt man sich die von vielen Unterstützern des Heidentums gebrauchten Charakterisierungen heidnischer Kulturen, so fällt die Kontrastierung zur modernen westlichen Gesellschaft auf. Dabei spielen diverse Leiden und Gebrechen, die man der heutigen Zivilisation attestiert, eine große Rolle: Die moderne westliche Gesellschaft betreibt Raubbau an der Natur, sie führt zu Vereinsamung und Depression, zu brutalen Weltkriegen, Atombombe und schwermetallbelastetem Grundwasser. Die Natur gilt es zu beherrschen, das männliche Prinzip hat sich breitgemacht. Sexualität ist bis heute schuld- und schambesetzt. Egoismus und Gier kennzeichnen das Leben. Alles wird einem nüchternen, entzauberndem, versachlichendem, kaltem Blick unterworfen. Man hat sich von dem Kosmos und seinen Mitmenschen entfremdet. Da der übergreifende Sinn durch die Zersplitterung der Werte verloren ging, sind die Menschen ohne Halt. Nichts ist ihnen mehr heilig, das Spirituelle ist verloren gegangen und einem schlichten Materialismus und dem Fortschrittswahn gewichen.

Das Heidentum ist dazu eine Gegenwelt, seine Existenz per se Kulturkritik. Hier zeigt sich ein Wissen, wie man ein glückliches Leben in Harmonie mit sich selbst und seiner Umgebung führt, eine Weisheit, an der es uns modernen Menschen mangelt. Denn das Leben der Angehörigen der vorchristlichen und außerwestlichen Kulturen ist noch nicht einseitig durch Rationalismus und sezierende Wissenschaft dominiert, sie sprechen noch in Mythen, Bildern, Gefühlen. Sie fühlen sich noch nicht als einsame verlorenen Individuen, sondern sind mit dem Universum eins und befinden sich in kosmischer Harmonie. Sie sind spiritueller und nicht so materialistisch eingestelltl, wie die heutigen Menschen. Religion und Mythos durchdringt und verzaubert noch alle Aspekte dieses Lebens. Sie verehren die Natur und beten dort ihre Götter an. Sie sind naturverbunden und haben sich ein Gefühl des Respekts vor ihrer natürlichen Umgebung bewahrt. Sie verteufeln deshalb auch nicht den Körper und trennen nicht zwischen Körper und Seele. Sie sind sinnlich und ungezwungen, noch nicht von Schuldgefühlen zerfressen und bejahen deshalb die natürliche Sexualität ganz ohne Scham. Sie achten das weibliche Prinzip und die Frau, da sie ebenfalls Ausdruck der Natur sind. Da die Götter in allem sind oder alles göttlich ist, ist ihnen auch alles heilig. Sie sind nicht der Subjekt-Objekt-Spaltung verfallen, betrachten das Leben und seine Äußerungen nicht so sezierend analytisch wie die moderne Wissenschaft, sondern achten es in allen Aspekten. Kondensiert in einem Satz zum Ausdruck gebracht: Sie sind ganzheitlicher.

Diese Charakterisierung basiert auf einer altehrwürdigen geistesgeschichtlichen Tradition Europas, mit der wir Menschen in den westlichen Zivilisationen uns unsere heidnische Vergangenheit in Bezug zu unserer heutigen Kultur erklären. Sie ist in den Wissenschaften bis heute weitverbreitet. Allerdings wird als entscheidendes Prädikat nicht "heidnisch" oder "naturreligiös" verwendet, sondern man spricht von tradtionellen Kulturen, archaischen Gesellschaften, Natürvölkern oder Kulturen mit magisch-mythischen Weltbildern.

Der Wilde

In den solchermaßen bezeichneten Kulturen sind die Menschen nach weitverbreiterer gebildeter Meinung noch mehr oder weniger den Zufällen einer nicht beherrschbaren Umwelt ausgeliefert. Um diesen sinnlosen, nicht verstehbaren Zuständen "Sinn" zu verliehen, werden sie durch übernatürliche Mächte erklärt, die dennoch nicht berechenbar, ja übermächtig sind. Ganz wie Kinder Erwachsenen ausgeliefert sind, so ist der archaische Mensch, der Wilde, fast ohnmächtig den stärkeren, "übernatürlichen Kräften" unterworfen: Geister, Götter und Dämonen bestimmen das menschliche Leben, herrschen willkürlich über das Geschick der Menschen. Die Menschen bleibt die Möglichkeit verwehrt, die Welt rational und bewusst zu kontrollieren, abstraktes und kausales Denken ist ihnen nur begrenzt möglich, allerdings schaffen sie sich durch Pseudoerklärungen wie der anschaulichen Bilderwelt der Mythen wenigstens die Illusion einer Verständnisses und durch magische Praktiken die Illusion einer Kontrolle. Hier zeigt sich die entwicklungsgeschichtliche Kindlichkeit dieser Lebenswelt. Der Unterschied zwischen belebten Wesen und unbelebten Geschehnissen ist dem magisch-mythisch geprägten Menschen noch nicht geläufig. Er kann noch nicht zwischen Innen- und Außenwelt, zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden, kindlich-naive Allmachtsphantasien werden durch magische Akte ebenso artikuliert wie kindliche Ängste und Sehnsüchte die Welt mit bösen Dämonen und gütigen Urmüttern, Feen und Götterkönigen bevölkern.

Das archaische Weltbild unterscheidet sich von der heutigen weltanschaulichen Vielfalt. Es ist verbindlich für die jeweilige Kultur, es ist übergreifend und erläutert jeden relevanten Aspekt menschlichen Lebens. In ihm sind Aussagen über die Welt (also das was heute die Wissenschaft erarbeitet), Kunst und Moral ebensowenig ausdiffenziert wie die Natur und Kultur. Wissenschaft, Technik, Kunst, Recht und Moral sind noch in einen übergreifenden metaphysisch-religiösenen Zusammenhang eingebettet und unterliegen einer gemeinsamen Logik. Die Welt hat eine überschaubare sinnvolle Ordnung, die nicht nur die Natur sondern auch den soziokulturellen Bereich menschlichen Lebens bestimmt.

"Sie sind wie Kinder"

Auch im Sozial- und Gefühlsleben zeigt sich die oben erwähnte Kindlichkeit. Die archaischen Menschen sind ihren Affekten noch hilflos ausgeliefert. Sie verfügen noch nicht über einen stabilen Kontrollmechanismus, der kontinuierlich und verläßlich verhindert, das sie nicht von ihren Leidenschaften und Emotionen überschwemmt werden. Triebverzicht durch Selbstkontrolle gelingt ihnen nur diskontinuierlich, betrifft dies nun Wut, Angst oder sexuelle Lust. Körperlichen Funktionen wie Rülpsen, Furzen, Schneutzen oder Urinieren tätigen sie ganz ungeniert und ohne Scham in der Öffentlichkeit. Sexualität und Nacktheit ist ebenfalls nicht schambesetzt, deshalb wird sie freier und ungezwungener ausgelebt. Die unschuldige Natürlichkeit

Da der archaische Mensch Innen- und Außenwelt noch nicht voneinander scheiden kann, fehlt ein Erlebnis der eigenen Besonderheit. Eine eigene Individualität und Subjektivität ist ihm noch nicht eigen und Gewissen, Selbstbewußtsein und Selbstbild sind nur rudimentär ausgebildet. Die Verhaltenssteuerung erfolgte noch nicht aus individueller Entscheidungsfähigkeit, sondern durch Autorität äußerlicher Normen und Führer, die beide durch die Tradition vorgegeben sind. So ist der archaische Mensch noch traditionsgeleitet anstatt wie der moderne innengeleitet. Diese Tradition sichert auch den Fortbestand des magischen Weltbildes. Wird es in Frage gestellt, droht das naive Weltbild zusammenzubrechen und damit eine elementare Verunsicherung ja Gefährdung der psychsichen Stabilität auszulösen. Die metaphysische Erklärung dieses Phänomens lautet, daß so der Zorn der Götter heraufbeschworen wird. Dass macht den äusserlichen Charakter der Leitung deutlich: Sie sind von äusserlichen Zwängen - kollektiver Druck, Schande, Autoriät etc. - gesteuert anstatt von inneren Gründen.

Die westliche Erfolgsstory

Das hier referierte Bild von archaischen Kulturen ist Teil einer komplexen Geschichtstheorie, die die Entstehung der modernen Kulturen in Europa schildert. Nach dieser Geschichtstheorie müssen wir uns auf der einen Seite des Zeitstrahls, ganz am Anfang, einen Urzustand des menschlichen Lebens vorstellen, bei dem der Mensch noch nahe am Naturzustand lebte und nur weniges ihn von der Welt der Primaten trennte, aus der heraus erstanden ist. Der Mensch war noch ein Tier, er lebte in Horden, war instinktgeleitet und verfügte nur über eingeschränkte kognitive Fähigkeiten. Es folgt die Steinzeit und Jungsteinzeit mit ihren archaischen Wildbeuterkulturen, die von entwickelteren Stammeskulturen der europäischen Frühgeschichte abgelöst werden (Kelten, Germanen, archaische Kultur der Griechen). Auf dem Zeitstrahl folgen die antiken Hochkulturen, dann kommt das christlichen Mittelalters. Das archaische, mythische Weltbild markiert einen bestimmten größeren Abschnitt am Anfang des Zeitstrahls. Animistische Kulturen sind noch mehr dem Naturzustand verbunden, polytheistische schon etwas fortentwickelt. Es folgt die Neuzeit, die Aufklärung und schließlich die moderne Zivilisation. Selbstverständlich sind die Grenzen auf diesem Zeitstrahl sind fliessend, selbstverständlich kann es Relikte geben, die aus vergangenen Epochen überdauert haben.

Diese geschichtliche Entwicklung ist nicht im Sinne einer Veränderung von Kulturen zu verstehen, in der die Menschen früher einfach nur anders wie heute gelebt haben, sondern als eine Höherentwicklung, ein Fortschritt. Die europäische Geschichte ist eine Erfolgsstory , in der die Moderne mit ihren Errungenschaften der Demokratie, der Wissenschaft, der Technik, des Wohlstands der am weitesten fortgeschrittene Zustand und der Urzustand der archaischen Menschen der primitivste. Das mittlere Zeitalter des Mittelalters wird je nach Schule als weiterer Fortschritt, manchmal als dunkle Epoche des Rückschritt bisweilen auch nur als Zustand der Lähmung und des Stillstandes beschreiben. Die Umbrüche der Neuzeit beziehungsweise die Aufklärung sind Entwicklungsschübe, die die Menschheit entscheidend vorangebracht haben.

Diese Schilderung des spezifischen geschichtlichen Entwicklungspfades, der von den einfacheren Zuständen zu den komplexeren führt, ist weit verbreitet - sowohl in den Publikationen der akademischen Zunft wie in der breiten Öffentlichkeit. In der Beurteilung des jeweiligen zivilisatorischen Niveaus fremder oder vergangener Kulturen und Religionen durch Naturwissenschaftlern. Philosophen oder Psychologen findet es genauso Anwendung wie in den Statements von Medien, „Sektenexperten“ oder Sozialarbeitern, die uns die Gefahren eines magischen Weltbildes, das durch Okkultismus oder Esoterikwelle verbreitet wird, erläutern. In der breiten Öffentlichkeit überwiegt eine vereinfachte Ausgabe der Konzepte des unaufhaltsam Erwachsenwerdens der Kulturen oder des halbierten Fortschritt. Magische, mythische, archaische Kulturen sind etwas, was es zu überwinden gilt und was wir Zivilisierten auch überwunden haben. Die Entwicklung zur modernen Kultur ist bei uns entweder uneingeschränkt geglückt oder halbwegs.

Eine solche Sichtweise herrscht selbst in Bezug auf jene heidnischen Kulturen vor, die wir aufgrund unserer Geschichte als besonders geistig hochstehend betrachten. Bernhard Williams hat sich z.B. in den Sather Lectures mit der Ansicht auseinandergesetzt, die in der archaische griechische Kultur wie sie uns bei Homer gegenüber tritt, „den angeblich klarsten Ausdruck einer primitiven, unreflektierten, defekten oder gar inkohärenten Moral sieht. In Analogie zur individuellen Moralentwicklung werden Homers Figuren im Grunde schlicht als kindisch bezeichnet.“ (1) Diese Ansicht ist für ihn Teil eines weit verbreiteten Bildes über die griechische Antike, daß in vielerlei Hinsicht zu dem bereits Geschilderten passt: „Das vertraute Bild, das wir von den ethischen Ideen der Griechen und ihrem Verhältnis zu unseren Ideen haben, entspricht (...) einem Bild der Entwicklung, der Evolution und des Fortschritts. Einige moderne Autoren zeichnen dieses Bild ganz direkt, viele andere aber setzen es einfach als selbstverständlich voraus. Folgt man der Fortschrittsperspektive, geht man davon aus, daß die Griechen primitive Ideen des Handelns, der Verantwortung, der ethischen Motivation und der Gerechtigkeit hatten, die im Laufe der eit durch ein wesentlich komplexeres und feineres Netzt von Vorstellungen ersetzt worden sind, in denen sich eine reifere Form der ethischen Erfahrung niederschlägt. Man stimmt in dieser Perspektive darin überein, daß diese Entwicklung viel Zeit in Anspruch nahm; und man stimmt auch darin überein, daß einige der Verbesserungen schon in der griechischen Antike selbst vollzogen wurden, während andere einer späteren Zeit vorbehalten blieben.

Wenn wir schon bei der griechischen und ebenso auch in der römischen Kultur, die wir als weniger entwickelte Vorstufen unser heutigen Zivilisation betrachten, solche Defizite ausmachen, um wieviel mehr gilt dies für andere europäische heidnische Kulturen wie jene der Germanen, Kelten, Pikten oder Slawen? Entsprechend verbreitet sind denn auch die Schilderungen, die uns die Germanen als rohes, wenig entwickeltes Kriegervolk oder die Kelten als in die bunte Bilderwelt der Feen entrückt darstellen. Die heidnischen Vorfahren der moderenen Europäer sind der Natur noch näher und damit der Kultur noch entfernter.

Heidentum als Kulturkritik

Es wundert also nicht, daß also z.B. auch Neuheiden diese Ansicht über die noch einfachen heidnischen Kulturen teilen – mit umgekehrten Vorzeichen allerdings: Sie sind Vertreter einer Verfallstheorie oder plädieren für eine neue Synthese, die auch die Weisheiten der heidnischen Kulturen berücksichtigt. Während die Öffentlichkeit in heidnischen und mythischen Kulturen (und entsprechend auch im Neuheidentum) ganz und gar kein Lösungspotential unserer aktuellen Probleme in den westlichen Gesellschaften sieht, sind sie für die Neuheiden der Königsweg: Hier sind die gleichen Völker von den Schädigungen der modernen Zivilisation noch nicht befallen und es gilt zu ihnen zurückzukehren.

Aber wie auch immer die Bewertung des angeblichen Entwicklungspfads von den einfachen zu den entwickelten Kulturen in den unterschiedlichen Lagern aussehen mag: Es gibt eine solche Entwicklung gar nicht. Denn das skizzierte Bild der magischen, mythischen, animistischen Kulturen ist eine Chimäre, die mehr über uns aussagt als über die betreffenden Völkern.

(1) Bernard Williams: „Scham, Schuld und Notwendigkeit. Eine Widerbelebung antiker begriffe der Moral“; Berlin 2000; S.23
(2) Bernard Williams: „Scham, Schuld und Notwendigkeit. Eine Widerbelebung antiker begriffe der Moral“; Berlin 2000; S.5

Fortsetzung folgt
nerone (Gast) - So, Apr 29, 2007

warum dort?

Meine erste aufrichtig gemeinte Kritik an einem Deiner Essays. Wie kannst Du diesen so spannenden Gedankenfluss gerade dort enden lassen wo es spannend wird? Das ist eine Gemeinheit! Lässt uns mit Chimären zurück... Ich hoffe ehrlich Du kannst das Bild bald komplettieren. Ich stecke jetzt nämlich noch voll in deiner Argumentationskette. Vielleicht wäre nur ein kurzer Absatz als Ausblick auf deine folgenden Überlegungen hier hilfreich gewesen um den Bogen zu haben.

Wie Du sicherlich verstanden hast bin ich wieder mal gepackt von Deinem Angebot und Anfangs dachte ich: Wo geht der denn jetzt wieder hin? Jetzt bin ich gespannt welche Tür Du öffnen wirst. Bis dahin...

nerone
Julio Lambing - Mi, Mai 02, 2007

Ich wollte mal einen Cliffhanger machen ;-)

Nein, in Wirklichkeit ist das wieder mal nur ein Brocken, der sich aus Work in Progress herausentwickelte: ein Ausriss aus einem größeren Text. Ich konnte noch keinen Absatz zum weiteren Vorgehen schrieben, weil die weitere Route mir noch nicht ganz klar ist. Sie wird sich vermutlich mit dem Unterschied zwischen "Knowing what" und "knowing how" als unterschiedliche Varianten von Wissen beschäftigen, um herauszuarbeiten, wo heidnsiche Kulturen von gewinn sind. Und mit Projektionsmechanismen. Vielleicht auch mit einer kurzen Entkräftung der wichtigsten Stereotypen. Mal sehen.

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