Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Gedanken am Abend: Internet schafft Lokalität?

"Marktbeziehungen können nur insofern aufrechterhalten werden, als sie Teil bestimmter Formen lokaler Beziehungen sind, die mit dem Markt selbst nichts zu tun haben. Teil von Beziehungen des nicht auf Berechnung und Vorhersage beruhenden Gebens und Nehmens, und nur so können sie zum Gedeihen des Ganzen beitragen, statt wie es so oft der Fall ist, die Gemeinschaftsbeziehungen zu untergraben und zu zerstören."

Auch wenn eine ganzen Reihe an Wirtschaftstheoretiker mit beachtlicher Reichweite diese von dem Neoaristoteliker Alaisdair MacIntyre formulierte banale Einsicht generell wiedersprechen werden, wird sie in den westlichen Gesellschaften durch die Faktizität des eigenen wirtschaftlichen Handelns anerkannt: Da wo politische und wirtschaftliche Entscheidungsträger in direkter Verbindung zu einem realen sozialen Milieu stehen, dem sie angehören und dem sie zwischenmenschlich - nicht politisch - Rechenschaft ablegen müssen, spielen Fragen eines guten sozialen Einvernehmens und der Pflege eines Mileus, in das das Leben jedes einzelnen eingebettet ist, eine wichtige Rolle.

Nur so ist zu erklären, dass in der Belohnungspolitik der engumrissenen Gruppe der deutschen (Wirtschafts-)eliten die angloamerikanische Entgeltpolitk mit ihren enorm hohen Mannagergehältern Einzug gehalten haben - und dass entgegen der Marxschen Idee vom Fall der Profitrate und dem durch die Globalisierung beschleunigten Fall von Arbeitslöhnen: Man reagiert auf einen länger schon anhaltenden Mentalitätswandel. Die politische Elite, die immer schon ein Interesse an Verschränkung der Lebensmilieus der poltischen und wirtschaftlichen Eliten hatte, wird ihren verbalen Protest dagegen nicht lange aufrecht erhalten. Hier funktionieren die lokalen Beziehungen eines Milieus, ganz so wie MacIntyre es andeutet.

So ist andererseits auch zu erklären, warum jener wachsender Teil der Bevölkerung, der Besitzrechte an Unternehmen hält, über die anonymen Mechanismen der Wertpapierbörsen und über die eisernen Zwänge der Wertsteigerung des Shareholder Value dafür sorgt, daß durch Entlassungen das Wohl von Nachbarn und Freunden beeinträchtigt wird. Wo die direkte Verpflichtung durch lokale Beziehungen durch Anonymisierung aus dem Bewusstsein der Marktakteure gerät oder die Reichweite des eigenen Handelns durch verlängerte Interdependenzketten auf andere Gemeinschaften ausserhalb des eigenen engumrissenen Lebenswelt übergreift, werden letztendlich auch Märkte selbst angegriffen. Wer soll kaufen, wenn fleissig durch Rationalisierung entlassen wird?

Die digitalisierte Technik zur vernetzen Übermittlung von Informationen spielt für die Anonymiserung der Markthandlungen durch ihre Verdichtung von Raum und Zeit eine entscheidende Rolle. Nicht zufällig gibt es im Internet Arbeitsbörsen, auf denen bestürzend niedrige Stundenlöhne die Regel sind.

Man kann versuchen diese anonymen Zwänge der Rationalisierung, Bürokratisierung und Anonymisierung durch komplexe Institutionen und einer weltweit organisierten (oder zumindest weltweit orientierten) neuen Gewaltenteilung in den Griff zu bekommen. Interessanterweise spielen auch hier moderne Informationstechniken eine entscheidende Rolle. Sie bewirken nach dem Siegeszug der Massenmedien in der Nachkriegszeit den zweiten Strukturwandel der Öffentlichkeit: Die vierte Gewalt verändert sich bekanntlich. Menschen, die von der klassischen Öffentlichkeit bisher an den Rand der politischen Existenz gedrängt worden sind, werden durch die neuen Medien als öffentliche Wesen sichtbar und als sprechende Wesen im eigentlichen Sinne politisch und lösen somit einen Teil jener eigentlichen republikanischen Würde der Politik ein, die ihre Wurzeln in der antiken Kultur hat. Wer sprechend in der Öffentlichkeit intervenieren kann, ist ein politisch Handelnder.

Dieser Strukturwandel der Öffentlichkeit kann auch für die den lokalen Verpflichtungen enthobenen Marktbeziehungen Konsequenzen haben und wirtschaftliche Rahmenbedingungen verändern: Die persönliche und subjektive Berichterstattung durch Blogs stellt vielfältige neue soziale Beziehungen her, die vielleicht trotz aller Virtualität Lokalität und neue Verpflichtungen des Gebens und Nehmens schaffen. Denn wie wir derzeit an den deutschen, amerikanischen und französischen Diskussionen in den neuen Medien des Web 2.0 lernen können, wird persönliche Glaubwürdigkeit und Integrität auf dieser neuen Agora zur alles entscheidenden Leitwährung. Unternehmen, die solches nicht im Blick hatten, holten sich deshalb eine blutige Nase und Hunderte an hässlichen Artikeln. Die durch das Internet erfolgende Etablierung neuer Möglichkeiten, gerechtes Verhalten zu erreichen, könnte ja auch eine Folge eines durch persönliche Beziehungen strukturierten Raums sein. Das wäre eine bemerkenswerte Alternative einer wünschenswerten, wenn auch nicht wahrscheinlichen Renaissance lokaler Gemeinschaften wie sie der marxistische Katholik MacIntyre als Kritiker des Nationalstaats und der Konzernbürokratie skizziert hat.

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