Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Die "Klimahysterie": Eine Gedächtnisstütze für den SPIEGEL-Artikel

Ich muss mir hier mal eine persönliche Gedächtnisstütze machen, in dem die Aussagen der SPIEGEL-Ausgabe zur Klimawandel ("Die große Klimahysterie - Hilfe ... Die Erde schmilzt") verglichen werden mit den aktuellen IPCC Stellungnahmen zum Forschungsstand über die wahrscheinlichen Folgen des Klimawandel. Der Artikel vom SPIEGEL wird nicht der letzte sein, es scharren einige bereits mit den Hufen.

Das IPCC ist ein wissenschaftliches Gremium, das dem Verhandlungsprozess der UN Rahmenkonvention zum Klimawandel wissenschaftlich berät. Es wertet die weltweite Forschung zum Klimawandel aus. Das IPCCC teilt mit, daß mehr als 2500 wissenschaftliche Experten, 850 beitragende Autoren, 450 Redakteure an dem Prozess beteiligt sind. Obgleich gewisse Möglichkeiten für Regierungen bestehen, an gewissen Punkten Einfluss auf die Auswertung und Darstellung der zusammengetragenen und verglichenen Ergebnisse zu nehmen, gilt das IPCC als die gewichtigste wissenschaftliche Autorität zum Thema Klimawandel. Derzeit wird der vierte Sachstandsbericht Zug um Zug veröffentlicht, dazu tragen verschiedene Arbeitsgruppen bei. Die Working Group 1 beschäftigt sich z.B. mit der Frage, ob es einen menschgemachten Klimawandel gibt und wie er abläuft. Die Working Group 2 des IPCC beschäftigt sich mit den Konsequenzen des Klimawandels auf Wirtschaft, Gesundheit, Flora und Fauna. Die "Summaries for Policymaker" fassen prägnant Aussagen aus den gesammelten Forschungsergebnissen zu dem Thema zusammen, deswegen sind sie auch Gegenstand politischer Einflussnahme. In der Berichterstattung der Massenmedien zu den Auswertungen des IPCC wurde in der Vergangenheit massiv auf diese Zusammenfassungen Bezug genommen.
Alle Markierungen in den hier zitierten IPCC-Texten sind von mir. Die Sternchen hinter den Zitaten markieren das "Level of confidence" ("Konfidenzlevel", entspricht in etwa dem "Wahrscheinlichkeitsniveau") des jeweiligen Statements: *** Very high confidence, ** High confidence, * Medium confidence. (Details zum Konfidenzlevel kann man hier nachlesen. Wahrscheinlichkeitsniveaus des IPCC sind hier auf Deutsch erklärt.)


Nun der Vergleich. Zuerst ein Ausschnitt aus dem SPIEGEL:
"Selbst wenn sich die Staaten noch so sehr anstrengen, den Kohlendioxid zu verringern, lässt die Temperaturerhöhung bis Ende des Jahrhunderts allenfalls aufknapp zwei Grad Celsisus begrenzen. Aber diese moderate Erwärmung hätte wahrscheinlich auch weniger apokalyptische Folgen, als es manche Endzeitpropheten glauben machen wollen. (...)

Verbesserte regionalisierte Modelle zeigen zudem, dass der Klimawandel nicht nur Nachteile, sondern auch beträchtliche Vorteile bieten könnte - vor allem jenen Weltgegenden im Norden, in denen es bislang zu kalt und zu ungemütlich war. Nur gilt es als Tabu, das offen auszusprechen.

Auf bessere Ernten und ein Aufblühen des Tourismus können sich zum Beispiel Länder wie Kanada und Russland freuen. Und auch die Skandinavier werden nur unter dem schlechten Gewissen zu leiden haben, dass sie von de Erwärmung so stark profitieren.
Anderswo wird es in der Tat zu mehr Dürren kommen, vor allem in den Subtropen. Falsch ist aber die weitverbeitete Annahme, zu leiden hätten wieder mal nur die Entwicklungsländer, also die Armen. In weiten Teilen Afrikas zum Beispiel, so die aktuellen Vorhersagen, dürften die Niederschläge kaum abnehmen: nur der Süden des Kontinents trocknet aus. Das einstige Welthungergebiet Sahelzone wird nach den aktuellen prognosen sogar feuchter werden." ("Abschied vom Weltuntergang"; SPIEGEL Nr. 19; 07.05.07; S.144)


Der Artikel führt dann die Vorteile des Temperaturanstiegs von drei Grad für die norddeutsche Tourismusindustrie auf ("die Bürger sparen viele Milliarden an Heizkosten") und weist auch kurz auf die Nachteile für deutsche Landwirtschaft und die Flußwirtschaft hin ("aber es gibt auch Schattenseiten"). Dann werden Zahlen über angenommene Todesfälle aus Hitzewellen bei steigender globaler Durchschnittstemperatur aus dem Kieler Institut für Weltwirtschaft gegen die Aussage des Umweltökonomen Richard S.J. Tol gestellt, dass es in Deutschland deutlich weniger Grippetote geben wird. Tenor auch hier: Verschwiegen werden die Vorteile des Klimawandels.

Vergleichen wir nun die Summary for Policymakers der Working Group 2 mit dem SPIEGEL-Artikel. Als erster Leitfaden soll uns die Aussage dienen, daß es laut SPIEGEL es ein Tabu ist, die Vorteile des Klimawandels offen auszusprechen.


So kann man in der Zusammenfassung zu den Folgen des Klimawandels für die Gesundheit folgendes lesen:

"Studies in temperate areas [Studies mainly in industrialesed countries] have shown that climate change is projected to bring some benefits, such as fewer deaths from cold exposure. Overall it is expected that these benefits will be outweighed by the negative health effects of rising temperatures world-wide, especially in developing countries.**

The balance of positive and negative health impacts will vary from one location to another, and will alter over time as temperatures continue to rise. Critically important will be factors that directly shape the health of populations such as education, health care, public health prevention and infrastructure and economic development.*** "


Zur Polarregion:

"Beneficial impacts would include reduced heating costs and more navigable northern sea routes.*"

Zu Nordeuropa:

"In Northern Europe, climate change is initially projected to bring mixed effects, including some benefits such as reduced demand for heating, increased crop yields and increased forest growth. However, as climate change continues, its negative impacts (including more frequent winter floods, endangered ecosystems and increasing ground instability) are likely to outweigh its benefits.**"

Zur globalen Einschätzung der Konsequenzen:

"This Assessment makes it clear that the impacts of future climate change will be mixed across regions. For increases in global mean temperature of less than 1 to 3°C above 1990 levels, some impacts are projected to produce benefits in some places and some sectors, and produce costs in other places and other sectors . It is, however, projected that some low latitude and polar regions will experience net costs even for small increases in temperature. It is very likely that all regions will experience either declines in net benefits or increases in net costs for increases in temperature greater than about 2 to 3°C

These observations re-confirm evidence reported in the Third Assessment that, while developing countries are expected to experience larger percentage losses, global mean losses could be 1-5% Gross Domestic Product (GDP) for 4°C of warming."


Als nächster Leitfaden soll uns der Zungenschlag des SPIEGELS dienen, der seine Aussagen über Europa, Afrika und Entwicklungsländer begleitet.

So heißt es in der Summary der Working Group 2 zur Situation in Europa:

"Nearly all European regions are anticipated to be negatively affected by some future impacts of climate change and these will pose challenges to many economic sectors. Climate change is expected to magnify regional differences in Europe’s natural resources and assets. Negative impacts will include increased risk of inland flash floods, and more frequent coastal flooding and increased erosion (due to storminess and sealevel rise). The great majority of organisms and ecosystems will have difficulties adapting to climate change. Mountainous areas will face glacier retreat, reduced snow cover and winter tourism, and extensive species losses (in some areas up to 60% under high emission scenarios by 2080).***"

Die Lage für Afrika:

"By 2020, between 75 and 250 million people are projected to be exposed to an increase of water stress due to climate change. If coupled with increased demand, this will adversely affect livelihoods and exacerbate water-related problems.**

Agricultural production, including access to food, in many African countries and regions is projected to be severely compromised by climate variability and change. The area suitable for agriculture, the length of growing seasons and yield potential, particularly along the margins of semi-arid and arid areas, are expected to decrease. This would further adversely affect food security and exacerbate malnutrition in the continent. In some countries, yields from rain-fed agriculture could be reduced by up to 50% by 2020.**

Local food supplies are projected to be negatively affected by decreasing fisheries resources in large lakes due to rising water temperatures, which may be exacerbated by continued over-fishing.**

Towards the end of the 21st century, projected sea-level rise will affect low-lying coastal areas with large populations. The cost of adaptation could amount to at least 5-10% of GDP. Mangroves and coral reefs are projected to be further degraded, with additional consequences for fisheries and tourism.**

New studies confirm that Africa is one of the most vulnerable continents to climate variability and change because of multiple stresses and low adaptive capacity. Some adaptation to current climate variability is taking place, however, this may be insufficient for future changes in climate.**"


Und die Einschätzung der Situation für Asien:

"Glacier melt in the Himalayas is projected to increase flooding, rock avalanches from destabilised slopes, and affect water resources within the next two to three decades. This will be followed by decreased river flows as the glaciers recede.*

Freshwater availability in Central, South, East and Southeast Asia particularly in large river basins is projected to decrease due to climate change which, along with population growth and increasing demand arising from higher standards of living, could adversely affect more than a billion people by the 2050s.**

Coastal areas, especially heavily-populated mega-delta regions in South, East and Southeast Asia, will be at greatest risk due to increased flooding from the sea and in some mega-deltas flooding from the rivers.**

Climate change is projected to impinge on sustainable development of most developing countries of Asia as it compounds the pressures on natural resources and the environment associated with rapid urbanisation, industrialisation, and economic development.**

It is projected that crop yields could increase up to 20% in East and Southeast Asia while it could decrease up to 30% in Central and South Asia by the mid-21st century. Taken together and considering the influence of rapid population growth and urbanization, the risk of hunger is projected to remain very high in several developing countries.*

Endemic morbidity and mortality due to diarrhoeal disease primarily associated with floods and droughts are expected to rise in East, South and Southeast Asia due to projected changes in hydrological cycle associated with global warming. Increases in coastal water temperature would exacerbate the abundance and/or toxicity of cholera in South Asia.**"


Ein weiterer Punkt in dem SPIEGEL-Artikel sind übertriebene Ängste vor Stürmen und Überschwemmungen. So heißt es in dem Artikel:
"Unbegründet ist wohl auch die weitverbreitete Befürchtung, daß im Treibhausklima Superstürme mit nie da gewesener Wucht die Dörfer und Häuser verwüsten werden. Aus den gegenwärtigen Langzeit simulationen lässt sich ein solcher Trend jedenfalls keinesfalls ableiten."

Es folgt ein Zitat von Jochem Marotzke vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie, der bestätigt, daß "weder mehr Stürme noch stärkere Stürme über uns" sich gemäß den Prognosen zusammenbrauen werden. "Nur die Zugbahnen der Tiefdruckgebiete ändern sich geringfügig - in Skandinavien wird es stürmischer, am Mittelmeer etwas ruhiger."

Zu Überschwemmungen heißt es beim SPIEGEL: "Eine weitere unausrottbare Legende besagt, dass gigantische Überschwemmungen die küstennahe Millionenstädte heimsuchen werden. New York, London und Shanghai, so das Horrorszenario, könnten demnach in den Fluten versinken. (...) Eine Pegelerhöhung um 40 Zentimeter wird kaum zu mehr Flutkatstrophen führen. (...) Beruhigend ist zudem - gerade auch für ärmere Länder wie Bangladesh -, dass all diese Veränderungen nicht von heute auf morgen passieren, sondern schleichend, innerhalb von Jahrzehnten."

Vergleichen wir den Zungenschlag der Texte wieder mit Aussagen des IPCC, zuerst mit Aussagen aus der Summary for Policymakers der Working Group 1. Dort heißt es zu tropischen Stürmen:

"Based on a range of models, it is likely that future tropical cyclones (typhoons and hurricanes) will become more intense, with larger peak wind speeds and more heavy precipitation associated with ongoing increases of tropical sea surface temperatures. There is less confidence in projections of a global decrease in numbers of tropical cyclones. The apparent increase in the proportion of very intense storms since 1970 in some regions is much larger than simulated by current models for that period."

Working Group 2 äußert sich wie folgt zu Überflutungen:

"Many millions more people are projected to be flooded every year due to sea-level rise by the 2080s. Those densely-populated and low-lying areas where adaptive capacity is relatively low, and which already face other challenges such as tropical storms or local coastal subsidence, are especially at risk. The numbers affected will be largest in the mega-deltas of Asia and Africa while small islands are especially vulnerable.***"

Und zur Situation von kleinen Inseln:

Small islands, whether located in the tropics or higher latitudes, have characteristics which make them especially vulnerable to the effects of climate change, sea level rise and extreme events.***
Deterioration in coastal conditions, for example through erosion of beaches and coral bleaching, is expected to affect local resources, e.g., fisheries, and reduce the value of these destinations for tourism.**
Sea-level rise is expected to exacerbate inundation, storm surge, erosion and other coastal hazards, thus threatening vital infrastructure, settlements and facilities that support the livelihood of island communities.***
Climate change is projected by the mid-century to reduce water resources in many small islands, e.g., in the Caribbean and Pacific, to the point where they become insufficient to meet demand during low rainfall periods.***
With higher temperatures, increased invasion by non-native species is expected to occur, particularly on middle and high-latitude islands.***


Interessant ist es vielleicht auch, die hier zitierten Textstellen des IPCC hinsichtlich einer "unbesonnenen" oder "hysterischen" Wortwahl zu untersuchen.

Kommentieren möchte ich diesen Vergleich erstmal nicht.


Disclaimer: Wie jeder durch etwas Googeln herausfinden kann und wie ich schonmal mehrmals mitgeteilt habe, bin ich in dieser Frage keine neutrale Privatperson. Ich bin in diesem Bereich seit etwa sieben Jahren für jenen Teil der Wirtschaft tätig, die sich dafür entschieden hat, den Klimawandel als Herausforderung für die Welt ernstzunehmen, und die in dem notwendigen Strukturwandel unserer Ökonomie auch Chancen und nicht nur ökonomische Nachteile sieht.
Peter (Gast) - Mo, Mai 21, 2007

Ich denke...

...das sind nur noch Rückzugs-Gefechte. Nenn mich einen unverbesserlichen Optimisten - aber was da aktuell an Geld in irgendwelche Klima-Fonds und -Optionen reingebuttert wird, spricht für mich eine deutliche Sprache: Die Wirtschaft, allen voran die Banken und die Versicherungen, hats endlich geschnallt. Und da werden die paar Unken (in der Schweiz wärs die Weltwoche...) nicht mehr viel ausrichten.

Gruss

Peter
nerone (Gast) - Mo, Mai 21, 2007

zynisch oder naiv?

Das ist die Frage,die mir bei der Lektüre der Spiegelpassagen in den Sinn kamen. Letztlich eine Vorwegnahme der Argumentation ob es Eine Millionen Opfer geben wird oder weniger und ob diese wirklich an den Folgen von diesem und jenem gestorben sind. Die Art von Spin die man von der Zigarettenindustrie über lange Jahre hin kannte, bis es schließlich zu Verurteilungen in USA und Verboten in Europa kam. Zigarettenindustrie es über viele Jahre. Mich wundert nur, dass der Spiegel dieser Argumentation folgt. Weniger wegen der Qualität des Artikels (ich habe aufgehört das Blatt zu lesen - mit Ausnahmen, die meine Praxis immer wieder bestätigen), als wegen der Stoßrichtung. Ja gegen wen geht es hier eigentlich? Es liest sich doch letztlich wie eine Medienschelte, eine Abrechnung mit der eigenen Mischpoke. Hysterie, Chill-Outs, Polemik, Propaganda. Das sind alles die Waffen der Presse, zu der sich auch der Spiegel zählen darf.
Bin ich (Bürger) hysterisch? Eher nicht. Ich bin eher resigniert. Dummer weise durch die Berichte die Julio hier von IPCC vorlegt leider in Annahmen bestätigt. Sogar der Spiegelartikel kann die absehbaren Folgen nicht schönfärben.

Wie Peter schrieb, ist der ZUg eh nicht aufzuhalten:
"- aber was da aktuell an Geld in irgendwelche Klima-Fonds und -Optionen reingebuttert wird, spricht für mich eine deutliche Sprache: Die Wirtschaft, allen voran die Banken und die Versicherungen, hats endlich geschnallt. " Die Wirtschaft wird von höchst aufgeregten Politikern flankiert, die scheinbar befürchten für die Folgen noch zu Lebzeiten zur Rechenschaft gezogen zu werden. Sei es durch ökologische Katastrophen oder deren Folgen. Was machen wir wenn kein Geld der Welt neue Ströme von Flüchtlingen vor unserer Tür stehen, die vor dem Hunger in ihrer Welt fliehen? Was machen wir wenn politische Regionen mit ihrem Bevölkerungsdruck und Nahrungs-/ Wasserbedarf mit Gewalt an unsere Tore pochen und Einlass verlangen? Was wird dann aus unserem Ferienparadies Nordsee?

Aber wozu die Sorge: Spiegelleser wissen ja bekanntlich mehr...

Trackback URL:
http://axonas.twoday.net/stories/3748685/modTrackback

Praxis der Aphrodisia

Spiegel

Herzlich willkommen. Sie sind nicht angemeldet. Sie können dennoch einen Kommentar abgeben.

Die Startseite finden Sie hier.


Kontakt und RSS

Sie erreichen mich über diese Emailadresse.


Creative Commons License

kostenloser Counter


Neue Feeds!

Zeigt den Feed an.


Translation Google:

See this page in English Voir cette page en francais