Personalisierung: Freundschaft mit den Dingen
"Die Wissenschaften unterscheiden sich ja von den Künsten und der Philosophie durch den Versuch, den qualitativen Fortschritt an den quantiativen zu binden, und zwar so, daß jener (gedanklichen) Qualitäten als besser erachtet werden, die zu einer größeren Zahl an Voraussagen führen. Gelingt der Versuch, dann wäre in den Wissenscahften der relative Fortschrittsbegriff unter die Herrschaft des Absoluten gebracht und der in den Künsten und der Philosophie noch bestehende Relativismus beseitigt. Die Wissenschaften wären dann jene Künste, deren Material nicht Farben oder Gesteine oder Töne, sondern Gedanken sind und die es durch einen klugen Trick fertiggebracht haben, nicht nur von Fortschritt zu reden, sondern wirklichen, und zwar absoluten oder objektiven Fortschritt zu erzeugen. Ich beschließe meine Darstellung mit einer Kritik dieser Idee (...)
Erstens ist die in den Wissenschaften (angeblich!) vorliegende Verbindung von Qualität und Quantität selbst eine qualitative Idee und dahier nicht absolut. Hat man einen Freund, dann will man zwar vieles über ihn erfahren, aber die Neugierde hat Grenzen, und zwar genau dort, wo die Achtung vor der Persönlichkeit des anderen beginnt. Es gibt Menschen, die sich auch zur Natur in freundschaftlich-respektvoller Weise verhalten wollen, die sich also weigern, ihre Kenntnis der Natur in eine ständig zunehmender Zahl "objektiver" Einzelresulatate aufzulösen. Der Einwand, daß diese Einstellung Erfolg gehabt hat, ist erstens nicht relevant, denn er wiederholt ja nur, das schon in der Vorausetzung steckt, nämlich daß es sich um eine Kombination von Quantität und Qualität handelt. Zweitens hat auch die "verstehende" Einstellung "Erfolge", aber eben in ihrem Sinn - sie stellt eine engere Beziehung zwischen Natur und Mensch her, als sie heute besteht (und sie hätte auch nicht zu den Umweltkatastrophen geführt, unter denen wir heute leiden. Drittens hat die verstehende Methode Erfolge selbst im Sinne der Wissenschaften, wie die bisher nicht sehr gut verstandenen Leistungen vieler Heilkundigen zeigen. Und viertens ist der Einwand nicht korrekt: der qualitiative Fortschritt erfaßt oft nur einen sehr beschränkten Teil des vorhergehenden Wissensstandes. Die Aristotelische Physik beschrieb und ordnete eine große Menge von Tatsachen, die Ortsbewegung genauso wie den Übergang von Lehrstoff von einem Lehrer auf einen Schüler. Die neue Bewegungslehre des Galilei und des Newton beschränkte sich auf die Ortsbewegung, gab auch von dieser eine sehr vereinfachte Darstellung, hatte aber im Bereich qualitativer Veränderungen nichts zu sagen."
Paul Feyerabend: "Fortschritt in Kunst, Philosophie und Wisssenschaft"; S. 102-103; in Paul Feyerabend: "Wissenschaft als Kunst"; Frankfurt a.M. 1984; S.87 - 106
Vermutlich werden mit diesem Zitat wieder mal ein paar Helden neural ganz erregt, weil sie endlich den Beweis wittern, wie simpel von mir dem wissenschaftlichen Anarchismus gehuldigt wird. ("Sie Oskurantist! Dabei ist Feyerabend schon längst widerlegt!") Ich muß die Freunde der PM-Literatur und die Lichtgestalten zur Verteidigung der Wissenschaft, die zweifelsfrei eine masochistische Bedürfnisstruktur dazu antreiben muß, immer wieder diese Seite anzuklicken, enttäuschen. An dem Zitat interessiert mich die Idee der "Freundschaft mit der Natur". Sie ist ein Versuch, die Personalisierung von Phänomen, die in unserer Kultur als Dinge gelten (also das was krude "Animismus" genannt wurde), mit dem aktuellen Vokabular zu fassen. Dabei ist vor allem die Idee interessant, daß das Erkenntnisstreben gegenüber Personen, die uns nahe sind, merkwürdig gebremst ist. Einerseits gibt es jenes Diktat der Intimität, das im bürgerlichen Liebesbild fest verankert ist und das als untrügliches Zeichen einer tiefen erotischen Liebe das Kennen der tiefste Geheimnisse des anderen nennt. Aber selbst in der modernen Liebe gibt es eine tief verankerte Abscheu vor dem analytischen Blick in intimen Beziehungen.
Die weiteren stützenden Argumente, um die Erfolgsstory moderner Wissenschaften zu kritisieren, sind für diesen Zusammenhang nicht weiter wichtig. Ausser den Hinweis, das die Fertigkeit von Heilkundigen mit einer Handlungsdisposition (nennen wir sie hier "Tugend des Respekts") im Umgang mit zu Heilenden verdrahtet ist.
Erstens ist die in den Wissenschaften (angeblich!) vorliegende Verbindung von Qualität und Quantität selbst eine qualitative Idee und dahier nicht absolut. Hat man einen Freund, dann will man zwar vieles über ihn erfahren, aber die Neugierde hat Grenzen, und zwar genau dort, wo die Achtung vor der Persönlichkeit des anderen beginnt. Es gibt Menschen, die sich auch zur Natur in freundschaftlich-respektvoller Weise verhalten wollen, die sich also weigern, ihre Kenntnis der Natur in eine ständig zunehmender Zahl "objektiver" Einzelresulatate aufzulösen. Der Einwand, daß diese Einstellung Erfolg gehabt hat, ist erstens nicht relevant, denn er wiederholt ja nur, das schon in der Vorausetzung steckt, nämlich daß es sich um eine Kombination von Quantität und Qualität handelt. Zweitens hat auch die "verstehende" Einstellung "Erfolge", aber eben in ihrem Sinn - sie stellt eine engere Beziehung zwischen Natur und Mensch her, als sie heute besteht (und sie hätte auch nicht zu den Umweltkatastrophen geführt, unter denen wir heute leiden. Drittens hat die verstehende Methode Erfolge selbst im Sinne der Wissenschaften, wie die bisher nicht sehr gut verstandenen Leistungen vieler Heilkundigen zeigen. Und viertens ist der Einwand nicht korrekt: der qualitiative Fortschritt erfaßt oft nur einen sehr beschränkten Teil des vorhergehenden Wissensstandes. Die Aristotelische Physik beschrieb und ordnete eine große Menge von Tatsachen, die Ortsbewegung genauso wie den Übergang von Lehrstoff von einem Lehrer auf einen Schüler. Die neue Bewegungslehre des Galilei und des Newton beschränkte sich auf die Ortsbewegung, gab auch von dieser eine sehr vereinfachte Darstellung, hatte aber im Bereich qualitativer Veränderungen nichts zu sagen."
Paul Feyerabend: "Fortschritt in Kunst, Philosophie und Wisssenschaft"; S. 102-103; in Paul Feyerabend: "Wissenschaft als Kunst"; Frankfurt a.M. 1984; S.87 - 106
Vermutlich werden mit diesem Zitat wieder mal ein paar Helden neural ganz erregt, weil sie endlich den Beweis wittern, wie simpel von mir dem wissenschaftlichen Anarchismus gehuldigt wird. ("Sie Oskurantist! Dabei ist Feyerabend schon längst widerlegt!") Ich muß die Freunde der PM-Literatur und die Lichtgestalten zur Verteidigung der Wissenschaft, die zweifelsfrei eine masochistische Bedürfnisstruktur dazu antreiben muß, immer wieder diese Seite anzuklicken, enttäuschen. An dem Zitat interessiert mich die Idee der "Freundschaft mit der Natur". Sie ist ein Versuch, die Personalisierung von Phänomen, die in unserer Kultur als Dinge gelten (also das was krude "Animismus" genannt wurde), mit dem aktuellen Vokabular zu fassen. Dabei ist vor allem die Idee interessant, daß das Erkenntnisstreben gegenüber Personen, die uns nahe sind, merkwürdig gebremst ist. Einerseits gibt es jenes Diktat der Intimität, das im bürgerlichen Liebesbild fest verankert ist und das als untrügliches Zeichen einer tiefen erotischen Liebe das Kennen der tiefste Geheimnisse des anderen nennt. Aber selbst in der modernen Liebe gibt es eine tief verankerte Abscheu vor dem analytischen Blick in intimen Beziehungen.
Die weiteren stützenden Argumente, um die Erfolgsstory moderner Wissenschaften zu kritisieren, sind für diesen Zusammenhang nicht weiter wichtig. Ausser den Hinweis, das die Fertigkeit von Heilkundigen mit einer Handlungsdisposition (nennen wir sie hier "Tugend des Respekts") im Umgang mit zu Heilenden verdrahtet ist.
Julio Lambing - Di, Mai 22, 2007 - Zettelkasten: Personalisierung
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Wieder ein sehr interessanter Aspekt
Das klingt zwar ziemlich banal, ist aber ein fundamentaler Erkenntnisgewinn für mich. :o) Personalisierung der Welt und ihrer Bestandteile baut eine persönliche Beziehung zu ihr bzw. ihnen auf. Eine persönliche Beziehung wird immer von beiden Beteiligten gleichermaßen gestaltet, unabhängig vom jeweiligen Machtverhältnis. Wie ich mich in dieser Beziehung verhalte, kommt ping-pong-artig auf mich selbst zurück. Eine Wohltat für einen der Beziehungspartner ist eine Wohltat für beide. Dasselbe gilt für eine Schandtat. Wer das nicht (mehr) weiß, der fügt sich selbst permanent Schaden zu und macht sonstwen dafür verantwortlich, nur nicht sich selbst. Wer der Welt respektlos gegenübertritt, den wird die Welt schließlich ebenso respektlos behandeln. Wer sein Gegenüber unterschätzt, wird es stets bereuen.
Das Weltbild ist der Schlüssel zur Befreiung aus dem gegenwärtigen Dilemma der Menschheit. Erwachsene umzuerziehen ist schwierig, insbesondere wenn das erforderliche Umdenken einen Verzicht auf Machtausübung beinhaltet. Wer verzichtet schon freiwillig auf Macht? Die Kinder sind also wieder einmal die Hoffnung. Jedes Kind, das dieses respektvolle Weltverständnis eingepflanzt bekommt, ist eine Chance für das Überleben der Menschheit.
(Je tiefer die Nacht, desto pathetischer die Gedanken.)