Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Sinnverlust und Religion 1

"Die Sorge um den Sinnverlust ist so konstitutiv für die Moderne, daß einige Theoretiker das Wesen der Religion in den Antworten gesehen haben, die sie auf die Frage nach dem Sinn gibt. (...) Nach meiner Überzeugung sind diese Theorien auf der falschen Spur. Sie gehen davon aus, daß es bei der Religion hauptsächlich darauf ankomme, dem menschlichen Bedürfnis nach Sinn entgegenzukommen. Indem sie diese Haltung einnehmen, veranbsolutieren sie die prekäre Situation der Moderne, so als wäre diese Anschauung die letzte Wahrheit über die Dinge. In dieser Hinsicht bilden sie gewissermaßen Abelger der Fortschrittsgeschichte. Das intuitive Gefühl, von dem sie ausgehen, ist allerdings unbestreitbar, nämlich das Gefühl, die Sinnfrage sei eine Hauptsorge unseres Zeitalters und der drohende Mangel an Sinn mache alle Erzählungen der Moderne, nach denen wir uns im Leben richten, fragil."
Charles Taylor: "Moderne und die säkulare Zeit"; S. 213 ; in: "Wieviel Gemeinschaft braucht die Demokratie? Aufsätze zur politischen Philosophie"; Frankfurt a.M 2002; S.166 - 217;


Die interessante Frage ist für mich nicht, ob dieses von Taylor beschriebene Gefühl heutzutage besteht, es wird fortlaufend durch entsprechende Erzählungen eins ums andere mal stimuliert. Was ich relevanter finde ist die Frage, was dieses Gefühl auslöst. Denn das muss eben nicht der Umstand sein, daß es tatsächlich eine "prekäre Lage des Sinns" gäbe, daß es also tatsächlich einen Mangel an Sinn gäbe.
Richard König (Gast) - Mi, Okt 31, 2007

Sinnverlust oder erst Sinnfrage

Ich glaube das Gefühl von einem Sinnmangel ist ein erste Welt-Luxus und somit sehr modern. Solange ich jeden Tag vollauf damit beschäftigt bin mein Überleben zu sichern, stellt sich mir die Frage nach dem Sinn nicht. Erst unsere priviligierte Situation erlaubt uns diese Frage. Vielleicht sind wir mit ihr ja auch nur deshalb konfrontiert, weil überleben für uns keine Herausforderung mehr stellt. Wir langweilen uns sozusagen durch einfaches da-sein.
Zu Zeiten als wir noch fellbedeckt Bilder von unseren Jagttieren an Höhlenwände kritzelten war dies sicher nicht einer Sinnsuche oder Sinnsehnsucht gedankt. Es stellte meines Erachtens eher einen "magischen-religiösen" Versuch da, unsere Überlebenschancen dadurch zu erhöhen, indem wir die Anderswelt anriefen um besseres Jagtglück zu haben.
Aber auch unser priviligiertes da-sein ist im Kern ignorant. Täglich ruinieren wir diesen Planeten mehr und mehr, ganz abgesehen von all den "unschönen" Reaktionen, die uns aufgrund "unserer" (im Sinne von Menschheit) vergangenen Untaten noch begegnen werden (z.B.: Klimaerwärmung...).
Sind wir letztlich gelähmt von der schier unlösbaren Aufgabe den Planeten wieder in`s Gleichgewicht zu bringen, oder sehnen wir uns insgeheim nach dem "grossen Knall" ? Oder sind wir doch einfach nur dumm und faul?
Ich schlage somit folgenden Sinn vor, sozusagen nur vorübergehend und nicht als "letzte Wahrheit": Kämpfen (es wird einer sein) wir doch erst einmal wieder ums Überleben, denn in der Tat es ist global bedroht. Sichern wir den Erhalt der Art "Mensch" und dem Wohlergehen unseres eigenen Arsches doch erst mal, was sinnvolleres kann ich mir zur Zeit nicht vorstellen.
Wenn wir anschliessend wieder Zeit haben über unser intuitives Gefühl von Sinnmangel nachzudenken, bin ich der erste der mit dabei ist.
Julio Lambing - Mi, Okt 31, 2007

"Ich glaube das Gefühl von einem Sinnmangel ist ein erste Welt-Luxus und somit sehr modern."

Ich glaube auch, daß es modern ist. Nicht unbedingt in dem Sinne, daß seine Existenz modern ist, wie man heutzutage gewöhnlich sagt. Sondern, weil die Diagnose modern ist, weil also die Annahme, es gäbe überhaupt so etwas wie Sinnmangel, etwas modernes ist - unabhängig von der Frage, ob es so etwas überhaupt gibt.

"Es stellte meines Erachtens eher einen "magischen-religiösen" Versuch da, unsere Überlebenschancen dadurch zu erhöhen, indem wir die Anderswelt anriefen um besseres Jagtglück zu haben."

Das bezweifle ich. Die Deutung, daß rezente Kulturen mit Höhlenmalerei "Jagdzauber" betrieben haben, ist eher die Projektion einer Kultur, die sich nur schwer vorstellen kann, das nicht alles aus Hebeln und Knöpfen besteht, die für etwas gut sein sollen.
nerone (Gast) - Sa, Nov 03, 2007

Geht es um einen Mangel an Sinn? Tatsächlich? Ich erlebe Sinnfragen eher als eine Fülle in der Welt in der wir leben (wobei ich wieder bei meinem Lieblingsansatz wäre: der fragmentierten Wirklichkeit). Ohne allzu sehr auf den Ausgangstext einzugehen, will ich assoziativ einfach mal den Gedanken entwickeln, ob es nicht so ist, dass in der Summe der Fragen, die gestellt werden und gestellt werden können heute noch Klarheit entwickelt werden kann, welchem dieser Sinne man folgen soll.

Was das Gefühl von Sinnentleertheit auslöst könnte demnach Übersättigung sein. Ein ewiges hin und her zwischen den POSITIONEN der Sinnfragen, denn es gibt sicherlich mehr als eine. ZUdem kommen die propagierten Antworten, die manche zu Mördern machen andere zu "Kriegern des Lichts" und wieder andere zu Flagellanten.

Als Ergänzung will ich den Gedanken anbieten, dass die Sinnfrage in Leerräumen erst wachsen kann. Sie ist eine Frucht der Muße, der Kontemplation. Beraubt man sich der Möglichkeit der Innerlichkeit wird man zumindest in die Sinnfrage nicht hineinwachsen können. An dieser Stelle sind wir wieder in der aktuellen Gesellschaftskritik mit ihrer Arbeits und Freizeitwelt, Medien, etc. Ich denke das ist ein treibender Motor zu diesem Gefühl, die Sinnfarge sei so bedeutend, weil sich die Leute bewusst sind, dass man sie nicht kaufen kann. Oder anders: der Preis wäre Zeit. Und die ist heute weitaus kostbarer als Sinn. In diesem Dilemma laufen die Lemminge sich den Kopf ein.
Richard König (Gast) - Mo, Nov 05, 2007

Mangel an Sinn?

Hallo Nerone,
ich gebe Dir mit Deiner Gesellschaftskritik grundsätzlich Recht. Aber was nützt das kostbare Gut Zeit ohne Sinn? Und im Ernst, viele Menschen hätten Zeit, wenn sie sie nicht einfach verstreichen liessen, oder verplanen würden. Indes bedeutet Innerlichkeit u. a. auch sich selbst in Frage zu stellen, es ist unbequem und unmodern. Es bedeutet aus dem sicheren Schutz der Masse heraus zu fallen, seine Normalität zu verlieren. (Ich war mit einer Frau verheiratet, die sicherlich zu den freundlichen und liebenswerten gehört, die aber um ein Haar unsere Beziehung hätte sterben lassen, nur aus der Angst heraus ihre Normalität ein kleines Stück weit aufgeben zu müssen.)
Somit glaube ich nicht wirklich an ein Dilemma, eher an Lemminge. (Im Sinne von Dummheit und Selbstzerstörung. Darüberhinaus sind sie aber nicht nur Opfer ihrer Dummheit, sondern auch Täter, denn sie Schaden anderen Menschen, Tieren und diesem Planeten. Gemeinerweise bezeichne ich sie meist als "Massenfürze".)
Es ist letztlich immer noch eine Entscheidung Lemming zu sein, oder sich die Mühe zu machen, bewusst zu sein. Natürlich hat es Konsequenzen, wenn man bewusst sein will, und das, ohne das es in dieser Welt in der Regel dafür eine Belohnung gäbe. Lemming sein ist ja so viel leichter und scheinbar vergnüglicher; auf Kosten echter Freude am Leben zu sein.
nerone (Gast) - Mo, Nov 05, 2007

"Aber was nützt das kostbare Gut Zeit ohne Sinn?" , fragst du zu Recht, Richard.

Ich glaube ja auch, dass darin das Dilemma moderner Sinnkrisen steckt. Keine Zeit ohne Sinn, aber kaum noch Zeit ohne Verpflichtungen - und seien sie vordergründig noch so Naiv, also nicht Arbeit, oder Familie, oder Freunde (und bei diesen dreien wissen wir ja wie viel Zeit das schon schluckt). Ich war eine Zeit lang Pendler. Da habe ich Zeit gehabt. Ich fand mich in einer seltsamen Weise beraubt, als sich die Wege zur Arbeit für mich verkürzten. Zeit die ich dann wieder der Familie widmen konnte - oder den Freunden.

Neben dem freien Willen den Zwängen zu entgehen, gehört auch ein starker Wille dies durch zusetzten, denke ich. Und da scheitert der moderne Mensch gerne vor den Ketten seine Verpflichtungen. Im Alltag stehen wir verloren wie im Labyrinth des Daidalos, nur fehlt es oft am Faden der Ariadne. Wobei ich denke, dass dieser dünne Faden tatsächlich die Zeit selbst ist, die die Frage nach dem Sinn ermöglicht. Um mich herum, Menschen mit dieser oder jener Karriere, geraten in Lebenskrisen, fragen sich wo sie stehen und wofür, machen es oft am Alter fest. Mit dreißig war das schon so. Da gab es nicht wenige, die besonders verletzlich wurden und denen der Boden unter den Füssen schwand. Ihnen wünsche ich, dass sie um den Preis ihrer Verwundbarkeit eine Sinn als Trophäe davon trugen. Bei manchen stimmt das tatsächlich. Usw.

Noch mal zum Labyrinth: Ich denke Lemminge haben es nicht leicht. Es liegt nicht in jedem den Ausbruch zu wagen, vor allem, wenn diejenigen eingeklemmt sind von vermeintlichen Autoritäten (das macht man nicht!, was sollen die Nachbarn denken?, das ist doch KrRank!, nicht normal!!! - oder die tragische Variante: Ich bin zwar nicht glücklich, aber ich muss das um des Glückes der Anderen willen eben so durchziehen... so und ähnliche weitere).

Und trotzdem gebe ich dir nochmals Recht: Die Entscheidung liegt immer bei einem Selbst.
Richard König (Gast) - Di, Nov 06, 2007

Kein Sinn ohne Ausbruch aus dem Labyrinth

"Neben dem freien Willen den Zwängen zu entgehen, gehört auch ein starker Wille dies durch zusetzten, denke ich."

Erich Fromm schrieb vor langer Zeit bereits, dass es sehr schwer ist, in einer kranken Gesellschaft selbst gesund zu bleiben; noch schwerer ist es sicherlich wieder gesund zu werden. Dies trotz der offensichtlichen Krankheit dieser Welt; normal ist eben nicht gleich gesund!
Wenn also Mittdreissiger ihre Sinnkriese bekommen, so ist die damit oft verbundene Depression für mich ein eher positives Zeichen dafür, dass die Seele (nicht christlich-religiös gemeint) gegen die krankmachende Normalität rebelliert. Vorbildhafte Auswege gibt es leider zu viele: Antidepressiva, Alkohol, Drogen oder Trennung von der Familie und Neuanfang mit einer Jüngeren, was nach erneut 10 bis 15 Jahren nur wieder zum Ausgangspunkt zurück führt.
Schade eigentlich. Eine feste Beziehung, ein Job, der alle ernährt und die innere Motivation etwas zu ändern wäre doch eine super Ausgangsposition auf "Sinnsuche" zu gehen.
Bei der Frage, wie man die Gesellschaft so verändern kann, dass sie der Gesundheit ihrer "Mitglieder" zuträglicher wird bin ich zunächst an der Ungreifbarkeit eines "Schuldigen" gescheitert. Ich musste mir eingestehen, dass auch ich mitschuldig bin. Schlimmer traf mich die Erkenntniss, dass ich keine Chance habe, mich nicht täglich schuldig zu machen; alle individuellen Freiheiten und Spielwiesen liegen ja innerhalb der Gesellschaft. (Beispiel: Mit jedem Meter, den ich fahre, egal ob mein PKW, oder der Bus, mit jedem Kunststoffprodukt, dem ich nicht entfliehen kann, trage ich mit zur nächsten Ölpest bei, denn auch wegen mir fahren sie über`s Meer.)
Nun, vielleicht ist ja der Wunsch des Menschen nach glück-seeligkeit letztlich stark genug, um eine Umkehr zu wagen, aber in der Masse bezweifele ich das. Darüberhinaus wird die Gesellschaft sich wehren so verändert zu werden. Ich betrachte sie inzwischen als eine Art Lebensform; sie hat den Willen zur Selbsterhaltung, zu Wachstum und Vermehrung ("Sieg" über den Kommunismus). Sie hat Mechanismen Verhalten zu belohnen oder zu strafen und so ihre "Mitglieder" dahin zu lenken, dass sie auch weiterhin alles bekommt, was sie zum Existieren braucht; ohne jeden Anführer als Schuldigen.
Ein Gutes hat diese Ansicht: jedes Lebewesen stirbt einmal. Dieser Tod wird uns jedoch alle betreffen, denn ohne diese globale infrastruktur-Gesellschaft werden wir es mit Überleben schwer haben. (Was Essen, wenn der EDEKA-Lkw keine Lebensmittel in den Supermarkt bringt, weil er keinen Sprit hat, weil keiner dem Öltankerkapitän bezahlen konnte, weil gerade die Weltwirtschaft abgeschmiert und sein Chef pleite ist?)
Vielleicht bereiten wir uns ja schon mal darauf vor; sinnvoll wäre es meines Erachtens nach.
nerone (Gast) - Mi, Nov 07, 2007

Nur ein feedback

Richard, ich wollte nicht das letzte Wort, sondern nur ein kurzes Feedback geben: Ich kann das gut nach vollziehen, was Sie da schreiben.

Freundlichen Gruß vom Rhein

(in angenäherter deutscher Rechtschreibung - Julio, den kaum lesbaren Wurm von vorhin kannst Du gerne löschen)

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