Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Was die BASF zur Vermeidung von Seuchen tut

Sagt mal geschätzte Investoren der BASF*,

Ihr wisst ja so gut wie jeder andere, dass das Unternehmen, das da mit Eurem Geld arbeitet, in Sachen Klimapolitik nicht so richtig den Schuss gehört hat. Da war ja nicht nur das explizite Lobbying gegen die Wärmenutzungsverordnung (die das Unternehmen zu Fall brachte), da war nicht nur das langjährige Engagement gegen die Ökosteuer, sondern auch noch das heftige Arbeiten gegen den europäischen Emissionshandel.

Das ist alles nun irgendwie schon abgefrühstückt und hat dem Unternehmen nicht nur Ärger mit Umweltschutzgruppen eingehandelt, sondern die deutsche Industrie auch für geraume Zeit aus der europäischen Klimadebatte rausgekegelt, weil weder die europäische Politik noch die internationale Wirtschaft Bock auf großkotziges deutsches Eintreten auf Sonderrechte hatte.

Aber eine ganz andere Sache ist es, der Öffentlichkeit Anschauungsmaterial für die Vermutung zu liefern, dass der Vorstandssprecher eines Chemiekonzern den Klimawandel verharmlost, wenn auf die Verantwortung der Industrieländer angesprochen wird. Oder wollt Ihr wirklich, daß Jürgen Hambrecht mit einem solchen bizarren Wortwechsel wie dem folgenden an die Öffentlichkeit tritt:

SPIEGEL: Gabriel sagt: "Die Industrieländer haben die Atmosphäre jahrzehntelang als kostenlose Deponie benutzt, jetzt müssen sie durch Emissionsminderung Platz schaffen für die Entwicklungsländer." Da ist doch was dran?

Hambrecht: Das ist eine unglaubliche Simplifizierung und würde bedeuten, dass wir nicht mehr wachsen dürfen. Wenn Herr Gabriel das will, dann soll er das auch offen aussprechen.

SPIEGEL: Die Entwicklungs- und Schwellenländer sagen dem Westen: Ihr habt euch jahrzehntelang ohne Rücksicht auf den Klimawandel entwickeln können, und jetzt wo wir aufholen, kommt ihr und sagt uns vom hohen Ross herab, was wir zu tun haben. Können Sie das nicht nachvollziehen?

Hambrecht: Nachvollziehen ja, nur so werden wir die Diskussion endlos weiterführen. Wir müssen eine andere Einstellung zu den Verhältnissen auf dieser Erde entwickeln. Das 12. Jahrhundert gilt bei vielen Forschern als das erfolgreichste für die Menschen in Europa - und das Jahrhundert, in dem es in Europa am wärmsten war. Bis zum 19. Jahrhundert dagegen dauerte die "kleine Eiszeit", das war eine Zeit mit schweren Seuchen.**


Bei solchen Worten helfen übrigens auch nicht die paar beschwichtigenden Worte in Richtung Klimaschützer, die sich ebenfalls in dem Interview finden. Schon gar nicht, wenn man die offenen Drohung an Merkel liest, sollte sie nicht die leidvolle Situation beenden, dass "im Moment alles von der Umweltpolitik bestimmt" wird.

Nochmal: Seid Ihr Euch noch sicher, daß das Euer Mann sein kann, der das Schiff BASF sicher durch die Wogen der zukünftigen technologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen lenkt, bei denen - wie wir alle wissen, ganz gleich in welchem Lager wir stehen! - Klimaschutz eine zentrale Rolle bei der Umstrukturierung unserer Wirtschaft einnehmen wird? Jemand, der sich mit Sprüchen zitieren lässt, mit denen man selbst in konservativen Wirtschaftskreisen heute peinliches Schweigen erntet - und zwar nicht deswegen, weil man sich nicht der Komplexität der Materie bewusst ist, wie der Mann anscheinend annimmt -, ausser man besäuft sich auf einem Empfang des Competetive Enterprise Institute oder von Exxon ? (Und Hand aufs Herz: Wer geht da noch hin?)

Am Ende des Interviews kommt die Rede noch auf die Investoren, die mehr oder weniger die Ansicht von Herrn Hambrecht zu stützen scheinen, denn wie der BASF-Manager dem Spiegel bestätigt, geht es "den meisten (..) nur um die Quartalszahlen". "Nur eine sehr überschaubare Gruppe von Investoren achtet vornehmlich auf Dinge wie Ökoeffizienzanalysen." Ethisches Investment ist ein Thema, das mir durchaus am Herzen liegt, also schauen wir mal, was Eure Kollegen aus den "überschaubaren" Investorengruppen zum Klimawandel zu sagen haebn. Drei Vorfälle fallen mir da auf die schnelle ein und igrendwie kann ich bei diesen Fällen auch nachvollziehen, was Herr Hambrecht da durch den Kopf gegangen sein muß:

Nehmen wir die Schwatz- und Philosophenbude eines kleinen, von Übernahmeängsten gepeinigten Finanzinstituts, das sich aufgrund seiner Überschaubarkeit noch den Luxus leisten kann, darüber nachzudenken, ob es nun in London und Frankfurt seinen Sitz haben soll. Die meinten vor ein paar Monaten:

"Die jüngsten Hinweise in den Weltklimastatistiken und -prognosen sollten Anlass zum Neuansatz für die Energie- und Umweltkonzeption in Europa und der Welt sein. Europa sollte dabei die Vorreiterrolle übernehmen. Die Erklärung der Umweltminister der 27 Mitgliedstaaten am 20. Februar 2007, wonach der Treibhausgasausstoß in der EU bis 2020 um mindestens 20% unter das Niveau von 1990 zu senken ist, ist deshalb zu begrüßen. Machen auch andere Industrieländer mit, soll der Klimagasausstoß von CO2 oder Methan sogar um 30% reduziert werden. (...) Bei der Lastenverteilung zeichnet sich ab, dass einzelne Länder wie Deutschland wegen größerer Wirtschaftskraft mehr leisten müssen."
Deren Professor aus Heidelberg aus Frankfurt hat zudem 'nen kindischen Humor, die zählen also wirklich nicht.

Oder sollten wir uns vielleicht an jene 33 Investment-Unternehmen halten, deren Zusammenschluss den umständlichen Namen "International Investor Group on Climate Change" trägt und just vor ein paar Tagen "ambitionierte Ziele für absolute Treibhausgasreduktionen der Industrieländer" gefordert hat? Der Aufruf benutzt zwar die üblichen Differenzierungen hinsichtlich der unterschiedlichen Verantwortlichkeiten von Industrie- und Entwicklungsländern. Aber wer in toto gerade mal Assets von überschaubaren 3 Billionen EUR verwaltet, muss nun wirklich keine Ahnung vom Seuchenklima des 19. Jahrhunderts haben.

Und letztlich gilt das auch für jenen verlorenen Haufen, der sich rund um die sogenannte UNEP-FI zusammengeschlossen haben. UNEP ist das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, FI steht für Finance Industry. Geht also um ökologische Gutmenschen.
Und die meinten vor zwei Wochen die Welt einschießlich der BASF gerade mit einer Erklärung der Finanzindustrie zum Klimawandel beglücken zu müssen. 20 Vorstandschefs von so überschaubaren Unternehmen wie Allianz (760 Milliarden EUR Assets), Münchner Rück (175 Milliarden EUR Assets), UniCredit (190 Milliarden EUR), Westpac Banking Corporation (300 Milliarden Dollar) oder Standard Chartered Bank (266 Milliarden Dollar) fordern da verpflichtende Emissionsreduktionsziele für die Industrieländer von 20-30% bis 2020 und 60 - 80% bis 2050.

Was meint Ihr, geschätzte Investoren der BASF, waren es solche Gedanken und Bewertungen, die Jürgen Hambrecht zum Thema "Investoreninteressen und Klimawandel" einfielen? Wie auch immer, mein Eindruck ist, IHR könnt auf jeden Fall richtig einschätzen, warum Eure Kollegen solche Klimaschutz-Forderungen an die Industrieländer stellen. Und vielleicht regt sich unter einigen von Euch ja ohnehin schon die Neigung, die berufliche Zukunft von Herrn Hambrecht überschaubar zu gestalten. Denn solcherlei ist sicherlich ein Beitrag dazu, dass das 21. Jahrhundert dann doch so erfolgreich wird wie das 12.



*Disclaimer: Auch wenn es die Stamm-Leser zum wiederholten Male hören: Ich bin in Sachen Klimaschutz und ethisches Wirtschaften kein neutraler Beobachter, sondern arbeite und engagiere mich in dem Bereich. Wie immer: Wer genaueres wissen will, kann entweder Nachforschungen betreiben oder mich auch direkt fragen. Bis auf diverse obskure und schräge Gestalten, denen ich in den vergangenen Jahren aus unterschiedlichen Gründen mal auf die Finger gehauen habe und deren Neugier für mein Leben eher niederen Interessen entspringt , bin ich auch auskunftswillig.

**"Das ist Angstmache"; SPIEGEL-Gespräch mit BASF-Chef Jürgen Hambrecht über die Umweltpolitik; S. 81-83; SPIEGEL Nr. 26 / 25.06.07

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