Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Das reale Risiko von ernsthafter Verwirrung

Schöner Satz, den nerone da im Bericht des sozialistischen Rapporteurs im Wissenschaftsausschuss der parlamentarischen Versammlung des Europarats gefunden hat.

"There is a real risk of a serious confusion being introduced into our children’s minds between what has to do with convictions, beliefs and ideals and what has to do with science, and of the advent of an “all things are equal” attitude, which may seem appealing and tolerant but is actually disastrous."

Das ist ihre Angst, ihre Pein, nicht nur in Bezug auf den verwirrten Geist von Schülern, auch bei Studenten. Ein Spezialist für diese Pein hat mal den Kern dieser Sorge bei einer Grand Dame des Kampfes gegen den Tolerantismus schön herauspräpariert:

"»Wie, keine Hauptreligion?«, fragt Maria Theresia in einem Brief an ihren Sohn Joseph (...), »Toleranz, zur Doktrin erhobene Gleichgültigkeit, sind eben die wahren Mittel, alles zu untergraben... Wie könnten man sonst diese Leute eindämmen? Gar nicht, weder Galgen noch Rad hülfe da ... Ich spreche hier nur als Politiker, nicht als Christin. Wollen Sie mitansehen, wie jeder seiner Phantasie gemäß handelt?: nichts ist notwendiger und vorteilhafter als die Religion. Ohne festgesetzten Ritus gibt es auch keine Unterwerfung unter die Kirche und wohin führt dies? Das Faustrecht würde wieder auferstehen.«" (1)

Wie sehr sich doch die Argumente gleichen, auch wenn die Vokabeln ausgetauscht (mehr noch: vertauscht) werden.

Noch ein schöner Satz bei Nerone (sein Kommentar zu dem Ganzen):

"Wer eine wissenschaftlich fundierte Theorie (wie die Evolutionstheorie) durch Verbote schützen muss gesteht die Angst um ihre Fallibilität ein. Aus der Erkenntnis, dass die fundamentalistischen Ideen auch in der EU auf fruchtbaren Boden treffen, lässt sich meines Erachtens nur mit Bildung antworten."


(1) Paul Feyerabend: "Erkenntnis für freie Menschen"; Frankfurt a.M., Veränderte Ausgabe 1980; S. 149
nerone (Gast) - So, Jul 01, 2007

übrigens,

ich habe mit der Lektüre begonnen! Das (Feyerabend) schmeckt ein wenig nach Revolution. Es scheint allerdings schwer aktuell zu sein, gerade wegen der Werkzeuge wie das Internet und webzwonull.

Danke nochmal für den Hinweis auf ihn.

gruß
Julio Lambing - So, Jul 01, 2007

Update

Wie der Pressekonferenz (Video hier) entnommen werden kann, war Herr Guy Lengagne ''erstaunt'', ''entsetzt'' und ''schockiert'' und sieht einen Rückfall des Mittelalters, weil sein Bericht als einziger von einem Paket von 3 Berichten wegen "Unausgewogenheit" nicht zur Abstimmung zugelassen wurde: "Für mich ist das ein Manöver jener Menschen, die mit allen Mitteln die Evolutionstheorie bekämpfen und ihre kreationistischen Ideen durchsetzen wollen."

Wir sehen diesen Rückfall ins Mittelalter vor allem daran, was der zweite Bericht zum Inhalt hatte, der sowohl zur Tagesordnung zugelassen als auch in einer Abstimmung angenommen worden war:

"Human rights must ultimately take precedence over religious principles where they conflict, PACE (the Parliamentary Assembly of the European Council) said today in a recommendation, following a special debate on intercultural and inter-religious dialogue. States should welcome and respect religions, in all their plurality, “as a form of ethical, moral, ideological and spiritual expression” by citizens, and should protect individuals’ freedom to worship, but there should also be a clear separation of church and state, the parliamentarians said."

Da merkt man wie die europäischen Institutionen bereits vom Fundamentalismus überrollt sind.

Peter Schmid von dem Schweizerprotal Jesus.ch fragt zurecht:

Es wäre interessant, von Monsieur Lengagne und seiner Gruppe Antworten auf die folgenden Fragen zu erhalten:

- Inwiefern hat der Glaube an die Evolution des Menschen die Mentalität gefördert, dass wir auf Kosten der folgenden Generationen die natürlichen Ressourcen des Planeten verbrauchen können - weil diese, evolutionär fortgeschritten, Lösungen finden werden?
- Was hat der Wildwuchs der säkularen, Gott-losen Fortschrittsgläubigkeit im 20. Jahrhundert - kein Gott im Himmel, kein Schöpfer, der Rechenschaft einfordert - zum Grössenwahn und zur Umweltzerstörung beigetragen?
- Wie schafft es der Mensch, der sich als "Zigeuner am Rande des Universums", als Zufallsprodukt eines blinden Prozesses ohne Ende verstehen muss, Sinn im Leben zu finden und sich vernünftig, verantwortungsbewusst und zukunftsoffen zu verhalten?
- Wenn der Mensch das Mass aller Dinge ist, sich aber als ständig evoluierendes Wesen sieht, wie kann er Werte setzen, die der Gesellschaft Stabilität verleihen?

Auf diese Fragen sollte Europa Antworten erhalten. Damit würde der Europarat seiner Bestimmung gerecht.


Gute Fragen und berechtigte Fragen. Aber sollte man diesen Katalog nicht noch um den Punkt ergänzen, wie das Christentum zum Fortschrittsmythos beigetragen hat, als es das Konzept der Vorsehung, der Heilsgeschichte und des kommenden Reich Gottes universalisierte, und so das Prinzip etablierte, die Vergangenheit aus der Zukunft zu erklären ? Und es wäre vielleicht auch eine Meditation wert, darüber nachzudenken, was der Drang zur Ausbeutung der Erde mit dem Satz zu tun haben könnte: "Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht."

Na kommt ihr noch mit, ihr Gralshüter der Evolutionslehre? Alles so kompliziert hier, nicht wahr?

(Letzteres ist eine spezielle Bemerkung an die Herren der AG Evolutionsbiologie, die hier unweigerlich zur notorischen Observation vorbeiziehen werden. )
biologe (Gast) - So, Jul 08, 2007

Keine Sorge, Herr Lambing

ich komme da ganz gut mit, auch wenn ich nur ein schlichter Naturwissenschaftler bin. Peter Schmidt dürften meine Antworten auf seine Fragen nicht gefallen, und erst recht nicht jene, die ich auf Ihre Ergänzungsfragen hätte. Ich bin der Ansicht, dass jeder Ansatz, der den Menschen zur "Krone der Schöpfung" erklärt und die Welt zur Ausbeutung frei gibt, egal, ob er religiös oder reduktionistisch "klotzmaterialistisch" daherkommt, sehr viel zur den heutigen ökologischen Problemen beiträgt. Es sind Rechtfertigungsidelogien für ein bequemes "nach mir die Sintflut"-Denken, nur einmal hat uns der liebe Gott erlaubt, nicht an "morgen" zu denken, sonst sind es die ökonomischen Sachzwänge, die uns nun einmal zur Ausbeutung zwingen.
Julio Lambing - Mo, Jul 09, 2007

Oh, ein differenziert denkendes Mitglied der AG Evolutionsbiologie, das sich öffentlich äußert? Ich dachte, da gäbe es nur eines.

Nun meine Beantwortung der Fragen von Peter Schmidt dürften den Ideologisierten unter den Evolutionstheoretikern genauso wenig gefallen. Denn die unselige Liäson von Größenwahn und verantwortungsloser Beschränkung auf die Froschperspektive des Spezialisten auf der einen Seite und die Säkularisierung auf der anderen Seite haben selbstverständlich etwas miteinander zu tun. Das scheint mir die Antwort auf Schillers Frage: "Das Zeitalter ist aufgeklärt (...), liegt es, daß wir noch immer Barbaren sind?"

Und meine Beantwortung der Fragen an Peter Schmidt dürften den Kreationisten nicht gefallen. Denn es gibt meines Erachtens einen Zusammenhang zwischen dem Christentum und der modernen Evolutionstheorie, das letztere ist ein geistesgeschichtliches geistesgeschichtlicher Kind Enkel des ersteren.

Nun gibt es gücklicherweise bei den Christen auch den Gedanken der Verantwortung für die Schöpfung, der zentral für das heutige christliche umweltpolitische Denken geworden ist. Aktuell sind christliche Organisationen ganz wichtige Verbündeten, um der Ausplünderung der Erde entgegen zu treten. Ob das für die von einer ideologisierten Variante der Evolutionstheorie durchzogenen Milieus ähnlich gilt, weiß ich nicht. Mein Eindruck ist, daß auf die Christen mehr Verlaß ist und sich diese eine Sensibilität bewahrt haben, die den anderen - verpanzert in ihrer ausgeräumten Welt - mittlerweile fehlt.
biologe (Gast) - Mo, Jul 09, 2007

Da ich im Umwelt- und Naturschutz und in der Naturpädagogik arbeite ..

.. kann ich Ihnen, was den letzten Absatz Ihrer Antwort angeht, teilweise zustimmen: ich habe gute Erfahrungen bei der Zusammenarbeit mit christlichen Gruppen gemacht. Ich wäre auch jederzeit bereit, mit einem engagierten "Umweltschützer aus christlicher Motiven" zusammenzuarbeiten, auch, wenn er (oder sie) "Intelligent Design"-Anhänger sein sollten. Als Biologe bin z. B. gut mit dem Leben und Wirken des Mönches Gregor Mendels, des "Großvaters der Genetik", vertraut. Die Motive seines Forscherdranges waren christlich-mystischer Natur. Das gilt für etliche berühmte Biologen.
Mit "junge-Erde-Kreationisten" hätte ich aber Probleme. Allerdings stellt sich die Frage nicht, denn mir ist kein "junger-Erde-Kreationist" bekannt, der sich im Umwelt- und Naturschutz hervorgetan hätte. Auch wenn es vielleicht ein Klischee ist: diese Menschen leben viel wenig in "unsere", diesseitigen, materiellen Welt, als dass sie ihnen viel an ihrem Schutz gelegen ist. Nach der "nahen Apokalypse", wo Gott die Welt kaputt macht, macht uns Gott dann eine Neue (vorausgesetz, wie waren vorher brav und keine Sünder).

Einen Zusammenhang zwischen dem Christentum und der modernen Evolutionstheorie? Historisch halte ich das für denkbar, obwohl die Evolutionstheorie gegen den zuweilen erbitterte und bis heute anhaltenden Widerstand vieler, sehr vieler Christen durchgesetzt Das ändert aber nichts daran, dass die moderne Evolutionstheorie eine wissenschaftliche Theorie ist, während jede Form des Schöpfungsglaubens eine Form der Metaphysik ist, die sich der experimentellen oder emipirisch-messtechnischer Erfassung (die wir manchmal "objektiv" nennen, was eine grobe Vereinfachung ist) aus prinzipiellen Gründen entzieht. Um ein Beispiel Richard Dawkins aufzugreifen, mit dem er meines Erachtens (bei aller Wertschätzung als Fachkollege) daneben gegriffen hat: "Kein vernünftiger Mensch glaubt mehr an den Donnergott Thor". Mag sein. Aber es ist wissenschaftlich unmöglich, eine Aussage über die Existenz oder Nichtexistenz Thors zu treffen. "Tut mir leid, andere Abteilung! Wir hier bei den messenden und beobachtenden Wissenschaften sind dafür nicht zuständig."
Diese moderne Evolutionstheorie, die Vieles enthält, was Darwin noch nicht wissen konnte, ist der Vorläufige Stand unserer Erkenntniss - und wird deshalb mit Sicherheit ergänzt - oder gar von einer umfassenderen Theorie abgelöst werden. Etwa so, wie Newtons Theorien durch die Allgemeine Relativitätstheorie Einsteins abgelöst wurden.
Das ändert aber nichts daran, dass die Gravitation wirkt und in guter Näherung mir Newtons Gleichungen berechnet werden kann.
Also: für mich führt kein Weg "hinter Darwin" zurück, sehr wohl aber einenr "über ihn hinaus". Die Evolution ist eine gut erhärtete Tatsache, ebenso gut erhärtet ist, dass sie ohne "übernatürliche Hilfsmittel" auskommt. Über einen Schöpfer im Sinne eines Pantheismus oder Deismus lasse ich gern mit mir reden, wie auch mystische Ansätze "meine Kreise" als Biologe nicht stören. Was stört: wenn sich ein Metaphysiker in nicht-metaphysische Naturvorgänge einmischt. Newton, obwohl tief gläubig, hat auch keine Engel und Dämonen in seine Himmelsmechanik eingebaut. Für mich fällt "ID" geistesgeschichtlich hinter Newton zurück.

Ich kann die Frage, ob speziell die Evolutionstheorie dazu beigetragen hat, die Welt als Maschine und Rohstofflieferant und sonst nichts zu sehen, ehrlicherweise nicht beantworten. Ich kann nur, als Praktiker im Naturschutz (Wildbiologie), sagen, dass die Evolutionsbiologie einschließlich der gern angefeindeten Soziobiologie für meine Arbeit unverzichtbare "theoretische Werkzeuge" liefert, ohne die die heutige Ökologie nicht verstanden werden könnte. Und ohne ökologisches Verständnis, ohne Kenntnis der tiefen Zusammenhänge innerhalb eines Biotops, ist sachgerechter Naturschutz nicht möglich. Viele der Fehler, mit deren Folgen wir hier in "unserem" Waldgebiet heute zu kämpfen haben, resultieren aus "gut gemeinten" Maßnahmen früherer Naturschützer. (Gut, das ist ein Sonderfall, im Allgemeinen fluche ich eher über Menschen, denen der Naturschutz völlig schnuppe war oder ist.)
Als Naturpädagoge bin ich der Ansicht, dass unsere Schüler früh 1. in die Grundlagen der Evolutionsbiologie und 2. in die Grundlagen der Ökologie eingeführt werden sollten (von der Grundschule ab und nicht erst in der 8. oder 9. Klasse). Damit sich die "Liebe zur Natur" auch im "Verständnis für die Vorgänge in der Natur" niederschlägt und nicht im von mir und meinen Kollegen oft bedauerten "Bambi-Syndrom" steckenbleibt.
Schöpfungslehre - gut, wenn die Schüler im Religionsunterricht den Respekt vor der Schöpfung lernen. Schlecht, wenn sie dort lernen, dass Evolutionsbiologen "die Schöpfung" auf einen seelen- und sinnlosen Mechanismus reduzieren. Vor allem: in Bio-Unterricht hat die Schöpfung nichts verloren. Nicht aus Gegnerschaft, sondern weil sie eine andere Kategorie des Wissens ist!
Julio Lambing - Di, Jul 10, 2007

Ich antworte mal in zwei Teilen, hier der erste

der zweite morgen Abend.

>mir ist kein "junger-Erde-Kreationist" bekannt, der sich im Umwelt- und Naturschutz hervorgetan hätte. Auch wenn es vielleicht ein Klischee ist: diese Menschen leben viel wenig in "unsere", diesseitigen, materiellen Welt, als dass sie ihnen viel an ihrem Schutz gelegen ist.

Ich würde das beim christlichen Kreationismus differenziert sehen wollen. "Junge Erde"-Kreationisten, wenn wir darunter die aktiven Vertreter desselben verstehen, haben ersteinmal andere Sorgen als Umweltschutz, stimmt. Und ersteinmal scheint mir auch, daß gerade evangelikale Kreise - als bevorzugtes Biotop dieser Kreationisten - in der Vergangenheit nicht durch ein starke Umweltagenda aufgefallen sind. Aber Ausplünderung der Erde meint mehr als nur Umweltschutz und ich sehe durchaus ein politisches Engagement der Evangelikalen z.B. bei Armut oder Ausbeutung. Und ich vermute zudem, daß Klimaschutz der entscheidende Anlaß sein wird, daß auch das Gros der Evangelikalen in umweltpolitische Interpretation von "Stewardship of God's Creation" einstimmen wird. Da tut sich einiges. (Schönes Beispiel diese Diskussion.) Der Trend in den USA geht seit Monaten in diese Richtung und bestätigt meine Eindrücke von Gesprächen mit Kirchenvertretern auf den Klimaverhandlungen. Ich sehe auch keine plausible theologischen Gründe, die dagegen sprechen. (Interessant auch, was sich in Deutschland in streng katholischen Milieus tut.)

>Nach der "nahen Apokalypse", wo Gott die Welt kaputt macht, macht uns Gott dann eine Neue
Sorry, ich halte das für ein versimplifizierendes Klischee, das Kurzzeit-Kreationisten wie Prof. Scheerer oder Dr. Junker nicht gerecht wird. Das scheint mir eher die Art zu sein, wie Telepolis und der Spiegel gerne Kreationisten unter Verwendung US-amerikanischer Vorzeigeevangelikale darstellen, weil das schön ins Bild passt.

>"Kein vernünftiger Mensch glaubt mehr an den Donnergott Thor"
In der Art wie Dawkins "Donnergott" aussieht, hat auch wahrscheinlich niemand an den "Donnergott Thor" geglaubt.

>Aber es ist wissenschaftlich unmöglich, eine Aussage über die Existenz oder Nichtexistenz Thors zu treffen.
Die Diskussion krankt schon daran, daß sich Naturwissenschaftler in der Regel einen Dreck darum scheren, wie Enititäten wie "Thor" zu verstehen sind. Ausser einer platten Projektionsthese kommt da in der Regel nichts, geschweige denn etwas gescheites. Sicherlich ist es etwas dran an der indigenen Aussage: "Wenn die Wissenschaftler auf die Insel kommen, verschwinden die Geister." Schon deshalb, weil wissenschaftliche Honorationen mit "Geisterjäger"-Attitüde zwar hier hoch angesehen, aber - nach allem was man so hört - für Geister óder auch Götter eher selten interessante Kommunikationspartner sind - sozial wie intellektuell.

Aber selbst wenn sie auf der Insel bleiben würden: Ob solche Entitäten wissenschaftlich nachweisbar sind, ist eine Frage, die von den jeweiligen Wissenschaften und dem zeitgeschichtlichen und kulturellen Kontext, in dem sie sich befinden, abhängen. Denn DIE Wissenschaft gibt es genauso wenig oder soviel wie es DIE Kunst oder DIE Religion gibt. Sie findet immer in Kontexten statt, die sich gehörig unterscheiden können, und es ist noch nicht ausgemacht, daß sich in der Wissenschaftstheorie eine Essenz des "Wissenschaftlichen-An-Sich" durchsetzt, die von allen Wissenschaftstheoretikern geteilt wird. Bis jetzt scheint mir jeder Versuch eines solchen wissenschafttstheoretischen Essentialismus gescheitert. Und selbst wenn es wissenschaftlich unmöglich wäre, heißt es noch lange nicht, daß es irrational wäre, die Existenz Thors vorrauszusetzen (das letzte Wort ist mir wichtig, denn in der Regel sind Götter Teil einer Ontologie, die den Wissenschaften vorgelagert und schon deshalb ausser deren Reichweite, aber noch lange nicht unwissenschaftlich ist.)

>Evolutionstheorie dazu beigetragen hat, die Welt als Maschine und Rohstofflieferant
So wie man das Neuheidentum nicht naiv von seinen geistesgeschichtlichen Bezügen zur ariosophischen und faschistischen Ideologie freisprechen kann, vor allem in Bezug zu den prägenden romantischen Verarbeitungen (warum ich das erwähne, sollte ja klar sein), so wäre es verschleiernd, nicht den Bezug der Evolutionstheorie zum Fortschrittsglauben der Aufklärung als geschichtlichen Ahnen, zu der Preisung des Konkurrenzkampfs egoistischer Marktakteure als prägende Hintergrundströmung und zum Sozialdarwinismus als geschichtliches Kind zu erwähnen.

Zu dem ganzen anderen Sachen (Newton, "hinter Darwin zurückgehen", Kreationismus im Schuluntericht etc.) antworte ich morgen oder übermorgen. Vorab: Ich bin mir nicht sicher, ob Sie die Diskussionen hier oder vor allem hier kennen. Die Lektüre kann zum Verständnis meines Standpunkts in diesen Dingen viel beitragen - und auch manche hiesige Anspielung erklären.
biologe (Gast) - Mi, Jul 11, 2007

Ich bin Ihrer Anregung gefolgt und habe nachgelesen

Sehr interessant - vor allem die Diskussionen zu Ihrem "Auftritt" im Radio.
(Da ich heute einen freien Nachmittag hatte, habe ich mir die Zeit genommen, mich etwas gründlicher mit Ihnen bzw. Ihrem Blog zu beschäftigen.)
Ich habe bei einem Waldlehrpfad-Projekt einige nicht-rechtsextreme und "Thorhammerträger", also Odinisten oder wie sie sich nennen, Asatrus getroffen. Es fällt mir schwer, die durchaus vernünftigen und sehr "bodenständigen" Ansichten dieser wirklich naturverbundenen Leute mit ihren Aussagen, u. A. in dem MP3 der SWR-Gesprächsrunde unter einen Hut zu bringen. Erheblich leichter fällt das mit bei der ebenfalls in der Diskussion auf ihrem Forum erwähnten Gruppe "Singvögel" - ich erkenne natürlich die Gemeinsamkeiten, aber wenn der Vergleich erlaubt ist: Ich sehe Sie als "Salon-Neuheiden", als Theoretiker, als "Theologen" - die Leute damals im Wald und wahrscheinlich auch die "Singvögel" sind eher Praktiker. Wobei die "Feld, Wald und Wiesenheiden" dem historischen Vorbild sehr viel naher kommen dürften, als Ihre doch recht theoretischen Ausführungen (im Interview und an anderer Stelle).
Sicher, Richard Dawkins hat nicht an den wirklich verehrten Gott Thor gedacht, als er seinen Aussatz schrieb - der "Donnergott Thor" steht bei ihm für eine "vorwissenschaftliche Ad-Hoc"-Erklärung, nicht für einen Mythos. Da verwechselt er etwas, und gleicht darin den fundamentalistischen Christen, die dazu neigen, die Mythen der Bibel nicht als Mythen, sondern als Tatsachen (sogar als Tatsachen im juristischen Sinne) anzusehen. Auch ich gebrauche Mythen, wenn ich, z. B. für Kinder, Fabel einsetze, um ihnen elementare Vorgänge im Lebensraum "Wald", "Heide" oder "Moor" verständlich zu machen. Nun könnte ein künftiger "Dawkins", der meine Manuskripte in 2000 Jahren findet, auf die Idee kommen, ich hätte geglaubt, Tiere könnten sprechen. Oder, noch schlimmer, meine umgearbeiteten und zum Teil auch (mit Hilfe meiner Kinder) selbsterfundenen "Erklär-Fabeln" würden Teil eines religiösen Kanons. Und irgend ein Fundi-Priester würde behaupten, dass vor 2000 Jahren die Tiere sprechen konnten - die Schriften des Propheten "M. P." würden es beweisen!

Auch auf die Gefahr hin, bei Ihnen ganz tief ins Fettnäpfchen zu treten: Viele Ihrer Äußerungen haben außer einem doch, was Sie ja sogar zugeben, arroganten Stil, einen "postmoderne" Anmutung, die viele Naturwissenschaftler sofort in "volle Deckung" gehen lässt. (Dass Sie wahrscheinlich auch anders können, zeigt Ihre Zusammenarbeit mit Klimaforschern. Das sind auffällig oft richtige Temperamentsbrocken, ich spreche da aus Erfahrung. Die gehen nicht in Deckung, wenn man ihre Ergebnisse für "verhandelbar" hält, die greifen an. Zum Glück nur verbal. Ich kann das Temperament der Klimatologen gut verstehen, schließlich werden Ihre Ergebnisse ständig für verhandelbar erklärt, von fachlich unkundiger Seite instrumentalisiert oder nach Belieben und Interessenlage verzerrt.) Genau das ist es auch, was mich an Ihren Texten so irritiert: das Sie "harte Fakten", experimentell überprüfbare Tatbestände, tausendfach gegengescheckte Messergebnisse relativieren bzw. - für "gleichwertig" mit Erkenntnissen aus Mythos, Religion und sogar Magie, wenn ich es recht verstehe, halten. "Meine" Odins- und Thorverehrer, die mir damals tatkräftig und sachkundig im Wald geholfen haben, wären wohl nicht im Traum auf so etwas gekommen. (Sie erinnerten mich immer sehr an ehemalige "Christliche Pfadfinder", wenn Sie wissen, was ich meine: Pragmatisch, praktisch, erdverbunden, auch in Glaubensdingen. Und immer bereit, zuzupacken, wenn es Probleme gibt.) Sicher, wenn sie von "ihrer" Weltsicht erzählten, dann klang das schon irgendwie "esoterisch" (wenn auch längst nicht so abgehoben und wortreich wie der durchschnittlich Eso-Shop-Kunde - in Ökologie-Gruppen findet es diese harmlose, aber lästige Spezies ein oft ein fruchtbares soziales Biotop; zum Leidwesen deren, die sie dann durch Wald und Heide führen.) Aber wenn es um Biologie ging, da standen sie mit beiden Beinen auf dem Boden der modernen Naturwissenschaft, Welteneibe hin, Runenwerfen her. Sie konnten auch klar zwischen "Sozialdarwinismus" und echter Evolutionstheorie unterscheiden - wir haben uns am Lagerfeuer stundenlang über Sozialdarwinisten, Rassisten und den unguten Einfluss der Ariosophie auf viele Neuheiden unterhalten, aber auf die Idee, Biologen wie Darwin für den "biologischen" Rassismus verantwortlich zu machen, wären sie nicht gekommen! Also: sie haben sich nicht naiv von seinen geistesgeschichtlichen Bezügen zur ariosophischen und faschistischen Ideologie freigespreochen, sie haben dem Sinne nach gesagt: Das hier ist unser Ding, die Nazi-Odinisten machen ihr Ding, das wir ablehnen und bekämpfen, wir halten uns nach Kräften,von ariosophischen und faschistischem Gedankengut fern und klären naive Mit-Heiden darüber auf, was an ihrem Gedankengut unbemerkt "braun" sein könnte.
Der Sozialdarwinismus und die "Vergötterung" des egoistischen Konkurrenzkampfes berufen sich zwar auf die Evolutionstheorie, so wie sich Selbstmordattentäter auf dem Koran und alten und moderne Kreuzritter auf die Bibel berufen. Oder wie sich die Nazis auf die ollen Germanen (die sich nicht mehr wehren konnten) beriefen. Leider gab es immer wieder ein paar ideologisch verblendete Biologen - und leider noch mehr Biologen, die die Zähne nicht auseinander bekamen, wenn es darum ging, Rassisten, die sich auf "die Biologie" beriefen, öffentlich kontra zu geben. Ich stelle mich solchem Gedankengut entgegen, weil ich es für meine Pflicht als öffentlich auftretender Biologe halte.
Aber - Darwin trifft keine "Verantwortung" und erst recht keine "Schuld" daran, was Idioten aus seiner Metapher von "Kampf ums Dasein" (Struggle for Life) gemacht haben. (Und dabei u. A. übersahen, dass schon Darwin erkannte, dass kooperatives Verhalten "evolutionär sinnvoll" sein kann.) Sozialdarwinismus ist Pseudowissenschaft, nicht meine Baustelle als Biologe - aber ein politisches und soziales Ärgernis, dass ich als Bürger bekämpfe.
Noch eines, weil mein Kommentar schon so lang ist, dass es nicht mehr darauf ankommt: Sie erinnern mich leider manchmal an eine Karrikatur eines "postkonstruktivistischen / postmodernen Geisteswissenschaftlers", der sich mit ein paar Brocken Foucault und ein Brocken Feyerabend jeder wissenschaftlich-soliden Diskussion entzieht. (Wofür ich Foucault keine "Schuld" gebe, Feyerabend, dem ollen Provokateur, schon eher. Ja, ich hatte auch mal "Wissenschaftstheorie", fand es interessant, und könnte sogar seitenlang über Kuhn, Popper, Adorno usw. schreiben.)
"Die Naturwissenschaft ist nur ein willkürliches Konstrukt zur Aufrechterhaltung der längst in Verruf gekommenen Vorstellung, dass Fortschritt immer möglich und, mehr noch, in jedem Fall wünschenswert sei. Solche Ideen führen zu tyrannischen Gesellschaftsordnungen. Die vorgebliche Objektivität der Naturwissenschaften verbirgt nur die Tatsache, dass es sich dabei um "Sprachspiele" wie viele andere handelt. Derart willkürliche Konfigurationen gehören in ein Begriffsuniversum, das von kontroversen Diskursen bestimmt ist. Sogenannte naturwissenschaftliche Gesetze über andere Konstrukte zu stellen, ist gleichbedeutend mit einer Kolonisation der intellektuellen Landschaft.
.
Ich habe den Eindruck, dass einige Ihrer Äußerungen in diesem Blog diesem Text nicht ganz unähnlich sind.
Julio Lambing - Mi, Jul 11, 2007

Doch nicht differenziert?

Vielen Dank, daß Sie sich etwas umgeschaut haben.
Ich greife mal ein paar Punkte aus ihren letzten Antwort exemplarisch raus, ich denke dann wird schon klar worauf ich hinaus will.

>Wobei die "Feld, Wald und Wiesenheiden" dem historischen Vorbild sehr viel naher kommen dürften, als Ihre doch recht theoretischen Ausführungen (im Interview und an anderer Stelle)

Mir ist egal, ob ich nun ein echter Heide bin oder nicht, ich mag das Wort eh nicht. Aber könnte es nicht sein, daß Sie möglicherweise klischeebeladene Vorstellungen über das Heidentum haben? Was soll das denn sein mit dem "historischem Vorbild"? Wieso sollte ein heutiger Heide einem "historischem Vorbild" nachkommen? Und welches Vorbild sollte es dann korrektermaßen sein? Wie sieht denn der echte Heide der Geschichte aus? Mit Fell bekleidet und Met saufend durch den Morast Germaniens schlurfend? Sind Babylonier, Assyrer, Etrusker, Griechen, Römer und Ägypter der Antike keine Heiden? Sind es die Anhänger des Shintō nicht? Was ist mit dem Großteil der sogenannten "hinduistischen" Kulte? Was mit Mayas und Azteken? Und gibt es dort keine theoretischen Ausführungen? Porphyrios ist kein Heide, weil man das Christentum nur kritisieren darf, in dem man etwas von der Magie der schönen Natur raunt? Und wer in Hellas des 5. vorchristliochen Jhr. seine Reflektionen zu den Götter in Dramen kleidete, der ist auch nur ein Vorläufer Satres? Oder war der Hellene generell kein Heide und der echte Heide (also ein Kelte oder Germane) zu blöd zum theoretischen Denken?

>Genau das ist es auch, was mich an Ihren Texten so irritiert: das Sie "harte Fakten", experimentell überprüfbare Tatbestände, tausendfach gegengescheckte Messergebnisse relativieren bzw. - für "gleichwertig" mit Erkenntnissen aus Mythos, Religion und sogar Magie, wenn ich es recht verstehe, halten

Das ist leider so allgemein, daß ich darauf nicht richtig eingehen kann: Erstens würde ich sagen, daß die Bezeichnung "harte Fakten" selbst eine relative Beschreibung ist. Das, was in Bezug auf einige Aussagen als "harter Fakt" deklariert wird, kann in anderen Zusammenhängen als etwas ganz "softes" gelten. Und dann würde ich fragen, wie hart "E = mc2" im Vergleich zur Feststellung ist, daß Helmut Kohl gerne Saumagen ißt. Und schließlich ist mir nicht bekannt, daß ich "experimentell überprüfbare Tatbestände" und tausendfach gegengecheckte Messergebnisse" je thematisiert, geschweige denn relativiert habe. In Bezug auf die Evolutionstheorie auf jeden Fall nicht. Kann es sein, daß Sie sich da gerade ein Bild zurechtzimmern? Werde ich jetzt mit dem Feyerabend der 70er und 80 Jahre verwechselt? (Es gibt natürlich eine Relativierung von Tatbeständen, die ich - wie viele - plausibel finde: Nämlich, daß Theorien durch Erfahrungsdaten unterbestimmt sind. Bin ich jetzt dadurch ein Postmoderner?)

>Biologen wie Darwin für den "biologischen" Rassismus verantwortlich zu machen, wären sie nicht gekommen
Tut das denn jemand, ausser einigen polemischen Kreationisten? Warum dann die Bemerkung? Aber selbst wenn man es nichttut, muß man bei der Verteidigung von Darwin auch nicht alles rosa malen, was meinen Sie? Oder ist da wirklich gar keine Brücke zwischen den "niederen oder höheren Menschenrassen" bei Darwin und dem was Ernst Haeckel umtrieb? Und kein Bezug zur Nationalökonomie auf der britischen Insel? Und keiner zum Evolutionismus eines Herbert Spencer? Darwin so heilig wie Marx und Jesus - frei nach dem Motto: Die Lehre ist vom kulturellen Umfeld unbefleckt, schlimm ist nur was die Menschen daraus machten?

>ein paar Brocken Foucault und ein Brocken Feyerabend jeder wissenschaftlich-soliden Diskussion entzieht
Wissen Sie, jetzt fängt es an langweilig zu werden. Täusche ich mich oder reiht sich hier eine Unterstellung an die andere? Wird jetzt nach dem Klischee des Kreationisten das Klischee des Postmodernen ausprobiert? Glauben Sie, daß solche Generalisierungen zweckdienlich sind? Oder ist die Tatsache, daß ich vermeine, keine überzeugenden Gründe gehört zu haben, warum Kreationismus und Intelligent Design per se unwissenschaftlich sind, bereits der Grund für die Diagnose, daß ich mich "jeder wissenschaftlich-soliden Diskussion entziehe"? Etwa weil die Argumente für diese Verdammung so solide sind?

Zu dem von Ihnen aufgeführten Zitat:
Vielleicht hilft zur Differenzierung ja auch ein kurzer Kommentar von mir. Satz 1 halte ich für ziemlichen Unsinn, weil Naturwissenschaft nichts willkürliches ist und auch nicht erschaffen wurde, um den Fortschrittsglauben zu befeuern . Satz zwei ist richtig, wenn er meint, daß Fortschrittsglauben zu totalitären Gemeinwesen führen kann und es eine entsprechend ernstzunehmende Gefahr gibt. Satz 3 bringt wenig, weil auch andere Sprachspiele objektiv sein können. Was sollte "vorgeblich" dann bedeuten? Satz 4 kapiere ich nicht. Satz 5 ist zu ungenau, als daß ich ihm zustimmen oder ablehnen könnte.
Mag also sein, daß Sie dieses Ziat an manches erinnert, was sie hier gelesen haben. Wiederfinden tue ich mich darin aber nicht. Und wir beide wissen, daß das ein lausiger Text ist, nicht wahr?

Ich habe jetzt ziemlich Aufwand betrieben, Mutmaßungen über mich richtig zu stellen. Mutmaßungen, die mir in einem gewissen Zusammenhang mit Klischees zu stehen scheinen. Das ist - das können Sie sich denken - eher langweilig für mich, und bringt mir auch nichts. Denn ich bin, wie ich ja andeutete, eher an differenzierten Urteilen und Meinungen interessiert. Meine Bitte an Sie wäre also, diesen Gesprächsstil zu überdenken. Denn als Grundregel für dieses Blog gilt, daß es in erster Linie mir etwas bringen muß, ganz egoistisch, wenn Sie so wollen. Das können Sie als Newcomer nicht unbedingt wissen, aber vielleicht ist diese Info jetzt eine Anregung. Sie müssen Ihren Gesprächsstil nicht ändern, aber dann werden Sie sicher auch Verständnis haben, dass ich in die nächsten Antworten nicht mehr soviel Zeit investieren werde.

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