Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Hermetik, nicht klassische Antike als Ausgangspunkt der Aufklärung?

Gerade eine Aufsatzsammlung von Frances Yates über Giordono Bruno und die Renaissancephilosophie zur Hand genommen, über deren zufällige Möglichkeit zum Erwerb ich vor einigen Wochen so erfreut war, daß mir der Preis nebensächlich schien: 18 EUR für das Wagenbach Heftchen, das nach Auskunft des Marburger Antiquars schwer erhältlich ist. (Ich weiß nicht, ob es stimmt.)

Grund war auf der einen Seite der Wunsch, sich einfach noch einmal mit den ganzen Esoterikern und Okkultisten in der Kinderstube der europäischen Naturwissenschaft zu beschäftigen: Kopernikus, Bruno, Kepler, Galileo Galilei, Newton - für viele Naturwissenschaftler bis heute eine unbekannte Facette ihrer Geschichte, da sie spätestens seit der Hagiographie des 19. Jahrhundert alle als Betreiber reinster Wissenschaft im kollektiven naturwissenschaftlichen Gedächtnis hängengeblieben sind. (Wenn das Obskure sich partout nicht leugnen lies, dann haben sie nach unzweifelhafter Gewissheit dieses Gedächtnisses immerhin doch ein wissenschaftliches Werk hinterlassen, das von dem atavistischen Okkultismus - selbstverständlich gut evolutionistisch als ein Relikt des Mittelalters gedeutet! - sauber getrennt werden kann. (Man kann übrigens immer nur wieder den Kopf schütteln, mit welcher Naivität atheistische Kirchenkritiker oder "materialistische" Religionsfeinde ausgerechnet Giordano Bruno als Frontfigur wählen. Diese geschichtliche Blindheit dürfte aber weniger eine Folge der bekanntermaßen mangelhaften Ausbildung von Naturwissenschaftlern sein, sondern in einem weiteren Kontext stehen, siehe unten.)

Anlaß war auf der anderen Seite wiedermal einer dieser langweiligen und vorhersehbaren Schlagabtäusche zu einem eigentlich echt abgelutschten Thema. (Ich geh hier nicht darauf ein, aber ich hoffe wirklich, dass in ein oder zwei Dekaden die Pawlow'schen Reflexe dazu aufhören werden.)

Zurück zu Yates: Seitdem ich ihre Hinweise las, wie selbst bei Francis Bacon der hermetische Adam als Leitfigur der Erkenntnis herausgearbeitet werden kann, wie Bacon selbst in Auseinandersetzung mit dem Rosenkreuzertum und vor allem der Renaissancemagie steht, geht mir ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf:

Bisher war meine Einstellung, die Antike als das weibliche Elternteil der Aufklärung zu begreifen. Aber steht wirklich die Antike am Ausgangspunkt der Aufklärung? Anscheinend nicht, zumindest nicht jene Antike, die mit naturreligiösen Konzepten greifbar wäre. Klar, daß die Hermetik die Naturwissenschaft angestoßen hat, aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Sondern: Die Hermetik könnte auch der Idee der bürgerlichen Freiheit einen untergründigenden, aber dennoch entscheidenden Impuls gegeben haben. Der Magier, der die Gesetze des Kosmos nutzt, um frei zu sein, um gottgleich zu schaffen und dennoch in Harmonie mit dem Kosmos zu sein. Der Magus: der Souverän.

Das ist ein Punkt, der mir so noch nicht klar war. Faustus also nicht nur am Anfang der Wissenschaft, sondern am Anfang der Zivilität? Das würde einen deutlichen Unterschied für unsere heutige politische und intellektuelle Kultur machen, zumindest dann, wenn wir anerkennen, daß naturreligiöse Mentalität und magisch-okkulte zwei unterschiedlichen Einstellungen sind: Hier öffentlicher Kult, dort Mysterium.

Yates fragt in einem der Aufsätze nach dem Übergang von der Phase der Renaissancemagie zu dem, was heute als Wissenschaft gilt. Eine weitere spannende Frage, denn "Max Weber" ist wohl eines der ersten Stichworte, die einem in den Sinn kommt: War es wirklich nur das Prinzip der Zweck-Mittel-Rationalität, angelegt im Samen des Protestantismus? Ist das der Grund, warum der Biologe von heute zwar einerseits wie ein Magier an den Genen rumschraubt, um neues Leben zu schaffen, aber gleichzeitig nicht nur dieses Schrauben und Forschen methodisch diszipliniert und kleinteilig bleibt ("Methodismus" fällt einem passend-unpassenderweise prompt ein ;-) ), sondern auch das Bewusstsein merkwürdig reduziert bleibt und festgeleimt auf einem Spezialistenhorizont: Wer kennt nicht die politische und geschichtliche Naivität und Ignoranz, mit der solche Biologen, ihr Schrauben verteidigen?

Der philantropische Pathos ließe sich erklären, der den Naturwissenschaftler ähnlich wie John Dee und Giordano Bruno unmttelbar mit dem Kosmos, also mit den höchsten Sphären verbindet. Ist das nicht der Grund, warum es nur ein kleiner Schritt ist von der Quantenmechanik zum Nirvana und Kosmos und Alleinsverbundenheit etc. etc. ? Yates erzählt von einer merkwürdigen Naherwartung, von der sie in den 60ern erfuhr:

"Als ich im Observer vom 26. September 1965 las, fünfhundert der teuersten Wissenschaftler der ganzen Welt seien in Oxford versammelt und befänden sich in einem ZUstand hochgespanntr Erwartung, weil sie glaubten, die immer tiefer in die Materie endringende Hochenergie-Physik sei kurz davor, zu einer »völlig neuen Ebene der Wirklichkeit« durchzubrechen, schien es mir so, als hätte ich derlei früher schon einmal gehört. Im Rosenkreuermanifest von 1614 wird verkündet, eine große Morgenröte breche an, in deren Licht der Mensch im Begriff sei, »seinen Adel, seine Herrlichkeit und die Gestalt des Microcosmos zu verstehen und zu erkennen, wie weit sich seine Kunst in der Natur erstrecke.« Vielleicht stellen diese Worte nicht so sehr eine Vorausschau auf die begrenzte Sicht der Revolution des siebzehnten Jahrhunderts dar, als vielmehr auf eine noch ganz andere Morgenröte. " (1)

Erklärt sich nicht die Nähe der Esoteriker zur Naturwissenschaft durch die Nähe der Naturwissenschaftler zur Esoterik?

Aber wie hängt das mit der merkwürdigen Blindheit zusammen, die dem Naturwissenschaftler eine weniger radikale Erweiterung des Horizont, nämlich ein ganz handfestes Bewusstsein konkreter politischer, ökonomischer und soziale Machtverhältnisse versperrt? (Auch darin ist er ja dem Esoteriker ähnlich.) Woher kommt die Froschperspektive, die ja auch der Grund für die geschichtliche Kritiklosigkeit und Naivität sein dürfte, Naturwissenschaftler wie Giordano Bruno, Kopernikus und Galileo zu kleinen Richard Dawkins im Kampf für eine materialistische Wissenschaft zu verklären? Sie scheint kein Erbe des Renaissancemagus zu sein.

Und hier scheint mir auch der Unterschied zum dem staatsbürgerlichen Souverän zu sein, der seine Dienste als Pädagoge, Ärzt, Fabrikleiter, Kriminologe in den Dienst der Staatsmächte stellt. Er kann bei aller Kleinteiligkeit seiner Arbeit (Schulbänke und Examen, Untersuchungen und Studien, Werkdrill und Verbrechensbekämpfung) die Utopie einer humaneren Gesellschaft immer konkret auf die sozialen Folgen seines eigenen Handelns runterbrechen. Oder? Die mittlere Perspektive von Politik und Geschichte, und auch die Bedingtheit der eigenen Positon scheint diesem irgendwie näher zu sein.

Eine Anmerkung zum Schluß, offtopic: Man ist einfach nur gerührt und beieindruckt, wie eine Frau im O-Ton so unendlich bescheiden und vorsichtig auftreten konnte, angesichts der Bedeutung, die heute ihre Forschungen haben.

(1) Frances A. Yates: "Giordano Bruno in der englischen Renaissance"; Berlin 1989; S. 102

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