Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Abenteuer oder Teestube? Bemerkungen zu Damen, die noch was vorhaben könnten

Ein paar generelle Gedanken anläßlich eines Aufsatzes zu Chancen der Anthroposophie

Nerone weist auf einen Artikel von János Darvas zur Positionsbestimmung und Zukunft der Anthroposophie im 21. Jahrhundert hin ("Anthroposophie in geänderter Zeitlage", erschienen bei Info3). Zentrale Frage:

Was für ein Potential hat die Anthroposophie als lebensreformerisches Projekt für die zeitgenössischen Auseinandersetzungen?

"Hat sie die Hürde zum 21. Jahrhundert wirklich nehmen können? Ist sie tatsächlich zu jenem heilenden Kulturfaktor geworden, der zu sein sie beansprucht? Ist die quantitativ vergleichsweise bescheidene Ausdehnung und Aufnahme ihrer Impulse nicht doch im Ganzen zu wenig wirksam geblieben? Darf man dennoch auf die homöopathische Wirkung der kleinen und mittleren Initiativ-Inseln weltweit - Schulen, Heime, Höfe, Kliniken, Publizistik, Sozialinitiativen, Forschungsinstitute und Akademien - hoffen, wo durch mengenmäßig Kleines qualitativ Großes bewirkt wird? Oder muss eingestanden werden, dass sich die globalen Krankheitsformen, die es zu heilen galt und gilt, so verhärtet haben, dass die kleine Zahl der Träger und Freunde anthroposophischer Aktivität bislang zu wenig auszurichten vermochte? Diese Fragen können gestellt werden. Besser wäre es aber, sich eine andere ganz lapidar vorzulegen: sind die Potentialitäten dieser zu Beginn des 20.Jahrhunderts aufgetretenen Bewegung eigentlich ausgeschöpft worden?"

Mit anderen Worten: Ist die Anthroposophie eine lavendelmuffende Jungferntante, die brav nach Maria Thun ihre Wohnungspflanzen pflegt und ansonsten beschlossen hat, sich und ihre Umwelt wohltätig zu langweilen? Oder ist sie eine fesche Dame, die auf ihren Esprit und ihr Wissen setzt und ganz unbescheiden noch ein paar Männern den Kopf verdrehen will, geeignetenfalls sich auch begatten lässt? Und wenn letzteres: Auf welche Möglichkeiten und Gelegenheiten soll die Lady setzen?

Ich bin kein Anhänger von Rudolf Steiner, also könnte es mir egal sein, ob die Sophie von den Anthros nun dahinmeditiert oder noch ein bisschen Spaß hat - sieht man mal davon ab, daß man sich immer über eine attraktive Bereicherung im menschlichen Umfeld freut. Aber ähnliche Fragen wie jene von János Darvos müssen sich auch eine ganze Reihe anderer Milieus stellen, die ebenfalls einen alternativen Lebensstil pflegen und sich damit beschäftigen, wie es weiter geht. Wo ist das Potential? Davros entwickelt dazu ein paar interessante und wie mir scheint auch exemplarische Überlegungen. So lohnt es sich auch für jemandem wie mich, auf Darvas Aufsatz einzugehen und ihn zum Anlaß zu nehmen, um ein paar generelle Sätze über Hoffnungen und Mentalitäten in lebensreformerischen Milieus loszuwerden.


Die Tante und ihr Meditieren

Darvas entwirft die Antwort auf seine Frage, indem er sich an drei Themen entlang hangelt: Moderne Medienwelt ("Verstellte Wirklichkeit: Medienzerrbilder versus Seinserfahrung"), Meditationspraxis ("Neue Spiritualität - sinnvoller Austausch") und das Revival der religösen Frage ("Religion - Fundamentalismus versus spirituell Kreative").

Der Abschnitt "Medienzerrbilder versus Seinserfahrung" seines Artikels schildert die Risiken der neuen technologischen Möglichkeiten der Multimedia-Welt, zu der sich dann die anthroposophische Meditationspraxis ganz sperrig als Widerstandspotential erweisen kann: Wer um die Macht des eigenen Bewusstseins weiß und so anschaulich aus eigener Erfahrung lernt, wie Wirklichkeit gestiftet wird, der ist weniger anfällig für die multimediale Macht, so sein Hinweis auf das Potential der Anthroposophie. Da schon was dran an diesem Hinweis. Meditation kann helfen, dem Sog der Bilderwelt standzuhalten.

Aber die ganze Erörterung der Gefahren und Verführungen der modernen multimedialen Angebote hat für den Aussenstehenden auch etwas betuliches - und selbstvergessenes. Vielleicht ist die anthroposophische Bewusstseinserweiteurng ja gar nichts so etwas Widerständiges? Was wäre denn, wenn die von Darvas kritisierte "Süchtigkeit nach virtueller Verstellung der Welt" nur eine Weiterentwicklung der von der Anthroposophie mitforcierten Süchtigkeit nach Innerlichkeit ist? Wenn sich die durch die Anthroposophie gehypte Schau aller möglichen Wesensheiten auf einer wahrnehmungsgeschichtlichen Linie befindet, die irgendwo in der Romantik und im europäischen Okkultismus des 19. Jahrhunderts beginnt und jetzt bei "The Ring" und PlayStation 2 angekommen ist? Ist die "Akasha-Chronik" oder die "Geheimwissenschaft" soviel anders als Jacksons "Herr der Ringe"? Vielleicht sind ja die bunten Bilder und Levels von Second Live und Warcraft nur die Fortentwicklung der bunten Bilder und kosmischen Sphären von Engelwesen, Devas und spirituellen Meistern, wie sie uns aus den Derivaten der Theosophie überkommen sind?

Spätestens wenn solche Zusammenhänge überlegenswert scheinen, dann bietet es sich an, nicht nur über die Risiken der neuen Medienwelt zu meditieren, sondern auch deren Chancen und Potentiale mit einzubeziehen. Wenn man auf die vom Autor verwendete Metapher von der "inneren Bewusstseinssituation" abheben möchte, dann würde es sich z.B. anbieten auf so etwas wie die "Proteische Persönlichkeit" und deren Chancen für ein Leben jenseits der starren Muster der Industriegesellschaft einzugehen. Vielleicht helfen die neuen Medien dem Meditieren und befreien die Wahrnehmung aus starren Mustern? Auch Beaudrillard fiele einem ein und noch manches andere aus der postmodernen Theorienschmiede. (1)

Aber selbst wenn man wie ich persönlich den Ansatz von der "Proteischen Persönlichkeit" nicht für sonderlich weitzielend hält (sie scheint für mich ein optimistischerer Aufguss des Marketing-Charakters von Erich Fromm zu sein) und bei den Postmodernen auch nicht glücklich werde, könnte man auf die Potentiale einer neu eroberten Artikulationsfähigkeit durch die neuen Medien hinweisen. Ich habe hier die Möglichkeit unkompliziert und ohne Hindernisse umgehend Davros Artikel zu kommentieren. Auch eine ganze Reihe von Anthroposophen tummeln sich längst in der Blogosphere. Jüngst wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass es nun auch schon möglich ist sein eigenes dezentrales Fernsehen zu machen. Das Aufbrechen von Gatekeeper-Strukturen in der Medienwelt, ist das nichts, was dem humanistischen Impuls der Anthroposophie und ihrem Faible für Buntheit und Dezentralität entgegenkommt? Und trägt die neue Kraft des bürgerlichen Individuums, die durch die Möglichkeit entsteht, sich im öffentlichen Raum selbstbestimmt zu äussern, nicht zur Herausbildung einer neuen politischen Persönlichkeit bei, die in der Anthroposophie verbreiteten Demokratievorstellungen durchaus entspricht?

Vor diesem Hintergrund wirkt eine Erörterung dieses Punkts durch Davros dann doch eher: tantenhaft. Nix mit fescher Lady. Wenn die Anthroposophie aufschliessen will zu einem lebensreformerischen Impuls, der heutige junge Menschen begeistert, würde es ihr gut tun, nicht nur mit einer Medienkritik aufzuwarten, die an die angestaubten Zeilen von Neil Postman erinnert. (2)

In der anthroposophischen Meditationspraxis sieht Darvas besonderes Potential: Meditationspraktiken haben sich generell sehr verbeitet, was ihrer öffentlichen Akzeptanz förderlich ist. Die Tradition der anthroposophische Meditationspraxis bieten aber seiner Meinung nach als einzige Tradition eine sinnvolle und überreiche Befruchtung nicht nur von Naturwissenschaften, Kultur- und Sozialwissenschaften bis hin zur Mathematik und Theologie, sondern auch des sozialen Lebens. Um die sich daraus ergebende Chance zu nutzen, als auch den inneranthroposopischen Lernprozess anzuregen und zugleich ein Gegengift zur anthroposophische Autoritätshörigkeit zu kultivieren empfiehlt Darvas der anthroposophischen Szene den offensiven interspirituellen Dialog über Meditation. Aus dem Blickwinkel eines Nicht-Anthroposophen kann ich nur sagen: Strategisch nicht dumm, wenn man sich im Mainstream etablieren will. Und zugleich auch innovativ gedacht. Meditation als kultureller Stimulus, undogmatisch erweitert, das könnte neue Gebiete für die Sophie erschliessen.

Aber diese neu erschlossenen Gebiete scheinen nicht die wuseligen Strasse und Plätze unseres Lebens zu sein oder gar die urbanen, pulsenden Zentren der modernen Zivilisation. Sophie soll sich anscheinend zu einem Gang ins Yogazentrum, ins Ibiza-Manager-Retreat oder in den Gruppenraum des evangelischen Pfarrheims aufraffen. Das kann sicher dazu beitragen, neuen Schwung ins Leben zu bekommen, wenn man den Lavendelgeruch in den eigenen vier Wänden satt hat. Nur: Würde man das "fit für das 21. Jahrhundert" nennen? Oder anders formuliert und nocheinmal den Waldorf-Pädagogen angesprochen, der gezwungen ist, sich immer wieder auf neue Entwicklungen in der Populärkultur einzustellen: Die Jungen sollen den Stab weiterreichen, diese Hoffnung ist doch auch in der Anthroposophie präsent. Achtsamkeits- oder Konzentrationsübungen mögen sicherlich hilfreich und auch vielseitig variierbar sein, aber sind sie wirklich eine Chance, um z.B. junge Menschen für die Anthroposophie zu begeistern? Was ist mit ekstatischen Formen der Bewusstseinserweiterung, die so gar nichts mit Beschaulichkeit zu tun haben? Was mit Raves - und zwar nicht nur braven Trance, sondern z.B. Schranz? Oder hat János Darvas solcherlei mit dem Begriff "Meditation" mitgemeint? Sollte man dann nicht doch gleich einen Reload anthroposophischer Spiritualität und deren Begrifflichkeit im 21. Jahrhundert andenken? So nach hundert Jahren Daseinspflege könnte das doch mal angesagt sein.


Der Golden Dawn der Kulturell Kreativen

Als drittes schließlich thematisiert Davros Artikel das Erstarken traditioneller religiöse Bewegungen: Im neuerlich angeheizten Zusammenprall zwischen radikalem Laizismus und autoritär gebundener Religion sieht der Autor die besondere Chance bei den "Kulturell Kreativen" als neue, dritte Kraft:

"Sie können für die Abwehrreaktionen der Konservativen gegen Irrläufe zügelloser Entmenschlichungstendenzen der Moderne Verständnis aufbringen, müssen aber die Rückbindung an autoritäre Gesinnungs und Gemeinschaftsnormen ablehnen. Sie teilen die Grundsätze der Freiheit, die von Progressiven vertreten werden, durchschauen aber deren antispirituellen, reduktionistischen Tendenzen als Widerspruch zu eben jener Freiheit."

Die "Kulturell-Kreativen", das ist das neue Zauberwort bei vielen lebensreformerischen Bewegungen und Milieus und es liefert mir das entscheidende Stichwort, um ein paar generelle Bemerkungen loszuwerden. Zur Erklärung für diejenigen, die den Begriff zum ersten Mal hören: Dieses von dem US-amerikanischen Soziologen und Lebensstilforscher Paul Ray und der Psychologin Sherry Ruth Anderson aus Ergebnissen der Marktforschung rekonstruierte Lebensmilieu hat gewisse Ähnlichkeiten/Überschneidungen mit anderen wohlbekannten, von Marktforschern entdeckten Konsumentengruppen wie LOHAS und LOVOS oder die Postmateriellen und Experimentalisten aus den Sinus-Milieustudien. Gemeint ist eine Bevölkerungsgruppe, die persönlichkeitsorientierte mit "grünen" Wertvorstellungen kombiniert: Aufgeschlossen, tolerant, idealistisch, anspruchsvoll, sozial engagiert, spirituell und/oder an Selbsterfahrung interessiert, feministisch, einen ökologischen und nachhaltigen Lebensstil bevorzugend, besserverdienend, gebildet. Das Wort "ganzheitlich" wird gerne verwendet, um die weltanschauliche Orientierung dieser Gruppe zu beschreiben.

Übereifrige kirchliche Sektenjäger als auch notorische Dummschwätzer aus dem linken Milieu (3) hatten den Begriff gleich auf ihrer Abschussliste, weil ihn in Deutschland das ökospirituelle Milieu und die sogenannte Gemeinschaftsszene für sich entdeckte und versuchte, ihn für die eigenen Strategiedebatten politisch fruchtbar zu machen. In jenen lebensreformerischen Lebensmilieus, die von der institutionalisierten grünen Politik und Verbändelandschaft vor Jahren abgehängt und abgedrängt worden sind, gibt es schon seit längerem eine Diskussion, wie eine neue politische Bewegung jenseits der schon längst als etabliert und kompromittiert geltenden grünen und ökologischen Parteien und Organisationen auf die Beine gestellt werden kann. Wiedermal wird eine dritte Kraft jenseits der Traditionalisten und Modernisten (Rechts und Links etc.) beschworen, für die sich die Kulturell-Kreativen geradezu anbieten. Und was gibt es stärkeres als den Lockruf einer Bevölkerungsgruppe, die sich ihrer selbst noch nicht bewusst ist und erst durch Green Business und neue alternative Parteien aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst werden muss? Ganz wie anderen Bewegungen (Feministinnen, Lesben, Schwulen), die auf Emanzipation und Artikulations drängen: "Früher waren wir einsam, heute wissen wir, wir sind nicht allein und morgen werden wir die Welt verändern." Die goldene Morgenröte der Kulturell-Kreativen naht.

Die Idee der Kulturell-Kreativen kann ohne Weiteres an Ideen anschließen, die vor 30 Jahren zur Geburt der grün-alternativen Bewegung beigetragen haben. Und nachdem der Politologe Franz Walter die Kulturell-Kreativen als (möglicherweise verpasste) Chance der Bündnisgrünen ins Gespräch brachte, und die grüne Klientel den Vorschlag vereinzelt auch aufgriff, sickert der Begriff nun langsam in den Mainstream. Daraus wird vermutlich leider nicht die Einsicht gezogen werden, daß nicht automatisch alles, was von Esoterikern und spirituell orientierten Menschen und anderen Randgruppen der bürgerlichen Öffentlichkeit in die öffentliche Debatte gebracht wird, von vorneherein Schwachsinn ist. Man wird einfach vergessen, wer den Begriff zuerst in die Diskussion brachte.

Aber wie auch immer - seitdem die Ökospirituellen vor Jahren den Begriff aufgegriffen und eingeführt haben, geistert er auch durch die Esoterikszene: hier scheint endlich die demographische Basis für den Anbruch des Wassermannzeitalters gefunden worden zu sein. Hoffnungen werden wach, endlich auch spirituellen Ideen Gehör zu verschaffen, jenseits der Vorstellungen und Einflußsphären sowohl der traditionellen religiösen Großorganisationen als auch der säkularen, antireligiösen Weltanschauungsgruppen. Naheliegenderweise sieht Darvas auch die Anthroposophen bei dieser Gruppe der unorthodoxen Spirituellen und entsprechend als Stichwortgeber für neue Lösungen. Bei Fragen der Bioethik ließe sich zum Beispiel ihre dritte, alternative Weltsicht über Beseeltheit und Existenz nach dem Tod bereichernd in die öffentliche Debatte einbringen. Darvas hätte an dieser Stelle gar nicht so bescheiden sein und nur einen Punkt nennen müssen. Gerade in der deutschen Diskussion der Ökospirituellen wie sie in dem Organsationsnetzwerk Holon, der Partei der Violetten, dem Gesellschaftsprojekt Dynamik 5 oder dem Mediennetzwerk "Kulturell-Kreativ" abspielt, werden eime ganz Reihe an Ansätzen aus dem anthroposophischen Ideenpool (wie z.B. zum generellen Grundeinkommen oder der Dreiteilung der Demokratiestrukturen) immer wieder diskutiert. Sie alle sind eine Bereicherung in der gesamtgesellschaftlichen Debatte.

Tatsächlich ist viel zu lange unterschätzt worden, daß ein überdurchschnittlich gebildetes Milieu mit sogenannten grünen Werten existiert, das im Gegensatz zur offiziellen Linie der linksliberalen und grünalternativen Öffentlichkeit keine Scheu vor Selbsterfahrung und Spiritualität zeigt. Mir scheint dennoch die Hoffnung auf die gestalterische Kraft der Kulturell-Kreativen etwas verfrüht. Die soziologische Bestätigung, ob ein solches Milieu, wie es von Paul Ray konturiert wurde, überhaupt existiert, ist noch lange nicht fundiert genug, auch wenn jetzt für einzelne europäische Länder Studien vorgelegt werden. Selbst wenn es sich für Europa zeigen lassen sollte, dass der Begriff soziologisch Sinn macht, sollte man mit seinen Hoffnungen hinsichtlich eines lebensrefomerischen Golden Dawn durch die Kulturell-Kreativen haushalten. Denn noch ist gar nicht klar, ob es eine politisch relevante Verbreitung dieser Haltung in der Bevölkerung gibt. Vor allem ist nicht ausgemacht, wie stark dieses Milieu bereit und auch fähig ist, seine Werte politisch zu artikulieren und auszudifferenzieren - und das nicht nur, weil vieles sich noch "in einer festen Begriffssprache oder gezielten Aktionsstrategie artikulieren" muss, wie Darvas zurückhaltend formuliert. Denn abgesehen von jenen Themen, die durch die öffentliche Nachhaltigkeitsdebatte und als Ergebnis der grün-alternativen Bewegung bereits differenziert und konkretisiert sind (ökologischer Lebensstil, Demokratiereform etc.), bleiben gerade die für die kulturell-kreativen Vorstellungen als zentral genannten Themen wie Spiritualität und Gemeinschaftsleben politisch diffus und sozialgestalterisch impotent. Fragt man Protagonisten, was denn die konkrete politische Bedeutung des spirituellen Aspekts der kulturell-kreativen Gedankenwelt sein soll, ist außer allgemeinen Floskeln im Ganzheitlichkeitsjargon oft wenig Substanzielles zu hören. Zudem entstammen die Worte, derer man sich bei Erläuterung dieses Aspekts bedient, zumeist jener bekannten Melange aus evolutionistischer, psychologistischer und neognostischer Sprache, die aus der Verschmelzung der theosophisch inspirierten Esoterikszene mit dem Psychomarkt entstanden ist. Das sorgt eher für Stirnrunzeln als für Inspiration. Und es steht auch in einem gewissen Widerspruch zum eigentlich antielitären und körper- und naturbejahenden Impuls der grünen Bewegung.(4)

Andererseits ist seit einiger Zeit ein Interesse in Staat und Wirtschaft erwacht angesichts der Herausforderungen durch Klimawandel, Ressourcengerechtigkeit und Ressourceneffizienz Milieus mit grün-alternativen Neigungen und sanfen Lebensstil nicht nur ökonomisch zu nutzen, sondern auch als Lifestyle-Trendsetter zu stärken. Auch und gerade dann, wenn sie die Bereitschaft und Fähigkeit haben sollten, subsidiäre Wirtschafts- und Versorgungsstrukturen gegen die etablierten staatlichen Unterstützungsstrukturen zu setzen - und dazu sind auf Solidarität und Gemeinschaft orientierte ökospirituelle Milieus gerade zu prädestiniert, auch die Anthroposophen.


Paarung auch im fortgeschrittenen Alter

Schau ich mir das Erscheinungsbild jener Protagonisten an, die mit dem Konzept der "Kulturell Kreativen" hauptsächlich operieren, dann fällt mir vor allen Dingen das Alter und die ökonomische Situiertheit auf. Das Erscheinungsbild wird von Männer und Frauen bestimmt, die die grün-alternative Blütezeit in ihren Zwanzigern erlebt haben und heute stabil laufende Kleinunternehmen und mittelständische Betriebe aufgebaut haben. Es ist ein Milieu, das an einer entscheidenden biographischen Lebenswegkreuzung sich entschieden hat, umfangreiche Erfahrungen mit spiritueller und/oder psychologischer Selbsterfahrung zu machen. Mit kommunitären Wohn- und Lebensformen sympathisiert es zumindest oder hält sich sogar in solchen auf.

Es fällt mir aber auch auf, daß große Teile dieses Milieu auch elend hausbacken daherkommen. Bereits Musikstile wie Techno oder HipHop gelten als fatale Verirrung der Moderne, die man naserümpfend nur noch als entfremdeter und entfremdender Exzess der Musikindustrie zur Kenntnis nimmt. Die moderne elektronische Medienwelt versteht man nicht und will sie auch gar nicht verstehen. (5) Die spirituellen Vorstellungen haben sich in weiten Teilen nicht von evolutionistischen Konzepten - ein theosophisches Relikt - gelöst, wie die Popularität von Autoren wie Ken Wilber zeigt. Und das Faible für Spiritualität scheint oft in Praktiken zu münden, die eine merkwürdige Kopie braver Kontemplationspraktiken und Liturgien des Christentums sind, jetzt auf "meditativ" getrimmt. Um das Bild von oben spöttelnd weiterzuspinnen: Bei den Wollsockenträger bedeutet Ausgehen Kristallwasser zu trinken und auf geomantischen Wandertouren Pflanzendevas und Ortsgeister zu besichtigen, den spirituellen Reiseführer im Gepäck. Abends wird dann über Schäuble und die Globalisierung diskutiert. Ekstatischer Höhepunkt ist das lagerfeuerliche Zelebrieren des Songs "Was wollen wir trinken, sieben Tage lang".

Damit sind wir wieder also bei den Tanten: Noch mehr lavendelduftende Jungfern. Wenn das die Hoffnung für das 21. Jahrhundert ist, so denkt man, dann werden die am Lagerfeuer auch alt werden - und zwar alleine. Und damit komme ich auf jenen Punkt zurück, der schon in meinen Kommentaren zu János Darvas Ausführungen anklang: So wichtig eine gefestigte, solide und etablierte Lebenssituation für den Aufbau von alternativen Strukturen auch sein mag (die Anthroposophie war keine jugendliche Protestkultur und das hat ihrer Etablierung genützt), das oben geschilderte Milieu begeistert nicht, es hat keine Zugkraft. Zukunftsfähig kann kein Konzept sein, daß junge Menschen nicht mitreißt, sondern deren Ausdrucksformen mehr oder weniger als Dekadenz abtut. Und auch keines, dass die Chancen moderner Technik nicht wahrhaben will. Ganz generell vermisse ich bei jenem Milieu, das das Wort "Kulturell-Kreative" hoffnungsvoll im Munde führt, den Mut zu einem wirklichen Sprung in die Zukunft: raus aus der weltanschaulichen Behäbigkeit, die einfach nur den eigenen - durchaus legitimen - Lebensstil mit seinen Vorlieben und Ressentiments als Maßstab einer Kulturkritik macht. Raus aus der spirituellen Teestube, in der man doch schon alle Gesichter tausendmal gesehen hat.(6)

János Darvas hat Recht, wenn er für die Anthroposophie konstatiert:

"Gesucht werden müsste eine Sprache, die sich nicht im Jargon einer geschlossenen Insidergruppe erschöpft. Gesucht werden müssten Aktionsformen und Zusammenschlüsse jenseits des Hergebrachten. Gesucht werden muss vor allem der Weg hin zu den Menschen im gesteigerten Interesse und Mitgefühl: Eine Anthroposophie, die sich auf dem Experimentierfeld der Zeitgenossenschaft selbst auf die Probe stellt. Keine Anthroposophie, die fertige Antworten parat hält, sondern eine, die das Wagnis eingeht, mit ihren eigenen Potentialitäten am Ende vielleicht doch ernst zu machen."

Diese Mahnung scheint mir für eine ganze Reihe an Milieus zu gelten, nicht nur für die Anthroposophie. Könnte doch ganz schön viel Spass bringen, wenn all die erfahrenen Damen ihre batikseidene Schlurfigkeit ablegen würden und nochmal neu über kulturelle Paarung nachdenken, oder?

Und falls Potentialitäten gesucht werden, kann ich tatsächlich auch etwas empfehlen, ganz parteiisch:
Heidnische Traditionen eignen sich hervorragend als Dialogpartner für neue Antworten. Man müsste das nun genauer ausführen, aber dann würde der hiesige Artikel doppelt so lang. So kann ich heidnische Traditonen hier nur generell anpreisen: Sie bieten weltanschauliche und kulturelle Reservoirs um pluralistische, gemeinschaftsbezogene, demokratische Politik- und Sozialvorstellungen zu entwickeln. Sie verfügen über ausdiffenzierte Vorstellungen und Praktiken mit pflanzlicher, mineralischer oder tierischer Mit- und Umwelt zu kommunizieren. Sie haben ein gelassenes und dennoch ein für soziale Kohärenz und Harmonie sensibilisiertes Verhältnis zu Technologie und Wirtschaft. Und sie können sehr moderne Wege für Ekstase und Ausbruch bieten und auch mit alternativen Lebens- und Beziehungsformen aufwarten.
Zugegeben, der Zugang zu ihnen ist nicht ganz leicht: Man sollte sie weder mit den romantischen Verklärungen des 19. Jahrhunderts verwechseln, noch sie sich durch all die "Schamanen", "Goden", "Druiden", "Hohepriester" neuheidnischer Gruppen der Gegenwart erklären lassen. Denn deren Konzepte und Lebenseinstellungen - der Autor spricht aus eigener Erfahrung - sind so tantenhaft und spießbürgerlich, dass im Vergleich dazu auch noch der ringelwollsockigste Ökospirituelle und die frommheiligste Anthroposophin anarchistische Maniacs sind.


Anmerkungen:

(1) Um in der Bloggergemeinde zu bleiben: Es wäre spannend zu wissen, was ein mspro auf solche stereotypen Medienkritiken wie die von Darvas antworten würde.

(2) Ich weiß, dass der Autor seine Meriten in der Waldorf-Pädagogik hat und sicherlich keiner ungefragten Ratschläge hinsichtlich junger Menschen bedarf. Aber vielleicht kommt dem Vertreter einer undogmatischen und für Offenheit plädierenden Anthroposophie ja auch ein solcher giftig-spöttisch Kommentar ganz entgegen. Seinem Anliegen bin ich auf jedem Fall wohlgesonnen.

(3) Ich erinnere mich an einen Sektenbeauftragten, der der "Klein-Jasedow Familie" eine versteckte Ideologie unterstellt, weil sie mit dem Begriff der Kulturell Kreativen arbeiten. Und da das Kommuneprojekt ja auch noch behaupte, daß keine gemeinsame Weltanschauung vorliegt, sei dies ein ganz besonderer Hinweis auf die versteckte Ideologie. Man merkt: Die Kirchenjungs haben die Idee des Hexenbads tief verinnerlicht.

(4) Freilich muss man auch nicht hysterisch werden und kleinen harmlosen Projekten wie Dynamik5 oder dem Netzwerk Holon mehr oder weniger implizit Neigungen zur autoritären und totalitären Weltherrschaft unterstellen, wie das ein neuheidnischer Autor in einem schlampig recherchierten und vor Ressentiments strotzendem Blogbeitrag tut. Wer Jakob von Uexküll "Weltzukunftsrat" mit dem islamistischen Wächterrat gleichsetzt, der hat einen an der Waffel - erst recht, wenn er sich dabei auch noch als "Odins Auge" wähnt.

(5) Exemplarisch dafür die Aufsatzreihe von Gandalf Lipinski zu modernen Technologien (Teil 1 und Teil 2). Mag Gandalf Lipinski, dessen Engagement für lebensreformerische Ansätze ich ansonsten durchaus schätze, sich nur als isolierter Technikmuffel und Aussenseiter in dieser Angelegenheit sehen, so ist meine Beobachtung nach, nicht nur er sondern die ganze Szene so innovationsmuffelig.

(6) Ja, es gibt Ausnahmen, selbstverständlich. Und ja, wollte man sie aufzählen, dann müsste man als eine der ersten die Klein-Jasedower nennen.
nerone (Gast) - Mi, Jul 25, 2007

Kompliment

Ich habe mehrfach laut gelacht. Die Wollsockenträger habe ich in meine Zitatensammlung gestellt und somit für Deinen Beitrag geworben, wie ich hoffe.

Das mit der Meditation, da hatte ich mich ja bewusst raus gehalten. Auch die Medienkritik ist ein alter Hut in der Anthroposophie. Ich fand Deine Einlassungen zu diesen Themen spannend, ich hätte dass so gar nicht sehen können. Spannend finde ich den Versuch Medien und ihre Erscheinungsformen (Spiel und Fantasiewelten, Herr der Ringe, etc.) in eine Reihe mit der deutschen Romantik zu stellen. Gerade jetzt in der Ziet der SPIELZEIT (in Bayreuth) ist das doch recht aktuell. Spannend auch der Hinweis auf das formende Milieu der Bewegungen. Die Satuiertheit der Sinnsucher und ihr bürgerlicher Anspruch auf den formgebenden Kanon, der gerade mal in die eigene Jugend reicht, wenn sie (Ich muss wohl WIR sagen, wehre mich aber noch dagegen...) modern sein wollen, ist auch so eine Krux für reformierte Bewegungen.

Ich denke oft: wären sie doch ein wenig katholischer, diese Anthros, dann gäbe es wenigstens Fisch und Fleisch. Wenn sie dann noch Rheinländer wären, dann gebe es Karneval...

mspro würde mir in der Debatte auch gefallen. Ich folge jetzt Deinen Links. Dieser Beitrag war eine Freude. Ich warte noch auf die Fortsetzung von - Die heile Welt des Heidentums Teil 1 (http://axonas.twoday.net/stories/3665283/). Dann musst auch im Nachspann (gut plazierte -ich gebe es zu- ) Empfehlungen absetzen.

Liebe Grüße
Julio Lambing - Do, Jul 26, 2007

Die Sache mit der Kontinuität der bunten Bilder von Wagner bis Playstation:
Das müste man im Detail wirklich mal durchgehen, was das für diejenigen heisst, die andere Wirklichkeiten sehen. Vielleicht ist World of Warcraft ja wirklich ein gutes Trainingsinstrument zur Sichtung dieser Wirklichkeiten? Ob zudem die Meditation wirklich mehr zu der anschaulichen Erkenntnis leistet, daß unsere Wirklichkeit konstruiert ist, als die moderne Medienwelt würde ich sehr bezweifeln. Es ist doch kein Zufall, daß so viele Filme der letzten Jahren wie Matrix, The Thirteenth Floor oder Truman Show und und und eben diese Frage thematisieren, wie unsere für wirklich gehaltene Welt vielleicht selbst eine Illusion sein kann. Man muss nur intensiv für ein paar Stunden irgendein PC-Spiel spielen und danach das haus verlassen, um auf den Einkaufsstrassen der Innenstadt bummeln zu gehen: Da merkt man schon wie konstruiert das alles ist.

Und eine Anthroposophie, die offensiv und lustvoll auf PC-Games, Multimedia, Rollenspiel und all diese Dinge setzen: Das käme doch mal gut! Und das hätte auch Potential, da wäre ich mir sicher...

Zur Saturiertheit: Das die Leute ihren eigenen Kanon bei Aufbau von Strukturen etc. mitschleppen finde ich sogar okay. Denn schließlich müssen sie selbst sich ja in dem wiederfinden, was sie da aufbauen. Nur: wenn sie etwas für die Zukunft aufbauen, dann müssen sie mindestes zwei Generationen berücksichtigen, denn sonst wird die Hütte bald verlassen sein.
Und das mit dem katholischen Dosis, damit die anthroposophische Spassbefreitheit Risse bekommt: ja das höre ich mich desöfteren schmunzelnd an...
nerone (Gast) - So, Jul 29, 2007

Spassfreiheit

Hm - ;) mit die katholische Dosis scheint dich weniger zu überzeugen, als zu belustigen. Ich gebe zu, es ist ein kleine Provokation. Ich denke da immer an Don Camillo und Pepone. Für mich gilt es eher als Hinweis auf den pragmatischen Umgang mit großen, alten Traditionen, die sich kaum noch nach außen hin zu behaupten haben (Bitte um Rücksicht: hier könnte man natürlich einen weiten Diskurs beginnen und die Aussage genauer überprüfen - ich weiß das). Ihre Größe schafft Gelassenheit. Vielleicht ist es eher das.

Letztlich erlebe ich gerade in den Riten der Christengemeinschaft ein "sich Anhängen" an die Riten und Traditionen der großen christlichen Kirchen. Angereichert mit monistichen und wahrscheinlich auch theosophischen Inhalten werden die Urtexte ziemlich entschönt und entkräftet, dabei zudem vor allem dieses: Lang und Langweilig. Ich denke da muss man sich schon schwer ernst nehmen, "getragen" nennen es die Anthroposophen gern. Selbe Beobachtungen, die ich aber nicht so pointieren kann finde ich in der Anthroposophie wieder, in der sich alles auf Steiner beziehen lässt als wäre er der Ideenstifter der Welt.

Dies ist eine Kritik der Form und auch der Inhalten, sicherlich. Die Leute die ich dort vorfinde gehen in diesen Ernst hinein und lassen ihn dann hinter sich, wenn sie den Ritus verlassen. Die Priesterin beeindruckt, weil sie sich danach zur Gemeinde stellt. Sie ist eher eine Zeremonienmeisterin, denn eine "Amtsperson". Zumindest fand ich das in der Gemeinde vor, deren Gast ich war. Das wiederum unterscheidet dieses Milieu von den großen Kirchen (positiv).
Julio Lambing - Mi, Aug 01, 2007

Don Camillo für die Anthros...

Nö, ich glaube, du warst wieder etwas zu bescheiden, was die Reaktion auf deine Bemerkung angeht. Ich sehe wie du keinen großen Unterschied zwischen dem "Lang und Langweilig" einer "Menschenweihehandlung" und dem Lang und Langweilig manch anderer anthroposophischer Veranstaltung. Du musst mich also bei der Frage "Wäre eine Dosis Katholikentum Medizin für die Anthroposophie?" nicht überzeugen. Denn ich würde antworten: Ja.

Zumindest dann, wenn "mehr katholisch" heißt:
- Raus aus der Sinnenfeindlichkeit
- weniger protestantisch anmutende Strenge
- Raum für die verkehrte Welt und die Narrenbischöfe anstatt monistische Durchstrukturierung aller Lebensbereiche nach den Gesetzen kosmischer Weisheit
- Raum für die heimlichen "Sünden" und Doppelbödigkeit

Mitmenschlichkeit, wie sie Don Camillo aufweist, haben sie ja, unsere Camphill-Veteranen. Oder gibt es da noch was, was du ergänzen würdest?

Zu der Fortsetzung von "Die heile Welt des Heidentums Teil 1". Da gibt es schon was. Allerdings ist erst die Ursachenforschung, warum es diese Sehnsucht bei ganz unterschiedlichen Gruppen (Befürworter wie Kritiker) nach diesem klischeebeladenenem Heidentum gibt, fertiggestellt. Die Wiederlgeung des klischeees ist eien fleißarbeit, die wenig Spas macht. Und was am schwierigsten ist, ist eine eigene Konzeption. Da frickelt man herum und denkt und diskutiert und weiß doch, es ist ein langer Weg.
nerone (Gast) - Mi, Aug 01, 2007

so jetzt zu dir

Don Camillo versucht schon mal Dinge zu tun die so richtig nicht ins Bild eines Geistlichen gehören. Dann tritt er verschämt vor das Kreuz. Jesus schweigt dann. Camillo, zerknirscht:"Bist du da?"

Das war der Katholizismus den ich meinte, letztlich also deine Aufzählung, ja. ch bin mir nie ganz sicher ob das verstanden wird. Die Leute schreien immer gleich Hexenverbrennung, Zölibat, Inquisition. Das Zölibat lässt sich ja letztlich als Eingeständnis einer Existenz der Sinnesentfaltung lesen. Ihr wird ein Verbot oder ein Gebot gegenüber gestellt. Oder die Versuchung an diesen indischen Tempel, nur um den Schwengel der jungen Mönche zu reizen, damit sie lernen darüber weg zu meditieren. Das find ich alles irgendwie ganz Handfest :))

Ich freue mich auf die Fortsetzung und sage nur halte durch...
Übrigens will ich mich mal auf ein Thema stürzen, dass ich gern philosophisch verstehen will: Die Bedeutung der Reinkarnation für Leute die Behaupten in schweren Zeiten geboren zu sein. Sind die immer in Opferrollen gewesen? Märtyrer? Oder gibt es auch wiedergeborene Nazis, die heute Juden wären (das bitte nur um die Problematik zu verstehen)? Hat das eine Konsequenz für die Geschichtsauffassung? Ich will das mal verstehen, weil bei den Egoisten eine Diskussion läuft die ich gerade erst verstehe, weil eine Frau behauptet in der Zeit 1922-193.. gelebt zu haben und sich daraus ein Urteil über die Aufklärungsarbeit von Michael Eggert ableitet, dass ich jetzt erst noch begreifen muss - wenn ein Mann von geringem Verstande wie ich das überhaupt leisten kann. Das ganze werde ich wohl eher prosaisch angehen müssen: Frau B. liebte ihren A. inniglich, konnte sie doch nicht ahnen, dass er von B. aus ganz D. in Schutt und Asche legen würde. Ein Leben später fand sich B. als G. in M. wieder und reiste eines schönen Tages nach D. in die S. Nun war ihr klar, noch so ein Leben und ihr ihr Karma wäre entgültig hinüber...
biologe (Gast) - Di, Jul 31, 2007

Vielleicht gibt es auch das andere Extrem

Ein interessanter und streckenweise amüsanter Text. Mit "Anthropos" habe ich weniger oft zu tun, auch wenn auffallend viele ehrenamtliche Naturschützer mal auf der Waldorfschule waren. Die von Ihnen (ich bleibe erstmal beim "Sie") karikierte "Weltabgewandheit" und Verstaubheit der gängigen Anthroposophie hat ein Ex-Waldorfschüler mal "total ver-steinert" genannt, und erklärt, dass die Weltfremheit und das gespannte Verhältnis viele Antroposophen zur modernen Naturwissenschaft auf die extreme Autoritätsgläubigkeit gegenüber Steiner zurückzuführen ist. Die Rudolf Steiner posthum zu jenem "Guru" machen, der er zu Lebzeiten meines Wissens nicht sein wollte. (Ich habe vor Jahren ein Buch Steiners zur "biologisch-dynamischen" Landwirtschaft gelesen. Dass mein "fachliches" Urteil über die "Biologie" Steiners vorsichtig formuliert negativ ist, wird Sie nicht überraschen. Aber unter uns: der Bursche eine gute Beobachtungsgabe und eine lebhafte Phantasie - die vielen Wissenschaftlern leider abgeht. Es ist längst nicht alles Unsinn, was er da schreibt, auch wenn es mit der "wissenschaftliche" Grundlage nicht weit her ist.)
Zu einer anderen "Randgruppe", den "Neuheiden". Was Sie da schreiben, mag ich nach meinen - zugegeben fragmentarischen - Begegnungen mit "Neugermanen" kaum glauben:
"Denn deren Konzepte und Lebenseinstellungen - der Autor spricht aus eigener Erfahrung - sind so tantenhaft und spießbürgerlich, dass im Vergleich dazu auch noch der ringelwollsockigste Ökospirituelle und die frommheiligste Anthroposophin anarchistische Maniacs sind."
Ich glaube Ihnen gerne, dass Sie diese Erfahrungen gemacht habe. Ich habe mich aus Neugier auf einigen "heidnischen" Foren umgesehen, und finde sie überwiegend zum Gähnen langweilig. Bezeichnenderweise unterhält der "Rabenclan" ja kein Forum mehr - wenn die Außenwirkung ähnlich traurig war, wie z. B. beim "Hexenbrett", wundert es mich nicht.
Kann es aber sein, dass sich die heidnische/naturreligiöse Szene nicht nur in einen "rechtsextremen" und eine "demokratischen" Flügel, sondern auch in eine "brav angepasste" und eine "anarchistische" Fraktion gespalten sind?

Ich kenne aus meinem Bekanntenkreis einige "Ex-Autonomome" (ehemalige Hausbesetzer und "schwarzer Block"-Demostranten), die aus ihrer anarchistischen Gesinnung heraus auch glatt den "Weltzukunftsrat" mit dem islamistischen Wächterrat gleichsetzten würden, einfach, weil sie Hierarchien verabscheuen. (Ob sie einen an der Waffel haben? Hängt von Maßstab und Umfeld ab. Dumm sind sie jedenfalls nicht. Vielleicht leicht paranoid, aber nicht bekloppt.)

Meine Spekulation: es gibt "da draußen" neben "Nazi-Heiden" , "Spießer-Heiden" und bestimmt auch "ökosprituellen Heiden" (schließlich sind Sie im "Rabenclan") auch noch "Anarcho-Heiden", so Kriegertypen die sich gern mit "Nazi-Heiden" kloppen (verbal oder auch real), mit "Esokram" nichts am Hut bzw. Hörnerhelm haben, irgendwo zwischen "Schwarzer Block"-Antifa und Biker-Club der härteren Sorte zu finden und aus Prinzip "den Staat" und Autoritäten nicht mögen. Die Typen, die Abends am Lagerfeuer nicht nur mit "Torfrock" singen: "Wir saufen den Met bis keiner mehr steht", sondern es auch tun.
Gesteht man den "Anarcho-Heiden-Rockern" man noch einen leichten Hang zur Verschwörungtheorie hinzu, würde ich es "Odins Auge" oder wie der Mensch sich nennt, schon zutrauen, einen blasenziehend-polemischen Artikel gegen Weltzukunftsräte, ökosprituelle Netzwerke und lebensreformerische Kleinutopien zu schreiben.
mspro (Gast) - Di, Jul 31, 2007

hmm,

wie ich reagieren würde? Ganz erhlich? Eigentlich lieber gar nicht.

Ich kenne die technikfeindlichen Altlasten, der wie auch immer alternativen Szene zu genüge, als dass sie mich überraschen würden. Allein deshalb habe eigentlich auch keine Lust, mich dann damit argumentativ auseinanderzusetzen. Das hat aber zwei Gründe:

Zum einen, weil bereits einiges spannendes in Bewegung kommt zur Zeit, was mich, jenseits der Reformer, mehr interessiert. Es gibt viele Menschen, die sich Gedanken machen, wie wir einen alternativen Lebensentwurf und Gesellschaftsentwurf mithilfe und anhand der neuen Technologien erahnen können. Das finde ich spannend.

Die Gegensatzkonstruktion von Sein und Medien ist bereits so oft und von so vielen dekonstruiert worden (Benjamin, von Foerster, McLuhan, Luhmann, Baudrillard, Derrida, Kittler und all die Folgenden), als dass ich es hier noch mal ausbreiten wollen würde. Das ist alter Kaffee und wer diesen nun an die 100 Jahre währenden Diskurs so vollkommen verpennt hat, wird als Gesprächspartner uninteressant. (Ich weiß übrigens, dass das arrogant ist...)

Denn im Grunde scheitert ja schon Faktisch eine jede solcher Optionen an der Unmöglichkeit, die Entwicklung zurückzudrehen. Am besten gefällt mir noch Adams: "Manche meinten, es sei ein Fehler gewesen von den Bäumen herunter zu steigern. Manche meinten, schon die Bäume seien ein Holzweg gewesen..."

Wer sich selbst jeglicher Zukunftsperspektive beraubt, indem er ein Zurück nach irgendwas fordert, hat auch keine Zukunft verdient.

Ehrlich, ich bin solche Diskussionen leid, allein weil sie so aussichtslos sind. Ob die CDU die Rückkehr zur nicht mehr existenten Familie fordert oder ein Grüner seine Lebensmittel nur noch selbst anbauen will. Bitte. Macht doch was ihr wollt, aber lasst mich damit in Ruhe. Was mich zu Punkt zwei führt:

Denn zum anderen habe ich keine Lust, weil ich nicht an den Fortbestand von jeglichen "Bewegungen" glaube. Nicht an die Versammlung unter einem Motto, einem Glauben oder sonstirgendweinem Banner. Ich werde jeden Tag mehr ein Fan vom Individuum. Als solchem mag ich jedem Menschen gerne "Einstellungen" und "Meinungen" zugestehen, auch wenn sie maßgeblich von Rudof Steiner geprägt wurden. Einen anonymen Herrn "Anthroposophismus" aber mag ich nicht als Gespächspartner ernst nehmen. Und seinen Weg in die Zukunft wird mich ganz sicher auch noch eine ganze Weile uninteressiert lassen.

Kurz: Dinosauriern schaue ich höchstens beim sterben zu. Sie vom Selbstmord abzuhalten, käme mir wirklich nicht in den Sinn. Dafür gibt es viel zu viel Neues und Interessantes zu bestaunen auf der Welt. Da bin ich einfach viel zu sehr zu Evolutionist. ;-)

PS: Nicht das mich jetzt jemand falsch versteht: Das alles heißt nicht, dass ich was gegen esoterische Praktiken habe, auch nicht gegen Meditation, nicht mal was gegen Rudolf Steiner. Ich selber habe zu wenig Erfahrung damit, als dass ich mir hier ein Urteil erlauben würde. Vielleicht sind sie sogar sowas wie eine Perspektive. Ich glaube nur nicht, dass sie die verbleibenden Anachronismen aufzurechnen im Stande sind.
nerone (Gast) - Di, Jul 31, 2007

He Julio, komm mal an den Bildschirm...

...mspro hat war da.

[...]

Na, hat sich doch gelohnt, Julio. Da sind einige zitierfähige Zeilen bei. :)

Ich finde es prima, wie ich mich an einem Thema aufziehe, seit bald einem Jahr oder so und der mspro en passant mal eben so zwei, drei wahre Sätze formuliert. Es steckt etwas sehr entlarvendes in der Wahrnehmung von mspro (hast du den Artikel nun gelesen, oder auf Verdacht den Kommentar geschrieben?) Die Einstellung zum Individuum kann ich im übrigen auch mit Dir teilen. Es ist die beste Möglichkeit "bewegten" Menschen zu begegnen. Vielleicht kann Julio dich ja demnächst mit etwas anderen Themen einfangen. ;)
Julio Lambing - Di, Jul 31, 2007

Okay, war ein Versuch...

Danke für die Mühe, mspro ;-)

(Bin schon da, Nerone - zu den Hintergründen des Warum sag ich mal offline was ;-)) )

Aber wie das so ist: vermutlich wird irgendwann schon von selbst eine junge Generation der "wie auch immer alternativen Szenen" von selbst versuchen, den technikfeindlichen Altlasten etwas entgegenzusetzen, das die eigene zeitgemäße Medienpraxis mit den Ansprüchen und Grundgedanken der jeweiligen Alternativszene kombiniert. Mal sehen, wann so etwas bei den Anthros oder der "Bewegung der Kulturell-Kreativen" der Fall sein wird. Daß Leute, die das naive Medienbild nicht teilen, aber auch nicht Teil der Alternativszenen sind, nicht deren Arbeit machen müssen, versteht sich von selbst.

Dein fehlender Glaube in Bewegungen steht wohl in Beziehung zu dem oder dem was du hier geschrieben hast. Allein - plausibel finde ich das nicht, den Abgesang auf die Bewegungen. (Das andere schon.)

Mal lockerflockigoberflächlich und ohne große Argumentation und Belegmaterial dagegen gehalten:

Bewegungen wird es geben, sogar mehr wie vorher, eben weil es Pop nicht mehr geben wird. Subkulturen bis zum Anschlag, auch mit Bewegungsanspruch, selbst dann, wenn die Vereinzelung der Menschen weitergehen sollte. Mir scheint, du unterschätzt den Drang des Menschen nach Gemeinschaft und Nähe. Physische Nähe: Parkbank, Tisch und Bett. Denn es wird genügend Menschen geben, die sich eine gemeinsame Identität und eine soziale Bezugsgruppe schaffen werden, ein geschlossenes Netzwerk, das interne Vernetzung und externe Abschottung ermöglicht: "Die Peergroup wird noch mal etwas völlig anderes werden, noch viel autonomer in ihrer Entwicklung, durchlässiger aber auch viel prägender durch eigene, unerschöpfliche Informationskanäle. Kaum übersetzbar zwischen Peergroup zu Peergroup wird das kulturelle Kapital dort gebunden und aufgeteilt sein (...)" Was dann noch fehlt ist der Glaube an eine Mission, zumindest der Glaube, daß man der Welt etwas gutes tut. Die Anthroposophie z.B. mag sich vielleicht aufspalten in diverse Peer-Groups, aber sie wird auch die Klammer für diese Peer-Groups sein, denn sie dient ihnen als soziale, materielle und identitätsstiftende Ressource.

Anders die Kulturell-Kreativen. Ob die - also die mutmaßlichen 20 -30% der Bevölkerung - eine Bewegung sein werden, das ist allerdings zweifelhaft, wenn man den Trend der Aufsplitterung unserer Öffentlichkeit als Folie für Prognosen nimmt. Sie taugen in dieser ungeschlachten Kategorisierung nicht als Ressource. Weder materiell, noch in Missionsfragen.

Andererseits sollte man die Kraft der Reaktion nicht unterschätzen. In vielen Menschen schlummert die "Furcht vor der Freiheit". Der autoritäre Charakter ist nicht passe und er sucht sich seine übergreifenden verbindlichen Doktrinen und Lebenstile: Christlicher Fundamentalismus oder Aufklärungsfundamentalismus sind doch beides schöne Anwärter für neue, starke Bewegungen, die Lust und Laune haben, mit diesem ganzen "Unsinn", "Hokuspokus" etc. des Longtails aufzuräumen. Dann kommt nicht das Ende der Bewegung, sondern der nächste "tausendjährige" Beginn. Und der wird auch mit den neuen Medien fertig. Kriegen die Chinesen doch auch hin. (Wo ein Wille ist, ist auch ein Gebüsch Polizeiknüppel.)
mspro (Gast) - Di, Jul 31, 2007

nerone, ich bin ja eigentlich völlig bei Julios Kritik. Für mich ist dieser Punkt nur einfach noch ein Stück weit elementarer. Meiner Meinung nach wird es alternative Gesellschafts/Kultur/Wissens/Regierungs-Systeme nur mit und durch neue Medien geben. Nicht dagegen. Was für Julio eine verpasste Chance der Anthroposophie ist, ist für mich schon ein NoGo, dem ich unsentimental hinterherwinke auf seinem Weg auf den Müllhaufen der Geschichte. Mag sein, dass ich da zu radikal bin, aber man kann das gerne als Einzelmeinung einfach so stehen lassen.

Der andere, der radikal individualistische Ansatz und meine damit einhergehende und zunehmende Allergie gegen alle Arten von Versammlung, tun dabei ihr übriges. Auch hier ist meine Meinung dermaßen grundsätzlich, dass mich so ein Banner wie die "Anthroposophie" (aber eben nicht nur die Anthroposophie) von vornherrein langweilt.

Vielleicht bin ich da grad auch nur in meinem eigenen Film verhaftet. Und im Gegensatz zu Dir bin ich in der komfortablen Situation mich nicht konkret mit der Athroposphie befassen zu müssen(es war ja wegen Deiner Kinder bei Waldorf, wenn ich mich recht entsinne?), deswegen haben mir schon Julios Ausführungen für meine Beurteilung gereicht und ich habe den Ursprungstext nicht gelesen.
Julio Lambing - Di, Jul 31, 2007

"Was für Julio eine verpasste Chance der Anthroposophie ist, ist für mich schon ein NoGo, dem ich unsentimental hinterherwinke"
Insofern bietest du Steine statt Brot, wenn es um die Medienaspekte der Diskussion geht. ;-) [dein Punkt 1]

Andererseits gehst du auf eine wesentlich grundlegende Frage ein [dein Punkt 2]: Die Zukunft von Bewegungen. Bitterer Wein, wo ich nichtmals nach Wasser gefragt habe.... ;-)))
mspro (Gast) - Mi, Aug 01, 2007

Julio, es ist für diese Szenen zu hoffen. Ich persönlich traue da nicht ganz so viel der neuen Generation zu. Eine Dozentin für Medienwissenschaft erzählte mir letztens echte Horrorgeschichten über ihre vollkommen unreflektiert technikfeindlichen Stundenten, die nichtsdestotrotz die ganze Zeit an ihrem Handy rumspielen ;-)

Aber zu Idividulalistikfrage. Du hast Recht, es hat viel mit den Longtail-Gedanken zu tun, der mich immer wieder beschäftigt, aber nur unter anderem. Zentraler ist hier dieser Text über die Blogosphäre, und der hier über Verantwortung. Ich sehe in der Blogosphäre tatsächlich so etwas wie eine Gemeinschaft ohne Gemeinschaft und damit die Zukunft der Gemeinschaft. Jenseits jeder Versammlung, einzig aus der Kommunikation unter Individuen werden Stürme heraufbeschworen und Dinge zur Durchsetzung gebracht. Es ist im Grunde die Dekonstruktion der Institution schlechthin. Ich sehe darin die Blaupause eines Gesellschaftsentwurfs der keine Gesellschaft mehr braucht. Eine Post-Luhmannsche Gesellschaft, könnte man sie nennen. Eine, die nicht durch individualität geschwächt wird, sondern im Gegenteil, gestärkt. In der jedes Wort bereits ein politischer Akt ist. Und die Gesamtheit der Akte automatisch die Regierung. Ein Traum, gewiss. Aber ich denke, niemand (Mich eingeschlossen) hat die Radikalität eines solchen Ansatzes bereits durchmessen. Denn das ist keine Demokratie, kein Sozialismus, keine Anarchie, es wäre tatsächlich nichts uns bekanntes und ich glaube nicht einmal, dass man ihr einen Namen geben könnte. Weil es im Grunde nichts ist. Reine Emergenz.

Über die dunklen Wolken, die Du da ansprichst, bin ich mir bewusst. Und ja, sie machen mir oft Angst. Ich habe in meinem Hinterkopf, schon solche Szenarien zurechtgelegt. Eine neue Art Kulturkampf. Aber wenn ich alles richtig sehe, wird sich die Reaktion selber in die Bedeutungslosgigkeit manövriert haben, bevor sie zu ihrem ersten Schlag gekommen ist. Das ist jedenfalls das, was ich hoffe. Toitoitoi.
nerone (Gast) - Mi, Aug 01, 2007

stehen lassen

wie gesagt, mspro, ich kann das so stehen lassen, wie du das geschrieben hast.

Was julio hinsichtlich der Bewegungen in seinem Kommentar oben anführt, halte ich noch für sehr interessant. Vor allem in Bezug auf die "Kraft der Reaktion", sowie der Aktualität des "autoritären Charakters übergreifender, verbindlicher Doktrinen und Lebenstile". (Wir hatten in meiner bescheidenen Hütte eine entsprechende Saalschlacht zum Thema Guru, ein Thema das von den egoisten (www.egoisten.de) aufgegriffen wurde und weitergeführt wird.)

Die "Kraft der Reaktion" lese ich als kompensatorische Trägheit gegen die Geschwindigkeit moderner Zeit und Kommunikationsströme. Habe gerade bei Marquard den Aufsatz über "Zeit und Endlichkeit" entdeckt. Er schreibt: " Sie (die Kinder) - für die die Wirklichkeit unermeßlich neu und fremd ist - tragen ihre eiserne Ration an Vertrautem ständig bei sich und überall mit sich herum: ihren Teddybären." Das ist bei ihm die kompensatorische Langsamkeit. "In der wandlungsbeschleunigten und eben dadurch stets aufs neue unvertrauten und fremd werdenden Welt brauchen und haben auch die Erwachsenen [..] ihren Teddybären. (Klassiker, Tradditionen etc.pp.)"

Das ist aber glaube ich nicht mehr längs des Diskussionsfadens. Grundsätzlich denke ich, finden die "Bewegungen", ob wir ihnen Sympathien entgegenbringen oder nicht, Zugang zu den modernen Kommunikationsmitteln und werden sie in ihrem Sinn nutzen.
Wenn wir uns beispielsweise ein Lieblingsthema von Julio anschauen (mittlerweile auch eines meiner Lieblingsthemen im Feullieton), den Kreationismus, handelt es sich hier auch um die Adaption eines "modernen" Mediums für eine reaktionäre Argumentation. Ähnlich den Atheisten, die keinen Satz bilden können, in dem Gott nicht vorkommt, gelingt es Kreationisten nicht einen Satz zustande zu bringen, ohne die Evolutionstheorie zu erwähnen. Im Grunde setzen sie ihre gesamte Argumentation auf die Evolutionstheorie auf. Eine hervorragende Kommunikationstheorie. Radikale Islamisten werden zu Befürwortern von demokratischen Rechten, stzten sich für Meinungsfreiheit ein, etc. kämpfen Seite an Seite mit demokratischen Oppsitionsparteien in despotischen Staaten.

ach jetzt werde ich ausschweifend und entferne mich immer mehr.... Die Artikel von mspro, die Julio verlinkt hat, sind spannend. Die 10 Stolpersteine sind prima konstruiert. Wenn ich mal gr... Na, wie dem auch sei, ich hör jetzt mal auf. Hatte zudem technische Probleme und sehe ihr seid schon viel weiter.....
Julio Lambing - Mi, Aug 01, 2007

Randbemerkung zur Randbemerkung zur "Kraft der Reaktion" bei Fundis, Anthros etc.

Hallo Nerone!

"Die »Kraft der Reaktion« lese ich als kompensatorische Trägheit gegen die Geschwindigkeit moderner Zeit und Kommunikationsströme."

Ich glaube, das sollte man gerade nicht tun: Es als Reaktion auf die Überforderungen der Moderne zu sehen. (Auch wenn der von mir bei "Furcht vor der Freiheit" verlinkte Erich Fromm da in eine ähnliche Richtung geht.)

Odo Marquard hat da ja schon selbst etwas differenzierter gesehen: Die großen Erzählungen, die bei der Reaktion herhalten müssen (und dazu gehört nicht nur konservativ-reaktionäres Geschwafel, wie es die Linken beklagen, sondern auch die großen Erzählungen von der "Wissenschaftlichkeit an sich", dem "Fortschritt in Technik und Gesellschaft", der "Entfaltung der Vernunft" etc.) sind zwar für ihn eine Antwort auf die Beschleunigungstendenzen der Moderne, aber er setzt sie eben nicht gleich mit dem, was wir die Schwerkraft der Tradition nennen können (Marquards "Teddybär" ;-) ), die seiner Meinung nach uns ganz naturwüchsig Sicherheit und Orientierung gibt.

Der christliche wie der islamische Fundamentalismus ist ja an der Moderne geschult, hat sich an ihm und durch ihn entwickelt, er ist ein geistesgeschichtliches Kind des Nationalismus, des Sozialismus, der Ideen von der Kulturnation, des Programms der Durchdringung des gesamten Gesellschaftskörpers. Und zwar nicht als Rebellen dagegen, sondern als braver Schüler davon. Es ist eine Mär der Äufklärungsideologen wie der Fundamentalismen, das letztere ein Zurück auf die Vergangenheit ( je nach Facon: auf das "Bewährte", das "Immerso", das "Mittelalter" etc.) wären. Es sind im Gegenteil moderne Bewegungen. Wenn wir sagen, dieser totalitäre Zugriff auf den Menschen hinterlässt Spuren, die bis auf Oliver Cromwell zurückreichen, er taucht also bereits im Puritanismus auf, dann kann das nicht Reaktion auf die Geschwindigkeit moderner Zeit sein dann ist das unter Umständen vielleicht sogar Verursacher der modernen Zeit und ihrer Geschwindigkeit.

Ich hatte den autoritären Charakter von Fromm erwähnt, um zuerst auf die Charakterdisposition aufmerksam zu machen, auch wenn ich das psychoanalytische Persönlichkeitsmodell, das mit der Begriffsgeschichte dieses Wortes so verwoben ist, nicht teile. Hier sollte man meines Erachtens nach den Ursachen für den fundamentalistischen Impuls suchen. Und das nicht als individualmoralisches Versagen, sondern schon verstanden als ein Phänomen, das durch Milieus und Traditionen bedingt ist. Nur ist das Milieu vielleicht weniger durch den sadistischen Vater als Agent der Feudalgesellschaft zu analysieren, der dem (Klein-)kind autoritäre Züge vermittelt. Sondern vielleicht eher als eines, in dem der Wahrheitsbegriff (Erlösung durch Wahrheit, Reinheit durch Wahrheit etc.) auf die Persönlichkeit wirkt: Was macht der Satz "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." mit denen, die ihm in einer Kultur ausgesetzt sind?

Dann erhält man vielleicht auch Ansätze zur Erklärung der Sehnsucht von einigen Anthroposophen nach neuen Gurus (wenn ich die Diskussion um Info3 und Andrew Cohen richtig verstanden habe), ohne auf die abgenutzen Floskeln von Esoterik, Überforderung, Sehnsucht nach Orientierung etc. zurückgreifen zu müssen.
mspro (Gast) - Mi, Aug 01, 2007

Leicht Offtoppic, aber

die reaktionären Kräfte scheinen einen Entscheidenenden Treffer gelandet zu haben. Das ist der blanke Horror. Wenn man davon ausgeht, dass Jede Äußerung A als jede andere Äußerung B verstanden werden kann, dann ist somit ab heute jede Äußerung abmahnbar und diese Abmahnung wird vor Gericht bestand haben.

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