Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Wenn die Professionalisierung von Blogs den Ruf derselben verbessern soll

Man kann sich ja schon fragen, warum es anscheinend niemand, wirklich niemand, in der deutschen Blogosphäre zu interessieren scheint, was Krystian Woznicki zur Blogs und Bürgerjournalismus zu sagen hat, nachdem sein Artikel aus der ersten 2007er Heft der Springerin immerhin bei Eurozine veröffentlicht wurde. (Krystian Woznicki: Zur Sache an sich jetzt - Spektakularisierung der "Blogospähre", Citizen Journalism und der "Bild-Blog"; 23.07.2007). Ich will mich jetzt gar nicht mit der albernen Frage aufhalten, ob es "der" oder "das Blog" heißt und auch nicht, ob es merkwürdig erscheint, wenn jemand systematisch in einem Text "Blogospähre" statt Blogosphäre schreibt (Stand 29. Juli 2007). [Vielleicht einfach nur den Insert-Befehl falsch genutzt?] Ich vermute einfach, daß es daran liegt, daß der Artikel als eher nichtssagend betrachtet wird, auch wenn man den guten Willen sieht, der "landläufigen Kritik, Blogs würden »zwielichtige Meinungsbildner« in die Welt setzen" zu widersprechen.

Denn eine Aussage wie "Die gut besuchten Blogs werden nicht vom Mob gemacht." weist leider in genau die falsche Richtung, um das Phänomen zu verstehen. Wiedermal wird versucht, das Thema Professionalisierung durch die "populärsten" Blogs zu erklären, die Tausende von Leser anziehen. Wenn Krystian Woznicki der Begriffskette "Mob" - "Graswurzel-Journalismus" - "Selbstermächtigung der Netizen" - "Amateure" die Kette "Professionalisierung" - "Journalisten" - "erfolgreiche Blogs" gegenüberstellt, um mit dem Letzteren die Illusionen und Verzerrungen des Ersteren aufzudecken, "»die Sache« noch einmal grundsätzlich in Frage zu stellen", dann macht er eigentlich deutlich, daß er den vorgestanzten, durch das klassischen Umfeld von Verlegertum und Journalismus antrainierten Blickwinkel nicht verlassen hat, der Medienphänomene letzendlich immer unter dem Gesichtspunkt der Massenmedien betrachten muß. Wenn man dvon dem generellen Faszinosum der neu gewonnenen Isegoria* (das ist das, was Woznicki wie viele andere auch unter "Bürgerjournalismus" subsummiert) absieht, dann ist eines der bemerkenswertesten Phänomenen an Blogs gerade jener Longtail, den ein profilierter Metablogger nicht müde wird bei der Debatte über die "Professionalisierung" von Blogs hervorzuheben, jene Abertausenden von Blogs mit kleineren Leserzahlen, die ihre 10 - 50 Leser täglich einerseits halten und gar nicht vorzuhaben scheinen, mit Bildblog oder Spreeblick in Konkurrenz zu treten. Und der Umstand, daß sich diese Blogs seit Jahren halten, wo doch alle die Lebensbereiche kommodifizierenden Gesetze der Marktwirtschaft als auch die Prinzipien der Aufmerksamkeitsökonomie eine Konsolidierung zugunsten der reichweitenstarken Blogs vorraussagen müssten. Und die Interaktionen, die Blogs untereinander und mit ihren Lesern vollziehen.

Klar ist es verständlich, wenn man wie Krystian Woznicki den tradierten Blickwinkel wählt, dass man dann die Rolle von Journalisten - als Inbegriff der Medienprofis - beim reichweitenstarken Bildblog herausstreicht, um die Rede von der Anarchie und Subversivität zu hinterfragen. Aber genau so ein Phänomen wie Bildblog ohne Kommentarfunktion und wirkliche Einbettung in das diskursive Netzwerk der Blogosphere ist eben nur begrenzt geeignet, Blogs zu verstehen. Die Bemerkung, daß "TVBlogger, Lawblog, Spreeblick und Mein Parteibuch, die neben dem »Bildblog« unter den Top 5 der deutschsprachigen Blogs rangieren, (...) alles andere als Projekte von AmateurInnen sind", bringt ebenfalls wenig, wenn man eben nicht das Wechselspiel der Blogosphere in Betracht zieht, die wie jeder öffentliche Raum, der für alle Rederecht beinhaltet, einen mächtigen Ansporn und die reale Möglichkeit bereithält, von selbst Exzellenz auszubilden.

Diese Exzellenz kann man nun wie Woznicki "Professionalisierung" nennen, aber man sollte bei dieser Wortwahl nicht vergessen, daß dann von vorneherein die übliche und sinnvolle Unterscheidung zwischen dem unbezahlten Amateur und dem bezahlten Profi - wie sie z.B. in den ersten 80 Jahren der modernen olympischen Spielen galt- nicht greift. Denn sowohl Udo Vetter als auch Marcel Bartels sind hinsichtlich des Bloggens immer noch Amateure - im olympischen Sinne. Sie sind lediglich Profis, wenn man darunter versteht, dass sie mit Öffentlichkeit nicht dilletantisch umgehen.

Durch Exzellenz werden auch nicht "die »eigentlichen« Ansprüche der Bewegung aufgeweicht", auch dann nicht, wenn wie vielerorts unter dem Schlagwort "Professionalisierung" die Kommerzialisierung und die Herausbildung von Exzellenz in einen Topf geworfen werden: Wenn man unter Professionalisierung die Herausbildung von Vortrefflichkeit versteht, dann liegt es in der Natur der öffentlichen Sache, dass die Möglichkeit sichtbar zu sprechen und gehört zu werden, vielfach gesehen zu werden und zugleich jeden anderen zu sehen unweigerlich eine Tendenz zur Hervorbringung von Standards in sich birgt. Die Macht öffentlich zu sprechen zieht so wie der Honig die Bienen unweigerlich die Verständigung über die Vortrefflichkeit desjenigen nach sich, der da sprechend in der Öffentlichkeit interveniert. Und solche Standards, deren Herausbildung in nicht unerhebliche Maße von einer hinreichenden Anzahl von sich Begegnenden abhängen, hat es immer im Netz gegeben, vieleicht war die Netiquette die Urform davon. Es wäre ein grobes Missverständnis von Blogs, dass zu ihrem Selbstverständnis das Selbstbild des primitiven Mobs gehört, der keine Standards schätzt.

Woznicki dürfte aber unter Aufweichen der "»eigentlichen« Ansprüche der Bewegung" eher den Umstand verstehen, daß kommerzielle Akteure in die Blogosphere drängen. Aber auch das ist ein Missverständnis. Kein zusätzlicher kommerzieller Akteur kann das diskursive Netzwerk der Blogosphere zerstören. Die Blogosphere ermöglich ein Leben-und-Leben-Lassen durch schlichte Ignoranz. Wenn jemand Werbung machen will mit Adical-Fensterchen, wenn jemand seine Ich-AG anpreisen will oder VW versucht ein neues Auto zu promoten oder einige Blogger ihre Opel-Test ins Netz stellen, was juckt es mich "als Blogger"? Ich kann weiter mein diskursives Netzwerk pflegen, ich kann weiter kritisieren oder kommentieren, was immer ich will. Denn kein zusätzliches kommerzielles Angebot nimmt mir mein Rederecht. Und falls Leute in der Unterhaltung mit mir meinen, alle 10 Minuten eine Unterbrechung machen zu müssen, um nach Ankündigung des Satzes: "Jetzt kommt Werbung" einen flotten Spruch über Yahoo loszuwerden, dann kann ich das machen, was ich auch sonst in meinem Leben mache würde: Die Unterhaltung angesichts von Geschmacklosigkeit beenden oder es als Spleen eines Gestörten abtun oder mir die Frage stellen, ob der Rest der Kommunikation lohnt, die "Werbeunterbrechung" zu ertragen oder den Betreffenden fragen, ob er, wenn er schon was durch Werbung dazuverdienen will, sich den Kunden nicht mit mehr Augenmaß aussuchen kann.

Die "eigentlichen" Ansprüche der Blogosphere werden durch die Existenz kommerzieller Akteure nicht aufgeweicht. Das würden sie erst dann, wenn man dort allgemein akzeptieren würde, dass öffentliche Meinungsäusserungen mit Geld erkauft werden können. Es sieht aber nicht so aus, als ob das der Fall sein dürfte, ganz gleich, was die "Top 5 der deutschsprachigen Blogs" (oder die Top10 oder Top15 oder Top 30) vorhaben werden. Denn der Longtail - und auf ihn kommt es an - ist bei so etwas widerspenstig und wird es wohl bleiben. Und im Gegensatz zur konventionellen Pressewelt hat hier "der Mob" auch die Möglichkeit, lautstark über jede bezahlte Meinung herzuziehen und so Ansprüche nach Exzellenz - nicht unbedingt nach Professionalität - durchzusetzten.

*Durchaus mit Einschränkungen, hinsichtlich der Bewertung.
Gregor Keuschnig - Mi, Aug 08, 2007

Ich vermute, dass sich deshalb niemand für den Woznicki-Artikel interessiert, weil er ziemlich nichtssagend ist. Nach diesem Artikel hier war ich ziemlich neugierig drauf - um dann festzustellen, dass die Besprechung wesentlich interessanter ist als das Referenzobjekt.

Solange Artikel über Weblogs auf die gängigen Vielklick-Blogs rekurrieren (wovon einer [der Bild-Blog] streng genommen gar kein Blog ist), wird das nichts. Die Dichotomie - hier Blogger, da Journalist - wird dem Phänomen natürlich nicht gerecht. Da man offensichtlich zu wenig Ahnung von "Basisblogs" hat (das wären die mit 10-50 Lesern), bleibt der Ton indifferent: Einerseits freundlich (man will es sich nicht sofort verderben) - andererseits reserviert (was wollen die denn?). Da gibt es dann keine Differenzierungen; alles ist "Blog" - ob die aufgeblasenen Pseudo-Leserforen von Zeitungen, die zwei-, dreimal monatlich geänderte Webseite eines Politikers oder die Tagesberichte des Stuhlgangs einer an Durchfall erkrankten.
nerone (Gast) - Mi, Aug 08, 2007

Guter Ton Herr Keusching,

"alles ist "Blog" - ob die aufgeblasenen Pseudo-Leserforen von Zeitungen, die zwei-, dreimal monatlich geänderte Webseite eines Politikers oder die Tagesberichte des Stuhlgangs einer an Durchfall erkrankten." Das ist zitierbar. Ich werde über ihren Beitrag noch nachdenken und fühle, dass ich ihnen irgendwie zustimme in dieser Einschätzung. Andererseits...

Auf jeden Fall werde ich sie mal besuchen und mir ihres mal durchschauen. Ich bin gespannt.

Off Topic - Übrigens meine Bestätigungsbild unten zeigt: b o c k

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