Bildung: Es werden Bewegungen sein
Die Frage "Bewegung oder Individuum" durch den Longtail lässt sich z.B. an den neuen Konfliktpunkten im Bereich "Bildung" diskutieren. Im Konflikt um alternative Bildungsformen und dem Bedürfnis von Eltern, selbst festlegen zu wollen, was die geeigente Form von Bildung für ihre Kinder ist, wird die alte Auseinandersetzung deutlich, ob in der Neuzeit wirklich nur formale Rahmen zur Entfaltung des Menschen geschaffen wurden, die universal gültig sind oder nicht doch auch konkrete Lebensweisen durchgesetzt wurden, dabei ganz eng umrissenen Vorstellungen folgend, wie Menschen leben sollten. (Die Durchsetzung wird allerdings mit der angeblichen Universalität gerechtfertigt.)
Es ist sofort verständlich, daß aus der Sicht eines Aktivisten für Homeschooling die Anstrengungen, Homeschooling in Deutschland zu verhindern, weniger ein Kampf für den Pluralismus als genau Ausdruck der Bemühung ist, eine uniforme Lebensweise durchzusetzen.
"Was wir in Deutschland im Bereich Bildung sehen, hat jedoch wenig mit Pluralismus zu tun, sondern vielmehr mit einem vom Staat kontrollierten Zwangssystem von Bildung, das Standardisierung anstelle von Pluralismus fördert. Alle Kinder zum Besuch staatlich sanktionierter Schulen zu zwingen, ist ein sicherer Weg zum Uniformismus. In den deutschen Schulen wird ein einheitlicher Lehrplan von einheitlich ausgerichteten Lehrern in einheitlich organisierten und ausgestatteten Schulen gelehrt – so schafft man eine vereinheitlichte soziale Struktur innerhalb der Gesellschaft und gewiss keine pluralistische Demokratie. Im Gegenteil: Gerade indem die deutschen Kultusbehörden die freie Wahl der Bildung einschränken, säen sie erst die Saat für die Entstehung von Parallelgesellschaften und daraus resultierenden Konflikten!"
(...)
Ein demokratischer Staat sollte seine Aufgabe nicht darin sehen, die Gesellschaft zu formen oder umzumodeln, sondern darin, die Rechte und Freiheiten der Menschen vor inneren und äußeren Bedrohungen zu schützen und für Gleichheit vor dem Gesetz zu sorgen. Allzu oft ist der Staat jedoch versucht, mehr als das zu tun. Und je weiter er sich von seiner eigentlichen Aufgabe entfernt, desto mehr droht er, die Gesellschaft zu bevormunden. Aber ist es das, was wir wollen? Ich sagte es bereits: Diejenigen, die an der Macht sind, neigen dazu, diese Macht auszunutzen, um die von ihnen als ideal empfundene Ordnung einzuführen, anstatt es den Menschen selbst zu überlassen, ihre Angelegenheiten untereinander zu regeln, selbstverständlich unter Achtung des Eigentums, der Freiheit und der Unversehrtheit ihrer Mitmenschen.
Unglücklicherweise und nur allzu oft macht es sich der moderne Staat zur Aufgabe, die Gesellschaft nach seinen Vorstellungen zu umzuformen. Und dazu muss er die Erziehung und Bildung kontrollieren. Warum? Weil die Kinder von heute die Kultur von morgen sind.
Michael P. Donnelly: "Gespenst Parallelgesellschaft - Bildung braucht pluralistische Freiheit"
Kurskontakte Ausgabe August/September 2007; Nr. 152)
Es erstaunt nicht, wie weit die Ideen des Pluralismus tragen - bis sie eben beim Homeschooling landen. So wie in vielen anderen Lebensbereichen unterschiedliche Lebensweisen schließlich rechtlich sanktioniert wurden (sowohl aufgrund des Drucks der jeweiligen Minorität als auch aufgrund der Einsicht der Mehrheitsgesellschaft), man denke nur an die Ehe von Homosexuellen, so besteht auch eine große Wahrscheinlichkeit, daß sich Homeschooling durchsetzen wird und viele andere Bildungsformen, die der Longtail für sich erstreiten wird - vorausgesetzt selbstverständlich, daß weder Aufklärungsfundamentalisten noch religöse Fundamentalisten ihren jeweiligen Traum von der Durchsetzung einheitlicher Werte verwirklichen können. Dann wird es Lesbenschulen geben, Rosenkreuzerschulen, Hippieschulen, Zeugen-Jehova-Schulen und noch ein paar mehr. (Und es wird eine ganze Reihe Leute geben, die es echt schwer haben werden, sich damit abzufinden. So wie sich viele Menschen schwer tun, wenn Geschwister eine Ehe eingehen, Schwule Kinder adoptieren oder Muslime eine repräsentative Moschee mitten in Köln bauen.)
Aber das sind Gruppenbezeichnungen, keine Namen eines einzelnen Individuums. Auch das US-amerikanische Homeschooling läuft ja faktisch nicht individuell, sondern ist in bestimmte gesellschaftliche Netzwerke mit eigenen kulturellen Werten eingebunden. Schulwesen braucht organistorische Bezüge, braucht Spezialisten und Arbeitsteilung, das fängt schon bei der Erstellung von passenden Schulbüchern an. Gerade in der Debatte um Kreationismus im Schuluntericht wird deutlich, daß die Durchsetzung von anderen Bildungsformen von Bewegungen ausgehen wird. Es sind nicht Einzelkämpfer, sondern in der Hauptsache eine kleine, aber dennoch im Wachstum begriffene Gruppe an Christen, die der Evolutionstheorie im Schuluntericht etwas entgegen setzen wollen.
Es werden also Bewegungen die entscheidenden Motoren ein, selbst wenn nach der Pionierphase und Etablierung wieder eine Atomisierung einsetzen wird.
Es ist sofort verständlich, daß aus der Sicht eines Aktivisten für Homeschooling die Anstrengungen, Homeschooling in Deutschland zu verhindern, weniger ein Kampf für den Pluralismus als genau Ausdruck der Bemühung ist, eine uniforme Lebensweise durchzusetzen.
"Was wir in Deutschland im Bereich Bildung sehen, hat jedoch wenig mit Pluralismus zu tun, sondern vielmehr mit einem vom Staat kontrollierten Zwangssystem von Bildung, das Standardisierung anstelle von Pluralismus fördert. Alle Kinder zum Besuch staatlich sanktionierter Schulen zu zwingen, ist ein sicherer Weg zum Uniformismus. In den deutschen Schulen wird ein einheitlicher Lehrplan von einheitlich ausgerichteten Lehrern in einheitlich organisierten und ausgestatteten Schulen gelehrt – so schafft man eine vereinheitlichte soziale Struktur innerhalb der Gesellschaft und gewiss keine pluralistische Demokratie. Im Gegenteil: Gerade indem die deutschen Kultusbehörden die freie Wahl der Bildung einschränken, säen sie erst die Saat für die Entstehung von Parallelgesellschaften und daraus resultierenden Konflikten!"
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Ein demokratischer Staat sollte seine Aufgabe nicht darin sehen, die Gesellschaft zu formen oder umzumodeln, sondern darin, die Rechte und Freiheiten der Menschen vor inneren und äußeren Bedrohungen zu schützen und für Gleichheit vor dem Gesetz zu sorgen. Allzu oft ist der Staat jedoch versucht, mehr als das zu tun. Und je weiter er sich von seiner eigentlichen Aufgabe entfernt, desto mehr droht er, die Gesellschaft zu bevormunden. Aber ist es das, was wir wollen? Ich sagte es bereits: Diejenigen, die an der Macht sind, neigen dazu, diese Macht auszunutzen, um die von ihnen als ideal empfundene Ordnung einzuführen, anstatt es den Menschen selbst zu überlassen, ihre Angelegenheiten untereinander zu regeln, selbstverständlich unter Achtung des Eigentums, der Freiheit und der Unversehrtheit ihrer Mitmenschen.
Unglücklicherweise und nur allzu oft macht es sich der moderne Staat zur Aufgabe, die Gesellschaft nach seinen Vorstellungen zu umzuformen. Und dazu muss er die Erziehung und Bildung kontrollieren. Warum? Weil die Kinder von heute die Kultur von morgen sind.
Michael P. Donnelly: "Gespenst Parallelgesellschaft - Bildung braucht pluralistische Freiheit"
Kurskontakte Ausgabe August/September 2007; Nr. 152)
Es erstaunt nicht, wie weit die Ideen des Pluralismus tragen - bis sie eben beim Homeschooling landen. So wie in vielen anderen Lebensbereichen unterschiedliche Lebensweisen schließlich rechtlich sanktioniert wurden (sowohl aufgrund des Drucks der jeweiligen Minorität als auch aufgrund der Einsicht der Mehrheitsgesellschaft), man denke nur an die Ehe von Homosexuellen, so besteht auch eine große Wahrscheinlichkeit, daß sich Homeschooling durchsetzen wird und viele andere Bildungsformen, die der Longtail für sich erstreiten wird - vorausgesetzt selbstverständlich, daß weder Aufklärungsfundamentalisten noch religöse Fundamentalisten ihren jeweiligen Traum von der Durchsetzung einheitlicher Werte verwirklichen können. Dann wird es Lesbenschulen geben, Rosenkreuzerschulen, Hippieschulen, Zeugen-Jehova-Schulen und noch ein paar mehr. (Und es wird eine ganze Reihe Leute geben, die es echt schwer haben werden, sich damit abzufinden. So wie sich viele Menschen schwer tun, wenn Geschwister eine Ehe eingehen, Schwule Kinder adoptieren oder Muslime eine repräsentative Moschee mitten in Köln bauen.)
Aber das sind Gruppenbezeichnungen, keine Namen eines einzelnen Individuums. Auch das US-amerikanische Homeschooling läuft ja faktisch nicht individuell, sondern ist in bestimmte gesellschaftliche Netzwerke mit eigenen kulturellen Werten eingebunden. Schulwesen braucht organistorische Bezüge, braucht Spezialisten und Arbeitsteilung, das fängt schon bei der Erstellung von passenden Schulbüchern an. Gerade in der Debatte um Kreationismus im Schuluntericht wird deutlich, daß die Durchsetzung von anderen Bildungsformen von Bewegungen ausgehen wird. Es sind nicht Einzelkämpfer, sondern in der Hauptsache eine kleine, aber dennoch im Wachstum begriffene Gruppe an Christen, die der Evolutionstheorie im Schuluntericht etwas entgegen setzen wollen.
Es werden also Bewegungen die entscheidenden Motoren ein, selbst wenn nach der Pionierphase und Etablierung wieder eine Atomisierung einsetzen wird.
Julio Lambing - Di, Aug 07, 2007 - Zettelkasten: Traditionen
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Ich bin z.B. für die Einführung von (wirklichen) Ganztagsschulen, weil ich eines der ganz großen Probleme der soziokulturellen Segmentierung in der Unterschiedlichen Priorität und damit Intensität der Erziehung sehe. Wenn man für Chancengleichheit ist, kann man nicht für Homeschooling sein.
Dabei geht es mir aber nicht, das möchte ich noch mal betonen, um verbindliche Gleichschaltung von Bildungsinhalten (auch wenn es das praktisch miteinschließt) sondern einzig darum, die chancenlosen Kinder aus den Fängen ihrer (teils apathischen, teils ideologisierten, teil überambitionierten) Eltern zu befreien.
Man kann vielleicht sagen, dass mir die allgemeine und allumfassende Indoktrination doch lieber ist, als die der Familie.
So oder so, auch Homeschooling ist kein Weg in den Individualismus, wie ich ihn mir vorstelle. Jedenfalls nicht für die Kinder...
Homeschooling und andere Bildungsformen als Resultat
Machen wir uns nichts vor: Das Paradigma der modernen Disziplinartechniken war Chancengleichheit. Gleiche Chancen für alle, um das Optimum für die Armee der Arbeitskräfte zur Verfügung zu haben, gleiche Chancen für alle, um die Besten und den Querschnitt der Bevölkerung für die Verwaltungseliten zu gewinnen, gleiche Chance für alle, um den Gesellschaftskörper in Harmonie zu bringen. Das spricht nicht gegen die Idee der Chancengleichheit, aber unsere Chancengleichheit ist eine der modernen Arbeitsgesellschaft und wird es bis auf weiteres sein. Und wie eng diese Idee faktisch in dem westlichen Bildungsdiskurs mit dem Bedürfnis nach Gleichschaltung verbunden ist, können wir immer wieder bei den Wortmeldungen rund um die Auseinandersetzung "Pro und kontra Kreationismus" beobachten.
"Homeschooling ist kein Weg in den Individualismus, wie ich ihn mir vorstelle."
Sie wird aber der Weg in den Individualismus sein, den wir bekommen werden, ob wir ihn wollen oder nicht. Zumindest wenn man die jetzigen Entwicklungen inklusive Atomisierung der mitmenschlichen Zusammenhänge zu Ende denkt. Daneben wird es noch eine Menge andere Formen der Bildung geben. Alles organisiert vom Longtail. Nicht mehr zu stoppen. Es sei denn: die Reaktion bekommt neuen Aufwind. Meine Sorgen sind da nicht ausgeräumt: "Manchmal weiß ich nicht, ob die Renaissance der Götter nur eine Episode aus den 70er und 80er war."
Das ist das Problem, dass mspro mit seinem Kommentar heraus arbeitet. Bildung ist tatsächlich Elternabhängig, nichts mit Freiheit. Soweit sie die Wahl die ihnen zur Verfügung steht ernst nehmen, werden sie den Kindern eine Bildung zumuten. Aber sobald ich das schreibe wird mir deutlich, dass auch die nicht Entscheidung hinsichtlich der Bildung die Zumutung der Eltern ihren Kindern gegenüber darstellt. In jedem Fall missfällt mir der Gedanke, dass es ein Form der heimatlichen "Bewegungsschulen" etablierte. Hier paart sich Machtausübung mit Spezialistentum. Diese Übermacht der Eltern und ihre Unmöglichkeit ihre Kinder mit der Gesellschaft zu teilen - gruselig...
Spannendes Thema. Ich schicke jetzt mal endlich ein paar vorbei- mal sehen ob mein Hinweis ein paar aufmerksam machen...
liebe grüße
nerone
Schulalternativen
- Dem Großteil unterpreviligierter Eltern ist eine gute, breite Bildung für ihre Kinder leider viel zu Nebensächlich vor anderen Problemen ihres Lebens. Gemeint sind die Eltern von denen ein FDPler sagt das es 'die Falschen' seien die Kinder kriegen.
- Ein Homeschooling wird noch mehr Subkulturen ermöglichen die sich in geschlossenen Kommunikations- und Lebensräumen von der Gesellschaft zurückziehen können.
- Es geht hier darum welche kulturelle Prägung Eltern für ihre Kinder entscheiden. Das ist eine Frage bei der das Kind als eigenständiges Individuum kaum mitzureden hat.