Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Die säkulare Phase vor der Religion

Auch in der Kultur des Alten Äygpten treffen wir auf das Phänomen, dass es - ähnlich wie in der germanischen oder antiken griechischen Kultur - Religion nicht gibt. Schön ist das im Standardwerk Jan Assmanns über die "Ma'at" herausgearbeitet. Ganz typisch scheint mir an der folgenden Passage aus dem Kapitel "Ma'at und die Genealogie der Religion"

- das Vorbringen eines Religionsbegriffes ("System von letztinstanzlichen Verbindlichkeiten"), der so allgemein und unscharf ist, dass er alles mögliche subsummieren und nur deshalb auch das Heidentum erfasst,
- das Hantieren mit zwei unterschiedlichen Religionsbegriffen, um die Brücke zwischen dem, was man gewähnlich unter Religion versteht zu finden
- die Feststellung des Ineinanderfließens von Religion, Kultur, Weltbild, Staat, Moral, was - wie schon bei den Griechen erörtert - Folge einer anderen begrifflichen und pragmatischen Einteilung der Welt ist


"Aber auch im Stadium der mythisch personalisierten Mächte ist Religion von Weltbild, Kultur und Staat nicht zu unterscheiden. Religion - verstanden als System von letztinstanzlichen Verbindlichkeiten (Forderungen an den Menschen) - ist nicht unabhängig von, sondern identisch mit den Forderungen der Moral und der Herrschaft. Erst der Schritt zu den sekundären Religionen vollzieht diese Trennung. (...)

Ägypten lässt sich auc als eine Vorstufe sekundäre Religionen verstehen. Die den sekundären Religionen eigene Religiösität bedeutet, dem Kern der Sache nach, das Bewußtsein, als Mensch vor Gott zu stehen. Aus dieser Formel - "der Mensch vor Gott" - läßt sich alls weitere wie Weltverhältnis und Lebensführung ableiten. (...) [es folgen Ausführungen zur persönlichen Frömmigkeit im Alten Ägypten; Anm. von J.L.] Dieser Begriff der Religion steht in einer unverkennbaren antagonistischen Spannung zur offiziellen ägyptischen Religion. Denn hier steht nicht der Mensch, sondern der König vor Gott. Das ganze religiöse Leben erscheint gleichsam ausgelagert in äußere Formen der Repräsentation und Symbolisation. Das Leben wird nicht "vor Gott" geführt, d.h. im gehprsam gegenüber seinem Willem und seinen Geboten, sondern "vor den anderen", im Gehorsam gegnüber den Ordnungen, die ein Zusammenleben mit den anderen ermöglichen und Gemeinschaften aufbauen und erhalten. Während das Prinzip Religion den Menschen "vor Gott" stellt, stellt das Prinzip Ma'at den Menschen "in die Gemeinschaft". Haben wir es hier, wie Durckheim meinte, mit elementaren Formen" der religion zu tun, so als sei "Gott" die evolutionäre Nachfolgeinstigtution der Gemeinschaft? (28) Oder soll man nicht vielmehr davon ausgehen, daß das, was wir unter Religion verstehen - "der Mensch vor Gott" - , einen geschichtlichen Anfang hat und daß wir uns in Ägypten in die Vorgeschichte der Religion befinden? Gibt es einen evolutionären Weg, der hier zu dem Menschen führt, der "vor Gott" steht?"
(28) E. Durckheim, Die Elementaren Formen der religiösen Lebens; vgl. hierzu, gearde auch was den gegensatz zur "Persönlichen Frömmigkeit" (hier: in Israel) angeht, den aufschlußreichen Artikel von B. Lang, Persönlicher Gott und Ortsgott. [Über Elementarformen der Frömmigkeit im alten Israel]

Jan Assmann: "Ma'at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten"; München 2001; S. 280-281


Assmann stellt mit der letzte Frage die Weiche, um den erstgenannten Religionsbegriff (primäre Religion") aufzugeben und folgt damit einer Einsicht, die auch Analytiker anderer antiker Kulturen bereits haben. Im nächsten Kapitel "Religion und Widerstand" beantwortet er die Frage positiv:

"Sekundäre Religionen, Religionen im eigentlichen Sinne der Formel "der Mensch vor Gott, sind in ihrem Kern nach Widerstandsbewegungen. Die Ausdifferenzierung des (im eigentlichen Sinne) Religiösen gegenüber dem Politischen und dem Moralischen ist überall aus politischen und sozialen Konflikten hervorgegangen. (29) Das gilt auch für Äygpten. "Vor Gott" - Morenz prägte dafür den Begriff "Gottesunmittelbarkeit" - sieht sich der Mensch nur dort, wo die Staatlichkeit als Fundament seines Weltverhältnisses aufhört: in der ersten Zwischenzeit und im Ausland. (...)

Im Neuen Reich kommt dann voll zum Dzurcbruch, was sich bisher nur als Unter- ud gegeströmung manifestieren konnte. Ich führe diesen Durchbruch auf die tatsache zurück, daß die traditionelle ägyptische Religion für 20 Jahre die Chance erhielt, selbst zu einer unterdrückten gegenströmnung zu werden (34) in den jahren der amarna-Zeit wurde die traditionelle RTeligion von oben unterdrückt und verfolgt, dadurch zwangsläufig von der politischen Ordnung nicht nur unterschieden, sondern zu ihr in einen klaren Antagonismus gebracht. Diese 20 Jahre genügten, sie strukturell zu verändern.

So müssen wir auch die beziehung von Ma'at und Persönlicher Frömmigkeit als einen Antagonismus rekonstruieren. Der Durchbruch der Persönlichen frömmigkeit am Ende der Amarnazeit bedeutet ein erstes Vorzeichen der achsenzeitlichen Kehre. Die Ersetzung der Ma'at durch den willen Gottes bedeutet eine Theologisierung der Gewrechtigkeit. Daher zeichnet sich, wenn man der Geschichte der Ma'at nachgeht, eine Entwicklungslinie ab, die dem prozeß der Säkularisierung gegenläufig ist. Die Religion, von der die verschiedenen Prozesse der Weltentzauberung ihren Ausgang nahmen, ist ihrerseits nichts ursprüngliches, sondern lässt sich in Heraufkunft beobachten. Die ägyptischen Quellen und insbesondere diejenigen, in denen sich die Vorstellung von der Ma'at entfaltet, eröffnen uns einen Einblick in die Welt, die der Religion, so wie wir sie verstehen, vorausliegt."
(29) Diese These hier zu substantiieren, würde zu weit führen. Für das Christentum liegt der Charakter eimner Widerstandsbewegung (nicht nur gegen die politische Herrscahft, sondern auch gegen die religiöse Ortthodoxie) auf der Hand, vgl. G. Theißen, Soziologie der Jesus-Bewegung. [München 1977] Für das Judentum wäre auf M. Smith, Palestinian Parties and Politcs That Shaped the Old Testament [1971] zu verweisen. Buddhismus und Jainismus werden häufig mit einer Opposition von Kshatriyas gegen die Oberhoheit der Brahmanen in Verbindung gebracht. In seine reinsten Form gilt die Formel "Religion als Widerstand", woran mich U. Duchrow erinnert, für apokalyptsiche bewegungen, in denen das Element der persönlichen Frömmigkeit sehr ausgeprägt ist. Vgl. dazu Hellhom, Apocalypticism [Apocalypticism in the Mediterranean World and in the Near East, Tübingen 1983] , bes. den Beitrag von J.C.H. Lebram ("The Piety of Jewish Apocalyptists", 171-210)
(34) Vgl. Hierzu Ägypten - Theologie und Frömmigkeit [Ägypten - Theologie und Frömmigkeit einer frühen Hochkultur, Stuttgart 1984] , 258-267

Jan Assmann: "Ma'at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten"; München 2001; S. 281-283


Eine ganz wichtige Pointe: Vor der Religion gabe es säkulare Zustände, dort wo sie kein evolutionistischer Zivilisationstheoretiker vermutet: Im Heidentum.

Das ist der Punkt, den viele christliche Theologen als auch säkulare Religionskritiker auf antikklerikaler Mission nicht verstehen können, nicht verstehen dürfen (denn sie teilen das gleiche evolutionistische Weltbild): Nicht überall war Religion.

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