Die Institutionen der Anders-Besser-Leben-Welt
"Nicht im Traum hätte ich gedacht, dass mich einmal der Gedanke an mangelnden zivilen Schutz beunruhigen könnte. Jetzt war er da, und ich brachte ihn in der Folge in einige Gesprächsrunden von Menschen ein, die ihre ganze Kraft für die Rettung der Welt einsetzen. Wer sorgt für unsere Sicherheit, wenn es ganz übel kommen sollte? Brauchen wir in einer katastrophal niederbrechenden Gesellschaft nicht eine Art kulturkreativer Polizei, die das Schlimmste verhütet?
Gesetzt, „wir“ bringen die friedliche Revolution zustande, die Gesellschaft organisiert sich neu nach lebensfördernden Werten, und die Staatsmacht nach heutigem Muster existiert so nicht mehr. Wer von „uns“ will dann die Aufgabe der Sicherheit übernehmen, wer von uns könnte das überhaupt? Ratlosigkeit war bisher die Antwort, Erstaunen, dass eine solche Frage quer durch die Bemühungen schießt, das Gute zu retten, eine Welt des Ausgleichs und der Liebe zu schaffen …
Könnte es sein, dass hier ein Versäumnis zutage tritt? Genügt es, an Engel oder die Wirksamkeit sozial-ökologischer Maßnahmen zu glauben oder naiv an das grundsätzlich Gute im Menschen? Was werden diejenigen tun, die – wenn es so kommt, wie ernstzunehmende Fachgremien befürchten – vor dem Hunger aus den Städten fliehen, dorthin, wo die neuen Gemeinschaften selbstversorgt Reigentänze aufführen und unverdrossen den integralen Geist einer globalen Menschheit herbeisingen?"
Ich finde die Passage nicht deshalb erwähnenswert, um das übliche Geplapper über die angebliche Naivität von Kommuneprojekten, Ausstiegsillusionen und Idylleszenarien des grün-alternativen oder ökospirituellen Milieus anzuheizen. Die meisten Beteiligten der von Joahnnes Heimrath angesprochenen Initiativen sind wesentlich politischer und engagierter in großen und kleinen Gemeinwohlangelegenheiten als die Herren und Damen, die dieses Geplapper anstimmen - das zum großen Teil ohnehin nur zur Besänftigung der Unruhe dient, daß es ein Leben jenseits des unindividuellen Lebensentwurfs gibt, den man mit Papa, Mama und den abertausenden Kollegen aus der Alterskohorte teilt. Ich zitiere sie auch nicht, weil ich die unterstellte Apokalyptik, die gerade in der kommunitären Szene sehr verbreitet ist, für realistisch halte. Die Passage ist interessant, weil das Milieu, für das die Zeitschriften der Kulturell-Kreativen Mediengruppe die Austauschplattform darstellen, seit einiger Zeit begonnen hat, die großen übergreifenden Entwürfe wie alternative Parlamentsformen, plebiszitäre Entscheidungsstrukturen, ökologisch orientierter Verbraucherschutz, Schwundgeld, Gemeinwohlökonomie und anderes, was sich so gut konzeptionieren lässt, mit den subsidiären Projekten zu konfrontieren, wie Tauschringe, lokale Solidargemeinschaften zur Gesundheitssfürsorge, Permakultur, kommunitäre Entscheidungsformen und anderes, was sich gut realisieren lässt. Egal wie simpel die Frage nach der "kulturell-kreativen Polizei" auch sein mag, sie verweist auf das zentrale Problem des Aufbaus von Institutionen und dem Verhältnis zwischen Gemeinschaften und dem modernen Staat. Bis jetzt kenne ich nur eine Debatte, die sich darum konstruktive Gedanken macht: die um den US-amerikanischen Kommunitarismus. Ein Projekt, das schon lange darauf wartet, realisert zu werden, wäre eine Übertragung der kommunitaristischen Vorschläge auf die deutschen Verhältnisse. Aber ich wiederhole mich..
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