Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Zwei Arten, das Wort an den Anfang zu stellen

Aus der Ansprache von Benedikt XVI. in einem Treffen mit dem östereichischen Parlament, Präsident und Kanzler (Hofburg, Wien - 7. September 2007):

Zum europäischen Erbe gehört schließlich eine Denktradition, für die eine substantielle Korrespondenz von Glaube, Wahrheit und Vernunft wesentlich ist. Dabei geht es letztlich um die Frage, ob die Vernunft am Anfang aller Dinge und auf ihrem Grund steht oder nicht. Es geht um die Frage, ob das Wirkliche auf Grund von Zufall und Notwendigkeit entstanden ist, ob mithin die Vernunft ein zufälliges Nebenprodukt des Unvernünftigen und im Ozean des Unvernünftigen letztlich auch bedeutungslos ist oder ob wahr bleibt, was die Grundüberzeugung christlichen Glaubens bildet: In principio erat verbum – Am Anfang war das Wort – Am Beginn aller Dinge steht die schöpferische Vernunft Gottes, der beschlossen hat, sich uns Menschen mitzuteilen.

Lassen Sie mich dazu Jürgen Habermas zitieren, also einen Philosophen, der sich selbst nicht zum christlichen Glauben bekennt. Er sagt: „Das Christentum ist für das normative Selbstverständnis der Moderne nicht nur Katalysator gewesen. Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative.“


Predigt von Kardinal Joachim Meisner zur Einweihung des Diözesanmuseums Kolumba (Kölner Dom, 14. September 2007)

„Im Anfang war das Wort“ (Joh 1,1), und alles, was geworden ist, ist nicht ohne das Wort geworden. Also hat die Schöpfung auch Wortcharakter. Gott hat sich entäußert und hat sich eingebildet in die Werke seiner Schöpfung. Darum schreibt wiederum Paulus in seinem Brief an die Römer: „Seit Erschaffung der Welt wird seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit. Daher sind sie unentschuldbar.“ (Röm 1,20).

In den Werken der Schöpfung dem Schöpfer auf die Spur zu kommen, ist Sache und Berufung der Künstler. Darum hat die Kunst auch immer mit Gott zu tun, und wenn es auch rein profane Kunst ist. Wenn sie den Namen „Kunst“ verdient, ist sie immer von der Wirklichkeit der Welt abgedeckt, und damit hat sie eine theologische Dimension. Darum sind Künstler so etwas Ähnliches wie Wünschelrutenläufer. Sie spüren die verborgenen Wasseradern dessen auf, der sich in der Schöpfung selbst entäußert und in seinen Werken verinnerlicht hat. Der Künstler zieht das Verborgene wieder ans Licht. (...)

Wir erwarten von unserem Museum, also von KOLUMBA, dass es gleichsam ein Areopag wird, auf dem sich Künstlerinnen und Künstler, Interessierte, Jugendliche und Ältere begegnen, um aus der Gegenüberstellung von moderner und alter Kunst, von profaner und sakraler Kunst, sich selbst besser zu erkennen und damit ihren Auftrag für den Weltdienst. Vergessen wir nicht, dass es einen unaufgebbaren Zusammenhang zwischen Kultur und Kult gibt. Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte. Gerade an diesem Platz in der Kölner Innenstadt, im Schatten des Domes, dort wo Jahrhunderte lang eine der bedeutendsten und größten Kölner Pfarrkirchen existiert hat, haben wir nun fast 65 Jahre nach ihrer Zerstörung das Diözesanmuseum errichtet. Und ich sehe darin keine Profanierung dieses heiligen Bodens, hier, inmitten des Heiligen Köln (...)
veronero - Di, Sep 18, 2007

Um den einen Satz zu begreifen:
"Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte."
Wird der Kultus nicht mehr von Kultur getragen zerfällt er zuum Ritualismus.
Wo Kultur ohne Wahrheitsbezug (Gottesverehrung), ohne kultische Dimension, da zerfällt sie zum schieren (leblosen, seelenlosen) Gegenstand. Der Gedanke ist denkenswert. Das bezeichnet Meissner also als entartet. Und was geschieht? Die Medien und die Rechtschaffenen verfallen in Ritualismus?

Tausend Worte für ein Wort und keinen Blick für den Kontext? Nicht dass man nicht über das böse Wort streiten könnte, aber dennoch verlasse ich kopfschüttelnd die Domplatte...

Denn liest man weiter:
"...Sie verliert ihre Mitte. Gerade an diesem Platz in der Kölner Innenstadt, im Schatten des Domes, dort wo Jahrhunderte lang eine der bedeutendsten und größten Kölner Pfarrkirchen existiert hat, haben wir nun fast 65 Jahre nach ihrer Zerstörung das Diözesanmuseum errichtet. Und ich sehe darin keine Profanierung dieses heiligen Bodens, hier, inmitten des Heiligen Köln (...)" Dann lässt sich der als "entartet" bedauerte Verlust auf die Jäger der Kunst und Kultur verstehen, jene die die totale Zerstörung von Kunst, Literatur und Kultur zu verantworten hatten. Dann wird der von den Nazis missbrauchte Begriff zum Mahnmal gegen sie selbst und ihre im Geiste verwandten.

Oder irre ich da? Lese ich nur was ich lesen will?
veronero - Di, Sep 18, 2007

Zwar lese ich bei Meissner die Deduktion von dem Wort Gottes und der Schöpfung und die Übertragung auf den Kunstbegriff, den Meissner als verlängerten göttlichen Schöpfungsakt versteht und als Wirklichkeitsinterpretation. Deswegen gibt er ihr eine theologische Dimension. Er schreibt aber nicht, dass die Kirche einzig in der Lage wäre diese Dimension zu erkennen oder gar zu deuten. Oder meint er genau das? Ist das der Weg der Kunst zum Dogma? Oder lese ich das da nur hinein?

Freilassender und von größerer pastoraler Kraft sind da die Worte des Papstes, der die Vernunft Gottes in dem Akt der Mitteilung gegenüber dem Menschen verortet.
Julio Lambing - Mi, Sep 19, 2007

Hallo Nerone,

Des Kardinals Worte sind insofern interessant, als daß sie tatsächlich als Entgegnung auf das moderne Lob der Ausdifferenzierung von Religion, Kunst (und wohl auch von Wissenschaft und Moral) gedacht sind.
Christlicher Kult ohne Kunst (für die hier das Wort Kultur verwendet wird) wird gemäß seiner Predigt zum inhaltslosen Ritual - ein interessante Forderung ergibt sich daraus an den christlichen Kultus. Kunst wiederum verliert ohne den Kult der christlichen Gottesverehrung "seine Mitte", was wohl den zentralen inhaltlichen Bezugspunkt meint, auf den sich die Kunst ausrichten muss. Sie "entartet" dann, verliert ihre Art. Und da hier Vorstellungen existieren, dass Arten aller Art reingehalten werden sollten, wenn sie wertvoll und ihrer Bestimmung gemäß sein sollen, meint diese "Entartung" eben Degeneration, Verfall, Krankheit, Verkümmerung. Die Tüchtigkeit der Kunst geht verloren.

Der "Ritualismus" der Medien reagiert auf diese Kombination von konservativem Kunstideal und der Idee von Gesundheit und Reinheit von Arten; ich halte die vielleicht ritualistisch anmutende Kritik selbst dann gerechtfertigt, wenn man sich vor Augen führt, wie oft Medien selbst Reinheitskonzepte im kulturellen Bereich propagieren (z.B. bei vielen Klagen über "Kulturimperialismus").

Der "Entartungsausrutscher" macht auch die doppelte argumentative Klippe deutlich: Es ist eines, der Ausdifferenzierung der Wertsphären und dem Lobgesang darauf zu widersprechen, etwa indem man dieThese vom Fortschritt der Rationalität hinterfragt oder auch die abwertende Diagnose kritisiert , daß die Ineinsetzung von Kunst und Kult "mythisch", "primitiv", "prärational" etc. sein soll. Es ist aber etwas anderes, wenn ich meinerseits dann behaupte, die Ineinsetzung sei besser und tüchtiger, ja mehr noch, sie sei die gesunde Variante.

Deine wohlwollende Lesart, daß sich "entartet" auf die Nazis bezieht, dürfte insoweit stimmen, daß sie aus der Sicht des Kardinals ebenfalls gottesfern gewesen sind und dies auch für ihre Kunst gilt. Ihn in die Nähe der Nazis zu rücken, ist gerade dann, wenn man die Passagen der Predigt über die nationalsozialistsiche Hybris liest, unfair - aber Fakt bleibt, daß die braunen Schlächter uns daran erinnern, wo konservative Verfallstheorien, die auf kulturellen Reinheitskonzepten abrocken, hinführen können.

Ansonsten dürfte es für den Kardinal nur einen Weg geben - den zirkulärer Kreuzgang: Vom Schöpfer zur Kunst, von der Kunst zum Kreuz und vom Kreuz zum Schöpfer. Trennt ihn da soviel vom Papst, wenn dieser bei diesem Rundgang der göttlichen Wahrheit die Kunst durch die Vernunft ersetzt?
nerone (Gast) - Mi, Sep 19, 2007

Ich gebe zu, dass ich milder auf die Katholen blicke. Aber ich muss auch erwähnen, dass mein erster Impuls, als ich davon hörte war ein selbstzufriedenes Lächeln, eine klassische wegwerfende Handbewegung war und dann: Der schon wieder...

Ich denke nicht dass ein Meissner die Kraft besitzt Kunst in das Korsett christlicher Traditionen zu stecken. Ich halte mehr davon seinen Blick auf die Kunst/Kultur aufzugreifen. Wenn und wo immer Kunst also entsteht, entsteht ein Wahrheitsbezug. Wenn man Meissner beim Wort nimmt, dass Ihm wichtig ist, dann hat die Kirche viele Wahrheiten zu lesen, auch jene die Ihr nicht passt. Ich denke ich bin zu lange nicht mehr im Verein. Aber wenn jemand von Gott/Wahrheit spricht, dann höre ich nicht gleich katholische Kirche. Aber ich bin ja auch nicht der Papst...

Mit deinen Ausführungen, Julio, hast du mir den Kontext zu der Rede nochmals erweitert. Ich sehe jetzt etwas klarer.

In dieser Sache kann ich dir dann doch recht geben:
"Der "Ritualismus" der Medien reagiert auf diese Kombination von konservativem Kunstideal und der Idee von Gesundheit und Reinheit von Arten; ich halte die vielleicht ritualistisch anmutende Kritik selbst dann gerechtfertigt, wenn man sich vor Augen führt, wie oft Medien selbst Reinheitskonzepte im kulturellen Bereich propagieren (z.B. bei vielen Klagen über "Kulturimperialismus")."

Ich reagiere eher auf die Verknappung der Information allergisch - habe aber auch noch nicht alles gelesen, was dazu zu sagen ist...

wieder als nerone...
nerone (Gast) - Di, Sep 25, 2007

Reemtsma erklärt hier, worum es in diesen Aussagen auch geht. Ich verstehe es zunehmend besser:

"Johannes Paul II. sah in der Tradition der abendländischen Philosophie seit Descartes ein Denken gegen Gott - und das auch bei Denkern, die sich selbst für "gut christlich" erklärt hätten. Jedes Denken, das nicht von Gott seinen Ausgangspunkt nehme, sei "Lästerung gegen den heiligen Geist" und damit eine Sünde, die "nicht vergeben werden kann".[7] Mit einer Gesellschaft, die aber so verfasst ist, dass sie den Menschen und nicht Gott, also den Bürger und nicht den Priester, in den Mittelpunkt stellt, kann jemand, der solche Auffassungen hat, nicht in Frieden, sondern immer nur im Zustande eines Waffenstillstands auf Zeit leben."

aus: http://www.eurozine.com/articles/2005-08-22-reemtsma-de.html
Julio Lambing - Sa, Sep 22, 2007

Der Herrn mit dem Fingerkrampf an der Shift-Taste

der hier mit "G***** S*******" unterschreibt, soll bitte seine Mageninhalte über Entartung, Materialismus, Huren, Juden und das 3. Reich irgendwoanders rausschlabbern. Das hier ist nicht eine Müllhalde für reaktionäre antisemitische Misanthropen, bloß weil ein paar Reizwörter fallen. Mir ist auch wurscht, ob das seitenlanges Pseudo-Dada sein soll.

Danke. Widerrede ist nicht notwendig, einfach weiterziehen. Jeder Kommentar von dir wird gelöscht.

[Das gilt auch gleich für alle anderen Schwätzer, die hier über 'ne Suchmaschiene aufschlagen und neurale Zuckungen bekommen, weil sie eine vermeintliche Plattform für eigene GROSSBUCHSTABEN wittern.]

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