Zwei Arten, das Wort an den Anfang zu stellen
Zum europäischen Erbe gehört schließlich eine Denktradition, für die eine substantielle Korrespondenz von Glaube, Wahrheit und Vernunft wesentlich ist. Dabei geht es letztlich um die Frage, ob die Vernunft am Anfang aller Dinge und auf ihrem Grund steht oder nicht. Es geht um die Frage, ob das Wirkliche auf Grund von Zufall und Notwendigkeit entstanden ist, ob mithin die Vernunft ein zufälliges Nebenprodukt des Unvernünftigen und im Ozean des Unvernünftigen letztlich auch bedeutungslos ist oder ob wahr bleibt, was die Grundüberzeugung christlichen Glaubens bildet: In principio erat verbum – Am Anfang war das Wort – Am Beginn aller Dinge steht die schöpferische Vernunft Gottes, der beschlossen hat, sich uns Menschen mitzuteilen.
Lassen Sie mich dazu Jürgen Habermas zitieren, also einen Philosophen, der sich selbst nicht zum christlichen Glauben bekennt. Er sagt: „Das Christentum ist für das normative Selbstverständnis der Moderne nicht nur Katalysator gewesen. Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative.“
Predigt von Kardinal Joachim Meisner zur Einweihung des Diözesanmuseums Kolumba (Kölner Dom, 14. September 2007)
„Im Anfang war das Wort“ (Joh 1,1), und alles, was geworden ist, ist nicht ohne das Wort geworden. Also hat die Schöpfung auch Wortcharakter. Gott hat sich entäußert und hat sich eingebildet in die Werke seiner Schöpfung. Darum schreibt wiederum Paulus in seinem Brief an die Römer: „Seit Erschaffung der Welt wird seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit. Daher sind sie unentschuldbar.“ (Röm 1,20).
In den Werken der Schöpfung dem Schöpfer auf die Spur zu kommen, ist Sache und Berufung der Künstler. Darum hat die Kunst auch immer mit Gott zu tun, und wenn es auch rein profane Kunst ist. Wenn sie den Namen „Kunst“ verdient, ist sie immer von der Wirklichkeit der Welt abgedeckt, und damit hat sie eine theologische Dimension. Darum sind Künstler so etwas Ähnliches wie Wünschelrutenläufer. Sie spüren die verborgenen Wasseradern dessen auf, der sich in der Schöpfung selbst entäußert und in seinen Werken verinnerlicht hat. Der Künstler zieht das Verborgene wieder ans Licht. (...)
Wir erwarten von unserem Museum, also von KOLUMBA, dass es gleichsam ein Areopag wird, auf dem sich Künstlerinnen und Künstler, Interessierte, Jugendliche und Ältere begegnen, um aus der Gegenüberstellung von moderner und alter Kunst, von profaner und sakraler Kunst, sich selbst besser zu erkennen und damit ihren Auftrag für den Weltdienst. Vergessen wir nicht, dass es einen unaufgebbaren Zusammenhang zwischen Kultur und Kult gibt. Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte. Gerade an diesem Platz in der Kölner Innenstadt, im Schatten des Domes, dort wo Jahrhunderte lang eine der bedeutendsten und größten Kölner Pfarrkirchen existiert hat, haben wir nun fast 65 Jahre nach ihrer Zerstörung das Diözesanmuseum errichtet. Und ich sehe darin keine Profanierung dieses heiligen Bodens, hier, inmitten des Heiligen Köln (...)
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