Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Ein Preis, der viele, viele freut

Natürlich muß ich trotz aktueller Zeitknappheit, die durch die Dürre meiner aktuellen Notizen hier auf diesem Blog gut dokumentiert ist, etwas dazu schreiben, versteht sich ja von selbst. Was soll ich dazu sagen??

Die erste Reaktion nach der Radio-Meldung:
Yepp. Ging schon länger herum, daß das Thema Klimawandel in den Focus des Nobelpreiskomittees des norwegischen Parlaments geraten war. Auch das IPCC und Al Gore wurden bereits genannt. Der Vater des Kyoto-Protokolls, der argentinische Diplomat Raul Estrada hätte bei der Nominierungsliste auch noch gut gut dazu gepasst, aber wer weiß?



Al Gore - Vortrag zum thema Klimaschutz


Die zweite Überlegung, drei Minuten später:
Lange schon dürfte ein Friedensnobelpreis nicht mehr so hochpolitisch gewesen sein, wie der diesjährige. Die Bekämpfung des Klimawandels, also das Zurückdrängen der unser Industriezeitalter initiierenden und für mehr als ein jahrhundert prägenden Verbrennungstechnologie, wird für Jahrzehnte die größte technologische Herausforderung der modernen Volkswirtschaften. Inwieweit die durch den Klimawandel zu erwartenden wirtschaftlichen und ökologischen Verwerfungen selbst die internationale Politik beeinflussen werden, ist noch nicht abzusehen. Die Verleihung des Friednesnobelpreises ist strategisch ausgesprochen gut plaziert. China hat vor einiger Zeit Sondierungen mit Vertretern der oppositionellen US-Demokraten aufgenommen, um über die Entwicklung de US-amerikanischen Klimapolitik nach dem Ende der Ära Bush zu reden. Mit den aktuellen parlamentarischen Auseinandersetzungen in Kanada ist zum ersten Mal in der Geschichte der Demokratien eine Bush-freundliche Regierung durch klimapolitische Auseinandersetzungen in erhebliche Bedrängnis gekommen. Die für Ende des Jahres zu erwartenden Neuwahlen in Australien werden wahrscheinlich einen weiteren Bush-Verbündeten, den kyoto-feindlichen Premierminister John Howard ablösen, der klimapolitisch wesentlich aufgeschlossenere Oppositionsführer von Labour, Kevin Rudd, liegt in den Umfragen deutlich vor ihm. Und jetzt planen die US-Demokraten, die bisher auf den internationalen Klimaverhandlungen eher zurückhaltend präsent gewesen waren - sieht man mal von der wirksamen Rede Bill Clintons auf der Klimakonferenz in Montreal vor zwei Jahren ab -, sich auch noch durch eine hochrangige Gruppe an Vertretern bei der nächsten UN-Klimaverhandlungsrunde in Bali vertreten zu lassen. Auch wenn die offiziellen Verhandlungen in Bali seitens der US-Amerikaner natürlich ausschließlich der amtierenden Regierung überlassen bleibt, werden die dort anwesenden demokratischen Senatoren und Kongreßabgeordneten nicht ohne Einfluß sein. Gerade auf der Ebene der einzelnen US-Bundestaaten gibt es klimapolitisch schon seit drei Jahren deutliche Bewegung und diese Staaten repräsentieren sie ja ebenfalls zum Teil.

Die Verleihung des Friedensnobelpreis an Al Gore wird nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die administrativen Eliten in den USA weiter in Richtung Klimaschutz drücken, die der demokratischen Partei allemal, aber auch die der Republikaner (der kalifornische Gouverneur Schwarzenegger machte vor, wie man als Republikaner mit Klimaschutz Wahlen gewinnen kann!). Bush wird dennoch nicht das Kyoto-Protokoll akzeptieren, er muß sein Gesicht waren und hätte mittlerweile auch enorme Probleme, dessen Reduktionsvorgaben nachzukommen. Wie bei der Frage, wann die US-Truppen den Irak verlassen sollen, muß seine Strategie sein, sich bis zur Präsidentschaftswahl mit kleinen Zugeständnissen, die er Zug um Zug der Weltöffentlichkeit macht, zu retten. Aber auch er weiß, daß jeder zukünftige US-Präsident, selbst aus den Reihen der Republikaner, eine andere Klimapolitik machen würde - eine beachtliche Anzahl einflussreicher Republikaner stehen in klimapolitischen Fragen ihren Kollegen aus den europäischen konservativen Parteien wesentlich näher als er es tut.

Spannend wäre die Frage, ob wieder durch einen organisatorischen Trick einem Vertreter der US-Demokraten ermöglicht wird, vor Ort auf den jährlichen internationalen UN-Klimaverhandlungen seinen Einfluss auszuüben. Der sehr diskret vorbereitetet und in letzter Sekunde angekündigte Auftritt von Bill Clinton war bei den Klimaverhandlungen vor zwei Jahren in Montreal durch die damalige liberale kanadische Regierung eingefädelt worden, offiziell war es ein etwas zu groß geratenes Side Event der Stadt Montreal. Der Auftritt war das Ereignis der Verhandlungen, der riesige Saal war rammelvoll, Unterhändler und Lobbyisten (die sogenannten "Observers") drängten sich. Die Wirkung der Rede, die in erster Linie die wirtschaftlichen Chancen einer ambitionierten Klimapolitik und den damals einsetzenden Stimmungswechsel bei großen Konzernen in den USA betonte, war trotz des offiziellen Boykotts der US-Delegation enorm. Die US-Delegation kam damals in den letzten Verhandlungstagen enorm unter Druck.

Die nächste große Runde der Klimaverhandlungen, die COP13/CMP3 in Bali (Indonesien) Anfang Dezember 2007, wird vermutlich ein internationales Aufsehen erregen wie kein Klimagipfel vorher in den letzten 15 Verhandlungsjahren. Seit Jahren wächst die Anzahl der Deligierten, Beobacheter und Journalisten. Schon allein jetzt sollen sich laut informellen Hinweisen 1000 Journalisten für Bali bei dem internationalen Sekretariat der UN Klimarahmenkonvention (UNFCCC) , das die Verhandlungen organisiert, angemeldet haben. Ein Auftritt des Friedennobelpreisträgers Al Gore wäre im nicht-offiziellen Teil der Verhandlungen (Side Events, Empfänge etc.) nun mehr als gut zu begründen, aber die Gefahr dass die US-Unterhändler dann erst Recht aus Image-Gründen in eine Trotzhaltung verfällt, sollte bedacht werden. Andererseits würde es ein eindrucksvolles Signal an China bedeuten, daß sich in den USA in Sachen Klimaschutz informell etwas tut - ein nicht zu unterschätzender Faktor bei den Verhandlungen: bei den Entwicklungsländern gilt es noch lange nicht als ausgemacht, daß die Industrienationen wirklich ernst machen mit dem Klimaschutz. (Spricht man Vertretern von Entwicklungsländer, dann wird gewöhnlich der überwiegende Teil der Treibhausgas-Reduktionen der letzten Jahre, für die sich z.B. die EU loben lässt, dem Niedergang der sozialistischen Volkswirtschaften in Osteuropa und Ostdeutschland zugeschrieben - und nicvht einem ernsthaften Bemühen um Reduktion.)

Nicht nur der klimapolitische Öffentlichkeitskampagner, der Prediger, hat den Preis bekommen, sondern auch eine wissenschaftliche Institution. Die Co-Verleihung des Preises an IPCC gibt der Entscheidung wissenschaftlichen Feuerschutz. Gores Film hatte kleinere Schwächen (allerdings nur zum Teil jene, die der britische Richter Justice Burton bemängelte; zur Frage z.B., ob der Tschad-See tatsächlich nicht aufgrund des Klimawandels austrocknet, lohnt z.B. diese differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema) und ich hätte mir hin- und wieder gewünscht, daß er sich mehr an den Satz hält: "Weniger ist mehr". Vor allem hat "An Inconvenient Truth" einen Tonfall, der mir hin- und wieder doch zu aufgeregt ist. Die Publikationen des IPCC dagegen benutzen eine nüchterne Sprache. Die Ehrung wird dazu beitragen, daß Leute, die vom "Klimaschwindel" sprechen und die die Warnung vor "Klimahysterie" benutzen, damit nichts getan wird, noch mehr in die Defensive geraten. Das Preisgeld ist bei den Wissenschaftlern um Rajendra Pachauri auch gut aufgehoben, wie alle Institutionen im Umfeld des UN-Umweltprogramms (UNEP) und der UN-Rahmenkonvention zum Klimawandel (UNFCCC) hätte auch bei ihnen in den vergangenen Jahren die reguläre finanzielle Ausstattung besser sein können. Dass Gore seinen Teil des Preisgeldes an die "Alliance for Climate Protection" spendet, ist nicht erstaunlich. Er ist dort Vorstandschef und sammelte schon in der Vergangenheit mir enorm hohen Rednerhonoraren im sechsstelligen Bereich Geld dafür. Für das, was er an umfassenden PR-Aktivitäten unternimmt, ist das Geld auch gut aufgehoben.



Black balloons: making CO2 real



Die dritte Reaktion, nach all den Überlegungen und nachdem die Radios jetzt anfangen, die Meldung und Glückwünsche konstant zu wiederholen: Ein paar Tränen in den Augen, denn der Preis erfolgt für ein Thema und ein Ziel, für das ich mich und eine ganze Reihe an Freunden in den letzten 5 Jahren tagaus tagein eingesetzt haben. Die Überschrift oben ist eigentlich zu dürr und floskelhaft, aber was soll's...

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Praxis der Aphrodisia

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