Diese Welt war nie rein
Jan Assmanns Verdienst liegt nicht zuletzt darin ,daß er die Erkenntnis der Tatsache, daß heidnische Kulturen keine Religion sind, popularisiert. In gleich zwei Fernsehdiskussionen (Wiederholung des "Philosophische Quartetts" mit dem Thema: "In Gottes Namen: Religion im Dienst der Politik"; "Gewalt und Religion - Wie gefährlich ist der Eingottglaube?") konnte ich mir anschauen, wie Jan Assmann sich bemüht, das Phänomen der Weltfremdheit, Weltdistanz, Weltfeindschaft, das Religionen, aber eben nicht heidnische Kulturen ausmacht, in Massenmedien zu erläutern. Dort benutzt auch bereits die Unterscheidung Religion versus Kult. Für eine Kultur, die das Christentum so tief inhaliert hat, daß es ssie sich kaum vorstellen kann, daß solche Dinge wie Götter, Rituale, Opfer nichts mit Religion zu tun haben, sondern unter Umständen Teil einer säkularen Kultur vor dem Zeitalter der Religion sind, ist das schwer zu schluckender Brocken.
In seinem Buch "Ma'at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten" von 2001 hangelt er sich noch an den Begriffen "primäre" und "sekundäre Religionen" entlang, um sich erst gegen Ende seiner Überlegungen dazu durchzuringen, den Religionsbegriff zu verabschieden.
Religionen im Sinne von "Ma'at" kann man als "Traditions- oder Kulturreligionen" bezeichnen. Dieser Begriff bezieht sich auf Religion im umfassenden Sinn einer "symbolischen Sinnwelt", die, gleichbedeutend mit "Kultur", menschliches Handeln und politische Ordnung fundiert. Demgegenüber bezieht sich der Begriff einer ,,(sekundären) Religion im strengen Sinne" auf ein System von Überzeugungen und Verpflichtungen, das von den allgemeinen Fundierungen des Zusammenlebens unterschieden ist und zu diesen in Konflikt geraten kann. Das entscheidende Kennzeichen dieses neuen Typs von Religion ist der Bekenntnischarakter im Sinne einer "normativen Selbstdefinition" Diese Religion muß "bekannt" werden, sie stiftet eine exklusive Form der Zugehörigkeit. Typische Kennzeichen dieser Form der Zugehörigkeit sind Konversion, Apostasie, Anachorese und Märtyrertum. Daher ist dieser Typus wohl am angemessensten als "Bekenntnisreligion" zu bezeichnen. Eine Religion dieses Typs fundiert eine "alternative" Lebensform, die sich in bewußten Gegensatz zur Tradition der "Kultur" stellt. Ein strikt nach den Forderungen solcher Religionen geführtes Leben impliziert die Auswanderung aus den traditionellen Lebensformen und Alltagsnormen der Kultur. Eine solche Sezession aus der "Kultur" in einen alternativen Lebensstil kennzeichnet die orphischen und pythagoräischen Sekten sowie die späteren Philosophenschulen (Akademie, Peripatos, Lykaion, Stoa usw.) in Griechenland, das israelitische "Heiligkeitsgesetz" und die prophetische Bewegung, die jüdischen und urchristlichen Bewegungen, die gnostischen, hermetischen und sonstigen religiösen Sekten der Spätantike, die hinduistischen Entsager und Asketen, die buddhistischen Mönche, konfuzianischen Asketen-Gelehrten und daoistischen Einsiedler usw. Überall stellt sich eine neue, strikteren Ordnungen verpflichtete Lebensform der traditionellen Kultur - stellt sich "Wahrheit" der "Gewohnheit" - entgegen, wird Religion im Sinne von Tradition zum "Heidentum" degradiert.
Traditionelle Lebensformen und Sinnwelten sind nicht kontradistinktiv erhärtet, sondern verstehen sich mit einer gewissen Selbstverständlichkeitlichkeit als die Ordnung schlechthin. So wie die Selbstbezeichnung von Mitgliedern solcher Kulturgemeinschaften sehr oft mit dem Wort für "Mensch" zusammenfällt (Ägypten bildet hier keine Ausnahme), wird auch die traditionelle Lebensform für die natürliche" Weltordnung" angesehen. Die natürliche Ordnung versteht sich von selbst, man kann weder zu ihr konvertieren, noch für sie sterben oder ihr abtrünnig werden.
Jan Assmann: "Ma'at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten"; München 2001; S. 21
Auf einem Flohmarktbummel vor kurzem fiel mir nun eine CD in die Hände, die wie kaum ein anderes Produkt der modernen Glaubenswelt diese Weltfremdheit, Weltfeindschaft, die ja zuallererst eine Kulturferne ist, illustriert; sie stammt - wie könnte es anders sein - von Xavier Nadoo.
Sie ist längst verloren.
Sie ist fast schon tot.
Sie ist übergossen mit leicht entflammbaren Mitteln und wartet auf ihren Todesstoß.
Sie kriegt keine Luft.
Sie atmet schwer.
Sie hat nur noch wenige Tage und weiß es genau.
Glaub mir sie kann nicht mehr.
Diese Welt war verloren,
diese Welt war nie rein.
Sie liegt am Boden um zu sterben und ich lass sie sterben,
denn ich weiß so soll es sein.
Diese Welt war verlogen,
diese Welt war nie rein.
Sie liegt am Boden um zu sterben und ich lass sie sterben,
denn ich weiß so soll es sein.
Sie war gegen das Leben,
gegen den Geist,
gegen den Herrn, der sie schuf und den Herrn der sie liebt,
und der sie nun niederreißt.
Denn es gibt keine Rettung,
sie kann nicht fliehen.
Sie muss sich mitansehen wie die Tage des Donners ziehen und sie nun langsam überziehen
Diese Welt war verloren,
diese Welt war nie rein.
Sie liegt am Boden, um zu sterben und ich lass sie sterben,
denn ich weiß so soll es sein.
Diese Welt war verlogen,
diese Welt war nie rein.
Sie liegt am Boden, um zu sterben und ich lass sie sterben,
denn ich weiß so soll es sein.
Sie hasste mich und ich liebte sie nicht.
Ich werde singen und tanzen,
und das mir mitansehen, wie sie langsam unter mir zerbricht.
Denn es wird alles neu,
alles wird Licht,
alles wird herrlich und prächtig, denn der Tag des Herrn wird alles halten was er uns verspricht.
Sie ist längst verloren.
Sie ist fast schon Tod.
Sie ist übergossen mit leicht entflammbaren Mitteln und wartet auf ihren Todesstoß.
Sie kriegt keine Luft.
Sie atmet schwer.
Sie hat nur noch wenige Tage und weiß es genau.
Glaub mir sie kann nicht mehr.
Xavier Naidoo: "Ich Lass Sie Sterben"
Album: Zwischenspiel/Alles für den Herrn (2002)
Entscheidend ist dabei gar nicht die Apokalyptik, auch wenn sie die Weltfremdheit weiter dynamisiert. Entscheidend ist dieser distanzierende Fingerzeig: "diese Welt", bei dem der Sprecher sich eben nicht mehr als Teil von ihr versteht. Er steht bereits für eine Neue Welt, in der er eins ist mit Gott und der gerechten gottegegebenen Weltsatzung. Hier ist bekanntlich eine Sprache der Revolte am Werk, die das christlich-jüdische Erbe schon mit dem Puritanern in die politische Revolution und in die nach Vollendung drängende Utopie eingebracht hat.
Heidentum ist keine Religion, anders mag es aber um das Neuheidentum stehen: Weite Teile dieser Strömung - mit nur wenigen Ausnahmen - beschreiben sich selbst als "Glaube an die alten Götter". Und noch wichtiger für diesen Gedankengang: sie nehmen selbst eine Haltung der Welt-entfremdung ein: die Kritik an der modernern Kultur, mit ihrer durch das Christentum und den Rationalismus verursachten Lebens- und Sinenfeindlichkeit und der alles vernichtenden Umweltzerstörung, sind ein fester Topos in der Selbstbeschreibung geworden. Lässt man mal die offensichtlichsten christlichen Vokabeln weg, dann ist die prophetische Apokalyptik eines Xavier Naidoo nicht so weit weg von der grün-alternativen, Sinnenfreudenlust betonenden Protestlyrik der Neuheiden. Neuheidentum: Das ist Religion geworden - und das schon seit der Romantik.
In seinem Buch "Ma'at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten" von 2001 hangelt er sich noch an den Begriffen "primäre" und "sekundäre Religionen" entlang, um sich erst gegen Ende seiner Überlegungen dazu durchzuringen, den Religionsbegriff zu verabschieden.
Religionen im Sinne von "Ma'at" kann man als "Traditions- oder Kulturreligionen" bezeichnen. Dieser Begriff bezieht sich auf Religion im umfassenden Sinn einer "symbolischen Sinnwelt", die, gleichbedeutend mit "Kultur", menschliches Handeln und politische Ordnung fundiert. Demgegenüber bezieht sich der Begriff einer ,,(sekundären) Religion im strengen Sinne" auf ein System von Überzeugungen und Verpflichtungen, das von den allgemeinen Fundierungen des Zusammenlebens unterschieden ist und zu diesen in Konflikt geraten kann. Das entscheidende Kennzeichen dieses neuen Typs von Religion ist der Bekenntnischarakter im Sinne einer "normativen Selbstdefinition" Diese Religion muß "bekannt" werden, sie stiftet eine exklusive Form der Zugehörigkeit. Typische Kennzeichen dieser Form der Zugehörigkeit sind Konversion, Apostasie, Anachorese und Märtyrertum. Daher ist dieser Typus wohl am angemessensten als "Bekenntnisreligion" zu bezeichnen. Eine Religion dieses Typs fundiert eine "alternative" Lebensform, die sich in bewußten Gegensatz zur Tradition der "Kultur" stellt. Ein strikt nach den Forderungen solcher Religionen geführtes Leben impliziert die Auswanderung aus den traditionellen Lebensformen und Alltagsnormen der Kultur. Eine solche Sezession aus der "Kultur" in einen alternativen Lebensstil kennzeichnet die orphischen und pythagoräischen Sekten sowie die späteren Philosophenschulen (Akademie, Peripatos, Lykaion, Stoa usw.) in Griechenland, das israelitische "Heiligkeitsgesetz" und die prophetische Bewegung, die jüdischen und urchristlichen Bewegungen, die gnostischen, hermetischen und sonstigen religiösen Sekten der Spätantike, die hinduistischen Entsager und Asketen, die buddhistischen Mönche, konfuzianischen Asketen-Gelehrten und daoistischen Einsiedler usw. Überall stellt sich eine neue, strikteren Ordnungen verpflichtete Lebensform der traditionellen Kultur - stellt sich "Wahrheit" der "Gewohnheit" - entgegen, wird Religion im Sinne von Tradition zum "Heidentum" degradiert.
Traditionelle Lebensformen und Sinnwelten sind nicht kontradistinktiv erhärtet, sondern verstehen sich mit einer gewissen Selbstverständlichkeitlichkeit als die Ordnung schlechthin. So wie die Selbstbezeichnung von Mitgliedern solcher Kulturgemeinschaften sehr oft mit dem Wort für "Mensch" zusammenfällt (Ägypten bildet hier keine Ausnahme), wird auch die traditionelle Lebensform für die natürliche" Weltordnung" angesehen. Die natürliche Ordnung versteht sich von selbst, man kann weder zu ihr konvertieren, noch für sie sterben oder ihr abtrünnig werden.
Jan Assmann: "Ma'at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten"; München 2001; S. 21
Auf einem Flohmarktbummel vor kurzem fiel mir nun eine CD in die Hände, die wie kaum ein anderes Produkt der modernen Glaubenswelt diese Weltfremdheit, Weltfeindschaft, die ja zuallererst eine Kulturferne ist, illustriert; sie stammt - wie könnte es anders sein - von Xavier Nadoo.
Sie ist längst verloren.
Sie ist fast schon tot.
Sie ist übergossen mit leicht entflammbaren Mitteln und wartet auf ihren Todesstoß.
Sie kriegt keine Luft.
Sie atmet schwer.
Sie hat nur noch wenige Tage und weiß es genau.
Glaub mir sie kann nicht mehr.
Diese Welt war verloren,
diese Welt war nie rein.
Sie liegt am Boden um zu sterben und ich lass sie sterben,
denn ich weiß so soll es sein.
Diese Welt war verlogen,
diese Welt war nie rein.
Sie liegt am Boden um zu sterben und ich lass sie sterben,
denn ich weiß so soll es sein.
Sie war gegen das Leben,
gegen den Geist,
gegen den Herrn, der sie schuf und den Herrn der sie liebt,
und der sie nun niederreißt.
Denn es gibt keine Rettung,
sie kann nicht fliehen.
Sie muss sich mitansehen wie die Tage des Donners ziehen und sie nun langsam überziehen
Diese Welt war verloren,
diese Welt war nie rein.
Sie liegt am Boden, um zu sterben und ich lass sie sterben,
denn ich weiß so soll es sein.
Diese Welt war verlogen,
diese Welt war nie rein.
Sie liegt am Boden, um zu sterben und ich lass sie sterben,
denn ich weiß so soll es sein.
Sie hasste mich und ich liebte sie nicht.
Ich werde singen und tanzen,
und das mir mitansehen, wie sie langsam unter mir zerbricht.
Denn es wird alles neu,
alles wird Licht,
alles wird herrlich und prächtig, denn der Tag des Herrn wird alles halten was er uns verspricht.
Sie ist längst verloren.
Sie ist fast schon Tod.
Sie ist übergossen mit leicht entflammbaren Mitteln und wartet auf ihren Todesstoß.
Sie kriegt keine Luft.
Sie atmet schwer.
Sie hat nur noch wenige Tage und weiß es genau.
Glaub mir sie kann nicht mehr.
Xavier Naidoo: "Ich Lass Sie Sterben"
Album: Zwischenspiel/Alles für den Herrn (2002)
Entscheidend ist dabei gar nicht die Apokalyptik, auch wenn sie die Weltfremdheit weiter dynamisiert. Entscheidend ist dieser distanzierende Fingerzeig: "diese Welt", bei dem der Sprecher sich eben nicht mehr als Teil von ihr versteht. Er steht bereits für eine Neue Welt, in der er eins ist mit Gott und der gerechten gottegegebenen Weltsatzung. Hier ist bekanntlich eine Sprache der Revolte am Werk, die das christlich-jüdische Erbe schon mit dem Puritanern in die politische Revolution und in die nach Vollendung drängende Utopie eingebracht hat.
Heidentum ist keine Religion, anders mag es aber um das Neuheidentum stehen: Weite Teile dieser Strömung - mit nur wenigen Ausnahmen - beschreiben sich selbst als "Glaube an die alten Götter". Und noch wichtiger für diesen Gedankengang: sie nehmen selbst eine Haltung der Welt-entfremdung ein: die Kritik an der modernern Kultur, mit ihrer durch das Christentum und den Rationalismus verursachten Lebens- und Sinenfeindlichkeit und der alles vernichtenden Umweltzerstörung, sind ein fester Topos in der Selbstbeschreibung geworden. Lässt man mal die offensichtlichsten christlichen Vokabeln weg, dann ist die prophetische Apokalyptik eines Xavier Naidoo nicht so weit weg von der grün-alternativen, Sinnenfreudenlust betonenden Protestlyrik der Neuheiden. Neuheidentum: Das ist Religion geworden - und das schon seit der Romantik.
Julio Lambing - Mo, Okt 15, 2007 - Zettelkasten: Nicht-Glaube
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Trackbacks zu diesem Beitrag
annakuehne.twoday.net - Sa Okt 20, 23:17
Auf den Punkt gebracht
Die Neuheiden haben aus dem Heidentum... [weiter]







"Neu-Heidentum"
Kompliment für das Fazit!!
Entdeckte ähnliche Tendenzen unserer Zeit.
Nur Dein Begriff dafür finde ich faszinierend.
Anabell