Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

"Spiritualität versus Politik"

Gandalf Lipinski hat gemeinsam mit Wolfgang Trötschel und Siegfried Prumbach eine Sonderrubrik in den "KursKontakten" für das Holon-Netzwerk eröffnet. In einem einführenden Artikel von ihm heisst es:

"Fast so alt wie der uralte Impuls des Menschen, die Existenz von Leid, Krieg, Ungerechtigkeit und Unterdückung nicht einfach hinzunehmen und sich für eine Verbesserung der Gesellschaft einzusetzen, ist auch der Streit darüber, wo denn dafür anzusetzen sei: beim Individuum oder bei den Gesellschaftsstrukturen. Als Linker sozialisiert, habe ich gelernt, dass die Humanisierung der Gesellschaft Grundvoraussetzung für jede individuelle Entfaltung sei. Und als Suchernder auf den Pfaden der Innerlichkeit begegnete mir immer wieder die andere Position: Jede Veränderung habe bei uns zu beginnen, sonst könne sich die Gesellschaft nicht nachhaltig positiv transformieren. Bis heute bin ich der Meinung beide Seiten haben Recht."
Gandalf Lipinski: " Spiritualität und Politik - »Vom Entweder-oder« zum »Sowohl-als-auch« "; Kurskontakte Nr. 136, Dez. 2004


Vom ökologischen Standpunkt aus ist die Frage für mich langweilig. Natürlich macht es Sinn, sich sowohl politisch für das Kyoto-Protokoll einzusetzen als auch selbst keinen SUV zu fahren. Vom sozialgestalterischen Ansatz ist sie für mich auch langweilig: Wer neue Lebensformen im Sozialkontakt, in der Arbeit, Medizin, Erziehung etc. etablieren will, tut gut daran diese selbst auszuprobieren.

Etwas interessanter ist für mich die Frage, welche Sozial- und Lebensweisen überhaupt in Frage gestellt werden: Der frühe Karl Marx thematisiert in den Pariser Manuskripten die Entfremdung bei der Arbeit, Michel Foucault die Mikrophysik der Macht in seinen Untersuchungen über die Körpertechnologien und die Psychologie, Erich Fromm setzt sich mit dem persönlichen Charakter als Resultat einer Sozialisierung auseinander, die Feministinnen thematisierten die alltägliche Interaktion zwischen Männer und Frauen. Das lässt sich fortsetzen mit Sexualität und Eheformen, Medizin, Schulwesen, Geldwirtschaft (Tauschringe), Fortbewegungsweisen und Körperhaltungen, Architektur und Wohnraumgestaltung usw. Für Gandalf kommt der Bereich "Spirtualität" hinzu, womit er die "Arbeit am eigenen Bewusstsein" und die "spirituelle Praxis" (also wohl Gebete, Meditation, Rituale etc.) meint. Unterschiedliche Gruppen suchen sich aus diesem Potpourri unterschiedliches aus, je nach Vorlieben.

Am interessantesten scheint mir die folgende Frage: Gandalf hat Recht, in der linken Diskussion ist die Gegenüberstellung der beiden Haltungen altbekannt - deutlich älter als z.B. die 68er Kulturrevolte, die dieses Thema intensiv umkreiste. Problematisch ist dabei der eine Pol des Themas, der Begriff "Gesellschaft", der hier ganz selbstverständlich verwendet wird. Dieser Begriff referiert auf eine theoretische Entität: das Phänomen "Gesellschaft" ist konstruiert - ähnlich wie es das Phänomen "Elektron", "Kapitalismus", "Photosynthese" oder "Sexualität" ist. Es gibt unterschiedliche Gründe, warum bestimmte theoretische Entitäten in Wissenschaft und Kultur eingeführt wurden und weshalb sie in manchen Diskursen eine Rolle spielen. Was aber wenn der Begriff "Gesellschaft" wieder abgeschafft wird - entweder weil er kulturelle und geistesgeschichtlich Wirkungen hatte, die man ablehnt oder weil er als nicht adäquate Beschreibung menschlicher Verhältnisse angesehen wird? Wie würde man dann Gandalfs Problem beschreiben - wenn es keine Gesellschaft gibt? Bei Foucault gibt es im ersten Band von "Sexualität und Wahrheit" einen Hinweis dazu.

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