Von der Kosmopolis zu den Lichtkriegern...
Notizen zur Lektüre von Toulmin
Eine Frage, die mich seit mehr als 12 Monaten bewegt, ist jene nach den historische Wurzeln unserer heutigen Pluralität. Für das Verständnis der Moderne ist es zentral, wo wir ihren Anfang ausmachen. Wenn wir sie mit dem 17. Jahrhundert beginnen lassen, dann ist bereits in ihren kulturellen Genen das Streben nach unzweifelhaften, allgemeingültigen Wahrheiten über den Menschen und die Welt und der Umsetzung dieser Wahrheiten angelegt. Die frühesten Ausbildungen dieser Gene waren dann: der Totalitarismus der Cromwellschen Dikatur, der Druck von Reformation und Gegenreformation auf Wissenschaft und Gelehrsamkeit, die Herausbildung von Nationalstaaten, die regide Trennung der intelligiblen Welt von der Materiellen (Geist/Materie, Gründe/Ursachen, Kultur/Natur, Handlung/Ursache) und im Rationalismus, die Durchsetzung und Betonung möglichst formaler Prinzipien in Recht, Moral, Forschung, die horizontale Einteilung des gesellschaftlichen Lebens in Klassen und Stufen, die Idee einer universalen Forschungsmethode und klaren, einheitlichen und möglichst globalen Gelehrten- oder Wissenschaftssprache. Hier entstand eine neue Auffassung, wie der Aufbau des Universums und der menschlichen Lebens übereinstimmte - die rationalistische Kosmopolis:
"Zwischen 1660 und 1720 interessierten sich nur wenige Wissenschaftler _ausschließlich_ für die Erklärung mechanischer Erscheinungen in der physikalischen Welt. In den Augen der meisten war ebensoviel theoretische Untermauerung für die neuen Formen gesellschaftlicher Praxis und die damit zusammenhängenden Ideen der polis vonnöten. So kamen verführerische neue Analogien in das Denken über Gesellschaft und Politik hinein; wenn von nun an die wichtigste positive Eigenschaft der gesellschaftlichen Organisation die 'Stabilität' war, konnte man dann nicht vielleicht die politischen Ideen über die Gesellschaft nach denselben Grundsätzen organisieren wie die wissenschaftlichen Gedanken über die Natur?" Konnte nicht die Idee der gesellschaftlichen Ordnung, ebenso wie der Naturordnung, nach dem Vorbild der 'Systeme' in der Mathematik oder formalen Logik aufgebaut werden?"(1)
Doch wie Stephen Toulmin überzeugend dargelegt hat (2), fußt vieles, was wir heute als moderne Errungenschaften schätzen, auf dem, was die Renaissance hervorgebracht hat. Die rationalistische Kosmopolis war seiner Meinung nach bereits ein Entwicklungsstadium der Moderne, genauer gesagt ein Angst- und Regressionsreflex angesichts der Wirren und Gemetzel im dreißigjährigen Krieg. Stimmt dies, dann würden wir unsere Modernität nicht Newton, Hobbes, Descartes und Leibniz, sondern Erasmus, Leonardo da Vinci, Machaivelli, Montaigne oder Shakespeare.
Die Wehen der Moderne würden im Mittelalter beginnen und ihre Gene enthielten einem an dem Menschen in seinem alltäglichen Leben orientierte Undogmatismus, eine Neugier auf neue Erfahrungen und ein Gespür für die Grenzen menschlicher Erfahrung, eine Akzeptanz von Vielfalt, Vieldeutigkeit und Ungewissheit, ein Bewußtsein die Kontextgebundenheit aller Ideen, Weltoffenheit und skeptische Toleranz.
Diese Kultur war durch die Antike entscheidend beeinflusst, aber ihre Toleranz und ihren Bewusstsein für Lokalität und Kontextgebundenheit von Überzeugungen und Auffassungen kaum aus ihrer eigene christlichen Erfahrungspraxis:
„Im ganzen Mittelalter und der Renaissance waren sich Kirchenleute und gebildete Laien darüber im klaren, daß Probleme der Sozialethik (oder der 'Werte') nicht durch Berufung auf eine einzige, allgemeingültige 'Tradition' zu lösen sind. In schwierigen Situationen müssen stets verschiedene Gesichtspunkte und nebeneinander bestehende Traditionen gegeneinander abgewogen werden. (....)
Traditionell gab es entweder keine Tradition oder eine Vielzahl von Traditionen; nicht eine einzige Tradition, sondern eine Anzahl paralleler, strengerer oder liberalerer Traditionen, die aber alle akzeptabel waren. (...) Und die Theologen des Mittellalters und der Renaissance sahen auch in einer Pluralität der Traditionen nichts Beklagenswertes oder gar Auszurottendes. Historisch war die abendländische Kirche eine übernationale Institution, die wirklichkeitsnah auf die Völker von Schottland bis Sizilien, von Polen bis Portugal einging. Moralische Fragen enthielten von vorneherein den Pluralismus, und die weiseste Lösung war ein ausgleichender Kurs zwischen den Anforderungen, die in der Praxis in konkreten Fällen entstanden.“(3)
Der Einfluß von Aristoteles auf die mittelalterlichen Gelehrsamkeit, seine Einsicht, daß moralische oder juristische Herausforderungen nicht durch das strikte Befolgen universaler Regeln bewältigt werden können, verstärkte nur diesen Sinn für Pluralität.
Die Renaissance -Humanisten fußten auf diesen Gedankengut und stellen in dieser Hinsicht keinen Bruch das. Sie standen dem Christentum keineswegs feindlich gegenüber, sie waren weder atheistisch noch antireligiös. Eine solche Antireligösität wie wir ihn aus späteren Jahrhunderten kennen, ist ja selbst oft von einem eifernden, missionarischen und auf unzweifelhafte Wahrheiten ausgerichteten Charakter, der den Humanisten fremd war. Ihre Haltung war die einer gelassenen, aber aufrichtigen Religiösität: "Der Aufstieg des lebensnahen Humanismus und der Geisteswissenschaften im 15. und 16. Jahrhundert vollzog sich _innerhalb_ einer europäischen Kultur, die immer noch vorwiegend christlich war (...)" (4)
Die Tatsache, daß sich die Rezeption der Antike in der Renaissance auf Geschichtsschreibung, Biographien, Dramen, Komödien und Dichtung erweiterte, verstärkte das Bewußtsein für die Bandbreite menschliches Verhaltens und dem Meer an Möglichkeiten von Situationen, in denen sich der Mensch wiederfinden kann.
In diesem Sinne ist jener Starrsinn, den wir heute mit kirchlichen Lehren verbinden, kein Relikt des Mittelalters, es ist ein Überbleibsel aus der Reaktion der europäischen Geisteswelt auf den innerchristlichen Konflikts, der durch die Reformation entstand (und später im Dreißigjährigen Krieg katastrophale Folgen zeitigte):
„Die mittelalterlichen Theologen waren nicht der Kontrolle und Zensur durch den Vatikan unterworfen wie heute ein Hans Küng oder ein Charles Curran. Nikolaus von Cues verbeitete Lehren, für die später Bruno auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde; Kopernikus ließ seiner Phantasie in einer weise freien Lauf, wie es Galilei nicht mehr gestattet war. (...) Kurz, in der Kirche gab es eine akademische Freiheit wie nachher nicht mehr, als sich die protestantischen und gegenreformerischen Theologen in den Haaren lagen. Nach dem Konzil von Trient begannen kirchliche Zensoren in Rom die Arbeit von Theologen in den Kirchen der verschiedenen Länder auf eine neue Weise zu überwachen; das Heilige Offizium, das 'Ketzer' auf seine nur allzu bekannte weise ausrottete, dehnte seinen Einfluß aus und intensivierte ihn; und zum ersten mal erstarrte die katholische Kirche zu Thesen ((oder 'Dogmen'), die auch von wohlwollend eingestellten Gläubigen nicht mehr kritisch diskutiert werden konnten und deren unwandelbare Wahrheit unbedingt politisch verteidigt werden mußte, damit die Ketzereien der Protestanten nicht an an Boden gewännen.“(5)
Im 18. Jahrhunderten hatte sich die Rede von unumstößlichen Beweisen nicht nur im Gefolge von Descartes letzten Wahrheiten, sondern auch im Gefolge der kirchlichen Reformen durchgesetzt: Toulmin veranschaulicht den Bruch, anhand der Haltung von Erasmus und Thomas von Aquin:
Sie „wären mit dieser Verwendung des Ausdrucks „unumstößlich beweisen“ gar nicht glücklich gewesen. Keiner von behauptete, daß Menschen, und seien sie noch so weise und inspiriert, Fragen des Glaubens und der Lehre jeglicher Neubetrachtung und Korrektur entheben könnten. Beide wären entsetzt gewesen, hätten sie mit ansehen müssen, wie das ihnen so teure Christentum seinen Sinn für menschliche Endlichkeit verlor und in einen Dogmatismus verfiel, der ihrem Verständnis der menschlichen Natur widersprach.“(6)
Das neue unumstößlichen Weltbild, die neue Konzeption der Kosmopolis, die sich im 17. Jahrhundert formierte, besteht aus einem Set an respektablen Überzeugungen, die von breiten Teilen der gesellschaftlichen Eliten, von Wissenschaftlern wie von Kirchenleuten getragen wurde und teilweise bis weit in 20. Jahrhundert hinein von den respektablen Kreisen verteidigt wurde: (7)
Die Konsequenz dieser Analyse ist, daß das, was gewöhnlich als Streit der Tradition mit der Moderne angesehen wird, als Kampf zwischen den rückwärtsgerichteten Vertretern kirchlicher Dogmen und vorwärtsstrebenden Vertretern von Wissenschaft und Wahrheit nicht statttfand. Die Auseindersetzungen bei der Kritik und Verteidigung der "respektablen Meinungen", der mühsame und umstrittene Rückbau der Überzeugungen der Kosmopolis war kein Kampf zwischen Mittelalter und dem Zeitalter der Moderne:
"Im Rückblick haben einige Autoren diese harten Dispute als Zeichen eines andauernden Konflikts zwischen Wissenschaft und Aberglauben gedeutet. Diese Deutung ist anachronistisch. Vor der Reformation spielten im Christentum Lehren, die die Naturwissenschaft irgend hätten anzweifeln müssen, kaum eine Rolle. Soweit wissenschaftliche Neuerungen etwa von Albert Magnus oder Nikolaus von Kues ausgingen, stießen sie kaum an theologische Grenzen. (Um 1450 trieb Nikolaus von Kues Gedankenspiele mit möglichen Welten, die um 1600 Giordano Bruno den Tod brachten. ) Die angebliche Unvereinbarkeit von Wissenschaft und Theologie war also ein Konflikt innerhalb der Moderne, der sich mit dem Anwachsen der Erfahrung bildete, aufgrund derer die Wissenschaftler die Auffassung in Frage stellten, die die Katholiken und Protestanten der Reformationszeit nach 1650 gleichermaßen in ihren erbaulichen Predigten über die Weisheit von Gottes Schöpfung verwendet hatten. (...) Bei den Theorien eines Servetus, Bruno oder Galilei ging es nicht um irgendwelche althergebrachten Standpunkte der mittelalterlichen Theologie, sondern stets um die neuen Vorstellungen von der Naturordnung, die das Gerüst des modernen Weltbildes bildeten. Die Verurteilung Galileis, Brunos und des Servetus setzte keineswegs "mittelalterliche" Intoleranz fort, sondern war eine spezifische "moderne" Grausamkeit."(8)
Erst heute haben wir die rigide Haltung des Rationalismus überwunden und zu der Grundmentalität der Renaissance zurückgefunden. Toulmin glaubt, daß dieser Prozess eigentlich bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts vor seinem Abschluß gestanden hätte. Die Kräfte für die Abkehr vom Formalismus und von rigiden Denkformen, die Hinwendung zu einem skeptischen Humanismus waren gerade sich in Kunst, Philosophie und Wissenschaft am formieren. Doch ein aufbrausender Nationalismus am Vorband des Ersten Weltkriegs, Krieg, Armut, Weltwirtschafstkrise führten jedoch zu einer Verunsicherung, die reflexhafte Sehnsüchte nach Sicherheit und Klarheit durch unbezweifelhafte Wahrheiten weckte, wie sie sich etwa im Neopositivismus ausdrückt. Ich halte das für eine zutreffende Beobachtung Tolmins, allein schon deshalb weil mir scheint, daß jene seltsame Klage über die angebliche Verunsicherung des Menschen durch die moderne Vielfalt im ausgehenden 19. Jahrhundert und am Beginn des 20. Jahrhunderts deutlcih überhand nahm (erinnert sei nur an das Diktum Max Webers von 1922: „Die alten vielen Götter, entzaubert und daher in Gestalt unpersönlicher Mächte, entsteigen ihren Gräbern, streben nach Gewalt über unser Leben und beginnen untereinander wieder ihren ewigen Kampf. Das aber, was gerade dem modernen Menschen so schwer wird, und der jungen Generation am schwersten, ist: einem solchen Alltag gewachsen zu sein.“ (9))
Erst nach dem zweiten Weltkrieg setzte eine Rückkehr in unserer Kultur zum Mündlichen, Besonderen, Lokalen und zum Kontext und Zeitgebundenen ein. Doch wenn in unserer geistigen Disposition jene Verschrecktheit angelegt ist, auf Konflikte und gewaltsame Wirren mit eigener Sehnsucht nach unbezweifelbaren Wahrheiten zu reagieren, dann leben wir in einer schwierigen Zeit. Wir begegnen neuen Frontkämpfern unbezweifelbarer Wahrheiten, die unsere Pluralität der Lebensformen fundamental in Frage stellen und es scheint sich zu bewahrheiten, daß das einen Reflex nach Sicherheit hervorruft. Eiferer der Wahrheit, zuhause in Kirche, Moschee oder Wissenschaft. Insofern erstaunt es nicht, wenn jetzt – wie ich in den vergangenen Tagen lernen durfte - auch unter anthroposophischen Predigern Bilder wieder hervorgekramt werden, die Sicherheit und klare Unterscheidung zu versprechen scheinen. Montaigne hätte solch dümmlichen Bilder verachtet: Seine Edelsten sind keine Recken, es sind die Wilden und auch diese nur, weil er die Welt der Kultur mit dem Lob der kultivierten Barbaren aus ihrer Selbstgefälligkeit bringen will. Nun ziehen also die WahrheitsLichtGottesZivilisationsKrieger auch bei dem ersten lebensreformerischen Projekt ein. Es wäre schade, wenn das ein genereller Vorbote auf kommende Zeiten wäre. Das Zeitalter der Pluralität wäre dann wieder kurz gewesen. Die Chance, würdevoll das Erbe der Renaissance anzutreten, hätten wir dann für ein paar Jahre?, ein paar Jahrzehnte? oder mehr? verpasst.
Fußnoten:
(1) Stephen Toulmin: "Kosmopolis - Die unerkannten Aufgaben der Modern"; Frankfurt a.M. 1994, S. 177
(2) Stephen Toulmin: "Kosmopolis - Die unerkannten Aufgaben der Modern"; Frankfurt a.M. 1994
(3) Stephen Toulmin: "Kosmopolis - Die unerkannten Aufgaben der Modern"; Frankfurt a.M. 1994, S. 221 ff
(4) Stephen Toulmin: "Kosmopolis - Die unerkannten Aufgaben der Modern"; Frankfurt a.M. 1994, S. 52
(5) Stephen Toulmin: "Kosmopolis - Die unerkannten Aufgaben der Modern"; Frankfurt a.M. 1994, S. 153
(6) Stephen Toulmin: "Kosmopolis - Die unerkannten Aufgaben der Modern"; Frankfurt a.M. 1994, S. 136
(7)siehe: Stephen Toulmin: "Kosmopolis - Die unerkannten Aufgaben der Modern"; Frankfurt a.M. 1994, S. 181
(8) Stephen Toulmin: "Kosmopolis - Die unerkannten Aufgaben der Modern"; Frankfurt a.M. 1994, S. 233
(9) Max Weber: Wissenschaft als Beruf (1922); http://www.textlog.de/2327.html
Eine Frage, die mich seit mehr als 12 Monaten bewegt, ist jene nach den historische Wurzeln unserer heutigen Pluralität. Für das Verständnis der Moderne ist es zentral, wo wir ihren Anfang ausmachen. Wenn wir sie mit dem 17. Jahrhundert beginnen lassen, dann ist bereits in ihren kulturellen Genen das Streben nach unzweifelhaften, allgemeingültigen Wahrheiten über den Menschen und die Welt und der Umsetzung dieser Wahrheiten angelegt. Die frühesten Ausbildungen dieser Gene waren dann: der Totalitarismus der Cromwellschen Dikatur, der Druck von Reformation und Gegenreformation auf Wissenschaft und Gelehrsamkeit, die Herausbildung von Nationalstaaten, die regide Trennung der intelligiblen Welt von der Materiellen (Geist/Materie, Gründe/Ursachen, Kultur/Natur, Handlung/Ursache) und im Rationalismus, die Durchsetzung und Betonung möglichst formaler Prinzipien in Recht, Moral, Forschung, die horizontale Einteilung des gesellschaftlichen Lebens in Klassen und Stufen, die Idee einer universalen Forschungsmethode und klaren, einheitlichen und möglichst globalen Gelehrten- oder Wissenschaftssprache. Hier entstand eine neue Auffassung, wie der Aufbau des Universums und der menschlichen Lebens übereinstimmte - die rationalistische Kosmopolis:
"Zwischen 1660 und 1720 interessierten sich nur wenige Wissenschaftler _ausschließlich_ für die Erklärung mechanischer Erscheinungen in der physikalischen Welt. In den Augen der meisten war ebensoviel theoretische Untermauerung für die neuen Formen gesellschaftlicher Praxis und die damit zusammenhängenden Ideen der polis vonnöten. So kamen verführerische neue Analogien in das Denken über Gesellschaft und Politik hinein; wenn von nun an die wichtigste positive Eigenschaft der gesellschaftlichen Organisation die 'Stabilität' war, konnte man dann nicht vielleicht die politischen Ideen über die Gesellschaft nach denselben Grundsätzen organisieren wie die wissenschaftlichen Gedanken über die Natur?" Konnte nicht die Idee der gesellschaftlichen Ordnung, ebenso wie der Naturordnung, nach dem Vorbild der 'Systeme' in der Mathematik oder formalen Logik aufgebaut werden?"(1)
Doch wie Stephen Toulmin überzeugend dargelegt hat (2), fußt vieles, was wir heute als moderne Errungenschaften schätzen, auf dem, was die Renaissance hervorgebracht hat. Die rationalistische Kosmopolis war seiner Meinung nach bereits ein Entwicklungsstadium der Moderne, genauer gesagt ein Angst- und Regressionsreflex angesichts der Wirren und Gemetzel im dreißigjährigen Krieg. Stimmt dies, dann würden wir unsere Modernität nicht Newton, Hobbes, Descartes und Leibniz, sondern Erasmus, Leonardo da Vinci, Machaivelli, Montaigne oder Shakespeare.
Die Wehen der Moderne würden im Mittelalter beginnen und ihre Gene enthielten einem an dem Menschen in seinem alltäglichen Leben orientierte Undogmatismus, eine Neugier auf neue Erfahrungen und ein Gespür für die Grenzen menschlicher Erfahrung, eine Akzeptanz von Vielfalt, Vieldeutigkeit und Ungewissheit, ein Bewußtsein die Kontextgebundenheit aller Ideen, Weltoffenheit und skeptische Toleranz.
Diese Kultur war durch die Antike entscheidend beeinflusst, aber ihre Toleranz und ihren Bewusstsein für Lokalität und Kontextgebundenheit von Überzeugungen und Auffassungen kaum aus ihrer eigene christlichen Erfahrungspraxis:
„Im ganzen Mittelalter und der Renaissance waren sich Kirchenleute und gebildete Laien darüber im klaren, daß Probleme der Sozialethik (oder der 'Werte') nicht durch Berufung auf eine einzige, allgemeingültige 'Tradition' zu lösen sind. In schwierigen Situationen müssen stets verschiedene Gesichtspunkte und nebeneinander bestehende Traditionen gegeneinander abgewogen werden. (....)
Traditionell gab es entweder keine Tradition oder eine Vielzahl von Traditionen; nicht eine einzige Tradition, sondern eine Anzahl paralleler, strengerer oder liberalerer Traditionen, die aber alle akzeptabel waren. (...) Und die Theologen des Mittellalters und der Renaissance sahen auch in einer Pluralität der Traditionen nichts Beklagenswertes oder gar Auszurottendes. Historisch war die abendländische Kirche eine übernationale Institution, die wirklichkeitsnah auf die Völker von Schottland bis Sizilien, von Polen bis Portugal einging. Moralische Fragen enthielten von vorneherein den Pluralismus, und die weiseste Lösung war ein ausgleichender Kurs zwischen den Anforderungen, die in der Praxis in konkreten Fällen entstanden.“(3)
Der Einfluß von Aristoteles auf die mittelalterlichen Gelehrsamkeit, seine Einsicht, daß moralische oder juristische Herausforderungen nicht durch das strikte Befolgen universaler Regeln bewältigt werden können, verstärkte nur diesen Sinn für Pluralität.
Die Renaissance -Humanisten fußten auf diesen Gedankengut und stellen in dieser Hinsicht keinen Bruch das. Sie standen dem Christentum keineswegs feindlich gegenüber, sie waren weder atheistisch noch antireligiös. Eine solche Antireligösität wie wir ihn aus späteren Jahrhunderten kennen, ist ja selbst oft von einem eifernden, missionarischen und auf unzweifelhafte Wahrheiten ausgerichteten Charakter, der den Humanisten fremd war. Ihre Haltung war die einer gelassenen, aber aufrichtigen Religiösität: "Der Aufstieg des lebensnahen Humanismus und der Geisteswissenschaften im 15. und 16. Jahrhundert vollzog sich _innerhalb_ einer europäischen Kultur, die immer noch vorwiegend christlich war (...)" (4)
Die Tatsache, daß sich die Rezeption der Antike in der Renaissance auf Geschichtsschreibung, Biographien, Dramen, Komödien und Dichtung erweiterte, verstärkte das Bewußtsein für die Bandbreite menschliches Verhaltens und dem Meer an Möglichkeiten von Situationen, in denen sich der Mensch wiederfinden kann.
In diesem Sinne ist jener Starrsinn, den wir heute mit kirchlichen Lehren verbinden, kein Relikt des Mittelalters, es ist ein Überbleibsel aus der Reaktion der europäischen Geisteswelt auf den innerchristlichen Konflikts, der durch die Reformation entstand (und später im Dreißigjährigen Krieg katastrophale Folgen zeitigte):
„Die mittelalterlichen Theologen waren nicht der Kontrolle und Zensur durch den Vatikan unterworfen wie heute ein Hans Küng oder ein Charles Curran. Nikolaus von Cues verbeitete Lehren, für die später Bruno auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde; Kopernikus ließ seiner Phantasie in einer weise freien Lauf, wie es Galilei nicht mehr gestattet war. (...) Kurz, in der Kirche gab es eine akademische Freiheit wie nachher nicht mehr, als sich die protestantischen und gegenreformerischen Theologen in den Haaren lagen. Nach dem Konzil von Trient begannen kirchliche Zensoren in Rom die Arbeit von Theologen in den Kirchen der verschiedenen Länder auf eine neue Weise zu überwachen; das Heilige Offizium, das 'Ketzer' auf seine nur allzu bekannte weise ausrottete, dehnte seinen Einfluß aus und intensivierte ihn; und zum ersten mal erstarrte die katholische Kirche zu Thesen ((oder 'Dogmen'), die auch von wohlwollend eingestellten Gläubigen nicht mehr kritisch diskutiert werden konnten und deren unwandelbare Wahrheit unbedingt politisch verteidigt werden mußte, damit die Ketzereien der Protestanten nicht an an Boden gewännen.“(5)
Im 18. Jahrhunderten hatte sich die Rede von unumstößlichen Beweisen nicht nur im Gefolge von Descartes letzten Wahrheiten, sondern auch im Gefolge der kirchlichen Reformen durchgesetzt: Toulmin veranschaulicht den Bruch, anhand der Haltung von Erasmus und Thomas von Aquin:
Sie „wären mit dieser Verwendung des Ausdrucks „unumstößlich beweisen“ gar nicht glücklich gewesen. Keiner von behauptete, daß Menschen, und seien sie noch so weise und inspiriert, Fragen des Glaubens und der Lehre jeglicher Neubetrachtung und Korrektur entheben könnten. Beide wären entsetzt gewesen, hätten sie mit ansehen müssen, wie das ihnen so teure Christentum seinen Sinn für menschliche Endlichkeit verlor und in einen Dogmatismus verfiel, der ihrem Verständnis der menschlichen Natur widersprach.“(6)
Das neue unumstößlichen Weltbild, die neue Konzeption der Kosmopolis, die sich im 17. Jahrhundert formierte, besteht aus einem Set an respektablen Überzeugungen, die von breiten Teilen der gesellschaftlichen Eliten, von Wissenschaftlern wie von Kirchenleuten getragen wurde und teilweise bis weit in 20. Jahrhundert hinein von den respektablen Kreisen verteidigt wurde: (7)
- die Natur wird von feststehenden Gesetzen beherrscht, die beid er Schöpfung in Kraft gesetzt wurden
- das Grundgefüge der Natur wurde vor wenigen tausend Jahren geschaffen
- die Gegenstände, aus denen sich die physische Natur zusammensetzt, besteht aus träger Materie
- deshalb gilt: physikalische Gegenstände und Vorgänge denken nicht
- bei der Schöpfung faßte Gott die Naturgegenstände zu stabilen und hierarchischen Systemen "höherer" und "niedriger" Dinge zusammen;
- die "Bewegung" in der Natur fließt, so wie das "Handeln" in der Gesellschaft, von den "höheren" Geschöpfen zu den "niedrigeren" hinab
- was den Menschen zum Menschen macht, ist seine Fähigkeit zum rationalen Denken und Handeln
- Rationalität und Kausalität folgen verschiedenen Regeln
- da Gedanken und Handlungen nicht kausal ablaufen, lassen sich Handlungen durch keine kausale Psychologie erklären
- die Menschen können stabile gesellschaftliche Systeme ähnlich den physikalischen Systemen der Natur errichten
- daher leben die Menschen ein gemischtes, teils rationales, teils kausales Leben; als vernunftbegabte Menschen Geschöpfe leben sie intellektuell oder spirituell, als emtionale Wesen körperlich oder fleischlich
- die Emotion pflegt das Wirken der Rationalität zu durchkreuzen und zu verfälschen; daher muß man der menschlichen Vernunft vertrauen und sie bestärken, den emotionen aber mißtrauen und sie zügeln
Die Konsequenz dieser Analyse ist, daß das, was gewöhnlich als Streit der Tradition mit der Moderne angesehen wird, als Kampf zwischen den rückwärtsgerichteten Vertretern kirchlicher Dogmen und vorwärtsstrebenden Vertretern von Wissenschaft und Wahrheit nicht statttfand. Die Auseindersetzungen bei der Kritik und Verteidigung der "respektablen Meinungen", der mühsame und umstrittene Rückbau der Überzeugungen der Kosmopolis war kein Kampf zwischen Mittelalter und dem Zeitalter der Moderne:
"Im Rückblick haben einige Autoren diese harten Dispute als Zeichen eines andauernden Konflikts zwischen Wissenschaft und Aberglauben gedeutet. Diese Deutung ist anachronistisch. Vor der Reformation spielten im Christentum Lehren, die die Naturwissenschaft irgend hätten anzweifeln müssen, kaum eine Rolle. Soweit wissenschaftliche Neuerungen etwa von Albert Magnus oder Nikolaus von Kues ausgingen, stießen sie kaum an theologische Grenzen. (Um 1450 trieb Nikolaus von Kues Gedankenspiele mit möglichen Welten, die um 1600 Giordano Bruno den Tod brachten. ) Die angebliche Unvereinbarkeit von Wissenschaft und Theologie war also ein Konflikt innerhalb der Moderne, der sich mit dem Anwachsen der Erfahrung bildete, aufgrund derer die Wissenschaftler die Auffassung in Frage stellten, die die Katholiken und Protestanten der Reformationszeit nach 1650 gleichermaßen in ihren erbaulichen Predigten über die Weisheit von Gottes Schöpfung verwendet hatten. (...) Bei den Theorien eines Servetus, Bruno oder Galilei ging es nicht um irgendwelche althergebrachten Standpunkte der mittelalterlichen Theologie, sondern stets um die neuen Vorstellungen von der Naturordnung, die das Gerüst des modernen Weltbildes bildeten. Die Verurteilung Galileis, Brunos und des Servetus setzte keineswegs "mittelalterliche" Intoleranz fort, sondern war eine spezifische "moderne" Grausamkeit."(8)
Erst heute haben wir die rigide Haltung des Rationalismus überwunden und zu der Grundmentalität der Renaissance zurückgefunden. Toulmin glaubt, daß dieser Prozess eigentlich bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts vor seinem Abschluß gestanden hätte. Die Kräfte für die Abkehr vom Formalismus und von rigiden Denkformen, die Hinwendung zu einem skeptischen Humanismus waren gerade sich in Kunst, Philosophie und Wissenschaft am formieren. Doch ein aufbrausender Nationalismus am Vorband des Ersten Weltkriegs, Krieg, Armut, Weltwirtschafstkrise führten jedoch zu einer Verunsicherung, die reflexhafte Sehnsüchte nach Sicherheit und Klarheit durch unbezweifelhafte Wahrheiten weckte, wie sie sich etwa im Neopositivismus ausdrückt. Ich halte das für eine zutreffende Beobachtung Tolmins, allein schon deshalb weil mir scheint, daß jene seltsame Klage über die angebliche Verunsicherung des Menschen durch die moderne Vielfalt im ausgehenden 19. Jahrhundert und am Beginn des 20. Jahrhunderts deutlcih überhand nahm (erinnert sei nur an das Diktum Max Webers von 1922: „Die alten vielen Götter, entzaubert und daher in Gestalt unpersönlicher Mächte, entsteigen ihren Gräbern, streben nach Gewalt über unser Leben und beginnen untereinander wieder ihren ewigen Kampf. Das aber, was gerade dem modernen Menschen so schwer wird, und der jungen Generation am schwersten, ist: einem solchen Alltag gewachsen zu sein.“ (9))
Erst nach dem zweiten Weltkrieg setzte eine Rückkehr in unserer Kultur zum Mündlichen, Besonderen, Lokalen und zum Kontext und Zeitgebundenen ein. Doch wenn in unserer geistigen Disposition jene Verschrecktheit angelegt ist, auf Konflikte und gewaltsame Wirren mit eigener Sehnsucht nach unbezweifelbaren Wahrheiten zu reagieren, dann leben wir in einer schwierigen Zeit. Wir begegnen neuen Frontkämpfern unbezweifelbarer Wahrheiten, die unsere Pluralität der Lebensformen fundamental in Frage stellen und es scheint sich zu bewahrheiten, daß das einen Reflex nach Sicherheit hervorruft. Eiferer der Wahrheit, zuhause in Kirche, Moschee oder Wissenschaft. Insofern erstaunt es nicht, wenn jetzt – wie ich in den vergangenen Tagen lernen durfte - auch unter anthroposophischen Predigern Bilder wieder hervorgekramt werden, die Sicherheit und klare Unterscheidung zu versprechen scheinen. Montaigne hätte solch dümmlichen Bilder verachtet: Seine Edelsten sind keine Recken, es sind die Wilden und auch diese nur, weil er die Welt der Kultur mit dem Lob der kultivierten Barbaren aus ihrer Selbstgefälligkeit bringen will. Nun ziehen also die WahrheitsLichtGottesZivilisationsKrieger auch bei dem ersten lebensreformerischen Projekt ein. Es wäre schade, wenn das ein genereller Vorbote auf kommende Zeiten wäre. Das Zeitalter der Pluralität wäre dann wieder kurz gewesen. Die Chance, würdevoll das Erbe der Renaissance anzutreten, hätten wir dann für ein paar Jahre?, ein paar Jahrzehnte? oder mehr? verpasst.
Fußnoten:
(1) Stephen Toulmin: "Kosmopolis - Die unerkannten Aufgaben der Modern"; Frankfurt a.M. 1994, S. 177
(2) Stephen Toulmin: "Kosmopolis - Die unerkannten Aufgaben der Modern"; Frankfurt a.M. 1994
(3) Stephen Toulmin: "Kosmopolis - Die unerkannten Aufgaben der Modern"; Frankfurt a.M. 1994, S. 221 ff
(4) Stephen Toulmin: "Kosmopolis - Die unerkannten Aufgaben der Modern"; Frankfurt a.M. 1994, S. 52
(5) Stephen Toulmin: "Kosmopolis - Die unerkannten Aufgaben der Modern"; Frankfurt a.M. 1994, S. 153
(6) Stephen Toulmin: "Kosmopolis - Die unerkannten Aufgaben der Modern"; Frankfurt a.M. 1994, S. 136
(7)siehe: Stephen Toulmin: "Kosmopolis - Die unerkannten Aufgaben der Modern"; Frankfurt a.M. 1994, S. 181
(8) Stephen Toulmin: "Kosmopolis - Die unerkannten Aufgaben der Modern"; Frankfurt a.M. 1994, S. 233
(9) Max Weber: Wissenschaft als Beruf (1922); http://www.textlog.de/2327.html
Julio Lambing - So, Okt 28, 2007 - Zettelkasten: Wassermannzeitalter







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