Ironie über sich und andere..
Zu den klügsten Erkenntnissen gehört, dass die Fähigkeit über sich selbst zu lachen - also aufrichtig und tief sich lächer-lich zu finden, ohne die Achtung vor sich zu verlieren - die heilsamste Methode ist, bescheiden und nachsichtig zu bleiben. Diktatoren und Fanatiker lachen nicht über sich selbst. Sicher sie machen Scherzchen über sich, hier ein Sprüchlein über sich, da eine noncholante Bemerkung. Aber der Spass hört auf, wenn man oder frau sich ernsthaft über sie lustig macht (eine interessante Wortfolge). Dann ist Ende mit lustig.
"Auf Zypern fragte der Tyrann Nikokreon während eines Gelages einmal Anaxarch, ob ihm das Gastmahl geschmeckt habe, worauf dieser in kaum zu überbietender Dreistigkeit erwiderte, es hätte ihm noch besser gemundet, wenn ihm zu Nachtisch das Haupt eines Tyrannen aufgetragen worden wäre. Nikokreon sagte zuerst nichts, als es aber einige Jahre darauf Anaxarch nach einem Schiffbruch wieder an die Strände von Zypern verschlug, konnte er sich rächen. Er ließ ihn in einen riesigen Mörser werfen und von seinen Henkersknechten mit eiseren Keulen zerstampfen. Während dieser Folter soll der Ärmste geschrien haben: »Zerstampfe nur, zerstampfe den Anaxarchos Ranzen, den Anaxarch zerstampfst du nicht.« "
Luciano de Crescenzo: "Geschichte der griechischen Philosophie"; Zürich 1990; S. 208
Wie weit geht das Lachen über sich? Rorty hat in "Kontigenz, Ironie und Solidarität" die Figur der Ironikerin vorgestellt, die selbst bei den letzten Gründen, die Menschen für ihre "Handlungen, Überzeugungen und Leben" verwenden - er nennt es "das abschließende Vokabular - noch ein Zweifel hat. Diese Ironiker sind "nie ganz dazu in der Lage (...), sich selbst ernst zu nehmen, weil ... immer im Bewusstsein der Kontigenz und Hinffälligkeit ihrer abschliessenden Vokabulare, also auch ihres eigenen Selbst."
MacIntyre wendet dagegen in dem Buch "Die Anerkennung der Abhängigkeit - Über menschliche Tugenden" ein, dass diese Haltung ein Verstoß gegen die Aufrichtigkeit ist:
"Zunächst ist zu erwägen, dass das Vokabular, in dem ich meine Handlungen, meinungen und Beziehungen des Gebens und Nehmens verständlich mache und rechtfertige bzw. nicht rechtfertigfen kann, niemals bloss das meinige ist. Es ist stets das unsrige, eine Menge gemeinsamer Ausdrücke, die wir gemeinsam verwenden, und diese Verwendungsweisen sind inein ganzes Spektrum gemeinsamer Praktiken des Gebens und Nehmens, in eine gemeinsame Lebensform eingebettet. (...)
Ironische Distanz beinhaltet einen Rückzug aus unserer gemeinsame Sprache und unseren Urteilen und damit aus der sozialen Beziehung, die den Gebrauch dieser Sprache vorraussetzt, wenn wir dergelichen Urteile fällen. Doch wie ich schon sagte, erst in und durch diese Beziehungen erwerben und stabilisieren wir unser Wissen über die anderen, und nur in ihnen gelangen wir zu der Selbsterkenntnis, die von den bestätigenden Urteilen anderer abhängt. Wenn meine ironische Distanz daher echt ist und nicht bloß Attitüde, dann folgt aus ihr, dass ich nicht allein meine Gemeinschaftsbande in Frage stelle, sondern auch das gefährde, was ich für meine Selbsterkenntnis halte. "
Alasdair MacIntyre: "Die Anerkennung der Abhängigkeit"; Hamburg 2001; S.179-181
Die Ironikerin gefährdet also dasjenige, was sie trägt. Sie greift das an, was Liebe, herzliche Beziehungen, Versorgung im Alter, Hilfe in der Not, Kinderpflege etc. erst möglich macht.
Der passive Aspekt des Spotts. Der andere ist der aktive Aspekt, die Berechtigung des Spötters. Anaxarch macht sich über den Tyrannen lustig. Er rächte sich. Kabaretisten machen sich über politische und wirtschaftliche Protagonisten lustig, sie finden das oft verletzend. Satiriker nehmen vielerlei lächerliches Verhalten aufs Korn.
Ich selbst habe viel Spass daran, wenn man sich über den aufgeblasenen Mumenschanz von diversen esoterischen oder sektenhaften Gruppen und Prediger lustig macht. Ausserdem spotte ich selber gerne über so etwas. Man hielt mir vor, dass ich damit eine "andere Kultur" lächerlich mache und respektlos sei.
Die Frage ist berechtigt: Würde ich mich auch so verhalten, wenn es um absurde Vorstellungen und Verhaltensweisen bei Mitgliedern einer christlichen, islamischen, jüdischen, indigenen, hinduistischen oder buddhistischen Gruppe gehen würde? Meine zögerliche Antwort wäre: "Wenn ich dass Gefühl hätte, ihre Kultur verstanden zu haben, ja."
Ist nicht auch jenes "abschliessende Vokabular" eines Selbstmordattentäters, das als Rechtfertigung dafür dient, sich mitsamt Cafebesuchern, Passanten, Schulkindern oder Reisegästen in die Luft zu Bomben, lächerlich? Oder jenes, das Sklaverei, Frauenbeschneidung, Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung, Tierquälerei oder "nur" das Schlagen von Kindern begründet?
Wie soll man und frau anders als lachen über jenen (auch noch bitter ernstgemeinte) Schwachsinn aus Stahl, Blut und Esoterik, mit dem die Braunhemden argumentiert haben? Adenoid Hynkel war keine pädagogische Verzerrung, sondern eine Demaskierung des Braunauers. Ist das soviel anders, wenn ähnlicher Nonsens in anderen Kulturen auftaucht?
Glücklicherweise hat jede Kultur ihre eigenen Spötter. Keine Kultur braucht westlichen Nachhilfeunterricht in Sachen Lächerlichkeit (- übrigens auch nicht in Sachen "selbstreflexiver Kritik".) Was aber, wenn derjenige, über den gespottet wird, sich durch den Spott verletzt fühlt? Spott ist heilsam, wenn man bereit ist ihn anzunehmen. Er ist nicht heilsam, wenn man verletzt bleibt. Dann nagt er und sucht nach Rache. Die Verwandtschaft von Spott und Häme kommt hinzu: Howard Carpendale hat anlässlich des Todes von Rex Gildo zurecht von der grassierenden öffentlichen Häme gesprochen, die im Stefan-Raab-Zeitalter Mode geworden ist. Was ist Spott, was Häme? Wer mit diesem konfrontiert wird, empfindet ihn oft als jene.
Muss also vor jedem Spott das Werben für jene Haltung kommen, dass es gut ist, über sich zu lachen? Wird man dann zum "Ironieprediger"? Und wie wirbt man darum? Oder sollte man nicht einfach lachend sagen, dass man auch die eigene ironische Haltung nicht zu wichtig nehmen sollte?
"Auf Zypern fragte der Tyrann Nikokreon während eines Gelages einmal Anaxarch, ob ihm das Gastmahl geschmeckt habe, worauf dieser in kaum zu überbietender Dreistigkeit erwiderte, es hätte ihm noch besser gemundet, wenn ihm zu Nachtisch das Haupt eines Tyrannen aufgetragen worden wäre. Nikokreon sagte zuerst nichts, als es aber einige Jahre darauf Anaxarch nach einem Schiffbruch wieder an die Strände von Zypern verschlug, konnte er sich rächen. Er ließ ihn in einen riesigen Mörser werfen und von seinen Henkersknechten mit eiseren Keulen zerstampfen. Während dieser Folter soll der Ärmste geschrien haben: »Zerstampfe nur, zerstampfe den Anaxarchos Ranzen, den Anaxarch zerstampfst du nicht.« "
Luciano de Crescenzo: "Geschichte der griechischen Philosophie"; Zürich 1990; S. 208
Wie weit geht das Lachen über sich? Rorty hat in "Kontigenz, Ironie und Solidarität" die Figur der Ironikerin vorgestellt, die selbst bei den letzten Gründen, die Menschen für ihre "Handlungen, Überzeugungen und Leben" verwenden - er nennt es "das abschließende Vokabular - noch ein Zweifel hat. Diese Ironiker sind "nie ganz dazu in der Lage (...), sich selbst ernst zu nehmen, weil ... immer im Bewusstsein der Kontigenz und Hinffälligkeit ihrer abschliessenden Vokabulare, also auch ihres eigenen Selbst."
MacIntyre wendet dagegen in dem Buch "Die Anerkennung der Abhängigkeit - Über menschliche Tugenden" ein, dass diese Haltung ein Verstoß gegen die Aufrichtigkeit ist:
"Zunächst ist zu erwägen, dass das Vokabular, in dem ich meine Handlungen, meinungen und Beziehungen des Gebens und Nehmens verständlich mache und rechtfertige bzw. nicht rechtfertigfen kann, niemals bloss das meinige ist. Es ist stets das unsrige, eine Menge gemeinsamer Ausdrücke, die wir gemeinsam verwenden, und diese Verwendungsweisen sind inein ganzes Spektrum gemeinsamer Praktiken des Gebens und Nehmens, in eine gemeinsame Lebensform eingebettet. (...)
Ironische Distanz beinhaltet einen Rückzug aus unserer gemeinsame Sprache und unseren Urteilen und damit aus der sozialen Beziehung, die den Gebrauch dieser Sprache vorraussetzt, wenn wir dergelichen Urteile fällen. Doch wie ich schon sagte, erst in und durch diese Beziehungen erwerben und stabilisieren wir unser Wissen über die anderen, und nur in ihnen gelangen wir zu der Selbsterkenntnis, die von den bestätigenden Urteilen anderer abhängt. Wenn meine ironische Distanz daher echt ist und nicht bloß Attitüde, dann folgt aus ihr, dass ich nicht allein meine Gemeinschaftsbande in Frage stelle, sondern auch das gefährde, was ich für meine Selbsterkenntnis halte. "
Alasdair MacIntyre: "Die Anerkennung der Abhängigkeit"; Hamburg 2001; S.179-181
Die Ironikerin gefährdet also dasjenige, was sie trägt. Sie greift das an, was Liebe, herzliche Beziehungen, Versorgung im Alter, Hilfe in der Not, Kinderpflege etc. erst möglich macht.
Der passive Aspekt des Spotts. Der andere ist der aktive Aspekt, die Berechtigung des Spötters. Anaxarch macht sich über den Tyrannen lustig. Er rächte sich. Kabaretisten machen sich über politische und wirtschaftliche Protagonisten lustig, sie finden das oft verletzend. Satiriker nehmen vielerlei lächerliches Verhalten aufs Korn.
Ich selbst habe viel Spass daran, wenn man sich über den aufgeblasenen Mumenschanz von diversen esoterischen oder sektenhaften Gruppen und Prediger lustig macht. Ausserdem spotte ich selber gerne über so etwas. Man hielt mir vor, dass ich damit eine "andere Kultur" lächerlich mache und respektlos sei.
Die Frage ist berechtigt: Würde ich mich auch so verhalten, wenn es um absurde Vorstellungen und Verhaltensweisen bei Mitgliedern einer christlichen, islamischen, jüdischen, indigenen, hinduistischen oder buddhistischen Gruppe gehen würde? Meine zögerliche Antwort wäre: "Wenn ich dass Gefühl hätte, ihre Kultur verstanden zu haben, ja."
Ist nicht auch jenes "abschliessende Vokabular" eines Selbstmordattentäters, das als Rechtfertigung dafür dient, sich mitsamt Cafebesuchern, Passanten, Schulkindern oder Reisegästen in die Luft zu Bomben, lächerlich? Oder jenes, das Sklaverei, Frauenbeschneidung, Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung, Tierquälerei oder "nur" das Schlagen von Kindern begründet?
Wie soll man und frau anders als lachen über jenen (auch noch bitter ernstgemeinte) Schwachsinn aus Stahl, Blut und Esoterik, mit dem die Braunhemden argumentiert haben? Adenoid Hynkel war keine pädagogische Verzerrung, sondern eine Demaskierung des Braunauers. Ist das soviel anders, wenn ähnlicher Nonsens in anderen Kulturen auftaucht?
Glücklicherweise hat jede Kultur ihre eigenen Spötter. Keine Kultur braucht westlichen Nachhilfeunterricht in Sachen Lächerlichkeit (- übrigens auch nicht in Sachen "selbstreflexiver Kritik".) Was aber, wenn derjenige, über den gespottet wird, sich durch den Spott verletzt fühlt? Spott ist heilsam, wenn man bereit ist ihn anzunehmen. Er ist nicht heilsam, wenn man verletzt bleibt. Dann nagt er und sucht nach Rache. Die Verwandtschaft von Spott und Häme kommt hinzu: Howard Carpendale hat anlässlich des Todes von Rex Gildo zurecht von der grassierenden öffentlichen Häme gesprochen, die im Stefan-Raab-Zeitalter Mode geworden ist. Was ist Spott, was Häme? Wer mit diesem konfrontiert wird, empfindet ihn oft als jene.
Muss also vor jedem Spott das Werben für jene Haltung kommen, dass es gut ist, über sich zu lachen? Wird man dann zum "Ironieprediger"? Und wie wirbt man darum? Oder sollte man nicht einfach lachend sagen, dass man auch die eigene ironische Haltung nicht zu wichtig nehmen sollte?
Lambing - Di, Dez 14, 2004 - Zettelkasten: Traditionen







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