Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Ist der Polytheismus toleranter?

Feyerabend sieht in dem heidnischen Polytheismus generell ein höheres Potential für weltanschauliche Toleranz. Er beschreibt die archaische Heldenwelt Homers:

"In religiösen Dingen herrscht eine Toleranz, die späteren Generationen moralisch und theoretisch unannehmbar war und die selbst heute noch als Ausdruck von Oberflächlichkeit und Naivität gilt. Er archaische Mensch ist ein religiöser Eklektiker, er hat nichts gegen fremde Götter und Mythen, er fügt sie dem vorhandenen Inventar der Welt hinzu, ohne eine Synthese oder die Beseitigung von Widersprüchen zu versuchen. Es gibt keine Priester, kein Dogma, keine kategorischen Aussagen über Götter, Menschen und die Welt. (Die Toleranz findet sich noch bei den ionischen Naturphilosophen, die ihre Gedanken in enger Verbindung mit dem Mythos entwickeln, ohne zu versuchen, diesen zu beseitigen.)

Es gibt keine religiöse Moral in unserem Sinne, auch sind die Götter keine abstrakten Verkörperungen ewiger Grundsätze. Das wurden sie erst später, im archaischen Zeitalter, und als Folge davon »verloren sie ihre menschlichen Eigenschaften. So tendierte die Olympik in ihrer moralisierten Form zu einer Religion der Angst, was sich in dem religiösen Wortschatz niederschlägt. In der Ilias gibt es kein Wort für gottesfürchtig.« So wird das Leben entmenschlicht durch das, was einige sogenannte Denker »moralischen Fortschritt« oder »wissenschaftlichen Fortschritt“ zu nennen belieben.«
Paul Feyerabend: „Wider den Methodenzwang“; Frankfurt 1986 S. 322 f.

Der Wissenschaftstheoretiker stellt dem Polytheismus jedoch keinen Freibrief auf: Er findet zwar selektiv ähnliche tolerante Verhältnisse in den religiösen Gesetzen Dschingis Khan oder im spätrömischen Reich, beschreibt aber auch in „Wider den Methodenzwang“ (S.342 – 355) oder in „Erkenntnis für freie Menschen“ (S.138 – 145, S. 245 - 250) heidnische Traditionen, die diese tolerante Einstellung ablösen und einschränken.

Allerdings liegt diesen vom ihm geschilderten Traditionen, die die althergebrachte Toleranz ablösen, die Tendenz zu Grunde ein einheitliches Prinzip, eine einheitliche Wahrheit hinter den vielfältigen Erscheinungen zu finden. Und in Folge dessen beherbergen sie auch eine Tendenz zu einer hierarchischen, monotheistischen Weltsicht. Für Feyerabend sind diese rationalistische Traditionen durch die Absicht zur„intellektuellen oder physischen Zerstörung aller Traditionen bis auf eine und das dogmatische Beharren auf dieser“ gekennzeichnet.

Mehrere Fragen ergeben sich daraus:
  • Was genau macht diese heidnischen polytheistischen Gesellschaften so tolerant (wenn die Diagnose von Feyerabend überhaupt stimmt...)?
  • Wie sieht es mit anderen naturreligiösen Traditionen aus – welche von ihnen waren tolerant gegenüber anderen Traditionen, welche intolerant?
  • Wie tolerant waren und sind naturreligiöse Traditionen gegenüber rationalistischen und monotheistischen Traditionen?
  • Was bedeutet genau Toleranz in diesen Traditionen? Offenkundig gehört es oft zum Krieg der Völker auch die Götter zu besiegen. Die Besiegten werden zwar Leben gelassen aber in die eigene Famiele eingeordnet.
  • Und woher kommt eigentlich das Faible, das Theoretikerinnen, die sich für einen sehr toleranten Umgang mit anderen Traditionen einsetzen, für die griechieschen Antike haben (z.B. Alaisdair MacIntyre, Michael Walzer, Phillpa Foot, Bernard Williams)?
Feyerabend ist geprägt von einer tiefen liberalen und relativistischen Grundhaltung, die er von der Untersuchung der Wissenschaften herkommend ins Gesellschaftliche wendete. Diese Haltung machte ihn in den Augen des intellektuellen Establishments unseriös machte. Jede, die von dem Gedanken geprägt ist, dass es einen verbindliche Wertekanon geben muss, sei sie nun Christin, Sozialistin, Kantianerin etc. kann bekanntlich mit diesem Relativismus wenig anfangen.

Dass er stellenweise etwas naiv über gesellschaftliche Zusammenhänge argumentierte, was ihm mit der ihm eigenen Leichtigkeit bewusst war, schwächte seine Position gegenüber der Linken. Für sie ist Feyerabend die erste Hybride jenes seltsamen Unkrauts von Relativisten, das nach und nach an allen Ecken aus dem akademischen Beten spross. Die Aufklärung musste gerettet werden, der menschliche Fortschritt: Wer nicht für universalistische Werte eintritt, ist letztendlich ein Wegbereiter des Nihilismus. Und der führt ja bekanntlich in die Barbarei, lautete die einfache Rechnung. Und Feyerabend hat sicherlich mit solchen Vergleichen noch zusätzliches Öl ins Feuer gegossen:

„Ein Christ, ein Marxist, ein Faschist ist gerne ein gutes Schaf, wenn sein Schafsein durch seine schafartige Umgebung eine »objektive Rechtfertigung« erhält. Er fühlt sich sogar als ein besonderes Schaf, wenn er zwar allein in dieser Welt »für die gute Sache kämpft«, aber der allgemeinen Güte dieser Sache doch gewiss sein kann: der überirdische Gerichtshof einer »dritten« Welt gibt ihm vor anderen Menschen recht.“
Paul Feyerabend: „Erkenntnis für freie Menschen“; Frankfurt 1980; S. 146

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