Verlassene Götter
"(...) Ich hab' euch niemals geliebt, ihr Götter!
Denn widerwärtig sind mir die Griechen,
Und gar die Römer sind mir verhasst.
Doch heil'ges Erbarmen und schauriges Mitleid
Durchströmt mein Herz,
Wenn ich euch jetzt da droben schaue,
Verlassene Götter,
Tote, nachtwandelnde Schatten,
Nebelschwache, die der Wind verscheucht -
Und wenn ich bedenke, wie feig und windig
Die Götter sind, die euch besiegten,
Die neuen, herrschenden, tristen Götter,
Die schadenfrohen im Schafspelz der Demut -
O, da fasst mich ein düsterer Groll,
Und brechen möcht' ich die neuen Tempel,
Und kämpfen für euch, ihr alten Götter,
Für euch und eu'r gutes, ambrosisches Recht,
Und vor euren hohen Altären,
Den wiedergebauten, den opferdampfenden,
Möcht' ich selber knieen und beten,
Und flehend die Arme erheben -
Denn immerhin, ihr alten Götter,
Habt ihr's auch eh'mals in Kämpfen der Menschen
Stets mit der Partei der Sieger gehalten,
So ist doch der Mensch grossmüt'ger als ihr,
Und in Götterkämpfen halt' ich es jetzt
Mit der Partei der besiegten Götter.
Also sprach ich, und sichtbar erröteten
Droben die blassen Wolkengestalten,
Und schauten mich an wie Sterbende,
Schmerzenverklärt, und schwanden plötzlich.
Der Mond verbarg sich eben
Hinter Gewölk, das dunkler heranzog;
Hoch aufrauschte das Meer,
Und siegreich traten hervor am Himmel
Die ewigen Sterne."
Heinrich Heine: Die Götter Griechenlands
in: Buch der Lieder (1827)
Interessant scheint mir hier nicht die Frage, ob das Bündnis Heines mit den alten Göttern, um die neuen zu besiegen, gerechtfertigt ist. Auch nicht, ob der Kampf aussichtslos ist und das Exil der Götter unabsehbar andauert, wie man der letzten Strophe entnehmen kann. Sondern ob die nachtwandelnden Schatten wirklich solche geschundenen Gestalten sind, hilflos ihrem Schicksal ausgeliefert.
Wer sind die Heerscharen der Götter, die die entscheidenden Schlachten schlagen?
Wer trägt nicht nur ein Banner, sondern auch das Schwert?
Heines Antwort scheint klar: seine Götter sind passive Opfer menschlicher Launen.
Denn widerwärtig sind mir die Griechen,
Und gar die Römer sind mir verhasst.
Doch heil'ges Erbarmen und schauriges Mitleid
Durchströmt mein Herz,
Wenn ich euch jetzt da droben schaue,
Verlassene Götter,
Tote, nachtwandelnde Schatten,
Nebelschwache, die der Wind verscheucht -
Und wenn ich bedenke, wie feig und windig
Die Götter sind, die euch besiegten,
Die neuen, herrschenden, tristen Götter,
Die schadenfrohen im Schafspelz der Demut -
O, da fasst mich ein düsterer Groll,
Und brechen möcht' ich die neuen Tempel,
Und kämpfen für euch, ihr alten Götter,
Für euch und eu'r gutes, ambrosisches Recht,
Und vor euren hohen Altären,
Den wiedergebauten, den opferdampfenden,
Möcht' ich selber knieen und beten,
Und flehend die Arme erheben -
Denn immerhin, ihr alten Götter,
Habt ihr's auch eh'mals in Kämpfen der Menschen
Stets mit der Partei der Sieger gehalten,
So ist doch der Mensch grossmüt'ger als ihr,
Und in Götterkämpfen halt' ich es jetzt
Mit der Partei der besiegten Götter.
Also sprach ich, und sichtbar erröteten
Droben die blassen Wolkengestalten,
Und schauten mich an wie Sterbende,
Schmerzenverklärt, und schwanden plötzlich.
Der Mond verbarg sich eben
Hinter Gewölk, das dunkler heranzog;
Hoch aufrauschte das Meer,
Und siegreich traten hervor am Himmel
Die ewigen Sterne."
Heinrich Heine: Die Götter Griechenlands
in: Buch der Lieder (1827)
Interessant scheint mir hier nicht die Frage, ob das Bündnis Heines mit den alten Göttern, um die neuen zu besiegen, gerechtfertigt ist. Auch nicht, ob der Kampf aussichtslos ist und das Exil der Götter unabsehbar andauert, wie man der letzten Strophe entnehmen kann. Sondern ob die nachtwandelnden Schatten wirklich solche geschundenen Gestalten sind, hilflos ihrem Schicksal ausgeliefert.
Wer sind die Heerscharen der Götter, die die entscheidenden Schlachten schlagen?
- Die Menschen, die im Gegensatz zu den Göttern sich auch auf die Seite der unterlegenen schlagen können (Heines Menschen stehen durchaus im Widerspruch zu den Edlen die Nietzsches antike Welt bewohnten; letztere würden es doch den Göttern gleich tun)?
- die Götter selbst?
Wer trägt nicht nur ein Banner, sondern auch das Schwert?
Heines Antwort scheint klar: seine Götter sind passive Opfer menschlicher Launen.
Julio Lambing - Mi, Nov 21, 2007 - Zettelkasten: Polytheismus







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