Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Von Bäumen und Tugenden

Gestern am Spätnachmittag hatte ich ein angenehmes Gespräch mit einer Mitarbeiterin einer Waldschutzorganisation, die seit Jahren in den Tropen lebt. Erst im Laufe der Zeit und durch die Fragen meines Begleiters realisierte ich, wie gefährlich der Job jener Menschen ist, die sich gegen die illegale, aber oft tolerierte oder durch regionale Korruption ermöglichte Abholzung von Wäldern in tropischen Ländern wehren. Und was wir ihrem Mut zu verdanken haben. Das Gespräch kam dann auf Tiger, die gestresst durch die Einschränkung ihres Lebensbereichs Menschen angreifen. Dann auf Elefanten, die - also wollte sie diese gleichsam zurückerobern - des nachts in ihre angestammte Weidegebiete zurückkehren und dort die nun errichteten Hütten inklusive der Menschen niedertrampeln.

Auf einmal ein leise kratzendes, aber penetrantes Geräusch im Hintergrund, gleich wieder abklingend, so als wäre irgendwo weit hinter dem Konferenzgiebäude ein Transformator angeworfen worden. Unidentifizierbar. Dann gleich wieder anklingend. Eine Stromkabel, das bitzelt? Langsam näher kommend, von weit weg, aber kontinuerlich, immer lauter, eine Art Brummen, aus Richtung des Parks am Rande des Geländes. Ist da etwas auf das Konferenzgebäude am zurasen? Insekten? Fledermäuse tauchen auf. Eins, zwei mehrere. Sind wir in einem Horrorfilm und eine drohende Armada von irgendeinem Getier ist zu uns unterwegs? Unsere Tropenkennerin bemerkt unsere Irritation und erklärt: Insekten. Und tatsächlich die Dämmerung setzt sich durch, es wird von Minute zu Minute dunkler und das Geräuch der brummenden, zirpenden Insekten wird laut wie eine Autobahn. Über den Bäumen tauchen Vogelschwärme auf: Nahrung, der Tisch ist gedeckt.

Heute mittag organisierte UNFCCC und die indonesische Regierung eine moderne Tanzperfomance auf dem Vorplatz des Hauptkonferenzgebäudes, choreographiert von dem Künstler I Nyoman Sutra. Die Ankündigung sprach von "Tri Hita Karana" einem balinesischen ethischen Prinzip der "Harmonie zwischen Mensch, natur und Gott". Zum Rythmus einer balinesischen Schlagzeugtruppe traten 25 Tänzer und Tänzerinnen auf. Die leuchtend bunten, phantastischen Kostüme changierten zwischen Alltagskleidung und traditioneller Ausstattung, die Aufführung war eine merkwürdige Mischung aus modernem Tanz und Bewegungen, die dem alteingesessenen balinesischen Tanzstil entnommen schienen. Wildleben erschien, eine Art körperbemalter scheckiggrüner Waldgeist spielte mit den Tieren und wehte schließlich durch menschliche Bäume, letztere dargestellt von hellgrünen weiblichen Tänzerinnen. Die Bäume entfalteten sich unter anmutigenden Bewegungen, die Eleganz der minimalen Handbewegungen und kleinen Schritte war herzergreifend schön. Palmen entstanden, gelbe Vögel erschienen, flatterten im Dutzend umher.

Doch dann tauchen, dramatisch einschreitend, drei schwarze, mit Skimasken getarnte Halunken auf, inspizieren das Gelände, beginnen zu dröhnenden Schlägen die kleine Bäume zu fällen, werden grober, schlagen die großen, schließlich die allergrößten. Die besten Stämme werden Stamm für Stamm vom Platz geräumt. Rote Feuerflammen tauchen zitternd auf, ergreifen von dem Platz Besitz und langsam sich ausbreitend wird alles niedergebrannt. Die strahlend gelben Vögel kehren nach der Unruhe zurück, finden aber keinen Platz mehr, nur Chaos und Wurzelstämme. Lauter werdendes Grollen kündigt die Wassertänzerinnen an, in blauen und weißen Schleiern. Der Donner bricht los, das Wasser stürzt hernieder, Erosion setzt ein, die Wildtiere fliehen den Platz. Ein großer, sehr großer weißer Schmetterling erscheint, schlägt mit den Flügeln, schaut um sich, verharrt dann und wird zu einem Symbol der Stille. Das Waldwesen kommt, irrlichtert, bleibt stehen und lehnt sich schließlich, fast flehend, an den Schmetterling.
Kein Happyend, nur Ruhe am Schluß, Stillstand. Vielleicht Kitsch aus der Perspektive eines saturierten Europäers, aber uns Zuschauern hat es durch seine Eleganz und Einfachheit bewegt.

"Balinese elderly have a simmple way of interpreting Hindunese teachings contained in the upinshad and Vedic scriptures. In achieving hapiness in life, for example, they say that one must hold on to the principle of creating harmonius relationship with God, fellow human beeing and the environment. This principle is known as Tri Hita Karana, or the three origins of human hapiness.

Harmony means performing acts of virtue and purity, starting from thoughts, words and behaviuor. The next thing is Trikaya Parisuda, or the moral codes that emphasized on positive thinking, positive talking and positive action. Both Tri Hita Karana and Trikaya Parisuda are simple. People used to carry out the principles with joy and in a series of ceremony. They also mark several days to pay respect on something, such as the days devoted to animal care (tumpek kandang), to ,love the plants (tumpek uduh) and to take care of the weapons and working equipment (tumpek landep). Those days are repeated every six months in the Balinese calendar, or equal to seven months in the solar calendar.

During the tumpek uduh day, Balinese people make small offerings, put them on or around plants, and pray to Bhatara Sangkara (the god of fertility and plants) to make the plants grow well. There is also bigger ceremony called wana kertih to ask for the sustainibility of forest."


Diese Sätze stammen von Raka Santeri, einem Journalisten, der in der balinesischen Stadt Denpasar lebt. Ich fand sie heute in der Sonderausgabe (1) zum Klimagipfel, die die indonesische Tageszeitung Kompas derzeit täglich veröffentlicht. Der Artikel beschreibt im weiteren wie die Zeremonien heute zwar weiter ausgeführt werden, aber bedeutungslos geworden sind. Santeri klagt mit harten Worten an: Die junge Generation findet es schwierig das eigene Leben an diesem Tugendkonzept auszurichten. Sie sieht im Wald nur noch eine ökonomsiche Ressource sieht. Sie zerstören den Wald, sie stehlen das Holz. "The insatiabality over material things has turned today's generation into deceitful and foolish."

Nicht nur "Kompas" veröffentlicht zur Zeit täglich eine Sonderausgabe zur Klimawandel. Auch die englischsprachige Jakarta Post tut dies. Und die Problemlage des Klimawandels wird durchaus erfasst, wie eine heutige Schlagzeile deutlich macht: "Some Indonesian island may be wiped off map". Der Meterologist Armi Susandi vom Bandung Instititue of Technology wird mit den Worten zitiert:

"Under current greenhouse gase emissions levels, Indonesia could lose about 400.000 sq km of land mass by 2080, including about 10 percent of papua, and five percent of both Java and Sumtra on the nothern costlines (...)"(2)

Es gibt also gute Gründe, den Ethos von Menschen durch neue Rituale zu trainieren und dazu gehört die bemerkenswerte Idee des "World Silent Day":

"Hindunese assocciation Paradisa Hindu Dharma Indonesia (PHDI) called on the world to have a day of silent to mark the first day of the United Framework Convention in Climate Change (UNFCCC) here on Monday (12/3).
(...)
'We do not intend to "convert" people to Hindunese. It's merely our concern on the issue of global warming. We call the world to give nature a break to curb the impacts on climate change'. "(3)


Die Jarkata Post ergänzt:

"Balinese Hindus celebrate Nyepi, or the day of silence, once a year to commemorate the Caka New Year. During the ritual, Balinese Hindus are prohibited from turning on the lights, starting fires or producing any sound. People are told to stay at home and meditate to welcome the new year.
The tourist island of Bali is completely closed for the 24 hours of Nyepi."


Doch man ahnt, wo die Widerstände liegen:

"Nyoman Sudji, head of Bali Environmental Control Agency, said the idea would be very costly economically. 'All economic activities will be stopped and this is not economically viable,' Sudji said."

Damit sind wir wieder am Anfang dieses Artikels: denn auch die Waldplünderer werden von ökonomischen Motiven getrieben, so daß die Tugenden der Klugheit und der Umsicht es schwer, sehr schwer haben.


(1) Raka Santeri: "Tri Hita Karana. Balinese Wisdom on Environment"; in: Kompas. Amanat Hati Nurani Rakyat; Special Report Cop13 Bali, 3rd Edition, Wednesday December 5, 2007; S. 3
(2) Sugita Katyal and Adhityani Arga: "Some Indonesian island may be wiped off map"; in: The Jakarta Post, Cliamte Confernece News; Wednesday December 5, 2007; S. 27
(3) Calls for Day of Silent for the Nature; in: Kompas. Amanat Hati Nurani Rakyat; Special Report Cop13 Bali, 2nd Edition, Wednesday Thursday 4, 2007; S. 3
Thomas (Gast) - Sa, Dez 08, 2007

Erschreckend

Vielen Dank für den wirklich interessanten Beitrag ... man denkt wieder mehr darüber nach ... das verdrängte kommt wieder, obwohl und zum Glück jetzt der Umweltschutz immer stärker in die Köpfe hämmert.

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