Verwissenschaftlichung des "Esoterik-Hokuspokus"
Im Zuge eines liberalen Wissenschaftsverständnisses kann man sich dafür einsetzten, dass auch die Wissenschaft offen sein soll für solche Praktiken wie Akupunktur, Astrologie, Homöpathie, Feng Shui, Geomantie, Radioästhesie, Aura Lesen, Orgontherapie, Schamanismus etc. Es wäre dies dann nur ein weiterer Schritt nachdem z.B. schon die Psychoanalyse es geschafft hat, sich aus dem Areal des Obskuren in die lichtdurchfluteten Hallen der akademischen Wissenschaft hinüberzuretten.
Tatsächlich gibt es ja gerade unter liberalen Wissenschaftlern eine Menge, die solcherlei fordern. Und so mancher Vertreter dieser Disziplinenen scheint selbst den Anschluss an die Wissenschaften zu suchen - wie z.B. Paul Devereux für die Geomantie. Die seltsamen Praktiken sind nach dieser Auffassung dann so etwas wie Proto.SWissenschaften, denen noch eine gewisse Systematiserung, eine experimentelle Überprüfung, ein Forschungsbetrieb und eine rationale Ausübungsregulierung ähnlich wie in den anerkannten Wissenschaften fehlt.
Das Angenehme an diesen Ansätzen ist, dass je mehr sie sich durchsetzen, so manche recht verschwomme Laraifari-Begründung und so manches Eso-Geschwafel einem solideren Argumentationsstil weichen muss. Sie sind insofern ein wirksames Medikament gegen die weitverbreitetete Haltung, bei Beschäftigung mit solchen Dingen das kritische Denken gegen freudiges Nachplappern von Glaubenswahrheiten einzutauschen.
Dann gibt es also langfristig noch mehr Institute wie Benders "Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene". Allerdings kann einem diese Sehnsucht nach "Verwissenschaftlichung" auch nachdenklich machen.
Foucault fragte mal jene, die sich so vehement dafür einsetzen, dass der Marxismus den Status einer Wissenschaft bekommt:
"Welche Arten von Wissen wollt ihr mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit disqualifizieren? Welches sprechende, welches diskursführende Subjekt, welches Subjekt der Erfahrung und des wissens wollt ihr minorisieren, wenn ihr sagt: »ich, der ich diesen Diskurs halte, halte eine wissenschaftlichen Diskurs und bin ein Wissenschaftler«? Welche theoriepolitische Avantgarde wollt ihr inthronisieren, um sie aus der Menge der zirkulierenden und unzusammenhängenden Formen des Wissens herauszulösen?"
(Michel Foucault: In Verteidigung der Gesellschaft; Frankfurt a.M. 2001; Vorl. vom 7. Jan. 1976; S. 25)
Das gleiche ließe sich für die oben genannten Disziplinen fragen. Schnelldenker unter den Wissenschaftsideologen könnten hier versucht sein, sich bestätigt zu fühlen: "Haben wir es nicht gewusst? Eine typische Immunisierungsstrategie des esoterischen Hokuspokus! Sie haben Angst davor, wissenschaftlich gweprüft zu werden"
Aber das ginge an der Frage vorbei. Denn hier geht es noch gar nicht darum, ob diese Disziplinen wissenschaftlich geprüft werden sollen. Oder darum, ob sie sich zu einer eigenen Wissenschaft aufschwingen dürfen oder von einer solchen vereinnahmt werden. Aber das bedeutet nicht, dass die Wissenschaft ein unschuldiger reiner Engel wäre, der von einem rationalen, unbestechlichen Gott auf die Erde gesandt wurde, um Glück und Harmonie zu bringen. Die Wissenschaft ist eine menschengemachte, soziale Praxis, die selbst Macht einsetzt und von den diversen Mächten eingesetzt wird, um Diskurse anzufachen, sie zu lenken und andere in die Bedeutungslosigkeit abzudrängen. Wie sollte es anders sein, denn als soziale Institution ist sie sowohl in ihren Abläufen als auch in ihren Forschungsinteressen von der Kultur, in der sie eingebettet ist, geprägt?
Also wird man auch einmal fragen dürfen? Ich wäre gespannt, was die Erforschung solcher Bestrebungen an Antworten liefern würde. Und was die erkenntnisliberalen Verteter eines "rationalen Umgangs mit der Esoterik" darauf sagen würden.
Tatsächlich gibt es ja gerade unter liberalen Wissenschaftlern eine Menge, die solcherlei fordern. Und so mancher Vertreter dieser Disziplinenen scheint selbst den Anschluss an die Wissenschaften zu suchen - wie z.B. Paul Devereux für die Geomantie. Die seltsamen Praktiken sind nach dieser Auffassung dann so etwas wie Proto.SWissenschaften, denen noch eine gewisse Systematiserung, eine experimentelle Überprüfung, ein Forschungsbetrieb und eine rationale Ausübungsregulierung ähnlich wie in den anerkannten Wissenschaften fehlt.
Das Angenehme an diesen Ansätzen ist, dass je mehr sie sich durchsetzen, so manche recht verschwomme Laraifari-Begründung und so manches Eso-Geschwafel einem solideren Argumentationsstil weichen muss. Sie sind insofern ein wirksames Medikament gegen die weitverbreitetete Haltung, bei Beschäftigung mit solchen Dingen das kritische Denken gegen freudiges Nachplappern von Glaubenswahrheiten einzutauschen.
Dann gibt es also langfristig noch mehr Institute wie Benders "Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene". Allerdings kann einem diese Sehnsucht nach "Verwissenschaftlichung" auch nachdenklich machen.
Foucault fragte mal jene, die sich so vehement dafür einsetzen, dass der Marxismus den Status einer Wissenschaft bekommt:
"Welche Arten von Wissen wollt ihr mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit disqualifizieren? Welches sprechende, welches diskursführende Subjekt, welches Subjekt der Erfahrung und des wissens wollt ihr minorisieren, wenn ihr sagt: »ich, der ich diesen Diskurs halte, halte eine wissenschaftlichen Diskurs und bin ein Wissenschaftler«? Welche theoriepolitische Avantgarde wollt ihr inthronisieren, um sie aus der Menge der zirkulierenden und unzusammenhängenden Formen des Wissens herauszulösen?"
(Michel Foucault: In Verteidigung der Gesellschaft; Frankfurt a.M. 2001; Vorl. vom 7. Jan. 1976; S. 25)
Das gleiche ließe sich für die oben genannten Disziplinen fragen. Schnelldenker unter den Wissenschaftsideologen könnten hier versucht sein, sich bestätigt zu fühlen: "Haben wir es nicht gewusst? Eine typische Immunisierungsstrategie des esoterischen Hokuspokus! Sie haben Angst davor, wissenschaftlich gweprüft zu werden"
Aber das ginge an der Frage vorbei. Denn hier geht es noch gar nicht darum, ob diese Disziplinen wissenschaftlich geprüft werden sollen. Oder darum, ob sie sich zu einer eigenen Wissenschaft aufschwingen dürfen oder von einer solchen vereinnahmt werden. Aber das bedeutet nicht, dass die Wissenschaft ein unschuldiger reiner Engel wäre, der von einem rationalen, unbestechlichen Gott auf die Erde gesandt wurde, um Glück und Harmonie zu bringen. Die Wissenschaft ist eine menschengemachte, soziale Praxis, die selbst Macht einsetzt und von den diversen Mächten eingesetzt wird, um Diskurse anzufachen, sie zu lenken und andere in die Bedeutungslosigkeit abzudrängen. Wie sollte es anders sein, denn als soziale Institution ist sie sowohl in ihren Abläufen als auch in ihren Forschungsinteressen von der Kultur, in der sie eingebettet ist, geprägt?
Also wird man auch einmal fragen dürfen? Ich wäre gespannt, was die Erforschung solcher Bestrebungen an Antworten liefern würde. Und was die erkenntnisliberalen Verteter eines "rationalen Umgangs mit der Esoterik" darauf sagen würden.
Lambing - Do, Dez 30, 2004 - Zettelkasten: Rationalitaet
Agnellus (Gast) - Sa, Feb 25, 2006
Ein Komliment...
...an deinen Stil. Ich mag sehr wie du schreibst, und mein feministisches Interesse treibt mich immer wieder auf deine Seite. Ich bin froh, dass du Spuren in meinem Weblog hinterlassen hast und ich nun so viel Interessantes über Frauen in der Antike lesen kann, die in meinem Studium so gern ausgeklammert werden.
allerdings bin ich selten so häufig dem Wort Geomantie begegnet wie hier, kannte diesen "Forschungszweig" bisland nur aus dem Zusammenhang mit der Deutung von Labyrinthen, deren Verlauf auf Sternbilder zurückgeführt wurden.
Aber das ist uninteressant. Interessant ist, was du schreibst über das alte Rom und Griechenland.
allerdings bin ich selten so häufig dem Wort Geomantie begegnet wie hier, kannte diesen "Forschungszweig" bisland nur aus dem Zusammenhang mit der Deutung von Labyrinthen, deren Verlauf auf Sternbilder zurückgeführt wurden.
Aber das ist uninteressant. Interessant ist, was du schreibst über das alte Rom und Griechenland.
http://axonas.twoday.net/stories/455925/#1618678
Julio Lambing - Sa, Feb 25, 2006
Frauen in der Antike?
-----> Done... ;-)
Geomantie finde ich in der Tat ganz sympathisch, auch wenn es in seiner westlichen Form noch in einem Selbstfindungsprozess ist. Mit ein bisschen Glück kommt da ein schicker Grenzgänger zwischen Kunst und Wissenschaft heraus. Wenn du ihre Erwähnung hier als häufig empfindest, muss ich ein bisschen grinsen, denn dann läuft sie dir ansonsten wohl recht selten über den Weg... ;-)
Was ich nett finde, bei deinem Lob ist deine offenkundige Nachsicht mit meinen vielen Rechtschreibfehlern - siehe oben, selbst beim Zitieren! Und noch netter, dass nun schon zwei VertreterInnen der Theologie hin- und wieder hier vorbeischauen. Technorati.com löst immer mal wieder leichte Einsamkeitsgefühle aus, wenn man so schaut, ob sich sonst noch jemand für solche Themen erwärmt.
Geomantie finde ich in der Tat ganz sympathisch, auch wenn es in seiner westlichen Form noch in einem Selbstfindungsprozess ist. Mit ein bisschen Glück kommt da ein schicker Grenzgänger zwischen Kunst und Wissenschaft heraus. Wenn du ihre Erwähnung hier als häufig empfindest, muss ich ein bisschen grinsen, denn dann läuft sie dir ansonsten wohl recht selten über den Weg... ;-)
Was ich nett finde, bei deinem Lob ist deine offenkundige Nachsicht mit meinen vielen Rechtschreibfehlern - siehe oben, selbst beim Zitieren! Und noch netter, dass nun schon zwei VertreterInnen der Theologie hin- und wieder hier vorbeischauen. Technorati.com löst immer mal wieder leichte Einsamkeitsgefühle aus, wenn man so schaut, ob sich sonst noch jemand für solche Themen erwärmt.
http://axonas.twoday.net/stories/455925/#1620794







Disku(r)ss- Fliegen
Esoterik wird bereits in seinem eigenen Diskurs diskutiert. So zeigen doch esoterische Fachblätter, das Anschmiegen an "anerkannte" medizinische und pädagogische Konzepte sowie die Übernahme der Psychologie von esoterischen Elementen (wie dem Core- Schamanismus, dem Indigo- Phänomen), eine Ordnungs- Instanz auf, die relativ anerkannt ist.
Ich stelle mir verschiedene Diskurse wie große oder kleinere schwebende Kugeln vor. Dabei berühren sie sich, stoßen sich ab, überschneiden sich oder werden von anderen gänzlich überlagert. Der Vergleich zwischen ihnen ist für mich dabei eher uninteressant. Faszinierender erscheint mir das Verhalten zwischen ihnen. So ist der Umgang mit Esoterik aus wissenschaftlicher Perspektive momentan rational notwendig, da der eigene Diskurs keine andere zulässt. Doch jemehr sich wissenschaftliche Nebenarme wie die Psychologie, Kulturwissenschaften und Philosophie anderen Erkenntniskonzepten annähern oder zu Teilen "esoterische" aufnehmen, wird sich der Gesamtdiskurs der Wissenschaft verändern. Und dann wird auch der Umgang mit Esoterik toleranter, besonders deswegen, da sich in dem Moment Szene und so auch Diskurs "Esoterik" auflösen und Bestandteil von Ethnologie, Psychologie usw. wird - oder aber es bilden sich neue Wissenschaften.
Ich wünsche einen guten Flug!