Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Nietzsches vererbte Schulden

Jeder Versuch die begifflichen und logischen Strukturen der heidnischen Vergangenheit Europas für eine moderne Reflexion der Gesellschaft zu nutzen, muss sich mit dem Problem Nietzsche auseinandersetzen.

Denn er ist jener moderne Interpret dieser Vergangenheit, der zugleich mitverantwortlich ist für neuzeitliche Barbarei und Stumpfsinn ungeheuren Ausmaßes. Nietzsche ist nicht "missbraucht" worden von den Nazis, das ist Humbug. Mag sein, dass die Schwarz- und Braunhemden bei weitem keinen so originellen, sprachgewaltigen und vielschichtigen Denker wie Nietzsche aufweisen konnten und jede politische Instrumentalisierung seiner Gedanken und Aphorismen ihn deshalb nur karikiert. Doch Nietzsche hat im Gegensatz zu dem, was viele seiner modernen Verteidiger so verlautbaren, nie einen Hehl aus seinen gesellschaftspolitischen Idealen gemacht gemacht:

"Es bedarf einer Lehre, stark genug, um züchtend zu wirken: stärkend für die Starken, lähmend und zerbrechend für die Weltmüden. Die Vernichtung der verfallenden Rassen (...) Die Vernichtung der Sclavenhaften Werthschätzungen. Die Herrschaft über die Erde, als Mittel zur Erzeugung eines höheren Typus. Die Vernichtung der Tartüfferie, welche "Moral" heißt.
Frühjahr 1884; VII, 2, S. 65, Nr. 25 [211])


Nietzsches erkannte, dass das, was im Sprachspiel der modernen Philosophie "Moral" heißt, nichts mit Praktiken und Institutionen der antiken Lebensform gemeinsam hat. Man könnte sagen: Wer eine antike Lebensform einfordert, spricht sich deshalb für die Abschaffung der Moral aus. Da Nietzsche die antike Lebensform allerdings mit dem Bild einer barbarischen blonden Bestie und einem Ideal eines Herrenmenschen identifiziert, landet er bei der Forderung nach einer Ideologie, die Bernhard Taureck, zurecht als "Suche nach Endlösungen für die Sicherung der Ungleichheiten der Menschen untereinander" bezeichnet hat.
(Bernhard H.F. Taureck: "Nietzsche und der Faschismus - Ein Politikum"; Leipzig 2000)

Um den von ihm geforderte Kastenstaat, in dem die Wenigen auch alle Vorrechte der Oberen haben (wie Glück, Schönheit, Herrschaft und Besitz), den Weg zu bahnen tauchen in vereinzelte Textpassagen auch Forderungen auf, die auf bemerkenswerte Weise den nationalsozialistischen Genozid vorwegnehmen:
"die grösste aller Aufgabe, die Höherzüchtung der Menschheit"
umfasst auch
"die schonungslose Vernichtung alles Entartenden und Parasitischen"
(Ecce homo, Die Geburt der Tagödie, Nr. 4).


Das kann auch eine im heroischen Gestus vorgenomme Massenvernichtung beinhalten:
"jene ungeheure Energie der Göße zu gewinnen, um, durch Züchtung und anderseits durch Vernichtung von Millionen zu gestalten und nicht zu Grunde zu gehen an dem Leid, das man schafft, und dessen Gleichen noch nie da war!"
(VII, 2., S. 94, Nr. 25 [235])


Nietzsche geht dabei davon aus, das die demokratischen Gesellschaften in sich ein Moment beherbergen, dass einer neuer transnationalen Herrenkaste den Weg bereitet. Die vorschreitende "Vermittelmäßigung" der Europäer einerseits lasse anderseits zugleich "Ausnahme-Menschen der gefährlichsten und anziehenden Qualität" enstehen, mit denen die Verfechter der Moderne niemals gerechnet hätten:
"während der Gesamt-Eindruck solcher Europäer wahrscheinlich der von vielfachen geschwätzigen, willensarmen und äusserst anstellbaren Arbeitern sein wird, die des Herrn, des Befehlenden bedürfen wie des täglichen Brotes; während also die Demokratisierung Europa's auf die Erzeugung eines zur Sklaverei im feinsten Sinne vorbereitenden Typus hinausläuft: wird, im Einzel- und Ausnahmefall, der starke Mensch stärker und reicher gerathen müssen, als er vielleicht jemals bisher geraten ist."

Nietzsches Forderung nach einer Vorherrschaft der Wenigen erfolgt nicht als moderner antidemokratischer Reflex, sondern im Rückgriff auf die Antike. Sowohl bei Platon als auch bei Aristoteles waren Sklaven für das sittliche Leben in der Polis irrelevant. Da sie nicht Teil der Menschheit waren, wurden sie auch nicht als ethisches Subjekt wahrgenommen.

Das moderne Pendant des antiken Sklaven ist für Nietzsche der Schwache. Und hierin liegt auch der Grund für die Empörung derer, die jeden Rückgriff auf Nietzsche zugleich als Rückgriff auf den Faschismus werten. Seine Analyse der Moral der "Schwachen" ist in ihren Augen in erster Linie eine Apologie der Herschaftsansprüche einer "Herrenrasse". Wer sich auf Nietzsche beruft, der ist Faschist - zumindest, wenn er nicht nur die (letztendlich semantische) Kritik am moralischen Sprachspiel, sondern auch positive Ansätze von ihm aufgreift ("Genealogie", Interesse an einem Sprachspiel/Lebensform "jenseits der Moral" etc.)

Natürlich ist das selbst eine ideologisierte Herangehensweise an Nietzsche, die holzschnittsartig und vorurteilsbeladen wirkt. Als ob man einem Foucault z.B. faschistoide Gelüste unterstellen könnte...
Aber es scheint mir, dass es angemessen ist, sich mit dem These auseinanderzusetzen, dass das Neuheidentum (und Nietzsche ist in einem gewissen Sinn "Neuheidentum") sich hier zum ersten Mal in der Gesellschaft desavouiert hat. Mehr noch, es lohnt zu fragen: Hat das Neuheidentum, das sich ja selbst in einer Traditonslinie mit dem vorchristlichen oder ausserchristlichen Heidentum sieht, eine Verantwortung für den Faschismus? Ist es nicht allzu glatt, nur von Wirrköpfen zu sprechen, die nationalistisches und rassistisches Gedankengut dem Paganismus aufgestülpt haben? Wäre man Christ, dann könnte man zurecht fragen: Hat das Neuheidentum hier nicht schwere Schuld auf sich geladen aufgeladen, ähnlich wie das Christentum bei den von ihm initiierten Genoziden? Anders ausgedrückt hieße das: Das Neuheidentum hat durch die Epoche des Faschismus seine Unschuld verloren.

Nietzsche wäre dann nur ein Beleg von mehreren, aber eben ein einflussreicher Beleg. Denn wie gesagt: Ganz so einfach kann man/frau sich es nicht machen und lediglich konstatieren, dass der arme Friedrich nur "missbraucht" worden sei.

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