Lotto spielen, Erich Fromm und Tugenden
Beim Einkaufen heute Lotto gespielt. Auf einmal kam mir der Gedanke, die freundliche Dame, die ihre Lose an der Lottoannahmestelle verkaufte, zu fragen, ob sie eigentlich gewisse Lotteriespiele empfehle oder von anderen auch einmal abriet. Sie zog die Augenbrauen hoch und lächelte: „Nein, die Leute fragen mich nicht. Sie bezahlen und holen ihre Gewinne ab.“ Wie schnell man in einer Stadt versucht ist, Menschen einfach nur als Zählmaschine zu benutzen. Dieser Zusammenhang ist immer wieder bemerkenswert, dass einerseits sich alle Welt über die "gesellschaftliche Kälte", die "Anonymität" und "fehlende Herzlichkeit" beschwert und zugleich in Empfindsamkeit und Aufmerksamkeit einwattiert ist, als ob man in Kosmonautenanzügen durch die Innenstadt eile.
Die Episode mit der Lottoverkäuferin erinnerte mich an zwei Dinge. Zum Einen an eine kleine Geschichte, die ich in einem Weblog auf Twoday las, in der eine Frau über ihre erste Begegnung mit Huren erzählte. Als ich sie später beim Einkaufsbummel erzählte, stockte mir vor Rührung über diese Geschichte von kleinen, fast klischeehaften Gesten gegenseitiger Aufmerksamkeit ein bisschen die Stimme.
Zum Anderen an die eigene Geschichte des Nachdenkens und an das Interesse an der Frage, warum es eine Kultur, warum es kollektive Verhältnisse zwischenmenschlicher Gleichgültigkeit oder persönlicher Härte gibt. Eine anthropologische, eher invariante Erklärung oder eine soziologische (also auf die Möglichkeit der Veränderung hinweisende) sind dann die Antwort. Die soziologische spaltet sich nocheinmal dergestalt auf, ob kulturelle, religiöse, wirtschaftliche (Marxens Produktionsverhältnisse), zivilisatorische, technologische etc. Zustände die Ursache für solche Verhältnisse.
Als Jugendlicher fand ich den Ansatz der frühen Frankfurter Schule, namentlich den von Erich Fromm, am plausibelsten. Mit der Zeit sind mir zwar die Schwächen freudomarxistischer Ansätze immer deutlicher geworden, aber die theoretische Idee, soziale Bedingungen mit Charakterfragen zu verschalten, fand ich weiterhin sinnvoll. Die theoriestrategische Engführung nur auf wirtschaftliche Fragen wurde dabei schon dadurch, wie man Verhaltensweisen von Menschen in den Ländern des real existierenden Sozialismus erlebte, unplausibel. Aber jedem/r der heute noch den Mentalitätsunterschied zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen erleben kann, wurde auch intuitiv deutlich, wo der Faktor Wirtschaft seine Berechtigung hat. Und die Engführung auf Psychologie wird einem durch die deprimierende Angepasstheit dieser Zunft deutlich: Je mehr man sich damit beschäftigt, um so deutlicher wird das christlich-normative Erbe mit seinem Sündenbewusstsein, dem eng umrissenen Lebensentwurf und der quasireligiösen Heilssemantik.
Fromms Ansatz hatte den Vorteil, dass er einen Hebel in die Hand gab, Verhältnisse zwsichenmenschlichen Miteinanders zu verändern. Auch wenn mit der Zeit sein Schwerpunkt sich von den soziologischen auf die psychologischen Problemen verlagerte, blieb er doch nie, wie ihm die verbitterten Rivalen der späteren kritischen Theorie vorwarfen, beim bloßen humanistischen Predigen stehen. (Interessanterweise scheint ihm Herbert Marcuse sowohl in dem gestalterischen Willen zur Veränderung, der Nähe zur den studentischen Rebellen und in der schlichten Herzenswärme immer näher gestanden zu haben als die Kollegen aus Frankfurt.) Aber mir scheint schon, dass in dem Moment als er den monokausalen Hebel der Ökonomie fallen ließ, gleichzeitig so etwas wie eine Schwächung seiner Theorie geschah. Womit den „Gesellschaftscharakter“ verändern, wenn nicht der kapitalismus das Hauptübel ist?
Ernst Tugendhat schließt Fromm in seiner Vorlesungen zur Ethik an eine aristotelischen Ethik des guten Lebens an (die er freilich nur als Ergänzung zu einem moralischen Rechtesystem versteht). Von der Grundintuition liegt das nahe: Charakter und Tugendausübung. Zwei verschieden begriffliche Universen, die jedoch viele Brücken aufweisen. Und die Frage, die mich umtreibt lautet, ob diese Überführung von Charakter in Tugendkonzeptionen, wie ich sie auch in den aristotelischen Kommunitarismus angedeutet finde, nicht eine gehaltvolle und zugleich pragmatische Lösung anbietet. Wie ärgerlich, dass sich hier in Deutschland hauptsächlich die Konservativen für den Kommunitarismus interessieren – was mit dem deutschen Dünkel der hiesigen Linken und ihrer geistigen Ghettoisierung zusammenhängt.
Die ältere Dame hat uns übrigens eine Empfehlung gegeben. Als Lottoanalphabet spiele ich jetzt zum ersten Mal für 5,25 € mit "System".
Die Episode mit der Lottoverkäuferin erinnerte mich an zwei Dinge. Zum Einen an eine kleine Geschichte, die ich in einem Weblog auf Twoday las, in der eine Frau über ihre erste Begegnung mit Huren erzählte. Als ich sie später beim Einkaufsbummel erzählte, stockte mir vor Rührung über diese Geschichte von kleinen, fast klischeehaften Gesten gegenseitiger Aufmerksamkeit ein bisschen die Stimme.
Zum Anderen an die eigene Geschichte des Nachdenkens und an das Interesse an der Frage, warum es eine Kultur, warum es kollektive Verhältnisse zwischenmenschlicher Gleichgültigkeit oder persönlicher Härte gibt. Eine anthropologische, eher invariante Erklärung oder eine soziologische (also auf die Möglichkeit der Veränderung hinweisende) sind dann die Antwort. Die soziologische spaltet sich nocheinmal dergestalt auf, ob kulturelle, religiöse, wirtschaftliche (Marxens Produktionsverhältnisse), zivilisatorische, technologische etc. Zustände die Ursache für solche Verhältnisse.
Als Jugendlicher fand ich den Ansatz der frühen Frankfurter Schule, namentlich den von Erich Fromm, am plausibelsten. Mit der Zeit sind mir zwar die Schwächen freudomarxistischer Ansätze immer deutlicher geworden, aber die theoretische Idee, soziale Bedingungen mit Charakterfragen zu verschalten, fand ich weiterhin sinnvoll. Die theoriestrategische Engführung nur auf wirtschaftliche Fragen wurde dabei schon dadurch, wie man Verhaltensweisen von Menschen in den Ländern des real existierenden Sozialismus erlebte, unplausibel. Aber jedem/r der heute noch den Mentalitätsunterschied zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen erleben kann, wurde auch intuitiv deutlich, wo der Faktor Wirtschaft seine Berechtigung hat. Und die Engführung auf Psychologie wird einem durch die deprimierende Angepasstheit dieser Zunft deutlich: Je mehr man sich damit beschäftigt, um so deutlicher wird das christlich-normative Erbe mit seinem Sündenbewusstsein, dem eng umrissenen Lebensentwurf und der quasireligiösen Heilssemantik.
Fromms Ansatz hatte den Vorteil, dass er einen Hebel in die Hand gab, Verhältnisse zwsichenmenschlichen Miteinanders zu verändern. Auch wenn mit der Zeit sein Schwerpunkt sich von den soziologischen auf die psychologischen Problemen verlagerte, blieb er doch nie, wie ihm die verbitterten Rivalen der späteren kritischen Theorie vorwarfen, beim bloßen humanistischen Predigen stehen. (Interessanterweise scheint ihm Herbert Marcuse sowohl in dem gestalterischen Willen zur Veränderung, der Nähe zur den studentischen Rebellen und in der schlichten Herzenswärme immer näher gestanden zu haben als die Kollegen aus Frankfurt.) Aber mir scheint schon, dass in dem Moment als er den monokausalen Hebel der Ökonomie fallen ließ, gleichzeitig so etwas wie eine Schwächung seiner Theorie geschah. Womit den „Gesellschaftscharakter“ verändern, wenn nicht der kapitalismus das Hauptübel ist?
Ernst Tugendhat schließt Fromm in seiner Vorlesungen zur Ethik an eine aristotelischen Ethik des guten Lebens an (die er freilich nur als Ergänzung zu einem moralischen Rechtesystem versteht). Von der Grundintuition liegt das nahe: Charakter und Tugendausübung. Zwei verschieden begriffliche Universen, die jedoch viele Brücken aufweisen. Und die Frage, die mich umtreibt lautet, ob diese Überführung von Charakter in Tugendkonzeptionen, wie ich sie auch in den aristotelischen Kommunitarismus angedeutet finde, nicht eine gehaltvolle und zugleich pragmatische Lösung anbietet. Wie ärgerlich, dass sich hier in Deutschland hauptsächlich die Konservativen für den Kommunitarismus interessieren – was mit dem deutschen Dünkel der hiesigen Linken und ihrer geistigen Ghettoisierung zusammenhängt.
Die ältere Dame hat uns übrigens eine Empfehlung gegeben. Als Lottoanalphabet spiele ich jetzt zum ersten Mal für 5,25 € mit "System".
Julio Lambing - Sa, Jan 08, 2005 - Zettelkasten: Tugend







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