Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Ein Beispiel wie irrational Kritiker des "Irrationalismus" gerne sind

Die meisten sogenannten Aufklärungsbücher über Esoterik sind austauschbar. Schnell auf den Markt geworfen und schlampig recherchiert, bearbeiten sie im ähnlich lamentierenden Duktus die immer gleichen Aspekte und historischen Zeitlinien des Themas. Der gutgemeinte Ansatz, die "Gesellschaft" vor problematischen politischen Geistesströmungen zu warnen, muss dann als Entschuldigung herhalten, dass man unreflektiert Vorurteile wiederkäut und die ewig gleichen Stereotypen benutzt. Die daraus entstandene Kritik ist ungefähr so wirksam wie die Vielzahl an Kampfschriften, die Ende der 60er bis Mitte der 70er vor den Gefahren des Marxismus warnten. Eine solche Kritik verpufft denn auch bei denjenigen, die sie angeht.

Publikationen, die von der politischen Linken stammen, sind dabei nur eine Untergruppe. Allerdings zeichnen sie sich in ihrem unreflektierten Fortschrittspathos und der metaphysisch motivierten antireligiösen Stossrichtung durch eine besondere Schärfe aus. Ein typisches Beispiel für die heute übliche linke Literatur über Esoterik scheint mir ein Büchlein von Claudia Barth zu sein: “Über alles in der Welt - Esoterik und Leitkultur“, erschienen im Alibri Verlag, Aschaffenburg 2003. Ich habe es die Tage in die Hände bekommen.

Das Buch möchte laut Klappentext "eine systematische Einführung in die wichtigsten Aspekte esoterischer Ideologien" geben. Es ist eher eine Fleissarbeit, mit der üblichen Runde: Frau Barth fängt bei Blavatsky an, dann kommt Steiner, dann die Ariosophie, dann Lebenreformbewegung, Nazizeit, nochmals Anthroposophie usw. Irgendwann landet man bei Jan Udo Holey und Bert Hellinger. Mensch kennt das.

Man spürt die gute Absicht, aber das war es auch schon. Dass das Buch in seinem Hauptteil antidemokratische, antisemitische, sexistische, rassistische oder sozialdarwinistische Aspekte esoterischer und religiöser Strömungen schildert, kann man ihm nur begrenzt zugute halten. Allzu krude und kliescheehaft wird das gängige Programm heruntergespult, das eine Vielzahl an Autoren teilweise deutlich seriöser und kritischer bearbeitet hat. Dass die darin vorkommende linke Rhetorik nicht über die Seichtigkeit der zugrundeliegenden gesellschaftspolitischen Analyse hinwegtäuschen kann, würden ohnehin nur diejenigen beklagen, die den alten Anspruch noch ernst nehmen, dass der Geist links steht oder zumindest stehen sollte. Doch dieser Anspruch war schon 1917 eine Chimäre.

Interessant ist das Buch in seinen Anfangs und Endkapitel; nämlich als Beispiel dafür, welcher Irrationalismus den erbitterten Gegner des Irrationalismus zugrunde liegt. „Aufklärung“ wird hier zu einem mythischen Anfangspunkt der Geschichte, der zugleich evolutionärer Beginn der eigentlichen Zivilisation ist als auch außerhalb der Zeit ein persönliches Bekenntnis einfordert. „Wissenschaftlichkeit“ ersetzt wie bei fundamentalistischen Sekten das Prädikat „es steht in der Schrift“.

Das Buch ist durch jene unreflektierte, metaphysisch begründete Feindschaft religiösen Phänomenen gegenüber gekennzeichnet, wie sie im Gefolge des „historischen Materialismus“ typisch ist. Das gleichzeitige Pochen auf „Wissenschaftlichkeit“ erklärt sich dabei nicht nur durch das ideologische Erbe des 19. Jahrhunderts, sondern auch durch die nagende Kränkung, vom wissenschaftlichen Mainstream bis heute dieses Prädikat abgesprochen zu bekommen. Das verursacht den Pathos solcher Schriften, der selbst immer wieder auf die in politisch linken Strömungen tiefsitzende Religiösität verweist. Das er mit einer aus dem Christentum ererbten weltanschaulichen Arroganz (gepaart mit entsprechendem Missionierungswillen) einhergeht, kennt man ja zur Genüge von liberalen, sozialistischen oder kommunistischen Strömungen.

Ein paar Zitate:

„Sind Menschen erst einmal von der Existenz von Geistern, Engeln, „feinstofflichen Ebenen“, Qui oder Chakren überzeugt, so haben sie sich bereits von logisch-kausalem Denken abgewendet und sind an rationalen Gesprächen über ihren Glauben meist desinteressiert.“
(Claudia Barth zu sein: “Über alles in der Welt - Esoterik und Leitkultur“; Aschaffenburg 2003; S. 193)


So einfach ist das, wenn man Christen, Buddhisten, Hinduisten, Muslimen, Mitglieder animistischer Kulturen und vielen mehr mal kurz das „logisch-kausale Denken“ abspricht (was immer das ist, aber glücklicherweise scheint die Autorin sich gut darüber informiert zu fühlen.) Dankbar kann man da nur sein, dass sie im zweiten Halbsatz eine quantitative Einschränkung gebraucht hat.

Man ahnt, dass nur Nuancen zwischen solchen Sprüchen und denen eines "Positivisten" wie Ernest Gellner liegen, der schon mal verkündet:
"If a doctrine conflicts with the acceptance of the superiority of scientific-industrial societies over others, then it is really out."
(Ernest Gellner: "The New Idealism"; in: Imre Lakatos and Alan Musgrave (Hrsg.): "Problems in the Philosophy of Science"; Amsterdam 1968; S 405)


Frau Barth klagt:
„Trotz aller Aufklärungsversuche über den Unsinn, an höhere Mächte zu glauben (...)“
(Claudia Barth zu sein: “Über alles in der Welt - Esoterik und Leitkultur“; Aschaffenburg 2003; S. 193)


Die Menschheit will sich einfach nicht bekehren lassen, so muss auch eine enthusiastische Predigerin feststellen. Jetzt könnte man ja mutmaßen, dass dies seine Ursache darin hat, dass jene Sekte an Wissenschaftsideologen gar nicht so überzeugende Gründe für ihr antireligiöses Weltbild vorzuweisen hat, wie ihre Anhänger gerne behaupten. (Das Problem ist ja, dass sie innerhalb der Wissenschaften selbst einen schweren Stand hat: Ein großer Teil der weltweiten Science Community ist religiös.) Doch Claudia Barth liefert denn auch direkt das nächste Klischee, warum sich der Missionsanspruch nicht erfüllt:
„Trotz aller Aufklärungsversuche über den Unsinn, an höhere Mächte zu glauben, bleibt doch das Grundproblem bestehen: eine Gesellschaft, die ihr nach einer irrationalen Rationalität funktionierendes System tagtäglich mit Waffen und gebeten verteidigt. Ein entfremdetes Dasein, das an sozialer Kälte und Isolation, Vermitteltheit, individueller Machtlosigkeit leidet, dem so sehr die Erklärungsmöglichkeit und die Vorstellung der Überwindung dieser Misere fehlt, dass nach jedem Betäubungsmittel gegriffen wird, um die empfundenen Leere für eine Weile zu kompensieren. (...)

Solange eine Wissenschaft existiert, die mit elend- und todbringenden Erfindungen die Zukunft schon heute als zerstört einkalkuliert, so lange werden rückwärtsbezogene Zivilisationskritik, Endzeitpropheten und Flucht in ewig-gültige andere Welten bestehen. Solange kein Gesellschaftskonzept vorstellbar ist, das der individualistischen Einsamkeit, der Entsolidarisierung des Menschen vom Menschen, das dem rassistischen treiben und der sozialen Verarmung Einhalt zu gebieten vermag, solange dieses Elend als das einzig mögliche gilt, so lange wird der Mensch Theorien bedürfen, mit denen er sich betäuben und die Zustände annehmen kann.

Im Wissen um die Herstellbarkeit einer Gesellschaft, die für alle Menschen Nahrung, Wohnen, Kleidung und freie Entfaltung der Persönlichkeit ermöglicht, in der der Mensch dem Menschen kein Wolf ist, liegt die Möglichkeit zur Überwindung der irrationalen religiösen Bedürftigkeit. Nur der gemeinsame politische Kampf für diese andere Gesellschaft kann der dumpfen Regression und selbstbezogenen Nabelschau der esoterischen Romantiker beikommen.“
(Claudia Barth zu sein: “Über alles in der Welt - Esoterik und Leitkultur“; Aschaffenburg 2003; S. 196 ff)


Es wäre hämisch zu sagen, das habe Karl Marx besser geschrieben.
Aber die Frage ist im 19. Jahrhundert die gleiche wie im 21. Jahrhundert: Wenn Religion das Opium des Volkes ist, muss dreierlei rational nachvollziehbar gezeigt werden:
  1. Erstens, dass religiöse Überzeugen per se irrrational sind. Nicht dass es nicht gute Kritiken an religiösen Weltbilder gibt. Leider ist die Autorin davon unbeschlagen - sie behauptet es einfach mal als Spätfolge eines Vulgärmarxismus.
  2. Zweitens, dass alle Kulturen, in denen die meisten Menschen religiös sind, Kulturen sind, auf denen die düstere Gesellschaftsdiagnose der Autorin zutrifft.
  3. Und drittens, dass selbst wenn Punkt zwei gezeigt wäre, hier ein kausaler Zusammenhang besteht.
Natürlich liefert die Autorin keine solche Abfederung ihrer „Religionskritik“, das ist nicht üblich, wenn man in vulgärmarxistischer Manier mal locker Fortschrittsmodelle von Rationalität hypostasiert. Glücklicherweise erklären wir Gesellschaften nicht mehr monokausal. Neben den offenkundigen theoretischen Schwächen hat die Zerstörungswut, mit der liberalistische und sozialistische Politikansätze menschliche Lebenszusammenhänge und Kulturen überall auf der Welt zerschlagen haben, auch ganz pragmatische Hinweise geliefert, das an solchen Ansätzen etwas faul ist.

Quasireligiöse Ideologien wie z.B. der („dialektische“, „historische“ etc.) Materialismus“ und seine Ausläufer argumentieren nicht, man hat an die Existenz der metaphysischen Behauptungen („Alles ist Materie“, Religion ist irrational“, „es gibt einen linearen gesellschaftlichen Fortschritt seit der Zeit des Urkommunismus bis zum Sozialismus“ etc.) einfach zu glauben. Vor allem wenn man behauptet diese Behauptungen seien doch „objektiv“ (und bekanntlich sind Ideologien geradezu versessen darauf, jeweils festzulegen, was „objektiv“ ist).

Die Autorin ähnelt an diesem Punkt mit ihrer zivilisatorischen Fortschrittsideologie - die sich eben nicht mit wissenschaftlichen Ergebnissen untermauern lässt - den Schwärmern des New Age. Beide haben die gleichen Wurzeln: Die abendländlich-christliche Eschatologie.

Fast klischeehaft betet Frau Barth dann weitere Merkmale dieser Wissenschaftsideologie herunter:

"Um nicht Lügner und Scharlatanen den Weg zu ebenen, sollten die grundsätzlichen wissenschaftlichen Maßstäbe gelten:
  • Ein behauptetes Phänomen muss kausal (Verknüpfung von Ursache und Wirkung) und logische begründet sein, d.h. es müssen Aussagen über den zu erwarteten Verlauf eines Experiments gemacht werden können.
  • Theorien müssen nach der möglichst einfachsten Erklärungen suchen, in sich widerspruchsfrei sein, und bereits erkannte Gesetzmäßigkeiten sinnvoll berücksichtigen.
  • Experiment und Ergebnis müssen durch unabhängige Dritte reproduziert werden können (Intersubjektivität)
  • Insbesondere medizinische Neuerungen müssen durch Tests mit Kontrollgruppen und durch doppelblindes Verfahren abgesichert sein (...)
  • Die Beweislast liegt beim Behauptenden. Es ist nicht Aufgabe der Wissenschaft, jegliche abstruse Behauptung zu prüfen."
(Claudia Barth zu sein: “Über alles in der Welt - Esoterik und Leitkultur“; Aschaffenburg 2003; S. 193)


Das liest sich nett und eingängig, hat aber vor allem mehr mit einer populärwissenschaftlichen Propaganda und Ideologie als mit dem wissenschaftlichem Realbetrieb zu tun. Aber hat Frau Barth sich mal auf die Suche gemacht und überprüft, wieviele Doppelblindstudien es in der Medizin gibt? Oder in anderen Wissenschaften? Oder wie es um Widerspruchsfreiheit vieler wissenschaftlicher Theorien - gerade der interessanten - bestellt ist? Es scheint so, dass das bezweifelt werden kann. Die Wissenschaft ist bei weitem nicht so auf Form getrimmt wie das manche irrationale Ideologen gerne hätten, die ihren Anspruch auf Linientreue von der Kirche oder diversen anderen Strömungen mit Disziplinierungsattitüden ererbt haben. ( Nicht dass dieses Defizit der Wissenschaften schlimm wäre. Ich teile die Einstellung, dass es für die Wissenschaften ein Glück war, dass sie sich in ihrer Praxis nicht an diese sterile Ideologie gehalten hat. Wenn es nach Claudia Barth ging, würden wir heute noch auf Bäumen sitzen und mit Bananen auf Predigerinnen solcher Sprüche werfen).

Etwas erstaunt ist man schon, an welcher Uni denn eine Diplomarbeit durchgehen kann, bei der man merkt, dass selbst der Blick in einfaches wissenschaftstheoretisches Einführungswerk ausgereicht hätte, um etwas solider in diesen Dingen zu sein. Aber als Leser wird man den Verdacht nicht los, dass wenn man die Autorin auf den aktuellen Stand der Wissenschaftstheorie aufmerksam machen würde, diese vermutlich wieder wild „Irrationalismus“ rufen würfe. So ist das mit fundamentalistischen Bewegungen.

Der Hintergrund erhellt sich, wenn man einen Blick in das Kapitel über „wissenschaftstheoretische Aspekte“ wirft. Man ist ja ganz erfreut, wenn man so etwas mal entdeckt, wenn es über den Gegenstand „Neue religiöse Bewegungen“ und Esoterik geht. Doch der wissenschaftstheoretische Wissenstand der jungen Autorin ist irgendwo im zweiten Drittel des vergangenen Jahrhunderts hängengeblieben ist. Es ist ja toll, wenn sie etwas über Karl Popper und Hans Albert gelesen hat und dass die sich mal mit Adorno und Habermas gestritten haben. Aber hin- und wieder ein Blick in ein ordentliches Lexikon (Brockhaus?) hätte die Autorin schon vor solchen Aussagen bewahren können, wie z.B. jener, dass der Positivismus (und auch gleich der von ihr darunter subsumierte “Kritische Rationalismus“) identisch mit oder auch nur vorherrschend iin der bestehenden Wissenschaftstheorie ist.

Manche Absätze haben durch ihre offenkundige, zeitgeschichtliche Einfärbung auch etwas lustiges:

„Seine moderne Ausprägung erfuhr der Positivismus als „kritischer Rationalismus“ in den 1960er Jahren. Seine herausragenden Vertreter Karl Popper und Hans Albert konnten Anfang der 70er Jahre den streit gegen die kritische Theorie Max Horckheimers, Theodor W. Adornos, u.a. für sich entscheiden. Der Positivismus bestätigte sich damit abermals als bestimmende Richtung innerhalb der Wissenschaftstheorie.“
(Claudia Barth zu sein: “Über alles in der Welt - Esoterik und Leitkultur“; Aschaffenburg 2003; S. 24)


Aus welcher Küche wohl solche Urteile stammen? Und was soll man dazu sagen? Der kritische Rationalismus war erstens eine Kritik am Positivismus, zumindest am sogenannten "Logischen Positivismus". Er war eine Spielart der analytischen Wissenschaftstheorie, die in deren Fachkreisen durchaus beachtet, aber nicht besonders einflussreich war. Modern ist sie sicher schon seit 25 Jahren nicht mehr. Adorno und Horkheimer waren keine Wissenschaftstheoretiker, sondern Philosophen, die Aspekte des kritischen Rationalismus angriffen, da dessen Propagandisten ähnlich wie sie über die Wissenschaft hinaus gesellschaftspolitische Antworten entwarfen. Ein solcher Streit wird gewöhnlich auch nicht "entschieden", was sollte das auch heißen? (Eine solche Sprachwahl von "Streit" und "Entscheidung" kommt ohenhin nur aus einer Ecke der deutschen Theoriediskussion.) Und wenn er entschieden würde, dann würde man in Frankfurt a.M. bis heute Sieger und Unterlegene anders bewerten. Und die Behauptung, dass der Positivismus die bestimmende Richtung der Wissenschaftstheorie sei (in welcher Definition auch immer) zeugt hauptsächlich davon, wie simpel gestrickt die Kenntnisse der Autorin zu "wissenschaftstheoretischen Aspekten" sind.

Am Ende stellt Frau Barth fest, dass alle "untersuchten esoterischen Theorien" "Verstand und Vernunft herabsetzen", eine "elitär-aristokratische Erkenntnistheorie" vorweisen, "gesellschaftlich-geschichtlichen Fortschritt" ablehnen und Mythen schaffen. Das Urteil wundert nicht weiter. Femistisch orientiertes Hexentum wird mit den Armanen kombiniert, Anthroposophen mit Ariosophen, einen Rupert Sheldrake mixt man mit Bert Hellinger, den Dalai Lama mit dem CIA und den Nazis usw. Das bei übertriebener Mischfreude am Ende schnell mal die Farbe "Braun" rauskommt, weiß jeder der mit einem Aquarellkasten schon mal experimentiert hat.

Nicht das man zu jedem der oben aufgeführten Strömungen und Protagonisten nicht eine Menge sagen könnte, aber geht es nicht auch in etwas besseres Qualität?
Lugaddon - Di, Feb 15, 2005

Pi-Pa-Positivismus

So schön stumpf habe ich die Gegenüberstellung "Guter Positivismus - Böse Esoterik" lange nicht mehr gelesen. Thanks for sharing.

Diese Positivismusgläubigkeit hat ein Glöckchen in meinem Kopf bimmeln lassen und mich an einen Lexikoneintrag erinnert, den ich mal in meinem Studium dick markiert habe. Nach ein bißchen Wühlerei in meinem Regal habe ich das im christlichen Herder-Verlag erschienene "Philosophische Wörtebuch" von Walter Brugger, das diesen Eintrag enthält, wiedergefunden.

Klar, dass Verlag und damit auch der Autor nicht so sonderlich gut auf den Positivismus zu sprechen sind. Die bis heute gültige Kritik liefern sie in dem entsprechend lautenden Eintrag (der für meinen Geschmack eher Definitionen als Kommentare enthalten sollte; aber nun gut, so verfahren Theologen und Positivisten eben) daher gleich mit. Da heißt es also:

"Unmittelbar sinnvoll sind nach ihr (=der positivistischen Methode, Anm.) nur solche Aussage, die sich unmittelbar auf unsere Sinneserlebnisse beziehen (...). Wird diese methodische Festsetzung (...) als verbindlich erklärt für jede Wissenschaft, so vernichtet sie sich selbst. Denn die Aufstellung, dass nur solche Aussagen sinnvoll sind, die unmittelbar Sinneseindrücke ausdrücken (...), ist entweder bloß eine unverbindliche terminologische Festsetzung oder selbst eine sinnvolle Aussage. Im zweiten Fall müsste sich das Sinneserlebnis aufweisen lassen, dessen Ausdruck sie sein soll, was aber unmöglich ist. Der Positivismus ist also als Lehre nur unter der Bedingung möglich, dass seine grundlegende Behauptung sich selbst widerspricht, d.h. er ist unmöglich." (Brugger, Walter: Philosophisches Wörterbuch. Freiburg 1988, S. 300)

Die erste Auflage des Buches erschien bereits 1976! Hätte auf derlei nicht mal jemand die Autorin hinweisen können?

Grüße
L.

PS: Ich hätte nicht gedacht, dass ich diese christliche Kampfschrift - die Einträge beispielsweise zu Atheismus, Hedonismus oder Monismus sind wahre jesuitische Kabinettstückchen - mal gegen eine Positivismusglorifizierung ins Feld führen würde. Aber die beiden Arten und Weisen zu argumentieren, sind sich strukturell tatsächlich so ähnlich, dass es schade wäre, sie nicht mal gegeneinander auszuspielen.
Julio Lambing - Di, Feb 15, 2005

Di-Do-Dialektik

Oh, ich glaube ich habe mich da missverständlich ausgedrückt, sorry. Claudia Barth ist gegen den Positivismus eingestellt. Ihre wissenschaftstheoretischen Kenntnisse bezieht sie vermutlich aus dem linken Geschwurbel, das im sogenannten urdeutschen "Positivismusstreit" in den 70ern gegen den kritischen Rationalismus (Popper, Albert etc.) ins Feld geführt wurde - mit Ausstrahlung bis in die frühen Neunziger.

Man erinnert sich, aus einer bestimmten Perspektive war ja damals alles, was ein bisschen mit Prädikatenlogik umgehen konnte, "Positivist", das Urteil mit der gleichen Gestus ausgesprochen - jenem verkanntetem, vorgereckten Kinn - mit dem heute das Wort "postmodern" ausgestossen wird.

Bei Barth ist dann die Argumentation ungefähr so:
Positivismus - verkürzter Rationalismus - Folge der gesellschaftlichen Entwicklung - Sehnsucht nach ganzheitlichem Begreifen - Irrationalismus der Esoterik. So oder so ähnlich, ich habe das Buch nicht mehr, aber man/frau kennt es ja auch. Diese unbekümmerten Aussagen, was wissenschaftlich ist (und wie Wissenschaft angeblich funnktioniert), die metaphysische Ausrichtung und diese religiöse Haltung gegenüber dem Begriff "Rationalität" teilt sie zwar mit diesem von ihr kritisiertem "Positivismus", aber das gilt ja für viele Ideologien im Gefolge der Aufklärung.

Die Leute mit "Dialektik der Aufklärung" im Rucksack kamen ja dann immer mit der "verkürzten Rationalität" und ähnlichem, um zu erklären, warum wir aus der Traufe Carnaps ("oder diesem ganzem anderen angelsächsischem Scheiß") in die Regentonne der "Kritischen Theorie" springen sollten.

In dem Maße, wie der angelsächsische Schwenk von Habermas in den Geschwurbelkreisen bekannt wurde, ebbte das ein bisschen ab; ich glaube aber weniger aus Verständnis als aus dem Gefühl heraus, nicht mehr mitzukommen, weil die ideologischen Feindbilder am zerfliessen waren. Bis dahin hatte man nur seinen Chomsky, und was der über Semantik schrieb, hat halt keine Sau interessiert. Das konnte man trennen, wenn man auf eine "Deutschland-halts-Maul"-Demo gegangen ist.

PS: Die Kritik oben finde ich übrigens nicht treffend, zumindest nicht für den "Logischen Positivismus": Denn sinnvolle Sätze bestehen danach aus Sätzen, die auf empirische Sätze und logische Verknüpfungen zurückgeführt werden können. Das von Brugger erwähnte Problem wollte man ja mit den theoretischen Begriffen abbügeln. Aber ich will jetzt nicht eine Ideologie gegen eine andere verteidigen. Es hat mich beides nie sonderlich interessiert, ausser das ich Carnap und Popper als Prediger immer eine Spur witziger fand zu lesen als unsere evangelikalen (Neo-)Marxisten.

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Praxis der Aphrodisia

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