Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Alasdair MacIntyre: Das Lernen von anderen Kulturen

Während Hans Peter Duerr eher den individuellen Lernprozess im Auge hat, die das Erkunden fremder Traditionen dem Einzelnen ermöglicht, geht es Alasdair MacIntyre in seinem Buch „After Virtue“ (In Deutschland erschienen unter: „Der Verlust der Tugend“.) mehr um die Möglichkeit, dass Traditionen kollektiv von anderen Traditonen lernen können, ohne dass man zugleich annehmen muss, dass es ein Setting von übergeordneten Kriterien gibt, die allen gemeinsam ist.

Alasdair MacIntyre teilt die Vorliebe für Hexen, Schamanen und ähnlichen merkwürdigen Zeitgenossen nicht. Und „After Virtue“ beschäftigt sich auch in erster Linie nicht mit dem Problem der Traditionen, sondern mit einer Kritik der herrschenden Moralphilosophie, die im Gefolge der Aufklärung entstanden ist. Diese steht für den Moralphilosophen vor nicht lösbaren begrifflichen und logischen Schwierigkeiten steht. Zudem hat sie dazu beigetragen, dass sich eine Lebenshaltung entwickelt hat, die Rücksichtslosigkeit, soziales und politisches Desinteresse am Gemeinwohl und die soziale Isolierung von Menschen verursacht hat.

MycIntyre entdeckt eine Alternative zu diesen Moralkonzeptionen in Tugendkonzeptionen. Aristoteles und mit ihm die Konzeptionen der griechischen Antike spielen dabei eine überragende Rolle. (Mehr noch MacIntyre historisch-soziologischer Ansatz veranlasste ihn, seine aristotelische Tugendkonzeption mit einer Analyse der heroischen Gesellschaften als geschichtliche Vorläufer der Polis zu untersuchen.) Wie viele bekannte Aristoteliker erkennt auch sein Konzept der Tugenden, die in einer Tradition aus rationalen Erwägungen gepflegt und kultiviert werden, die Möglichkeit von "gesonderten, unvereinbaren und rivalisierenden Traditionen der Tugenden" an. Darauf geht er auf den letzten Seiten seines Buches ein.

Wer sich angesichts eines argumentativen Konflikts zwischen unterschiedlichen Traditionen für eine Tradition entscheidet, muss dies nicht aus "irrationalen" Erwägungen und Sympathien tun. Das er gute, rationale Gründe hat bedeutet jedoch nicht, dass es ein übergeordnetes Verständnis von universaler Rationalität gibt, dessen Kriterien unabhängig von den jeweiligen Traditionen sind.

"Denn ist es manchmal wenigstens möglich, dass sich eine solche Tradition eventuell in einem Urteil zu ihren Gunsten und gegen ihren Rivalen auf Überlegungen beruft, die bereits in beiden konkurrierenden Traditionen Gewicht haben. Was für Überlegungen könnten das sein?

Wenn zwei moralische Traditionen erkennen können, dass sie rivalisierende Behauptungen über wichtige Fragen vorbringen, müssen sie notwendigerweise Merkmale teilen. Und da irgendeine Art von Beziehung zu Praxisformen, irgendwelche Eigenarten, die sich aus dem eigentlichen Wesen einer Tradition ergeben, Merkmale beider sein werden, überrascht dies nicht weiter. Fragen, in denen sich die Anhänger der einen Traditionen auf Maßstäbe berufen, die einfach nicht vergleichbar mit jenen sind, auf die sich die Anhänger der rivalisierenden Tradition berufen, würden und könnten einfach nicht die einzigen Fragen sein, die in einer solchen Situation aufkommen. Es wird den Anhängern der beiden Traditionen daher zumindest manchmal möglich sein, mit ihren eigenen Maßstäben die Charakterisierungen ihrer Positionen zu verstehen und zu bewerten, die ihre Rivalen vorgebracht haben.

Tatsächlich schließt nichts die Entdeckung aus, dass diese Charakterisierungen ihnen Merkmale ihrer eigenen Positionen offenbaren, die bisher unbeachtet geblieben sind, oder Überlegungen, die sie nach ihren eigenen Maßstäben hätten in Erwägung ziehen sollen, aber nicht getan haben. Tatsächlich schließt nichts die Entdeckung aus, dass die rivalisierende Tradition überzeugende Erklärungen für Schwächen, für Unfähigkeiten zur adäquaten Formulierung oder Lösung von Problemen, für vielfältige Inkonsistenzen in der eigenen Tradition bietet, für die die Ressourcen der eigenen Tradition keine zwingende Darstellung hatten anbieten können.

Traditionen gehen gelegentlich zugrunde - gemessen an ihren eigenen Maßstäben von Aufschwung und Niedergang - , und die Gegenüberstellung mit einer rivalisierenden Tradition kann auf diese Weise gute Gründe entweder für den Versuch liefern, die eigene Tradition auf radikale Art neu zu begründen oder sie fallenzulassen."
(Alasdair MacIntyre: "Der Verlust der Tugend - Zur moralischen Krise der Gegenwart"; Frankfurt a.M 1997; S. 366-367)


Dass interessante ist ja, dass die meisten westlichen Universalisten "zufälligerweise"
seit mehr als 1000 Jahren die jeweils westlichen Werte und Vorlieben als allgemeine Kriterien einer traditionsunabhängigen Rationalität ansehen. MacIntyre scheint mir hier auf eine seltsame Angst vor Universalistinnen und Dogmatikerinnen hinzuweisen: Die Tatsache, dass das, was vernünftiges Handeln und Denken ist, im Konfliktfall unter den Traditionen ausgehandelt werden muss, ohne dass es zwangsläufig eine feste Wahrheit jenseits aller Traditionen gibt, ist für sie nur ein schwankender Boden, bei dem allein die Laune der politischen Gezeiten und historischen Winde entscheidet, ob er sicheren Stand gewährt oder ein Untergehen im Meer der Irrationalität bedeutet. Sie sehnen sich nach dem festen Grund der letztendlichen Wahrheit, die für alle Menschen gültig ist und durch fleißige und penible Exegese des Kulturtextes unseres Lebens entziffert werden kann. Die Universalistin ist nie weit weg von dem Bedürfnis selbst "Gods View" einzunehmen, der über allen Völkern und ihren Eigenheiten thront - oder zumindest dessen heilige Schrift zu finden.

MacIntyre scheint den von Feyerabend geschilderten Polytheisten zu ähneln. Er braucht den letzten "Grund" nicht. Dem Einwand, dass er seine oben erwähnte Argumentation nicht die Gefahr des Relativismus prinzipiell beseitige, stimmt er zu:

"Denn nichts, was ich gesagt habe, deutet irgendwie an, dass nicht eine Situation entstehen könnte, in der es möglich ist, dass kein rationaler Weg zu finden ist, die Meinungsverschiedenheiten zwischen zwei rivalisierenden moralischen und epistemologischen Traditionen beizulegen, so dass sich positive Gründe für eine relativistische These ergäben. Aber das zu leugnen habe ich kein Interesse. Denn meine Position bringt mit, dass es keine erfolgreichen Argumente a priori gibt, die im Voraus garantieren, dass eine solche Situation nicht eintreten könnte."

(Alasdair MacIntyre: "Der Verlust der Tugend - Zur moralischen Krise der Gegenwart"; Frankfurt a.M 1997; S. 368)

Ob Traditionen von anderen Traditionen lernen und ein rationaler Dialog möglich ist keine Frage der Theorie, sondern der Erfahrung.

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