Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

War gerade im Radio

Und zwar hier:
WDR3: Lebenszeichen
Zurück zu den Runen

Über ein Wiederaufleben vorchristlicher Religionen
Von Wolfgang Meyer und Irene Geuer

Was bringt den 39 Jahre alten Filialleiter einer Bank dazu, sich in Studien über Stonehenge zu versenken und sich in Runen-Kunde zu üben? Warum schwören westliche Mittelständler dem Christentum ab und wenden sich einem "Verein für germanisches Heidentum" zu? Glauben sie wirklich an Thor und Odin? Das Christentum hat es offenbar nicht geschafft, alle heidnischen Wurzeln der Gesellschaften in Europa zu beseitigen. Und viele Menschen entdecken heute diese Wurzeln neu. Weil sie eine naturnahe Lebensweise suchen, weil sie die Umwelt schützen wollen, weil sie an viele Götter glauben wollen und nicht nur an einen. Die Mitglieder neuheidnischer Gruppen sind Sinnsucher, die aus allen gesellschaftlichen Gruppen kommen. Esoteriker, Umweltschützer, aber auch Rechtsextreme oder Linke. Ihren Platz finden sie in den vielfältigen neuheidnischen Gruppen und Vereinen, die z.B. aus keltischer oder germanischer Tradition gewachsen sind. Eine Spurensuche.

Die Sendung Lebenszeichen wird jeden Sonntag um 22.35 Uhr in WDR 5 wiederholt.

Podcast gibt es hier.

Update 30.03.:
„(...) An der Spitze geht ein kleiner Mann, der blöde und degeneriert aussieht. Ihm folgt seine ganze vornehme männliche Ahnenreihe vom neunzehnten Jahrhundert bis zum Mittelalter, alles stattliche und schöne Leute von hohem Wuchs. (...)
Pierre kann einen belustigten Ausruf nicht unterdrücken: „Was ist denn das für ein Fastnachtsumzug?“ (...)

Diskret erklärt der Greis:
„Eine uralte Familie von hohem Adel. Die Leute laufen hinter ihrem letzten Spross her...“
„Na“, murmelt Pierre, „schön ist er nicht. Auf den können sie nicht stolz sein. Und warum laufen sie hinter ihm her?“
Der Greis zuckt gottergeben die Achseln.
„Sie warten nur, bis er tot ist, um ihn dann anschnauzen zu können.“


Eine schöne und witzige Idee von Irene Geuer und Wolfgang Meyer diese Passage aus Sartres Lesedrama "Das Spiel ist aus" dem SInn für Ahnen gegenüber zustellen wie wir ihn z.B. aus heidnischen und neuheidnischen Taditionen kennen (der westlich getrimmte Religionswissenschaftler macht daraus dann gerne die "Ahnenverehrung", also ein kultisches Bohei, damit man sich mit dem dahinterstehenden Ethos der Verpflichtung durch Dank nicht auseinandersetzen muß).

Aber widersprechen muß ich der Gegenüberstellung dennoch. Ich kann mir zwanglos Ahnenreihen vorstellen, die ihre heidnischen Sprößlingen der zeitgenössischen Generation abwatschen würden. Wie wäre es mit all den Hexenkönigen, Erzdruiden, Allsherjargoden, Eingeweihten und Oberschamanen, die angesichts des ganzen Gewichts ihrer Ehrentitel und Orden kaum noch laufen können? Und Mittel, die Gelegenheit zum Abwatschen zu beschleunigen, werden doch die selbigen Ahnen zu Genüge kennen.

Ansonsten war es ein Feature, das durch seinen fragenden Ton besticht - läßt man mal die tolle Gestaltung durch Filmeinspielungen und Zitate beiseite. Immer wieder wird gegenübergestellt - ohne eine Auflösung zu präsentieren. Lange schon ist mir nicht mehr eine journalistische Arbeit (Artikel, Fernsehreportage etc.) über das Neuheidentum begegnet, die es schafft, den gängigen Weg der Berichterstattung zu verlassen. Man kennt den Anfang, dann kennt man das Ende. Das Schema: Gruselmystik am Anfang, dann wird schrilles und exotisches präsentiert, es folgt die Erklärung der Experten über das Phänomen (Sinnsuche, Ökotrend, Sehnsucht nach dem Paradies, Überforderung durch Entzauberung der Welt) und je nachdem welchen Ausgang der Journalist nehmen will, wählt er dann den Rechtsradikalismus, um zu warnen, oder er zeigt die Blumenkinder und Verkleidungskünstler, die versponnen, aber harmlos sind. Jedes dieser Themen und noch ein paar mehr, wird auch von Wolfgang Meyer und Irene Geuer berührt, und dennoch ist ihre Route offen. Ein Nachdenken, ein Zirkulieren. Ich wußte zu keinem Zeitpunkt, worauf das Feature hinauslaufen würde.

Kein Fazit, und damit die Möglichkeit zum Nachdenken. Dem Hörer wird es selbst überlassen, sein Urteil zu fällen, das Feature nimmt es ihm nicht ab. Skurriles, bedenkliches und auch lächerliches hört er genug, die Kirchenvertreter teilen ihm mit, daß das Christentum mit manchem von dem, was ihrer Meinung nach die Menschen beim Heidentum suchen, ebenfalls aufwarten kann. Nur daß er sein Urteil allzu voreilig trifft oder er es sich durch die Festlegung auf Klischees einfach macht, davon rät ihm das Feature ab, allein schon durch seine formale Gestaltung ab. Ich lese gerade Montaigne, den alten Skeptiker und Freigeist: Ich glaube er hätte sich gefreut über so ein Nachdenken.

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