Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Ökospirituelle Ansätze und Ethiken des guten Lebens

Wie schon erwähnt, heißt es in ökospirituellen Kreisen gerne, dass die Veränderung der Gesellschaft mit der des Einzelnen einhergehen müsse. Liegt eine spassbefreite, protestantische Prägung vor, formuliert man dies als "Arbeit an sich selbst und der Gesellschaft".

Hin- und wieder wird auch ein Primat behauptet: Die Veränderung des Einzelnen sei die Voraussetzung für die Veränderung der Gesellschaft. "Wie", so fragt man, "sollen Staaten mit Kriegen aufhören und Wirtschaftsunternehmen mit der Ausbeutung der Natur, wenn Menschen in ihrem alltäglichen Leben aggressiv sind und sich egoistisch und achtlos verhalten?"

Nun kennen wir alle das Phänomen, das Kriegsherren im privaten Leben sehr friedliche Menschen sein können und Spitzenmanager von Bergbaukonzernen mit Hingabe ihren Garten pflegen. Offenkundig scheinen Staaten und Unternehmen als Institutionen ein Eigenleben zu führen, dessen formale Abläufe unabhängig sind vom lebensweltlichen Verhalten des einzelnen. Dennoch wissen wir auch, dass die individuelle Haltung von Menschen und ihr Eingreifen in Handlungsabläufe von Institutionen markante Auswirkungen auf die Politik eines Landes oder eines Unternehmen haben.

Der Forderung nach individueller Veränderung liegt eine persönliche Erfahrung zugrunde. In den 70er Jahren entstand ein Trend den kulturellen Wertewandel durch eine Veränderung der persönlichen Lebensweise weiterzutreiben. In Kommunen übte man ein soziales Zusammenleben jenseits der Kleinfamilie, in Ökoprojekten einen achtsamerer Umgang mit der Natur, in feministischen Kreisen eine andere Art des Fühlens und Verhaltens gegenüber sich selbst, Geschlechtsgenossinnen und Männern. Religiöse und psychologische Strömungen eroberten sich einen Markt, in dem man in Workshops und Kursen lernen konnte sich zu behaupten, gewaltfrei zu kommunizieren, zu meditieren, positiv zu denken, Phantasiereisen zu unternehmen oder sich einfühlsamer und achtsamer in der Erotik zu verhalten. Standen dabei am Anfang noch Angebote aus der humanistischen Psychologie im Vordergrund der "Selbsterfahrung", so wurden mit der Zeit Angebote wie Meditation, Rituale oder Gebet Schwerpunkt auf dem alternativen Fortbildungsmarkt. Wenn man so will fand mit der Zeit eine Spiritualisierung und „Religiösierung“ des Angebotes statt.

Im Zuge des kulturellen Wandels, den die 68er Bewegung mit sich brachte, entstand also eine starke Neugier neue Fertigkeiten zu lernen. Menschen, die sich der ökospirituellen Bewegung zurechnen, haben oft eine Vielzahl an entsprechenden Lernerfahrungen gemacht und berichten davon, wie dies ihr Leben bereichert hat. Damit verbalisieren sie jedoch nur einen Trend, der allgemein in unserer Kultur zu finden ist.

Wenn man so will, spiegelt sich in den akademischen Gesellschaftstheorien des Westen dieser Trend ebenfalls wieder. In den 60er Jahren wurde in der deutschen Sozialphilosophie, die ja in intensivem Austausch mit den rebellierenden Studenten der außerpolitischen Opposition stand, Fragen einer Verschmelzung von Soziologie und Psychologie diskutiert. Herbert Marcuse, Erich Fromm, Wilhelm Reich aber auch die späte Kritische Theorie sind nur einige der Namen, die einer in diesem Zusammenhang einfallen. Allerdings ging es hier um "Freudomarxismus". Das bedeutete zweierlei:

Erstens eine Betonung der Psychoanalyse. Aktuelleren Richtungen der Psychotherapie wurden misstraut.
Und zweitens ein Primat der sozialen Fragestellung. So wie letztendlich im Marxismus die Produktionsbedingungen den ideologischen Überbau bestimmen, so waren in diesen theoretischen Überlegungen auch die psychologischen Verhältnisse den ökonomischen angeschlossen.

In den letzten zwei Jahrzehnten wird allerdings in der Moral- und Sozialphilosophie ein Thema diskutiert, das sich mehr mit der individuellen Problematik der Einzelnen und ihrem Verhältnis zum Gemeinwohl beschäftigt. Es mehren sich die Stimmen, die beklagen, dass auch Rechts- und Morallehren die Aufgabe der Kulturen, Menschen ein reichhaltiges und erfülltes Leben zu ermöglichen, reflektieren müssen.

Theorien, die sich damit beschäftigen, wie man ein erfülltes Leben führen kann, werden Theorien des gutes Lebens genannt. Obwohl sie Aussagen darüber machen, wie Menschen leben sollen unterscheiden sich von herkömmlichen Grundsatzlehren der Moral deutlich. Denn die von Ihnen getroffenen Aussagen sind Sätze, die nicht eine allgemeine Aufforderung beinhalten (wie z.B. "Du sollst nicht töten!"), sondern Hinweise, die man eher als Aussage über Wirkungszusammenhänge begreifen kann: Wenn du gut leben willst, dann solltest Du Dich so und so verhalten. Das Wort "gut" ist in diesem Zusammenhang vieldeutig. Seine Bedeutungsnuancen reichen von "edel" über "angemessen" oder "angenehm" bis "glücklich".

Einer der herausragenden theoretischen Ansätzen zum guten Leben stammt von Aristoteles. In seiner Lehre ist die Frage des individuellen guten Lebens nicht zu trennen von jener, wie ein Gemeinwohl gut funktioniert. Zum guten Leben gehört für Aristoteles die Ausübung bestimmter Tugenden (der Begriff „Tugend“ hat nicht jene normative Konnotation, wie sie heute bei vielen Gebrauchsweisen des Wortes vorherrscht. Er umfasst auch Bedeutungsaspekte, die wir heute im Alltagssprachgebrauch bei den Wörtern „Fertigkeit“ oder „Fähigkeit“ einordnen). Diese Ausübung der Tugenden umfasst auch eine Sorge um das Gemeinwohl. Umgekehrt hat auch die Gemeinschaft darum Sorge zu tragen, dass der einzelne tugendhaft leben kann. Aufgrund dieser interessanten Verknüpfung möchten eine ganze Reihe an zeitgenössischen Theoretikern die Ansätze von Aristoteles für die politische Theorie wieder fruchtbar machen.

Interessanterweise trifft sich dieses theoretische Ansinnen mit dem eingangs erwähnten Anspruch, dass die Veränderung der Gesellschaft einhergehen müsse mit einer individuellen. Darüberhinaus ist es bemerkenswert, dass das in der diskussion verwendete Vokabular über die pschologischen Fragestellungen hinausgreift. Begriffe wie "Seelische Gesundheit", "Charakter", "Bewusstsein" oder "Es-Kräfte" werden durch unpsychologische wie "Gutes Leben", "Tugend" oder "Fertigkeit" ersetzt. Eine Aufnahme spiritueller oder religiöser Begriffe scheint jedoch nicht beobachtbar. Dies liegt jedoch an einer selektiven Rezeption von antiker Tugendlehren. Denn selbstverständlich waren Grundbegriffe und Argumentationen von Tugendlehren in das Begriffsuniversum der naturreligiösen Gesellschaften eingebettet, in denen Sie entstanden sind. Es ist im Einzelnen zu prüfen, wie diese Einbettung für eine rationale Vertiefung ökospiritueller Ansätze nutzbar gemacht werden können.


Im folgenden soll skizziert werden, wie moderne aristotelische Theorien diesen Anspruch reflektieren und ihn für ein politisches und kulturelles Engagement nutzbar machen können.

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