Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Nussbaums aristotelischer Sozialdemokratismus

Um die politischen Implikationen ihres aristotelischen Ansatz im Kontrast zu anderen einflussreichen moralphilosophsichen Konzepten zu beschreiben, wählt Martha Nussbaum das Schicksal jenes idealtypischen Arbeiters, dessen Entfremdung von seiner Arbeit Karl Marx in den Pariser ökonomischen Manuskripten eindringlich beschrieb:

„Wir haben bisher die Entfremdung, die Entäusserung des Arbeiters nur nach der einen Seite hin betrachtet, nämlich sein Verhältniß zu den Produkten seiner Arbeit. Aber die Entfremdung zeigt sich nicht nur im Resultat, sondern im Akt der Produktion, innerhalb der producirenden Thätigkeit selbst. (...)

Worin besteht nun die Entäusserung der Arbeit?
Erstens, daß die Arbeit dem Arbeiter äusserlich ist, d. h. nicht zu seinem Wesen gehört, daß er sich daher in seiner Arbeit nicht bejaht, sondern verneint, nicht wohl, sondern unglücklich fühlt, keine freie physische und geistige Energie entwickelt, sondern seine Physis abkasteit und seinen Geist ruinirt. Der Arbeiter fühlt sich daher erst ausser der Arbeit bei sich und in der Arbeit ausser sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Haus. Seine Arbeit ist daher nicht freiwillig, sondern gezwungen, Zwangsarbeit. Sie ist daher nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern sie ist nur ein Mittel, um Bedürfnisse ausser ihr zu befriedigen.

Ihre Fremdheit tritt darin rein hervor, daß, sobald kein physischer oder sonstiger Zwang existirt, die Arbeit als eine Pest geflohen wird. Die äusserliche Arbeit, die Arbeit, in welcher der Mensch sich entäussert, ist eine Arbeit der Selbstaufopferung, der Kasteiung. Endlich erscheint die Aüsserlichkeit der Arbeit für den Arbeiter darin, daß sie nicht sein eigen, sondern eines andern ist, daß sie ihm nicht gehört, daß er in ihr nicht sich selbst, sondern einem andern angehört. Wie in der Religion die Selbstthätigkeit der menschlichen Phantasie, des menschlichen Hirns und des menschlichen Herzens unabhängig vom Individuum, d. h. als eine fremde, göttliche oder teuflische Thätigkeit auf es wirkt, so ist die Thätigkeit des Arbeiters nicht seine Selbstthätigkeit. Sie gehört einem andern, sie ist der Verlust seiner selbst.

Es kömmt daher zu dem Resultat, daß der Mensch, (d [er] Arbeiter) nur mehr in seinen thierischen Funktionen, Essen, Trinken und Zeugen, höchstens noch Wohnung, Schmuck, etc. sich als freithätig fühlt, und in seinen menschlichen Funktionen nur mehr als Thier. Das Thierische wird das Menschliche und das Menschliche das Thierische.

Essen, Trinken und Zeugen etc. sind zwar auch echt menschliche Funktionen. In der Abstraktion aber, die sie von dem übrigen Umkreis menschlicher Thätigkeit trennt und zu lezten und alleinigen Endzwecken macht, sind sie thierisch.“

(Karl Marx: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte [1844], in: Karl Marx / Friedrich Engels: Gesamtausgabe, Erste Abteilung, Band 2; Berlin/DDR 1982; Seite 367)


Für Martha Nussbaum zeigt sich die Schwächen und Stärken unterschiedlicher ethischer Ansätze nun daran, wie sie mit der Situation des Arbeiters umgehen können. Um die Situation moralisch zu bewerten und entsprechende Handlungsrichtlinien zu eruieren, wird z.B. eine Utilitaristin in dieser Situation sich anschauen, was Marxens Arbeiter in dieser Situation sich wünscht und wie er seine augenblickliche Lage einschätzt. Dann wird sie das mit den Wünschen anderer Akteure, die von dem Arbeitsprozess betroffen sind, vergleichen und eruieren, wie für alle Beteiligte nach Abwägung und Berücksichtigung aller Ansprüche ein maximaler Nutzen für alle erreicht werden kann.

Für Nussbaum liegt die Schwachstelle dieses Ansatzes darin, dass gar nicht eindeutig klar ist, was der Arbeiter sich wünscht. Die Lebenserfahrung und die Geschichte lehrt, dass ein Mensch unter Umständen viel weniger mit seiner Arbeitssituation unzufrieden ist als dies eine Aussenstehende einschätzen würde. Dies muss nichts mit Genügsamkeit zu tun haben, sondern kann auch den Umstand geschuldet sein, dass sich Menschen einer kollektiven elenden Lage anpassen. Tradition und Milieu ("wir haben das schon immer so getan"), der Druck aktueller Lebensumstände aber auch das Unwissen darüber, was man anders machen können, können dazu führen, dass es ihm an Energie und Phantasie für weitreichende Wünsche fehlt. "Diese Deformierung des Wunsches war für Marx eine der schlimmsten Folgen einer solchen Lage. So ist es unwahrscheinlich, daß die Herangehensweise des Utilitaristen zu einer radikalen Kritik an der materiellen Lage der Arbeiters oder zu einer Umverteilung führen wird, die darauf abzielt, seine Lage grundlegend zu verändern."?(1)

Als nächstes prüft Nussbaum wie eine Liberale die Situation bewerten würde. An dieser Stelle ist es wichtig zu erwähnen, dass Nussbaum hier den Liberalismusbegriff der angloamerikanischen Philosophie verwendet, der nicht mit dem europäischen politischen Liberalismus gleichgesetzt werden sollte. Er entspricht in etwa dem, was man die ethische und politische Philosophie in der Tradition der Aufklärung nennen könnte, die sich an den Begriffen des rechts und der Freiheit orientiert. Dabei können Vertreter diese Positionen politisch gesehen durchaus bei ganz unterschiedlichen Parteien engagiert sein.

Die Liberale fragt nicht nur nach den Wünschen des Arbeiters, sondern auch danach ob und an welchen Ressourcen es ihm mangelt. Vor allem was ein rationaler Mensch sich sonst noch wünscht, wünscht er sich eine bestimmte materielle Ausstattung, Einkommen und Wohlstand um seine Lebenspläne realisieren zu können. Die Liberale prüft, ob vor allem Gebrauch der eigenen Wahlfreiheit - um das eigene Leben individuell zu gestalten - diese Ressourcen gleich verteilt sind. Ist hier ein Mangel feststellbar, so ist nach dem liberalen Modell eine Umverteilung der Ressourcen notwendig. Das führt die Liberale aber nicht zu einer grundlegenden Kritikerin an den Produktionsverhältnissen, die nach marxscher Sicht die Ursache für das Entfremdungsverhältnis des Arbeiters sind: Die "Liberale geht der Sache bezeichnenderweise nicht weiter nach, sucht die Hindernisse für ein gutes Leben nicht in der Struktur der täglichen Interaktion des Arbeiters mit anderen und fragt nicht, ob dessen Leben ihn überhaupt befähigt, von den ihm zugeteilten Ressourcen einen wirklich menschlichen Gebrauch zu machen."(2)

Ausgehend von der Liste an menschlichen Grundfähigkeiten geht die Aristotelikerin angesichts des Schicksals des Marxschen Arbeiters wesentlich weiter. Sie fragt nach seiner Gesundheit, seinem tagtäglichen Bewegungsspektrum, seiner Ernährung, seiner realen Kommunikation, nach dem Lernerfolg, der Freude und Begeisterung bei der Arbeit etc. Und sie schaut nach Hindernissen, die es ihm erschweren soziale Kontakte zu pflegen, kritische Überlegungen zur eigenen Lebensplanung anzustellen, seine Sinne voll zu benutzen oder seine Phantasie und Kreativität zu gebrauchen.

Martha Nussbaum folgert dann zurecht, das ein solcher Ansatz weitreichende Konsequenzen hätte. Eine Regierung, die den utilitaristischen Ansatz wählt, bliebe bei einem Ausgleich der aktuellen Präferenzen stehen, eine die den liberalen Ansatz wählt bei gewissen Umverteilungen der Güter. Eine aristotelisch orientierte Regierung müsste konsequenterweise alle Hindernisse aus dem Weg räumen, die den Arbeiter an der vollen Entfaltung menschlicher Fähigkeiten hindern: "Diese Aufgabe wird dann weit hinausgehen über eine Neuverteilung der Ressourcen. Sie wird im allgemeinen radikale institutionelle und gesellschaftliche Veränderungen umfassen." (3)

Aus einer aristotelische Weltsicht ergibt sich deshalb eine viel umfassendere Aussage hinsichtlich der Grundstruktur einer Gesellschaft, die also nicht nur bestimmte Freiheiten, Rechte und politische Institutionen garantiert, sondern umfassender Strukturen zur Verfügung stellen muss. Ob dies bedeutet, dass diese in den Rang dessen kommen, was eine Verfassung ausmacht , scheint mir bei Nussbaum nicht eindeutig klar, allerdings kann man sie vorstehen, dass hier Vorgaben gemacht werden sollen, die in der herkömmlichen liberalen Tradition der politischen Wahl und dem Ausgleich zwischen verschiedenen Interessengruppen überlassen sind. Das Ziel der Poltik besteht für sie auf jeden Fall darin, "ein umfassendes Unterstützungssystem zu schaffen, das allen Bürgern ein ganzes Leben lang eine gute Lebensführung ermöglicht."(4)

Nussbaum beschreibt diese Punkte:

Erforderlich sind ein umfassendes Gesundheitssystem, gesunde Luft und gesundes Wasser, Sicherheit für Leben und Besitz und der Schutz der Entscheidungsfreiheit der Bürger in bezug auf wichtige Aspekte ihrer medizinischen Behandlung. Erforderlich sind eine ausreichende Ernährung und eine angemessene Unterkunft, und diese Dinge sind so zu gestalten, daß die Bürger ihre Ernährung und ihre Unterkunft nach ihrer eigenen praktischen Vernunft regeln können. (Das würde zum Beispiel bedeuten, daß das Schwergewicht auf Gesundheitserziehung, Aufklärung über Drogen usw. gelegt würde.)

Erforderlich ist der Schutz der Fähigkeit der Bürger, ihre sexuellen Aktivitäten nach ihrer eigenen praktischen Vernunft und freien Entscheidung zu regeln. (Auch hier würde die Förderung von Aufklärungsprogrammen wohl eine entscheidende Rolle spielen.) Erforderlich wäre der Schutz vor tätlichen Angriffen und sonstigen vermeidbaren Schmerzen. Für die Sinne, die Phantasie und das Denken wären über die medizinische Versorgung hinaus viele Formen der Schulung und Ausbildung erforderlich, die die Förderung dieser Fähigkeiten zum Ziel haben, sowie der Schutz der Künste als wesentliche Voraussetzung für die Entfaltung der Phantasie und der Gefühle sowie als Quelle der Freude.

Aus praktischen Gründen wären Institutionen erforderlich, die eine humanistische Form der Erziehung fördern, und die Entscheidungsfreiheit der Bürger müßte in allen Bereichen, auch bei der Ausarbeitung der politischen Konzeption selbst, gewährleistet sein, Was die menschlichen Bindungen und das Gefühlsleben betrifft, so wäre die Unterstützung gehaltvoller sozialer Beziehungen zu anderen Menschen erforderlich, wenn sich in irgendeiner Weise belegen läßt, daß diese Beziehungen am besten durch institutionelle und politische Strukturen gefördert und geschützt werden können.

Erforderlich wäre eine reflexive Politik die dafür sorgt, daß den anderen Arten und der Natur insgesamt die gebührende Achtung n entgegengebracht wird, Notwendig wären die Bereitstellung von Erholungsmöglichkeiten und die Schaffung von Arbeitsformen, die erholsame und freudvolle Tätigkeiten zulassen. Und was schließlich das Getrenntsein und das starke Getrenntsein betrifft, so wäre der Schutz einer größeren oder kleineren unantastbaren Sphäre unverzichtbar, so daß sich jeder Mensch in Übereinstimmung mit der praktischen Vernunft und in Verbundenheit mit anderen Menschen dafür entscheiden kann, sein eigenes Leben in seinem eigenen Kontext zu leben.

Die Idee ist, dass die gesamte Struktur des Gemeinwesens im Hinblick auf diese Fähigkeiten und Tätigkeiten entworfen wird. Nicht nur die Allokationsprogramme, sondern auch die Verteilung des Grund und Bodens, die Eigentumsformen, die Gestaltung der Arbeitsverhältnisse, die institutionelle Förderung der Familie und der sozialen Beziehungen, der Umweltschutz und die Freizeit- und Erholungseinrichtungen – all dies sowie die konkreten Programme und Maßnahmen in diesen bereichen werden im Hinblick auf ein gutes menschliches Leben gewählt.
Martha C. Nussbaum: "Der aristotelische Sozialdemokratismus"; in Martha C. Nussbaum: "Gerechtigkeit oder das gute Leben"; Frankfurt a.M. 1999; S. 65-66


(1) Martha C. Nussbaum: "Der aristotelische Sozialdemokratismus"; in Martha C. Nussbaum: "Gerechtigkeit oder das gute Leben"; Frankfurt a.M. 1999; S. 42
(2) Martha C. Nussbaum: "Der aristotelische Sozialdemokratismus"; in Martha C. Nussbaum: "Gerechtigkeit oder das gute Leben"; Frankfurt a.M. 1999; S. 42
(3) Martha C. Nussbaum: "Der aristotelische Sozialdemokratismus"; in Martha C. Nussbaum: "Gerechtigkeit oder das gute Leben"; Frankfurt a.M. 1999; S. 43
(4) Martha C. Nussbaum: "Der aristotelische Sozialdemokratismus"; in Martha C. Nussbaum: "Gerechtigkeit oder das gute Leben"; Frankfurt a.M. 1999; S. 62

Hier kannst Du kommentieren!

Falls Du in diesem System nicht angemeldet bist:
- Du musst keine Website angeben, bitte lass dann das Feld "Url" leer.
- Vor Absenden Deines Kommentars: Kopiere Dir bitte Deinen geschriebenen Text (rechter Mausklick: "Kopieren") oder speichere ihn vorsorglich separat ab. Das System erkennt desöfteren die eigenen Buchstabenkombinationen in dem verzerrten Bild nicht, so dass man seinen Kommentar unter Umständen mehrmals absenden muss. Das vorsorgliche Kopieren erspart es Dir, in diesem Fall den Kommentar jeweils neu schreiben zu müssen.

Name

Url

Meine Eingaben merken?

Titel:

Text:


JCaptcha - du musst dieses Bild lesen können, um das Formular abschicken zu können
Neues Bild

 

Praxis der Aphrodisia

Spiegel

Herzlich willkommen. Sie sind nicht angemeldet. Sie können dennoch einen Kommentar abgeben.

Die Startseite finden Sie hier.


Kontakt und RSS

Sie erreichen mich über diese Emailadresse.


Creative Commons License

kostenloser Counter


Neue Feeds!

Zeigt den Feed an.


Translation Google:

See this page in English Voir cette page en francais

Zettelkasten

AXONAS - ein Versuch... - von Julio Lambing

Anmerkungen

Euro Web
Auch ich bin auf Euroweb herreingefallen vor 2 tagen...
M1994 - So, Aug 17, 2008
Das ist ja ein Ding...
...daß so eine hervorragende Firma wie Euroweb...
Dieter Spross (anonym) - Do, Aug 14, 2008
Die Spieler wechseln,...
Euroweb, Adocom, Eurotec, Ramona Media, Easydentic... Diese...
Hartwig Baumann (anonym) - Do, Aug 14, 2008
Die Masche von Euroweb...
Die Masche von Euroweb ist richtig mies. Vor allem...
Mick Kühne (anonym) - Mi, Aug 13, 2008
Ich habe dort 3 Monate...
Moinsen, Ich habe im Ersten Quartal dieses Jahres...
T. (anonym) - Mo, Aug 11, 2008

Poly-Generation

Ikaros
Flugschreibers Tauchgang
Silvanus
Herbarium
Que quieres en la vida?
eben hier auf dem schornstein will ich sein
The hidden units
uruhia magma cascara quinene
Sonnentempel
Akolyten desselben

Suche

 

Trivia

Online seit 1355 Tagen
Zuletzt aktualisiert: So, 17.08.2008

kostenloser Counter

Listed on BlogShares

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma

sorua enabled

twoday.net AGB

Praxis der Aphrodisia