Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Nussbaum: Eine offene und dennoch nicht beliebige Konzeption

Wie erwähnt versteht sich Nussbaums Ansatz einer für den Staat verpflichtenden Fähigkeitenliste, die an Fragestellungen von Aristoteles angelehnt ist, weder als ahistorisch noch als apriorisch. Sie möchte zeigen, dass Aristoteles Reflexionen an diesem Punkt keineswegs als metaphysisch verworfen werden können, wie dies etwa Alaisdair MacIntyre tut, wenn er dem antiken Philosophen eine „metaphysischen Biologie“ attestiert. (1)

"Die Konzeption ist weder biologisch noch metaphysisch begründet. (...) Die Untersuchung schenkt der Biologie durchaus Beachtung, aber nur, sofern sie ein Teil der menschlichen Erfahrung ist und diese prägt.(...) Sie fordert uns auf, die Komponenten des menschlichen Lebens zu bewerten und zu fragen welche so wichtig sind, dass wir ein Leben, dem sie fehlen, nicht als ein menschliches bezeichnen würden."
Martha C. Nussbaum: "Menschliche Fähigkeiten, weibliche Menschen"; in Martha C. Nussbaum: "Gerechtigkeit oder das gute Leben"; Frankfurt a.M. 1999; S. 189


Die Konzeption versteht sich darüber hinaus kulturübergreifend: Nussbaum grenzt sich scharf von kulturrelativistischen Positionen ab (als Vertreter solcher Positionen sieht sie ganz besonders Macintyre). Die von ihr beschriebene Aristotelikerin konzentriert sich auf menschliche Grunderfahrungen, die alle Menschen betreffen. Das Vorbild ist dabei Aristoteles Vorgehen in der "Nikomachischen Ethik", mittels dessen er seinen Tugendkatalog zusammenstellt:

"Er greift einen menschlichen Erfahrungsbereich heraus, der mehr oder weniger zu jedem menschlichen Leben gehört und in dem jeder Mensch mehr oder weniger irgendwelche Entscheidungen treffen und sich in irgendeiner Weise verhalten muss. (...)
Jeder hat irgendeine Einstellung und dementsprechend ein bestimmtes Verhalten gegenüber dem eigenen Tod, den eigenen körperlichen Begierden und dem Umgang mit ihnen, dem eigenen Besitz und seiner Verwendung, der Verteilung sozialer Güter, dem Sagen der Wahrheit, dem freundlichen Umgang mit anderen Menschen, dem Sinn für Spiel und Genuss usw. Wo immer man auch lebt, man kann sich diesen Fragen nicht entziehen, solange man ein lebendiges menschliches Wesen ist."
Martha C. Nussbaum: "Nicht-relative Tugenden: Ein aristotelischer Ansatz"; in Martha C. Nussbaum: "Gerechtigkeit oder das gute Leben"; Frankfurt a.M. 1999; S. 231-234


In jedem Fall besteht also die individuelle Notwendigkeit, im Hinblick auf diese Fragen "richtig" zu entscheiden und zu handeln - was immer auch ein Mensch annimmt, was richtig ist. Die Aristotelikerin möchte das was richtig für Menschen ist, genauer spezifizieren. Sie entwickelt deshalb eine Vorstellung vom menschlichen Guten und dem, was das Wohl eines Menschen ist, die aus guten Gründen von allen Traditionen wahrgenommen werden sollte - unabhängig von der Frage, ob lokale Traditionen diese Vorstellung tatsächlich teilen. Sehen die Angehörigen einer Tradition die sinnvollen Antworten auf diese Frage anders als die Aristotelikerin, so müssen sie ihrerseits gute Gründe vorbringen.

Befürchtungen von Relativisten über einer diktatorische, universalen Antwort, die alle Lebensverhältnisse über einen Kamm schert, sind dabei nach Nussbaums unbegründet. Dies gilt ebenso für die Angst, dass die hier skizzierte Konzeption paternalistisch in die Freiheit der Bürgerinnen nach ihrem eigenen Lebensentwurf eingreift. Denn die Antworten der Aristotelikerin müssen nicht eindimensional verstanden werden. Sie können in manchen Fällen nur negativ sein, das heißt sie schließen lediglich bestimmte Reaktionen auf die oben skizzierten menschlichen Herausforderungen aus - was keine geringe Leistung wäre. Sie können in anderen Fällen auch aus mehreren alternativen Antworten bestehen, die gleichzeitig wahr sind.
Und sie bestehen schließlich aus allgemeinen Skizzen, die hinreichend Platz für unterschiedliche, individuelle Lebensentwürfe liefern. Allerdings sind diese Skizzen weitaus konkreter und damit kontextsensitiver als die allgemeinen Direktiven des jetzt bestehenden, liberalen Rechtekatalogs. Das letztere ist ein deutlicher Vorteil gegenüber (neo-)kantianischen Universalprinzipien (oder generalisierenden Untersuchungen des Utilitarismus nach Präferenzausgleich), die im jeweiligen konkreten Kontext oft versagen.

Zwar ist auch für Nussbaum klar, dass unterschiedliche Sprachen und unterschiedliche Diskurse auch unterschiedliche menschliche Erfahrungen konstituieren. Doch dies beeinträchtigt nicht den Umstand, dass man wahre und falsche Aussagen darüber treffen kann, was Menschen gut tut und was ihnen schadet. Die Warnungen der Relativisten erinnern mahnend daran, dass die Antworten der Aristotelikerin - sollen sie hinreichend kontextsensitiv sein - unter Umständen ein unterschiedliches Begriffssystem miteinbeziehen müssen. Aber das ist eine Frage der konkreten Auseinandersetzung mit einer Tradition und kann nicht als abstraktes Argument gegen jegliche Antwort vorgebracht werden:

"Es gibt (...) keinen Grund zu der Annahme, dass der Kritiker nicht fähig sein wird, die Einrichtung der Sklaverei oder die in Kyme geltenden Gesetze als etwas abzulehnen, was nicht in der Übereinstimmung mit der Tugendauffassung steht, die sich aus der Reflexionen über die vielfältigen und verschiedenartigen Wesen ergibt, in denen die menschlichen Kulturen die den Tugenden zugrunde liegenden Erfahrungen gemacht haben. (...)

Aber der Relativist hat bis zu diesem Punkt keinen Grund angegeben, weshalb wir schlussendlich nicht sagen können, dass bestimmte Todesvorstellungen mehr unserem gesamten Wissen und unseren Wünschen nach einem gedeihliche Wissen in Einklang stehen als andere; dass bestimmte Formen von körperlichen Begierden aus ähnliche Gründen vielversprechender sind als andere. Relativisten haben darüber hinaus die Neigung, das Ausmaß zu unterschätzen, in dem es - insbesondere im Bereich der Grunderfahrungen - tatsächlich kulturübergreifende Berührungspunkte, Verständigungsmöglichkeiten und Übereinstimmungen gibt."
Martha C. Nussbaum: "Nicht-relative Tugenden: Ein aristotelischer Ansatz"; in Martha C. Nussbaum: "Gerechtigkeit oder das gute Leben"; Frankfurt a.M. 1999; S.214


Einzelne Eigenschaften des menschlichen Lebens werden zwar von unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich gewichtet oder beschrieben, allerdings geht Martha Nussbaum davon aus, dass insgesamt ein beträchtliches Maß an Kontinuität und Übereinstimmung insgesamt, das ausreicht, um einen tragfähigen politischen Konsens zu begründen." Dieser Konsens lässt sich ihrer Meinung nach auch in den beteiligten Kulturen vernünftig begründen.

Dennoch ist die von ihr vorgeschlagene Liste offen:
"Denn es soll die Möglichkeit bestehen, dass irgendeine in unserer Vorstellung bislang nicht vorhandene Veränderung unserer natürlichen Optionen sich auf die konstitutiven Merkmale auswirkt, so dass manche weggenommen, andere hinzugefügt werden. Wir möchten auch die Möglichkeit offen lassen, durch unsere Begegnung mit anderen menschlichen Gesellschaften bestimmte Elemente unserer Auffassung vom Menschen zu revidieren, indem wir beispielsweise erkennen, dass gewisse Merkmale, die wir als wesentlich betrachten, in Wirklichkeit ausgesprochen beschränkt sind."
Martha C. Nussbaum: "Der aristotelische Sozialdemokratismus"; in Martha C. Nussbaum: "Gerechtigkeit oder das gute Leben"; Frankfurt a.M. 1999; S.48


Betrachten wir diese Herangehensweise an den Dialog mit fremden Traditionen, dann scheint sich ironischerweise Nussbaum gerade in ihrer Abgrenzung von dem Kollegen Alasdair MacIntyre zu täuschen. Soweit liegt der Standpunkt beider nicht auseinander. Sofern die von Nussbaum skizzierte Liste offen ist und durch neue geschichtliche Erfahrungen und durch den Dialog mit anderen Kulturen modifiziert werden kann, könnte diese Position auch von MacIntyre unerstützt werden, der ja ausdrücklich das Lernen der Kulturen untereinander auf rationalem Weg als Entwicklungsmöglichkeit einräumt. (2)

MacIntyre betont zwar als Gegner transzendentalphilosophischer Positionen, dass nichts die Möglichkeit garantiert, dass zwischen zwei rivalisierenden moralischen und epistemologischen Traditionen prinzipiell immer ein rationaler Weg zur Einigung existiert. Aber als Aristoteliker ist auch für ihn die Möglichkeit, ob unterschiedliche Kulturen eine gemeinsame oder ähnliche Antwort auf die Frage nach dem menschliche Wohl geben können, etwas, was empirisch entschieden werden muss. Denn nichts schliesst das rationale Glücken eines entsprechenden Dialog von vornherein aus.

(1) Alasdair MacIntyre: "Der Verlust der Tugend - Zur moralischen Krise der Gegenwart"; Frankfurt a.M 1997; S. 299 ff
(2) Alasdair MacIntyre: "Der Verlust der Tugend - Zur moralischen Krise der Gegenwart"; Frankfurt a.M 1997; S. 366-367

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