"Acht Frauen" von François Ozon
Nelson Goodman – und mit ihm Catherine Z. Elgin - räumt in seiner Kunsttheorie dem Mechanismus der Exemplifikation einen hohen Stellenwert ein:
"Symbolisierung ist nicht immer eine Frage des Beschreibens oder Abbildens. Einige Dinge symbolisieren durch Bezugnahme auf bestimmte ihrer Eigenschaften. Von solchen Dingen sagt man, dass sie die Eigenschaften exemplifizieren, die sie besitzen und auf die sie Bezug nehmen. Zum Beispiel exemplifiziert ein Farbfleck auf einer Musterkarte die eigene Farbe und dein eigenen Glanz. Farbe, die zu dem Fleck paßt, braucht ihm nicht in jeder Hinsicht gleich zu sein, sondern muß ihm in Farbe und Glanz gleichen. Da der Farbfleck als ein Symbol funktioniert, bedarf er der Interpretation. Um die von ihm exemplifizierten Eigenschaften zu erkennen, müssen wir das System kennen, zu dem er gehört. Das System zur Interpretation von Farbproben ist standardisiert und läßt sich ohne weiteres erlernen. Andere exemplifizierende Symbole bereiten der Interpretation mehr Mühe.
Exemplifikation ist eine wesentliche Form der Symbolisierung in den Künsten. Ein musikalisches Werk könnte einige seiner harmonischen, melodischen und rhythmischen Eigenschaften exemplifizieren, eine (sic!) Gemälde einige Farbkonfigurationen, Form und Struktur. Um ein Werk verstehen zu können, müssen wir nicht wissen, welche Eigenschaften es gerade besitzt, sondern welche von ihnen es exemplifiziert. Und Differenzen in der Interpretation eines Werkes rühren häufig von Meinungsverschiedenheiten darüber her, welche Eigenschaften exemplifiziert werden(...)
(Catherine Z. Elgin: "Erkennen und Erzeugen"; S.35-36; in Nelson Goodman, Catherine Z. Elgin: "Weisen der Welterzeugung - Philosophie und andere Künste und Wissenschaften"; Frankfurt a.M 1993)
Ein alltäglicher Fall ist der eines gelben, karierten Wolltuchs, das als Probe dient. Das Stoffmuster nimmt nicht auf alles Bezug, was es darstellt oder beschreibt oder auf andere Weise denotiert, sondern nur auf seine Eigenschaften gelb, kariert und aus Wolle zu sein, beziehungsweise auf die Wörter »gelb«, »kariert« und »aus Wolle«, die es denotieren. Es exemplifiziert so jedoch nicht alle seine Eigenschaften oder alle Etiketten, die auf es zutreffen, zum Beispiel nicht seine Größe oder Gestalt. Die Dame, die Kleiderstoff »genauso wie die Probe« bestellt, wollte ihn nicht in Stücken von 10 x 10 cm mit Zickzackrand."
(Nelson Goodman: "Wie Bauwerke bedeuten"; S.55; in Nelson Goodman, Catherine z. Elgin: "Weisen der Welterzeugung - Philosophie und andere Künste und Wissenschaften"; Frankfurt a.M 1993)
Selten ist mir dieser Mechanismus in einem Spielfilm deutlicher geworden als bei den "Acht Frauen", die in François Ozon Adaption des Stücks von Robert Thomas mit – und gegeneinander spielen. Habe den Film vorgestern angeschaut. Die ironische Distanz zu ihrer eigene Rolle, die jeder Frauen anzumerken ist, brachte mich auf diesen Gedanken. Jede von ihnen ist eine solche "Probe". Auch die Interaktion zwischen den Frauen wirkt immer wie ein Rückverweis auf jede einzelne. Die Markierungen als Gesangseinlagen scheinen dabei wie ein Rahmen, eine äußere Begrenzung, durch die die Probe eingefasst wird. Die Grenzen jenes Blattes, auf das der Stoff präsentiert wird. Natürlich liegt die Besonderheit nicht darin, einen vom Autor intendendierten Charakterzug zu exemplifizieren. Sondern in dem Bezug auf die bemerkenswerten Schauspielerinnen - nicht auf ihre Persönlichkeit, sondern auf ihre Schauspielerei.
(Mehr über Goodmans Lebens. Und was Catherine Z. Elgin mal über ihn vermerkte.)
"Symbolisierung ist nicht immer eine Frage des Beschreibens oder Abbildens. Einige Dinge symbolisieren durch Bezugnahme auf bestimmte ihrer Eigenschaften. Von solchen Dingen sagt man, dass sie die Eigenschaften exemplifizieren, die sie besitzen und auf die sie Bezug nehmen. Zum Beispiel exemplifiziert ein Farbfleck auf einer Musterkarte die eigene Farbe und dein eigenen Glanz. Farbe, die zu dem Fleck paßt, braucht ihm nicht in jeder Hinsicht gleich zu sein, sondern muß ihm in Farbe und Glanz gleichen. Da der Farbfleck als ein Symbol funktioniert, bedarf er der Interpretation. Um die von ihm exemplifizierten Eigenschaften zu erkennen, müssen wir das System kennen, zu dem er gehört. Das System zur Interpretation von Farbproben ist standardisiert und läßt sich ohne weiteres erlernen. Andere exemplifizierende Symbole bereiten der Interpretation mehr Mühe.
Exemplifikation ist eine wesentliche Form der Symbolisierung in den Künsten. Ein musikalisches Werk könnte einige seiner harmonischen, melodischen und rhythmischen Eigenschaften exemplifizieren, eine (sic!) Gemälde einige Farbkonfigurationen, Form und Struktur. Um ein Werk verstehen zu können, müssen wir nicht wissen, welche Eigenschaften es gerade besitzt, sondern welche von ihnen es exemplifiziert. Und Differenzen in der Interpretation eines Werkes rühren häufig von Meinungsverschiedenheiten darüber her, welche Eigenschaften exemplifiziert werden(...)
(Catherine Z. Elgin: "Erkennen und Erzeugen"; S.35-36; in Nelson Goodman, Catherine Z. Elgin: "Weisen der Welterzeugung - Philosophie und andere Künste und Wissenschaften"; Frankfurt a.M 1993)
Ein alltäglicher Fall ist der eines gelben, karierten Wolltuchs, das als Probe dient. Das Stoffmuster nimmt nicht auf alles Bezug, was es darstellt oder beschreibt oder auf andere Weise denotiert, sondern nur auf seine Eigenschaften gelb, kariert und aus Wolle zu sein, beziehungsweise auf die Wörter »gelb«, »kariert« und »aus Wolle«, die es denotieren. Es exemplifiziert so jedoch nicht alle seine Eigenschaften oder alle Etiketten, die auf es zutreffen, zum Beispiel nicht seine Größe oder Gestalt. Die Dame, die Kleiderstoff »genauso wie die Probe« bestellt, wollte ihn nicht in Stücken von 10 x 10 cm mit Zickzackrand."
(Nelson Goodman: "Wie Bauwerke bedeuten"; S.55; in Nelson Goodman, Catherine z. Elgin: "Weisen der Welterzeugung - Philosophie und andere Künste und Wissenschaften"; Frankfurt a.M 1993)
Selten ist mir dieser Mechanismus in einem Spielfilm deutlicher geworden als bei den "Acht Frauen", die in François Ozon Adaption des Stücks von Robert Thomas mit – und gegeneinander spielen. Habe den Film vorgestern angeschaut. Die ironische Distanz zu ihrer eigene Rolle, die jeder Frauen anzumerken ist, brachte mich auf diesen Gedanken. Jede von ihnen ist eine solche "Probe". Auch die Interaktion zwischen den Frauen wirkt immer wie ein Rückverweis auf jede einzelne. Die Markierungen als Gesangseinlagen scheinen dabei wie ein Rahmen, eine äußere Begrenzung, durch die die Probe eingefasst wird. Die Grenzen jenes Blattes, auf das der Stoff präsentiert wird. Natürlich liegt die Besonderheit nicht darin, einen vom Autor intendendierten Charakterzug zu exemplifizieren. Sondern in dem Bezug auf die bemerkenswerten Schauspielerinnen - nicht auf ihre Persönlichkeit, sondern auf ihre Schauspielerei.
(Mehr über Goodmans Lebens. Und was Catherine Z. Elgin mal über ihn vermerkte.)
Julio Lambing - So, Feb 13, 2005 - Zettelkasten: Mythologie







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