Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Next Generation please

Kritische deutsche Anthroposophen haben sich mit dem Rassismusvorwurf der Anthroposophie befasst, wie Info3 berichtet:

Die von dem österreichischen Philosophen und Sozialreformer Rudolf Steiner begründete Anthroposophie ist heute durch zahlreiche Initiativen wie Waldorfschulen, biologisch-dynamische Landwirtschaft, medizinische oder heilpädagogische Einrichtungen bekannt. Im Werk ihres Begründers gibt es aber auch vereinzelte diskriminierende sowie einige wenige rassistische Äußerungen, die heute klar als historisch überholt beurteilt werden müssen. Zu diesem Ergebnis gelangt das sogenannte „Frankfurter Memorandum“, das in der September-Ausgabe des anthroposophischen Magazins „info3 – Anthroposophie im Dialog“ veröffentlicht wurde.

Klingt schon ein bisschen geschwurbelt? Dann mal eine Passage aus dem Memorandum selbst:

Auf diese Äußerungen trifft eine der maßgeblichen Rassismus-Definitionen zu, wonach Rassismus durch die „verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers entsteht, mit der seine Privilegien oder Aggressionen gerechtfertigt werden sollen“ (Albert Memmi). Belege für eine Rechtfertigung von rassistischen Aggressionen finden sich bei Steiner zwar nicht. Dennoch ist es sehr bedauerlich, dass solche im weiteren Sinne rassistischen Äußerungen von Steiner gemacht wurden. Auch der zuweilen unternommene Versuch, diese Zitate kontextuell einzuordnen, macht sie nicht annehmbarer. Das dritte Zitat ist z.B. auch dann nicht hinnehmbar, wenn man annimmt, Steiner habe mit dem abschätzig klingenden Wort „Negerrasse“ die schwarz-afrikanische Kultur gemeint. Bei den Zitaten dieser Kategorie handelt es sich auch nicht mehr um ein bloß sprachhistorisches Problem, dem mit einer „Übersetzung“ des Gemeinten in eine „zeitgemäße“ Sprache beizukommen wäre. So weit voraus ein Rudolf Steiner seiner Zeit in vielen pädagogischen, medizinischen und auch sozialen Fragen war – die oben genannten Äußerungen sind Dokumente einer überholten Denkweise und einer überholten Zeit, die heute in keiner Weise mehr vertretbar oder „übersetzbar“ sind.

Das mitunter bemühte Argument, jene Zitate seien in einer anderen Zeit geäußert worden, gilt auch dann nicht, wenn es sich um Auffassungen handelt, die zwar vor etwa 100 Jahren in unserem Kulturkreis verbreitet, aber deshalb nicht weniger diskriminierend waren. Grobe absichtliche oder fahrlässige Diskriminierungen waren bereits verletzend, bevor das Diskriminierungsverbot etwa durch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1948 kodifiziert wurde.


Man ahnt wie da jemand mit der Kritik an dem Guru ringt. Das zentrale Problem der Anthroposophie wird denn auch im letzten analytischen Kapitel des Memorandums unter der Überschrift "Entwicklungsdenken ohne Diskriminierung" verhandelt:

Steiners Sicht der Menschheitsentwicklung als eines evolutionären Prozesses, der im Laufe der Geschichte von niederen zu höheren Kultur- und Bewusstseinsstufen führt, transportiert allerdings, sofern die Dimension der „Rassen“ ausdrücklich ausgeklammert wird, für sich genommen durchaus keine rassistischen oder chauvinistische Implikationen, wie manche Kritiker unterstellen. (...) Wie wichtig der Entwicklungsgedanke als solcher ist, zeigt allein schon ein gängiger Begriff wie „Entwicklungshilfe“, der selbstverständlich von unterschiedlichen Entwicklungsniveaus von Gesellschaften ausgeht. Auch kommt bei Fragen der Entwicklungsperspektiven von Schwellenländern heute etwa der Terminus „vor-moderner“ Gesellschaften im Spiel, wenn es um Defizite in den Bereichen Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, freier Zugang zu Wissen und Märkten geht, ohne dass die Differenzierung in „modern“ und „vor-modern“ unweigerlich eine Diskriminierung beinhalten würde. Diese Gefahr wird nämlich dadurch gebannt, dass man unzweideutig von kulturellen Entwicklungsschritten im Sinne einer Bewusstseinserweiterung spricht. Diese sind als geistige Errungenschaften prinzipiell allen Menschen zugänglich und nicht etwa an eine bestimmte ethnische Zugehörigkeit gebunden.
Alles andere würde im Übrigen auch Steiners eigener individualistischer Ethik widersprechen. Die Kulturentwicklung der Menschheit in evolutionäre Schritte und Stufen zu gliedern kann nie bedeuten, dass aus kollektiven Bewusstseins- oder Kulturqualitäten eine Art Determinismus entsteht, wonach Angehörige einer bestimmten Kultur kollektiv auf bestimmte Merkmale oder Verhaltensweisen festgelegt wären. In der konkreten Darstellung von ethnischen oder volksmäßigen Eigenarten in seinen Vorträgen hat Steiner, anders als zum Beispiel in seinem philosophischen Hauptwerk Die Philosophie der Freiheit, den Vorrang des Individuellen vor dem Kollektiven allerdings nicht immer klar betont."


Klingt zwar nach Schneckentempo, ist aber ermutigend. Jetzt müssen sich die kritischen Vorzeigedenker der Anthroposophie nur noch der Herausforderung stellen, mal zu untersuchen, warum die Verwendung solche Begriffe wie "vor-modern" in dem hier beschriebenen Kontext eben doch Ausdruck von Kulturzentrismus und Blindheit ist. Klar fällt schwer, wenn man auf esoterischem Evolutionismus steht.

Aber vielleicht könnt Ihr auch einfach direkt den Weg freimachen. Andere sind da nämlich schon weiter. So schreibt ein
ein Waldorfschüler aus Mainz in einem tollen Aufsatz:

„Während Steiners Rassismus und von einigen militanten und übereifrigen GegnerInnen ( ...) der Anthroposophie zu deren "Herzstück" und zum heimlichen und subtilen Unterrichtsinhalt der Waldorfschulen erklärt wird, ist unter AnthroposophInnen Steiners Rassismus noch zutiefst umstritten: "Vereinzelte Formulierungen", "Ausrutscher" Steiners seien in der Tat rassistisch und abzulehnen, heißt es bei den einen. ( Frankfurter Memorandum, PDF )
(...)
Die "info3" hat allerdings mit ihrem "Frankfurter Memorandum" leider auch nur wieder die "Ausrutscher - Zeitbedingte Stereotype"-Schiene bedient.


Und er kann auch was sagen zu Evolutionismus Steiners:

„Halten wir fest: Die "Arier" – ein Begriff, den Steiner bald durch "Weiße" ersetzt – sind die Avantgarde der Entwicklung im "nachatlantischen Zeitalter". Die anderen Völker, "Rassen", entsprechen bewusstseinsmäßig ( und, in der Wurzelrassenlehre, damit zusammenhängend: biologisch ) angeblich "früheren" Menschheitszeitaltern und deren jeweils "zeitgemäßer" "Rasse". Sie sind zurückgeblieben und "heruntergekommen" und für die "vorgeschrittenen Weißen" gefährlich. (...)
Ekelhafteste Stereotype, ein kosmologisch gerechtfertigter Determinismus, die Steiner aber nicht sonderlich in seiner Postulierung einer theosophischen ( bzw. anthroposophischen ) Verbrüderung der gesamten "Erdenmenschheit" gestört zu haben scheinen.“


Der Artikel hat 'ne Menge klare, knackige Sätze ohne jedes Geschwurbel. Das passt zu den reflektierten Waldorfschülern und Waldorfschulabsolventen, die ich kennenlernen durfte. Cooler, ehrlicher, straighter, klarer als das, was die älteren Anthro-Generationen bieten (ob letztere nun moderat kritisieren oder bieder Steiner verteidigen). Jetzt müsst Ihr nur noch die alten und mittelalten Waldis mit ihrer Vorliebe fürs Elitedenken absägen.

Falls Ihr Hilfe braucht, da gibt's z.B. Leute, denen naturreligiöses Denken nicht fremd ist, aber mit Elitarismus und thesophischen Abkömmlingen wenig anfangen können - und gerne beim Aufräumen helfen...


Via Christoph Kühn
nerone (Gast) - So, Sep 21, 2008

schön

dich wieder auf Axonas zu lesen. Ich habe mich ja nur noch hier und da kommentierend eingebracht. Und die Leute die Namen tanzen finde ich auch ganz klasse. So langsam kann man sich dem Thema vielleicht entziehen, denke ich so für mich hin. Und dann sind die auch noch so ohne Scheu! Wenn ich bedenke wie vorsichtig ich mal angefangen hatte...

liebe grüße
Julio Lambing - Mo, Sep 22, 2008

"So langsam kann man sich dem Thema vielleicht entziehen. (...) Und dann sind die auch noch so ohne Scheu! Wenn ich bedenke wie vorsichtig ich mal angefangen hatte..."

Jepp, habe auch - nicht zuletzt durch dein Blog - mit wachsender Freude gelesen, dass das Lager der Anthroposophen, die mit dem werkimmanenten Stuss nichts (mehr) anfangen können am wachsen ist. Denke auch, daß es lohnt von Zeit zu Zeit die Themenfelder zu wechseln, hält den Geist frisch...

Lass es dir gut gehen in deinem neuen Domizil.
Markus (Gast) - Fr, Dez 05, 2008

Danke für den ausführlichen und sehr interessanten Beitrag. Das zeigt wieder einmal mehr, dass eben doch nicht alles so einseitig betrachtet werden kann, wie es oftmals der Fall ist. Dass Steiner allerdings solche Äußerungen getätigt hat, die nun wirklich völlig überholt sind, war mir so bis dato noch gar nicht bewusst, sodass der Artikel mich doch sehr zum Nachdenken anregt.

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