Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Charles Taylors Gedanken über den Karneval 1

Von Charles Taylor gibt es einen interessanten Gedankengang zum neuzeitlichen Zeitverständnis, in dem er unter anderem auch Konsequenzen des Verlustes der "Zeit zwischen den Zeiten" für die modernen Kulturen thematisiert.

Die Zeiten alter Kulturen, die die gewöhnliche Ordnung der Dinge umkehren wie jene Festivitäten des Mittelalters (Karneval, die Feste der Missregierung, der Knabenbischöfe), die Saturnalien oder die obszönen Riten indigener Kulturen waren für Taylor in die Strukturen ihrer Kulturen fest eingebaut: Sie bestätigen durch ihre Zeit der Unordnung gerade die Ordnung und stellten "so die Herrschaft der Obrigkeit und der Sitten nicht ernsthaft in Frage." Sie bestätigen die herrschenden sittlichen Werte und den kulturellen Kodex.

Taylor erwähnt in diesem Zusammenhang Viktor Turners funktionalistische Erklärung, dass solche Feste dazu dienen die bestehende Struktur, den Verhaltenskodex einer Gesellschaft, durch eine zeitweilige Gegenstruktur ausser Kraft zusetzen, nur um den Kodex dadurch immer wieder neu zu bestätigen und seine Geltung als ursprüngliche Ordnung wieder neuzubeleben. Die Gegenstruktur ermöglicht die Erfahrung einer communitas, die die Menschen aus ihren kodifizierten Rollen löst und deutlich macht, dass Menschen als gleichberechtigte Wesen zusammengehören. Sie eröffnet Spontaneität, Kreativität und Phantasie.

"(...) Die Kraft der Gegenstruktur [rührt] auch von dem Gefühl her, dass wir durch Kodizes eingeschränkt werden, dass sie uns von etwas Wichtigem ausschließe und uns abhalten, bedeutende Dinge zu sehen und zu empfinden. (...) Alle Kodizes brauchen ein Gegengewicht, manchmal müssen sie sogar in ihrer Negation versinken, andernfalls drohen Starrheit, Entkräftung, Verkümmerung des sozialen Zusammenhalts, Blindheit und letztlich vielleicht Selbstzerstörung.
Charles Taylor: "Moderne und die säkulare Zeit"; S. 173; in: "Wieviel Gemeinschaft braucht die Demokratie? Aufsätze zur politischen Philosophie"; Frankfurt a.M 2002; S.166 - 217;


Hans Peter Duerr erwähnte mal die Aussage afrikanischer Nyakyusa, die - befragt nach dem Grund der Widlheit ihrer Rituale - antworteten: "There is much ideocy (ubulema) if you do not perform the ritual, and madness (ikigili)."(1)

Für die Moderne konstatiert Taylor, das diese Gegenstruktur und ihre Zelebrierung auf gesamtgesellschaftlicher Ebene nicht mehr auftaucht.
Und damit zieht die Versuchung des Totalitarismus auf: Der Kodex lässt dem ihm widersprechenden Prinzip keinen Freiraum mehr, er setzt sich in seiner Ganzheit durch, keine zeitliche Grenze beschränkt mehr seine Gültigkeit:

"Eine Konsequenz des Schwindens der Gegenstruktur war gewiss die Neigung anzunehmen, der vollkommene Kodex brauche nicht begrenzt zu werden, er könnte und sollte ohne jede Einschränkung durchgesetzt werden. Das ist eine der treibenden Vorstellungen unserer Zeit, nach denen die Gesellschaft völlig umgemodelt werden muss und keines der herkömmlichen Handlungshemmnisse dieses Unternehmen behindern darf."
Charles Taylor: "Moderne und die säkulare Zeit"; S. 174 ff.; in: "Wieviel Gemeinschaft braucht die Demokratie? Aufsätze zur politischen Philosophie"; Frankfurt a.M 2002; S.166 - 217;


Taylor vermutet in der Französischen Revolution den Anfangspunkt der Auslöschung der Gegenstruktur und den Beginn des Anspruchs des Kodex auf totale Geltung. (ich würde ihn eher in der puritanischen Herrschaft Cromwells vermuten) Zwar versuchten die revolutionären Feste auf die früheren Umkehrfestivitäten aufzubauen, aber sie waren nicht mehr Ausdruck einer Gegenkultur, die den gesellschaftlichen Kodex zeitweilig außer Kraft setzte, sondern die Bestätigung einer bestehenden Ordnung, die eine alte feindliche ablöste. Die Feste waren so phantasielos und moralisierend wie ihre späteren kommunistischen Nachfolger und konnten sich genauso wie letztere nicht halten nachdem kein Zwang mehr zu ihnen bestand.
Für die Moderne zeigt sich hier eine gängige Verhaltensweise, wie Elemente traditioneller Gegenstrukturen bis heute ausgeschlachtet werden. Die Umkehrfeste, die "Zeiten zwischen den Zeiten" dienen als Steinbruch für Vorstellungen über ein Utopia, das an die Stelle der bestehenden Gesellschaft treten soll. (Taylor erinnert z.B. an die Lustbarkeiten des Pariser Mai 68). Aber:

"Karneval und Revolution können niemals zusammenfallen, einerlei, wie sehr sich spielerische Revolutionäre bemühen, sie einander anzunähern. Die Revolution hat das Ziel, die bestehende Ordnung zu verdrängen. Sie beutet frühere Gegenstrukturen aus, um einen neuen Kodex der Freiheit, der Gemeinschaft und der radikalen Brüderlichkeit zu entwerfen.(...) Die Revolution ist die Gegenstruktur, durch die allen Gegenstrukturen ein Ende bereitet werden soll. (...)"
Charles Taylor: "Moderne und die säkulare Zeit"; S. 179; in: "Wieviel Gemeinschaft braucht die Demokratie? Aufsätze zur politischen Philosophie"; Frankfurt a.M 2002; S.166 - 217;


Der Totalitarismus, die unumschränkte Herrschaft eines Kodex ist jedoch für Taylor keine zwangsläufige Folge der Moderne, die die zeitweilige Gegenstruktur als kulturelle Praxis abgeschafft hat. Im Prinzip der Gewaltenteilung und dem der negativen Freiheit sieht er Möglichkeiten einer positiven Antwort auf die Herausforderung des Totalitarismus:
"Wo sich in Theorie und Praxis liberale Regierungen dieser pluralistischen Art herausgebildet haben, sind die Folgen des Schwindens der Gegenstruktur weitgehend abgemildert worden. Man könnte sogar sagen, der Gegenstruktur sei in diesen Gesellschaften ein neuartiger Platz eingeräumt worden, und zwar im privaten Bereich. (...) Hier, wenn wir uns allein, unter Freunden und Angehörigen oder in freiwilligen Verbänden befinden, können wir "aussteigen"...
Charles Taylor: "Moderne und die säkulare Zeit"; S. 177; in: "Wieviel Gemeinschaft braucht die Demokratie? Aufsätze zur politischen Philosophie"; Frankfurt a.M 2002; S.166 - 217;


Traditionen, die sich heutzutage auf die heidnische Vergangenheit oder naturreligiöse Parallelkulturen beziehen, müssen sich mit dem weitverbreiteten Vorwurf auseinandersetzen, sie seien per se antidemokratisch. (Und gerade in Deutschland ist das Argument allgegenwärtig, sie seien per se völkisch). Natürlich spielt dabei die Adaption germanischer und keltischer Kulturen in einer national durchtränkten Romantik eine Rolle und ihr Ausdruck in den faschistischen Strömungen in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Aber es werden - wie sollte es auch anders sein - auch systematische Gründe im Rückgriff auf den christlichen Monotheismus verwendet.

Verkürzt lässt sich das Argument (das in vielerlei Abwandlungen existiert) folgendermaßen skizzieren: Das christliche Volk ist vor Gott gleich, die Erlösung aller erfolgte durch einen Menschensohn, der sich in Rang und Stellung nicht von den anderen Menschen unterschied. Niemand kann deshalb vor Gott eine besondere Position behaupten, und diese Gleichheit und Gleichwertigkeit ist der Ausgangspunkt für die Universalität der Menschenrechte und für die Demokratie als einzig legitime Staatsform. Die Brüderlichkeit ergibt sich dabei durch das Prinzip der Nächstenliebe. (Es gibt auch diverse Argumentationsumwege über die Tatsache, dass der christliche Gott transzendent war etc)

Hält man dem den naheliegenden Gedanken entgegen, dass die Ursprünge der modernen Demokratie doch wohl auch im Gedankengut der römischen und griechischen Antike und ihrer Adaption in der Renaissance zu suchen seien (demokratische Strukturen in germanischen Kulturen dabei außen vor gelassen) so wird so manches Mal von einem intrinsischem Herrentum gesprochen, das den vorchristlichen Kulturen innewohne. Sie alle kannten das Prinzip der Sklaverei und des Ausschlusses der Frauen von der Demokratie - und dies sei notwendiges, kein kontingentes Element solcher Gesellschaften. Die Sklavenhaltergesellschaft, die für die athenische Polis die ökonomische Vorraussetzung für die Freiheit des Bürgers zu Staatsgeschäften war, wird dann zu einer logischen Vorraussetzung.

Natürlich ist das eine Apologetik, die in einer christlichen Gesellschaft zu erwarten ist. Und sie ist in ihrer negativen Ausrichtung gegen das antike Heidentum auch nicht sonderlich schlüssig. Das ändert aber nichts daran, dass sie sehr wohl auch die Verdienste des Christentums für die Entstehung der modernen demokratischen Gesellschaften aufzeigt. Und warum sollte man diese negieren?

(Interessanterweise greifen rechtsradikale Ideologen wie Alain de Benoist diese Argumentation unter umgekehrten Vorzeichen auf, um sich in Tradition auf Nietzsche ein neuheidnisches Herrentum zu denken: Eben weil das Christentum mit seiner "Gleichmacherei" als importierte "Wüstenreligion" für den nordischen Menschen "artfremd" sei, müsse es durch eine "heidnische Weltauffassung" ersetzt werden, die jedem wieder seinen Rang zuweise.)

Taylor hat mit dieser Diskussion nichts zu tun, er bezieht seine Beispiele für die "Zeit zwischen den Zeiten" hauptsächlich aus dem christlichen Umfeld, wobei vollkommen unklar ist, ob diesen heidnische Ursprünge zugrunde liegen. Aber dennoch liefert er einen Diskussionsbeitrag:

In den Praktiken vieler naturreligiöser Kulturen spielen solche Riten und Feste eine ganz herausragende Rolle. (vergl. Hans Peter Duerrs „Traumzeit“). Es scheint nun wenn man das Bild des utopischen Steinbruchs aufgreift, das naturreligiöse Kulturen, die solche „Zeit zwischen den Zeiten“ pflegten, in sich jenes Arsenal an Vorstellungen einer communitas vorwiesen, die über die Einengung ihrer faktischen Herrschaftsverhältnisse hinausweisen.

Das würde heißen, das nicht nur (wie Martha Nussbaum z.B. nicht müde wird zu betonen) der Ausschluss von Frauen und Sklaven von der Mitentscheidung über das Gemeinwohl bei Aristoteles auch nach den rationalen Kriterien seiner eigenen Kultur eigentlich irrational war, sondern dass seine Kultur auch in einem tiefen Sinne „sinnliche“ und „emotive“ Elemente beinhaltete, die über die antiegalitäre Einschränkungen, was demokratische Mitgestaltung anging, hinauswiesen. (Das könnte z.B. dem geistesgeschichtlichen Hintergrund jener Herausbildung eines feministischen Konsenses in der antiken Welt, auf dessen Zerstörung durch das Christentum Martha Nussbaum in ihrem Buch „Gerechtigkeit oder das gute Leben“ in einer Randbemerkung (2) hinweist, um einen interessanten Aspekt bereichern.)

(1) Monica Wilson: "Rituals of kinship among the Nyakyusa"; London 1957; S. 48ff; zitiert nach: Hans Peter Duerr: "Die Angst vor dem Leben und die Sehnsucht nach dem Tode"; S. 69; in Hans Peter Duerr: "Satyricon. Essays und Interviews"; Frankfurt a.M . 1985; S. 44-78
(2) Martha C. Nussbaum: "Mesnchliche Fähigkeiten, weibliche Menschen"; S. 218 bzw. 310; in Martha C. Nussbaum: "Gerechtigkeit oder das gute Leben"; Frankfurt a.M. 1999; S.176 - 226

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