Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Charles Taylors Gedanken über den Karneval 3

Spannender als die Probleme des zeitgenössischen Heidentums ist eine andere Thematik, die Charles Taylor anspricht. Er führt nämlich vier gesellschaftliche Projekte auf, die mit der Abschaffung der "Zeit zwischen den Zeiten" einhergehen (1):
  1. Eine Neustrukturierung der Armut: Neuartige Armengesetze lösten den mittelalterlichen Umgang mit der Armut ab, die für die Reichen die Möglichkeit bot, durch Spende und Barmherzigkeit Verdienste um das Paradies zu erlangen. Jetzt wurden Arme streng daraufhin geprüft, ob sie wirklich erwerbsunfähig waren. Die Arbeitsfähigen wurden durch Disziplinierungstechniken und Arbeitsanstalten in Arbeitsprozesse gepresst, die nach den jeweiligen wirtschaftlichen Bedürfnissen ausgerichtet waren. Ziel war ihre Resozialisierung zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft. Diejenigen, die tatsächlich nicht arbeitsfähig waren, wurden gettoisiert und verwaltet.
  2. Die Ausbildung der Zivilität führte dazu, das Klerus, Adel und Bürgertum sich von den volkstümlichen Gebräuchen distanzierten und eigene, geschliffenere Sitten ausbildeten. In Tanz, Sport, Esssitten, Sprechweisen und vielen mehr partizipierte man nicht mehr an den bäuerlichen Ausdrucksweisen, separierte sich sowohl physisch und inhaltlich von dem Leben der Bauern und Handwerkern und bildete nun eigene Formen heraus. Dies galt auch für Elemente einer "enthusiastischen" Religionsausübung, zügellosem Verhalten, karnevalistischen Zuständen.
  3. Das Ausbilden eines modernen, dirigistischen Verwaltungsstaates, der in alle Lebensbereiche hinein Einfluss nahm, um eine optimale Gesellschaft zu erreichen. Nicht nur Festlichkeiten und die Armut werden nun problematisiert, sondern die Erziehung, die Arbeitsweisen und die Moral der Mitglieder des Gesellschaftskörpers. Im Sinne der Aufklärung und eines modernen Lebens geht es um die Ausbildung einer "rationaleren, arbeitsameren, fleißigeren und stärker produktionsorientierten Einstellung“ bei der Bevölkerung.
  4. Das Wuchern der Disziplinierungstechniken zeigt ein Vertrauen in die totale Formbarkeit des Menschen und die Fähigkeit ihn nach rationalen Gesichtspunkten umzugestalten an, das an der Schwelle zur Moderne entsteht. Es löst eine alte Weltauffassung ab, in der bisher problematische und moralisch verwerfliche Lebensweisen von Menschen oder die Existenz von problematischen Gesellschaftsschichten nach Taylor als notwendiger und nicht veränderbarer Teil der Gesamtordnung verstanden wurde.
    Die Feste, in denen "die Dinge auf den Kopf gestellt" werden, um ihrerseits die Gesamtordnung zu bestätigen, werden durch die neue Weltauffassung dann ebenfalls suspekt. Die Eliten der Neuzeit übernehmen damit die Ablehnung der christlichen Kirchen der alten heidnischen Lustbarkeiten, aber unter den Vorzeichen eines neuen Zeitverständnisses: Zeit ist nicht mehr wiederkehrende, ewige Ordnung und auch nicht das Wechselspiel zwischen Gegenwart und mythischer Urzeit, sondern sie wird zu einem stählerner Rahmen, der nüchtern unser Leben einfasst und in dem das Gesetz des stetigen Wandels herrscht. Zeit wird zu einem kostbaren Rohstoff, und es ist deshalb ein irrationaler Akt der Verschwendung, dem Chaos und dem Problematischen irgendwelchen Platz einzuräumen.
    Die Möglichkeit besteht, in jeder Fuge des Lebens das Vernünftige durchzusetzen, dem Kodex Geltung zu verschaffen und nichts sollte einen daran hindern, diese Formbarkeit des Menschen und der Gesellschaft auch zu nutzen.

Wie gesagt die Zeit zwischen den Zeiten ermöglichte es nach Taylor einst als eine Zeit des Übergangs bedeutende Dinge zu sehen und zu empfinden. Die ekstatischen Erfahrungen der communitas eröffnen zudem einen Zugang zu Spontaneität, Kreativität und Phantasie. Für Taylor droht nun einer Kultur, die die Negation ihres Kodes verliert, "Starrheit, Entkräftung, Verkümmerung des sozialen Zusammenhalts, Blindheit und letztlich vielleicht Selbstzerstörung."

Seine Thesen ähneln damit wie eingangs angedeutet denen des Ethnologen Hans Peter Duerr, als dieser vor 25 Jahren die Grenzen zwischen Wildnis und Zivilisation erforschte. Kernaussage seiner Untersuchungen der Auflösung des Bewusstseins in ekstatischen Riten fasste Duerr mit den Worten zusammen:

"Nur wer sich auf Tod und Wahnsinn, auf das Irrationale einlässt, ist vor der gefährlichen Wiederkehr des Verdrängten sicher, er muss den Weg durch den Wahnsinn gegangen sein, um allererst ein Wissen um die Normalität, das Alltagsleben erlangen zu können."
Hans Peter Duerr: "Die Angst vor dem Leben und die Sehnsucht nach dem Tode"; S. 69; in Hans Peter Duerr: "Satyricon. Essays und Interviews"; Frankfurt a.M . 1985; S. 44-78



Doch während Duerr eher mahnend von dem Verlust und seinen Folgen für uns spricht und seine Kritik damit einen eigentümlich konservativen Bezug hat, nennt Taylor zwei Reaktionsweisen der Moderne, mit denen diese versucht das Defizit, das sie durch den Verlust der Umkehrfeste erfährt, zu kompensieren:
  • die Eskapaden, die sich jede(r) einzelne in seinem Privatleben leistet, um eine private "Umkehr" der öffentlichen Werte in einer ausgedehnten Umgebung zu zelebrieren
  • die öffentliche Gewaltenteilung der Politik, die nach Taylors Ansicht verhindert das ein Kodex sich ausschließliche Geltung verschafft
(1) Charles Taylor: "Moderne und die säkulare Zeit"; S. 172 - 178; in: "Wieviel Gemeinschaft braucht die Demokratie? Aufsätze zur politischen Philosophie"; Frankfurt a.M 2002; S.166 - 217;

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