Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Kann man den Deutschen trauen?

Die ZEIT lässt in ihrer neusten Ausgabe jene Warnung beurteilen, die Brecht mit dem Satz „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ formulierte (übrigens eine abgeschmackte und heute immer noch gedankenlos zitierte Formulierung).

Es schreibt der 30jährige Christoph Amend:

(...) Wir leben heute in einem Land, das im Westen auf fast 60 Jahre Demokratie zurückblickt. Rechts- und Linksradikalismus haben bei der Mehrheit keine Chance. Der Antisemitismus ist nicht stärker als in vergleichbaren Ländern. In Deutschland ist unvorstellbar, was im ehemals faschistischen Italien Alltag ist: Die postfaschistische Partei stellt dort den Vizeministerpräsidenten, der Regierungschef nannte Mussolini einen »gutmütigen Diktator«. Hierzulande hingegen kann sich niemand offen oder verdeckt antisemitisch äußern, ohne geächtet zu werden.
(...)

Zum 60. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie war zum ersten Mal ein Bundeskanzler eingeladen. Spätestens an diesem Tag, schreibt Eckhard Fuhr in seinem Buch „Wo wir uns finden“, war der Krieg aus. Selbst Papst können wir ganz selbstverständlich werden auf unserem »langen Weg nach Westen«, von dem Heinrich August Winkler schrieb.

So merkwürdig wir uns manchmal verhalten, wenn wir gleichzeitig Wohlstand genießen und den Kapitalismus verdammen oder wenn wir die Sicherheit der Freiheit vorziehen, sind wir doch ein Land, von dem keine Gefahr ausgeht. (...) Popmusiker wie Wir sind Helden oder Juli singen auf Deutsch, weil sie so ihre Gefühle besser ausdrücken können. Sie sind die Idole einer Jugend, die sich nicht schämt, deutsch zu sein, vielleicht, weil ihr niemand fremder ist als der ewige Hausmeistertyp, der früher Blockwart hätte sein können.


Und es erwidert der 50jährige Jens Jessen:

[Das nationalsozialistische Erbe] steckt im gereizten Kern der Gesellschaft. Es steckt in den Aufpassern, den Liebhabern des Verbietens und Strafens, den hysterischen Beobachtern jeder Abweichung. Es steckt im autoritären Charakter, wie ihn Erich Fromm beschrieben hat. Es steckt in dem Nachbarn, der die Kehrwoche kontrolliert, in dem Passanten, der den Falschparker anzeigt, ohne behindert worden zu sein, in der Mutter, die anderen Müttern am Spielplatz Vorhaltungen macht. Es steckt, mit einem Wort, in dem guten Bürger, der seine eifernde Intoleranz auf Befragen wahrscheinlich als zivilgesellschaftliches Engagement ausgeben würde.

Es ist nämlich nicht so, dass die 1945 heimatlos gewordene Sehnsucht nach der Volksgemeinschaft vor der Unmöglichkeit ihrer neuerlichen Umsetzung resigniert hätte. Sie hat sich vielmehr aus der Politik in den privaten Terror zurückgezogen. Sie inspiziert die Treppenhäuser, sie kontrolliert die Kleidung des Büronachbarn, sie missbilligt abweichendes Konsumverhalten und straft jeden Ehrgeiz, der sein Haupt aus der Menge hebt. Nirgendwo lässt sich das besser beobachten als in den Massenmedien, die ihrer Natur nach mit opportunistischer Sensibilität auf die Volksstimmung achten müssen. Mit peinlicher Sorgfalt wird dort alles vermieden, das als elitäre Abweichung vom Mainstream interpretiert werden könnte. Denn der Mainstream ist nur der modische Tarnausdruck für das gesunde Volksempfinden, das schon in der Nazizeit als Richterinstanz über jede, vor allem aber intellektuelle Abweichung diente. Dieser kulturelle Egalitarismus hat, anders, als manche glauben, seine Wurzeln nicht im Sozialismus, der stets um die Hebung der Volksbildung bemüht war. Das Downgrading einer ganzen Hochkultur nach dem Maßstab des Unterschichtenressentiments ist vielmehr ein spezifisches Merkmal des Nationalsozialismus.


Es ist, glaube ich, keine Generationenfrage, auch wenn Christoph Amend das meint. Die Blockwartmentalität, die Missbilligung über die, die ihren Kopf aus der Menge heben und den Anti-Intellektualismus gibt es noch heute, auch bei den Jungen. Sie gibt es bei linken Initiativen wie bei rechten Bürgerprojekten, in der Esoterikszene wie bei stramm anti-religiösen Kreisen und sie gibt es auch im akademischen Milieu. Nicht jeder der „Wir sind Helden“ hört, hat die gleiche Mentalität wie Judith Holofernes. Und mag man auch stolzer Deutscher sein können, ohne gleich das Jucken im Rechten Arm zu verspüren, so heißt das noch lange nicht, das man die Gesinnung des Blockwarts abgelegt hat.

Aber der Blockwart ist und war nicht stramm national und auch nicht typisch deutsch. Die Pointe in der Studie von Erich Fromm ist ja gerade, dass die Mentalität, die die alte Frankfurter Schule da beschreibt, eben auch in anderen politischen Gruppierungen als nur bei den Nazis verbreitet war. So war ja eben das Buletten-Phänomen (aussen braun, innen rot) der überlaufenden KPD-Anhänger erklärbar und deswegen war den Frankfurtern eben auch direkt nach der Machtergreifung klar, dass Exil die einzige Option war. Und das es den autoritären Charakter eben nicht nur in Miteleuropa gibt, sollte jedem Anti-Deutschen bei aller Toscana- und Gomeraromantik klar sein.

Christoph Amend hat Recht: „Wir gelten heute auf angenehme Art als langweilig.“ Heisst: Man ist sich mehr oder weniger in der Welt sicher, dass das deutsche Schaf nicht mehr zwanghaft seinen rechten Vorderlauf hochheben muss, um seiner Schafhaftigkeit besonderen Ausdruck zu verleihen. Es verhält sich im 21. Jahrhundert nicht anders als die anderen weißen und schwarzen Schafe.

Und wenn Jens Jessen sagt, dass man nicht sorglosen Gewissens unter den Deutschen leben kann, dann hat er auch Recht. Es liegt aber nicht daran, dass sie Deutsche sind, sondern Menschen.

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