Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Wissenssyteme lokaler Gemeinschaften versus moderne Wissenssysteme

"Viele erfolgreiche Wissenssysteme von indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften über die natürliche Welt haben folgende gemeinsame Merkmale. Diese Wissenssysteme

– sind gemeinschaftsbasiert
– zeigen sowohl biologische als auch kulturelle Vielfalt
– definieren biologisches Wissen und Ressourcen als Gemeinschaftsgut
– dienen der Existenzsicherung und den örtlichen Märkten
– sind weitestgehend auf die Verwaltung von Wissen und Ressourcen durch Frauen gegründet
– sind auf Widerstandsfähigkeit und Sicherung der Nahrungsgrundlage ausgerichtet
– optimieren eher im Kontext, als dass sie einzelne Variablen maximieren
– setzen niedrige Schwellen für die Beteiligung an Innovation
– bieten Beweise für lebensfähige, langfristige Lösungen vor Ort
– sind sehr stark biologisch, sozioökonomisch und kulturell eingebettet
– stellen Wissen von Gemeinschaftspraktiken dar
– werden mündlich weitergegeben
– verwenden biologische Vielfalt in Selektion und Ackerbau
– integrieren Aspekte des Ackerbaus, der Lebensmittelzubereitung und der Gesundheitsvorsorge
– sind weder kapital- noch energieintensiv

Das moderne biologische Wissenssystem, meistens biologische Wissenschaft genannt, hat bestimmte Merkmale, die neben die oben aufgeführten gemeinschaftsbasierten Wissenssysteme gestellt werden können. Moderne Wissenssysteme

– sind global anwendbar
– erlauben weltweite Reproduzierbarkeit der Resultate unter bestimmten experimentellen Bedingungen
– privatisieren biologisches Wissen und Ressourcen als geistiges Eigentum
– beliefern den Weltmarkt
– basieren auf vorwiegend männlichem Sachverstand
– maximieren kurzfristigen Gewinn und Leistung
– experimentieren unter Laborbedingungen, bei denen die Variablen auf eine zuverlässige Verbindung zwischen Ursache und Wirkung reduziert werden
– haben eine hohe finanzielle und kulturelle Schwelle, um den Expertenstatus zu erreichen
– sind von den nur kurzen Lebenszyklen von Hypothesen, naturwissenschaftlichem Wissen und Produkten abhängig
– leiden oft an einer zu kurzen Experimentierphase, so dass die relevanten, praktischen Ergebnisse der langfristigen Auswirkungen fehlen und dadurch der Fortschritt unabsichtlich blind wird
– reißen genetische Informationen aus dem Zusammenhang und vernachlässigen oft örtliche, ökologische, sozio-ökonomische und kulturelle Eigenheiten
– stellen Forschung in Publikationen und industriellen Anwendungen vor
– verbreiten Wissen in schriftlicher Form
– benötigen die biologische Vielfalt für die Auswahl der nützlichen Eigenschaften, bringen aber homogenes Saatgut für den Anbau hervor
– konzentrieren sich auf einzelne Gene, die einen vorhersagbaren Marktwert haben könnten
– teilen Landwirtschaft, Ernährungswissenschaft und Medizin in verschiedene Abteilungen auf
– sind kapital- und energie-intensiv.

Sollte dieses neue verallgemeinernde Wissenssystem, das mit dem Weltmarkt konform läuft, alle anderen Wissenssysteme ersetzen? Der Respekt vor Kulturen wie auch eine vernünftige Skepsis gegenüber der langfristigen Effektivität von Wissenschaft legen eine negative Antwort nahe. Dreißig Jahre an Privilegien für ein Wissenssystem haben zum Beispiel alles andere als bewiesen, dass die Wissenschaft den Hunger vom Antlitz der Erde wischen wird. Fairness und unverminderte Notlagen verlangen, dass den gemeinschaftlichen Wissenssystemen eine Chance gegeben wird, und wenn auch nur deshalb, weil sie Erfahrung und Einfluss dort haben, wo die Probleme entstehen.

Wessen Wissen zählt?

Wenn Wissenssysteme in Konflikt geraten, werden Regeln benötigt, um Gerechtigkeit zwischen den beteiligten, sehr unterschiedlichen Spielern zu garantieren.
Weder das unkritische Lob aller Errungenschaften, auf die moderne Wissenschaft Anspruch erhebt, noch das unkritische Lob aller Heilmittel, die von den örtlichen Gemeinschaften angeboten werden, werden das Problem lösen. Es sollte jedoch betont werden, dass heutzutage das Vorurteil besteht, ersteres als „rational” und letzteres als „irrational” zu bezeichnen.

Die moderne Wissenschaft ist als späte Form des Kolonialismus bezeichnet worden, weil sie sich die Macht gibt, über alle Kulturen hinweg zu definieren, was als rational, innovativ und relevant zu gelten hat. Indessen fordern die Repräsentanten nicht-westlicher Kulturen die moderne reduktionistische Wissenschaft wegen ihres fehlenden Kontextwissens heraus. Obendrein sind sie zutiefst beunruhigt über die strukturellen Vergünstigungen, die die bereits Reichen und Wohlgenährten in internationalen Handelsabkommen erhalten. Denn wer das Wissenssystem beherrscht, wird sich alsbald auch in der Politik durchsetzen.

Gegenseitige, unterstützende Kooperation verlangt jedoch die Abschaffung solcher Herrschaftsansprüche. In dieser Hinsicht haben internationale Verhandlungen bis jetzt noch viel zu wünschen übrig gelassen."
Heinrich Böll Stiftung (Hrsg): "Das Jo’burg Memo. Ökologie – die neue Farbe der Gerechtigkeit. Ein Memorandum zum Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung"; Erste Auflage der deutschen Ausgabe; Mai 2002; S. 49-50

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