Rahel Jaeggi über Elisabeth Andersons Konzept der Sphärentrennung
"Im Hintergrund des Inadäquatheitsarguments steht nämlich die Annahme, daß Kommodifikation eine reduktionistische (und damit degradierende) Praxis ist. Die Form er Bewertung, die der Schätzung von Gütern im ökonomischen Sinne zugrunde liegt, ist dieser These nach ein in entscheidender Hinsicht defizienter Modus der Bewertung, durch den bestimmte Güter degradiert werden. Es scheint also unter den zunächst inkommensurabel verschiedenen Gütern dennoch eine Art von Rangfolge zu geben. Anderson leitet diese allerdings - das ist entscheidend - nicht direkt aus der Qualität der Güter selber her. Sie begründet die "hierarchical incommensurability", für die sie argumentiert, mit der Existenz von "höheren" und "niedrigeren" Formen der Wertschätzung, aus der sich dann erst die Hierarchie von "höheren" und "niedrigeren" Gütern ableitet. "One thing is of incomparably higher worth than another if it is worthy of a higher mode of valuation than the other." [66] Liebe, Bewunderung und Respekt sind in diesem Sinne qualitativ anspruchsvollere, "höhere" Formen der Schätzung, als die von "raw appetites" geleiteten bloßen Präferenzen. Als "höher" qualifizieren sich dabei die reflektierteren Bewertungsformen bzw. diejenigen, die in einem bedeutungsvolleren Zusammenhang mit der wertenden Person stehen. "One way of valuing something is higher than another if the things concerning it make deeper, qualitative more significant demands on the attitudes, deliberations, and actions of the valuer." [70]
Die Marktsphäre ist nun aber nach Anderson dadurch charakterisiert, daß es in ihr um nichtreflektierte Bedürnisse und Präferenzen geht - "the market takes consumer preferences as uncriticized givens" (219). Der Markt ist, wie sie sagt, "want-regarding". Hier muß man weder sich noch anderen gegenüber begründen, warum man was braucht. Sofern er deshalb eine Sphäre von "lower valuations" ist, kann man die Begrenzung der Kommodifikation als Verbot von „certain tradeoffs of higher for lower goods " [71] und damit als Schutz der "higher goods" vor einer Degradierung durch "lower modes of valuation" verstehen.
Prostitution (oder Leihmutterschaft) z. B. ist dann nicht nur inadäquat, sondern eine "degradierende Praxis", sofern das "hohe Gut" der Sexualität (oder der Mutterschaft) gegen das "niedere Gut" des Geldes getauscht wird. Ähnliches kann man auch beim Tausch von Kunst gegen Geld oder in bezug aufWerte wie Gesundheit oder Naturschönheit anführen. Nun ist aber, selbst wenn man Andersons Beschreibung des Marktes teilt, der Gedanke einer Hierarchie der Werte zunächst nicht nur irritierend, assoziieren wir ihn doch mit recht konventionellen Wertesystemen - z. B. zur Unterscheidung zwischen den billigen Vergnügungen des Massenkonsums und den "tiefen" Werten klassischer Bildung -, er scheint auch paradox. Anhand welches Maßstabes sollen Werte, auf deren Inkommensuarbilität Anderson so großen Wert legt, nun doch verglichen werden können? Hier zeigt sich erneut, dass, obwohl es manchmal so aussehen mag, Anderson nicht aus der Sicht einer objektivistischen Werttheorie argumentiert. Entscheidend bleibt die ethische Perspektive. Bezugspunkt und Maßstab der Güterhierarchie liefert hier nämlich der Grad, in dem wir in unseren Wertungen diejenigen Eigenschaften und Kompetenzen zum Ausdruck bringen können, die uns als Personen ausmachen und in wichtigen Hinsichten motivieren. (13) Zu kritisieren ist also eine unbegrenzte Kommodifizierung, sofern sich in Markt-Interaktionen ein verarmtes oder reduziertes Verständnis unseres Selbst, unseres Verhältnisses zu anderen und zur Welt zum Ausdruck kommt.
In dieser ethisch-anthropologischen Begründungsfigur deutet sich an, wie sehr Andersons gesamtes Projekt mit der Philosophie Charles Taylors verbunden ist. Andersons " higher modes ofvaluation" lassen sich offenbar auf Taylors Konzept der "starken Wertungen" beziehen. Wie diese verweisen sie auf "die Tatsache, daß wir als menschliche Subjekte nicht Subjekte von Wünschen erster Stufe sind, sondern von Wünschen zweiter Stufe, von Wünschen, die sich auf Wünsche beziehen" (14) Entscheidend für das Konzept starker Wertungen ist, daß es hier nicht um quantitative sondern um qualitativ-evaluative Unterscheidungen geht: starke Wertungen drücken nicht nur aus, daß wir etwas wollen (oder es besonders heftig wollen), sondern daß wir uns zu unseren Wünschen im Lichte von Werten verhalten, die sich in der „qualitativen Charakterisierung von Wünschen als höher oder niedriger, als edel oder gemein“ ausdrücken. Starke Wertungen sind somit (15) gebunden an Prozesse impliziter oder expliziter ethischer Reflexion, in denen wir nicht nur ausdrücken, wer wir sind, sondern auch, wer wir sein wollen. Die Artikulation starker Wertungen macht damit aber, nach Taylors Auffassung, nicht nur die „Tiefe" einer Person aus, sie ist konstitutiv verbunden mit personaler Identität und Selbstbestimmung, mit der Handlungsfähigkeit verantwortlicher Subjekte.
Es ist genau der damit gesetzte Zusammenhang von "Reichtum" oder "Tiefe" einer Person und der Fähigkeit zu qualifizierter Selbstbestimmung, der die Taylorsche Theorie für die Kommodifizierungskritik interessant macht. Nicht nur läßt sich die Vermutung, daß eine kommodifizierte eine verarmte Welt ist, jetzt "übersetzen" in die These, daß Kommodifizierung die Existenz einer Sprache qualitativer Unterscheidungen bedroht, auf die die Artikulation starker Wertungen angewiesen ist. Auch der Zusammenhang mit der Selbstbestimmung von Personen, der für Andersons Ausgangsthese, daß die Universalisierung von Marktbeziehungen die Bedingungen von Autonomie und Freiheit untergräbt, entscheidend ist, läßt sich jetzt folgendermaßen verstehen: Die Autonomie von Personen ist gefährdet, sofern sich in dem "mode of valuation", der die Marktsphäre beherrscht, die für Autonomie konstitutiven Fähigkeiten zur reflexiven Selbstbewertung nicht entwickeln können. Ihre Freiheit ist bedroht, sofern mit der Existenz unterschiedlicher Wertsphären nicht nur die Pluralität bedeutungsvoller Optionen, auf die Individuen zur Wahrnehmung ihrer Freiheit konstitutiv angewiesen sind, wegfallen. Bedrohlich ist vor allem die "Verflachung" dieser Optionen, sofern die Identität von Personen auf die Existenz eines "Ausdrucksraums" angewiesen ist, in dem sich qualitative Unterscheidungen artikulieren können. Hier deutet sich an, inwiefern die Verarmung , Verflachung oder Entwertung der Welt die Freiheit von Individuen – im Sinne ihres „Verwirklichungsbegriffs“– bedrohen können
(13) Daß z. B. jemand bei einer risikoreichen Arbeit sein Leben riskiert, läßt sich nicht – wie cost-benefit-Analysen es tun - mit dem Gegenwert des höheren Lohns aufrechnen. Seine Einsatzbereitschaft beruht, wie Anderson anhand von empirischen Untersuchungen zeigt, auf vielfältigeren Motiven; auch die Leihmutter kann gar nicht für das zahlt werden, was sie an emotionaler Teilnahme aufzubringen gezwungen ist. In dieser Hinsicht liefert die rein ökonomische Erklärung ein falsches Verständnis der Motive, von denen Menschen tatsächlich geleitet sind."
(14) Taylor, Charles, Negative Freiheit? Zur Kritik des neuzeitlichen Individualismus, Frankfurt/M. 1988,21.
(15) Ebd.
Rahel Jaeggi: "Der Markt und sein Preis"; in: Deutsche Zeitschrift fur Philosophie, 1999; 47 (6); S. 997 - 999
Die Marktsphäre ist nun aber nach Anderson dadurch charakterisiert, daß es in ihr um nichtreflektierte Bedürnisse und Präferenzen geht - "the market takes consumer preferences as uncriticized givens" (219). Der Markt ist, wie sie sagt, "want-regarding". Hier muß man weder sich noch anderen gegenüber begründen, warum man was braucht. Sofern er deshalb eine Sphäre von "lower valuations" ist, kann man die Begrenzung der Kommodifikation als Verbot von „certain tradeoffs of higher for lower goods " [71] und damit als Schutz der "higher goods" vor einer Degradierung durch "lower modes of valuation" verstehen.
Prostitution (oder Leihmutterschaft) z. B. ist dann nicht nur inadäquat, sondern eine "degradierende Praxis", sofern das "hohe Gut" der Sexualität (oder der Mutterschaft) gegen das "niedere Gut" des Geldes getauscht wird. Ähnliches kann man auch beim Tausch von Kunst gegen Geld oder in bezug aufWerte wie Gesundheit oder Naturschönheit anführen. Nun ist aber, selbst wenn man Andersons Beschreibung des Marktes teilt, der Gedanke einer Hierarchie der Werte zunächst nicht nur irritierend, assoziieren wir ihn doch mit recht konventionellen Wertesystemen - z. B. zur Unterscheidung zwischen den billigen Vergnügungen des Massenkonsums und den "tiefen" Werten klassischer Bildung -, er scheint auch paradox. Anhand welches Maßstabes sollen Werte, auf deren Inkommensuarbilität Anderson so großen Wert legt, nun doch verglichen werden können? Hier zeigt sich erneut, dass, obwohl es manchmal so aussehen mag, Anderson nicht aus der Sicht einer objektivistischen Werttheorie argumentiert. Entscheidend bleibt die ethische Perspektive. Bezugspunkt und Maßstab der Güterhierarchie liefert hier nämlich der Grad, in dem wir in unseren Wertungen diejenigen Eigenschaften und Kompetenzen zum Ausdruck bringen können, die uns als Personen ausmachen und in wichtigen Hinsichten motivieren. (13) Zu kritisieren ist also eine unbegrenzte Kommodifizierung, sofern sich in Markt-Interaktionen ein verarmtes oder reduziertes Verständnis unseres Selbst, unseres Verhältnisses zu anderen und zur Welt zum Ausdruck kommt.
In dieser ethisch-anthropologischen Begründungsfigur deutet sich an, wie sehr Andersons gesamtes Projekt mit der Philosophie Charles Taylors verbunden ist. Andersons " higher modes ofvaluation" lassen sich offenbar auf Taylors Konzept der "starken Wertungen" beziehen. Wie diese verweisen sie auf "die Tatsache, daß wir als menschliche Subjekte nicht Subjekte von Wünschen erster Stufe sind, sondern von Wünschen zweiter Stufe, von Wünschen, die sich auf Wünsche beziehen" (14) Entscheidend für das Konzept starker Wertungen ist, daß es hier nicht um quantitative sondern um qualitativ-evaluative Unterscheidungen geht: starke Wertungen drücken nicht nur aus, daß wir etwas wollen (oder es besonders heftig wollen), sondern daß wir uns zu unseren Wünschen im Lichte von Werten verhalten, die sich in der „qualitativen Charakterisierung von Wünschen als höher oder niedriger, als edel oder gemein“ ausdrücken. Starke Wertungen sind somit (15) gebunden an Prozesse impliziter oder expliziter ethischer Reflexion, in denen wir nicht nur ausdrücken, wer wir sind, sondern auch, wer wir sein wollen. Die Artikulation starker Wertungen macht damit aber, nach Taylors Auffassung, nicht nur die „Tiefe" einer Person aus, sie ist konstitutiv verbunden mit personaler Identität und Selbstbestimmung, mit der Handlungsfähigkeit verantwortlicher Subjekte.
Es ist genau der damit gesetzte Zusammenhang von "Reichtum" oder "Tiefe" einer Person und der Fähigkeit zu qualifizierter Selbstbestimmung, der die Taylorsche Theorie für die Kommodifizierungskritik interessant macht. Nicht nur läßt sich die Vermutung, daß eine kommodifizierte eine verarmte Welt ist, jetzt "übersetzen" in die These, daß Kommodifizierung die Existenz einer Sprache qualitativer Unterscheidungen bedroht, auf die die Artikulation starker Wertungen angewiesen ist. Auch der Zusammenhang mit der Selbstbestimmung von Personen, der für Andersons Ausgangsthese, daß die Universalisierung von Marktbeziehungen die Bedingungen von Autonomie und Freiheit untergräbt, entscheidend ist, läßt sich jetzt folgendermaßen verstehen: Die Autonomie von Personen ist gefährdet, sofern sich in dem "mode of valuation", der die Marktsphäre beherrscht, die für Autonomie konstitutiven Fähigkeiten zur reflexiven Selbstbewertung nicht entwickeln können. Ihre Freiheit ist bedroht, sofern mit der Existenz unterschiedlicher Wertsphären nicht nur die Pluralität bedeutungsvoller Optionen, auf die Individuen zur Wahrnehmung ihrer Freiheit konstitutiv angewiesen sind, wegfallen. Bedrohlich ist vor allem die "Verflachung" dieser Optionen, sofern die Identität von Personen auf die Existenz eines "Ausdrucksraums" angewiesen ist, in dem sich qualitative Unterscheidungen artikulieren können. Hier deutet sich an, inwiefern die Verarmung , Verflachung oder Entwertung der Welt die Freiheit von Individuen – im Sinne ihres „Verwirklichungsbegriffs“– bedrohen können
(13) Daß z. B. jemand bei einer risikoreichen Arbeit sein Leben riskiert, läßt sich nicht – wie cost-benefit-Analysen es tun - mit dem Gegenwert des höheren Lohns aufrechnen. Seine Einsatzbereitschaft beruht, wie Anderson anhand von empirischen Untersuchungen zeigt, auf vielfältigeren Motiven; auch die Leihmutter kann gar nicht für das zahlt werden, was sie an emotionaler Teilnahme aufzubringen gezwungen ist. In dieser Hinsicht liefert die rein ökonomische Erklärung ein falsches Verständnis der Motive, von denen Menschen tatsächlich geleitet sind."
(14) Taylor, Charles, Negative Freiheit? Zur Kritik des neuzeitlichen Individualismus, Frankfurt/M. 1988,21.
(15) Ebd.
Rahel Jaeggi: "Der Markt und sein Preis"; in: Deutsche Zeitschrift fur Philosophie, 1999; 47 (6); S. 997 - 999
Julio Lambing - Sa, Jun 11, 2005 - Zettelkasten: Wirtschaft







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