Das System
Freitag, 20. Oktober 2006
Notiz: Die Auflösung von Nationaldiskursen und Hannah Arendts Second Chance
Aus einem taz-Interview mit Idith Zerta: Sie haben mit Moshe Zuckermann einen Band herausgegeben, der sich mit Arendt befasst, kürzlich gab es eine Konferenz über Arendt in Tel Aviv. Kommt sie also zum ersten Mal in Israel in Mode? Der israelische Nationalstaat befindet sich in einem Prozess des Zerfalls in einzelne Teile. Der große nationale Diskurs, das große zionistische Narrativ à la Ben Gurion existiert nicht mehr. Heute besteht die israelische Gesellschaft aus vielen großen Minderheiten. Eine einheitliche Gesellschaft mit einer einheitlichen Erinnerungskultur gibt es nicht mehr. Das ermöglicht die Entstehung einer Vielzahl von Diskursen, auch alternativen. Hinzu kommt die Generationsfrage. Meine Studenten haben keine offene Rechnung mit dieser Frau. Kann man von einer Arendt-Renaissance in Israel sprechen? Nein, Arendt ist Minderheitengeschmack. Aber es gibt heute in Israel Menschen, die ihre Fragen nutzen, um das zionistische Narrativ in einem radikal kritischen Licht zu betrachten. "Hannah Arendt wird in Israel gehasst"; Interview von Tsafrir Cohen mit Idith Zerta; die tageszeitung vom 14.10.2006, S. 12 (Sonderseiten zum 100. Geburtstag ...
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Montag, 20. März 2006
Zerschlagung von Lebensstrukturen
Der für mich interessanteste Punkt der Diskussion zwischen Konservatismus (und damit gemeint der traditionellen Konservatismus, nicht diverse Neo-Strömungen, die heute in den sich selbst zur politischen Rechte zählenden Parteieienfamilie en vogue sind) und radikalen Reformern, ist die Frage, welche kulturellen, wirtschaftlichen oder politischen Veränderungen das Leben in seiner Entfaltung stärken und welche Veränderungen Lebensqualität beinträchtigen, weil sie hilfreiche Lebensnetze, nützliches Wissen und sinnvolle Praktiken zerstören. Im 20. Jahrhundert haben wir eine Menge Beispiele erlebt, was die Zerschlagung sozialer Strukturen durch politische Avantgarden mit gesamtgesellschaftlichen Anspruch anrichten können. Das verführt zu grundlegendem Misstrauen gegenüber politischen Impulsen, die komplexe althergebrachte Lebenszusammenhänge revolutionieren wollen, bei manchen zu einem generellen Reflex, ganz so als sei jede radikale Reform menschenfeindlich: In den Reformen von Kleisthenes in der frühen attische Polis findet sich eines der frühesten Beispiele für radikalen Reformen, die hilfreich sind, ...
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Mittwoch, 22. Februar 2006
Europa ein Gewächs aus römisch-griechisch-arabischem Samen
"Heute sucht man angestrengt nach einer kulturellen Definition Europas. (...) Ein traditioneller Ansatz zu einer solchen Definition besteht darin, Europa als ein eigenartiges Amalgam von hellenischen und biblischen Welt- und Wertvorstellungen zu verstehen. Fragt man jedoch, wo diese Verschmelzung geschaffen wurde, kann man nur antworten: nicht in Europa, sondern in Südwestasien und Nordafrika. Jüdische Gelehrte und frühchristliche Kirchenväter waren ihre Schöpfer. Philon von Alexandria, Origenes aus Caesarea in Palästina und Augustinus im numidischen Hippo sind einschlägige Namen. Das Amalgam wurde im Mittelalter philosophisch vertieft. Führend waren nun islamische Gelehrte von al-Farabi bis Ibn Rushd (Averroes), gefolgt von jüdischen Gelehrten wie Moses Maimonides. Den islamischen, jüdischen und christlichen Denkern machte dasselbe Problem zu schaffen, die Vereinbarkeit der Lehren ihrer Offenbarungsschriften mit den Theorien der hellenischen Philosophen. Die Lösungsstrategien der muslimischen Gelehrten wurden dann wegleitend für ihre jüdischen und christlichen Leser. Johann Gottfried Herder nennt die Kultur Europas folgerichtig ...
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Donnerstag, 29. September 2005
Nation-Building: Die Auflösung der indischen Toleranz
„Die Elite, die sich neu herausbildete und die die koloniale Herrschaft bekämpfte, klammerte sich an eine Kombination von wünschenswerter Zukunft und Vorstellungen von der Überlegenheit der indischen Kultur und Tradition. So kam es dazu, daß die indische Tradition alles ausschloß, was von außerhalb Indiens zu stammen schien, wie lange dies auch zurückliegen mochte. Ein gewisser Indigenismus wurde zu einem beherrschenden Trend, und er bildet in unterschiedlicher Verkleidung auch heute noch eine wichtige Tendenz. Diese Entwicklung war die Kehrseite der Erschaffung des Anderen in der indischen Gesellschaft, von der ich oben sprach. Das hatte für die Gestalt der Tradition in Indien und dafür, wie sie ihre Beziehungen über ihre Grenzen hinweg definierte, zwei sehr weitreichende Folgen. Was die Gestalt an- ging, änderte es die Konzeption der "Toleranz" vollständig, eines Merkmals, das von vielen Menschen als das innere Wesen der indischen Tradition betrachtet worden ist, sowohl von Menschen aus der sektiererischen Richtung wie auch von solchen, die sich um Harmonie zwischen den Religionsgemeinschaften bemühten. Darüber ...
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Freitag, 29. Juli 2005
Geertz über Nationalitätenkonzept
"Der Modellcharakter Idonesiens und Marokkos beruht darauf, dass beide einem Phänomen ausgesetzt sind, das zum Teil in fast jedem anderem unausgeformten nefo-Land auftritt und das sich auch in den scheinbar deutlicher kristallisierten oldefo-Ländern desto mehr verbreitet, je mehr dort die Massen regieren. (1) Es handelt sich um das Aufeinanderklaffen dessen, was wir im modernen Westen seit dem Westfälischen Frieden fast als Synonyme verstehen, um Begriffe, deren einer uns die Artikulation des anderen ist, um deckungsgleich gedachte kollektive Realitäten von gemeinsamer Natur und gemeinsamem Ursprung: "Staat", "Nation", "Volk", "Land", "Gesellschaft" und "Kultur". Das sind die Rahmenbegriffe der modernen politischen Analyse und Erkenntnis. Sie definieren für uns die Grenzen der Loyalität, Identität, Zugehörigkeit, Souveränität und gegenseitigen Unterstützung. Sie sind auf unseren Karten als einheitlich gefärbte Räume zu erkennen und tragen in den Ortsverzeichnissen unserer Sprache je einen Namen. Doch es gibt immer mehr Zweifel an der Bedeutung und Verwendbarkeit dieser Begriffe, denn sie behaupten eine Entwicklung in ...
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Mittwoch, 1. Juni 2005
George Soros über Reagan und Thatcher
Der Vorschlag von Soros zu „Sonderziehungsrechten (Special Drawing Rights“) klingt interessant, aber ich bin nicht kompetent, ein brauchbares Urteil zur Globalisierungs/Finanzdisk ussion zu geben. Ansonsten war für mich der folgende Satz in dem Büchlein “Der Globalisierungsreport” (ein irreführenderTitel, das Original heisst: „George Soros on Globaliszation“) zwar nicht der neueste, aber dennoch der interessanteste: „Angespo rnt durch die Liberalisierungs- und Deregulierungspolitik der Regierung Reagan in den USA und der Regierung Thatcher in Großbritannien, schritt die Entwicklung der internationalen Finanzmärkte in den achtziger Jahren ungebremst voran, während die internationale Schuldenkrise unter der Oberfläche weiterschwärte.“ George Soros: “Der Globalisierungsreport”; Reinbek bei Hamburg, 2003; S. 118 Die Bemerkung regte mich an, nocheinmal die Frage genauer anzuschauen, inwieweit Thatcherismus und Weltbild von Reagan eben kein Konservativismus (im Sinne der bekannten Baum-Metapher des konservativ rezipierten Edmund Burke) waren, sondern Vollstrecker radikaler Ideologien, wie ...
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Montag, 9. Mai 2005
„Wenn die AAO sich verbreitet hätte“
"Wir haben gedacht, wir machen da ein Modell, und die ganze Welt könnte mal so werden, das ist ungefähr wie mit dem Kommunismus - das war auch mal als Modell und Gegenwelt gedacht, aber es war doch furchtbar, was daraus geworden ist. Also wenn das, was wir daraus gemacht hätten, sich verbreitet hätte, das wär noch ärger geworden als der Kommunismus." (Toni Elisabeth Altenberg) Andrea Gerk: " ‘Diktator, König, Kaiser oder sag einfach Otto’ – Die ‘Aktions-Analytische Organisation’ des Otto Mühl“; in: Joachim Meißner, Dorothee Meyer-Kahrweg u. Hans Sarkowicz (Hrsg.): "Gelebte Utopien Alternative Lebensentwürfe" Leipzig 2001; S. 334 Eine Bemerkung, die man bei jedem Projekt der Gemeinschaftsbewegung, bei jeder spirituellen Siedlung und jedem Ökodorf, bei jeder religiösen oder kulturellen Gruppe als Ausrichtungslinie für den utopischen Projektor verwenden kann. Die damaligen Verhältnisse in der Aktionsanalytischen Organisation (oder eben auf dem alten Friedrichshof) dienen seit mehr 25 Jahren als Warnung für die lebensreformerischen Projekte der Nachkriegszeit. Es kann nicht ...
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Sonntag, 13. März 2005
Charles Taylors Gedanken über den Karneval 3
Spannender als die Probleme des zeitgenössischen Heidentums ist eine andere Thematik, die Charles Taylor anspricht. Er führt nämlich vier gesellschaftliche Projekte auf, die mit der Abschaffung der "Zeit zwischen den Zeiten" einhergehen (1): Eine Neustrukturierung der Armut: Neuartige Armengesetze lösten den mittelalterlichen Umgang mit der Armut ab, die für die Reichen die Möglichkeit bot, durch Spende und Barmherzigkeit Verdienste um das Paradies zu erlangen. Jetzt wurden Arme streng daraufhin geprüft, ob sie wirklich erwerbsunfähig waren. Die Arbeitsfähigen wurden durch Disziplinierungstechniken und Arbeitsanstalten in Arbeitsprozesse gepresst, die nach den jeweiligen wirtschaftlichen Bedürfnissen ausgerichtet waren. Ziel war ihre Resozialisierung zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft. Diejenigen, die tatsächlich nicht arbeitsfähig waren, wurden gettoisiert und verwaltet. Die Ausbildung der Zivilität führte dazu, das Klerus, Adel und Bürgertum sich von den volkstümlichen Gebräuchen distanzierten und eigene, geschliffenere Sitten ausbildeten. In Tanz, Sport, Esssitten, Sprechweisen ...
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Montag, 7. März 2005
Charles Taylors Gedanken über den Karneval 2 (Randbemerkung)
Nun ist neuheidnische Apologetik ausgesprochen langweilig. Umkehrfeste wie sie Taylor anspricht finden ohnehin nicht im Neuheidentum statt - zumindest nicht im deutschsprachigen Raum. Unter einem Fest versteht man hier entweder die neopagan eingekitschte Version eines Pfarrfestes (Bier und Würstchen dürfen nicht fehlen; abends spielt das Liedermacher-Duo) oder das ausgelutschte Revival eines Hippietreffens (Rastalocken und schwarzer Afghane dürfen nicht fehlen, nachmittags spielt das Kasperltheater). Gerade das Vorbild christlicher Events (1) hat es den Neuheiden ja angetan: Die Riten, die bei ihnen zelebriert werden, sind schlechte Kopien christlicher Veranstaltungen. Sie schwanken zwischen einem beschwingten Ringelpitz ähnlich den Besinnungsfestchen der evangelischen Pfarrjugend oder einem Mumenschanz, der wahlweise auf altnordisch-germanisch oder keltisch-hexisch katholische Hochämter nachstellt. Wer nicht an Biertischen sitzt oder christliche Riten nachmacht, macht auf schamanisch und geht in die Schwitzhütte. Allerdings muss man bei letzterem wenigstens zugute halten, dass sich die Leute mal ausziehen - unter Neuheiden bis heute eine revolutionäre ...
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Montag, 28. Februar 2005
Charles Taylors Gedanken über den Karneval 1
Von Charles Taylor gibt es einen interessanten Gedankengang zum neuzeitlichen Zeitverständnis, in dem er unter anderem auch Konsequenzen des Verlustes der "Zeit zwischen den Zeiten" für die modernen Kulturen thematisiert. Die Zeiten alter Kulturen, die die gewöhnliche Ordnung der Dinge umkehren wie jene Festivitäten des Mittelalters (Karneval, die Feste der Missregierung, der Knabenbischöfe), die Saturnalien oder die obszönen Riten indigener Kulturen waren für Taylor in die Strukturen ihrer Kulturen fest eingebaut: Sie bestätigen durch ihre Zeit der Unordnung gerade die Ordnung und stellten "so die Herrschaft der Obrigkeit und der Sitten nicht ernsthaft in Frage." Sie bestätigen die herrschenden sittlichen Werte und den kulturellen Kodex. Taylor erwähnt in diesem Zusammenhang Viktor Turners funktionalistische Erklärung, dass solche Feste dazu dienen die bestehende Struktur, den Verhaltenskodex einer Gesellschaft, durch eine zeitweilige Gegenstruktur ausser Kraft zusetzen, nur um den Kodex dadurch immer wieder neu zu bestätigen und seine Geltung als ursprüngliche Ordnung wieder neuzubeleben. Die Gegenstruktur ermöglicht ...
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