Dialog
Montag, 21. März 2005
Sokrates Buchstabengärtchen und Demokratie
„Wer vom Gerechten, Schönen und Guten Erkenntnis besitzt, wird die Buchstabengärtchen nur des Spieles wegen besäen und beschreiben. Wenn er aber schreibt, um für sich selbst einen Vorrat von Erinnerungen zu sammeln auf das vergessliche Alter, wenn er es etwa erreicht, so wird er sich freuen, wenn er sie zart und schön gedeihen sieht.“ Das Plädoyer, das Sokrates in Platons Phaidros für das gesprochene Wort und die mündliche Unterweisung hält, ist zweischneidig. Seine stärksten Argumente für das gesprochene Wort, das er dem schriftlichen vorzieht, beruhen auf dem Umstand, dass die Kontextabhängigkeit der Bedeutung einer Äußerung die direkte Sprechsituation zur geeignetesten Gelegenheit macht, diese Bedeutung zu erläutern. Sprecher und Hörer befinden sich im gleichen Kontext und da, wo es Verständnisunterschiede gibt, gibt die Kontextwahrnehmung und unmittelbare Reaktion des Gesprächspartners und dem Sprecher eine Vielzahl an Möglichkeiten Missverständnisse zu erkennen und umgehend aufzuklären, die Rede zu korrigieren und anzupassen. Ein weiteres Argument klingt nur an: ...
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Samstag, 12. März 2005
Wenn man sie aber etwas fragt, so schweigen sie gar ehrwürdig still. Ebenso auch die Schriften.
Sokrates: Ich habe also gehört, zu Naukratis in Agypten sei einer von den dortigen alten Göttern gewesen, dem auch der Vogel, welcher Ibis heißt, geheiligt war, er selbst aber, der Gott, habe Theuth geheißen. Dieser habe zuerst Zahl und Rechnung erfunden, dann die Meßkunst und die Sternkunde, ferner das Brett- und Würfelspiel, und so auch die Buchstaben. Als König von ganz Agypten habe damals Thamus geherrscht in der großen Stadt des oberen Landes, welche die Hellenen das ägyptische Theben nennen, den Gott selbst aber Ammon. Zu dem sei Theuth gegangen, habe ihm seine Künste gewiesen und begehrt, sie möchten den anderen Agyptern mitgeteilt werden. Jener fragte, was doch eine jede für Nutzen gewähre, und je nachdem ihm, was Theuth darüber vorbrachte, richtig oder unrichtig dünkte, tadelte er oder lobte. Vieles nun soll Thamus dem Theuth über jede Kunst dafür und dawider gesagt haben, was weitläufig wäre alles anzuführen. Als er aber an die Buchstaben gekommen, habe Theuth gesagt: "Diese Kunst, o König, wird die Agypter weiser machen und gedächtnisreicher, denn als ein Mittel ...
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Sonntag, 6. März 2005
Loblied des gesprochenen Wort
Georg Steiner schildert in seinem Essay „Buch oder Leben“, das die Verantwortung der geschriebenen Wortes verhandelt (in der Frühlingsausgabe von Lettre International erschienen), auch ein Plädoyer für die Oralität, das all jenen, denen die direkte Debatte, der Vortrag, die Diskussion und das gesprochene Wort lieber sind als die jetzt im intellektuellen und universitären Milieu hochgehaltenen Betriebsamkeit des Texteschreibens, aus dem Herzen spricht - selbst dann, wenn Steiner bei seinem Rückgriff auf Platons "Phaedros" dessen zweifelhaftes Dialogverständnis schönt. "Die Kritik, die Platon im Phaidros an der Schrift übt und die in einem wohlbekannten ägyptischen Mythos verdichtet ist, gibt zweifellos seine Ansicht über die von seinem Lehrer benutzten paradoxen Methoden wieder. Wie immer läßt sich in Platons Auffassungen jedoch ein ironischer Unterton finden: War er nicht selbst ein einzigartiger Schriftsteller und der Autor eines umfangreichen Werks? Dennoch sind die in diesem Mythos gegen die Schrift vorgebrachten Argumente höchst aussagekräftig und bleiben vielleicht bis heute unwiderlegbar. Im ...
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