KoerperSeeleGeist
Mittwoch, 28. Dezember 2005
Michel Foucault über Bruno Snell ?
In Michel Foucaults Radioessay "Der utopische Körper“ (Le Corps utopique), der vor kurzem in einer deutschen Transkription bei Suhrkamp (samt Original-Wiedergabe per CD) erschien, gibt es eine Passage, die an Bruno Snells Analyse erinnert – wozu nicht nur die Erwähnung von „Soma“ beiträgt, sondern auch das evolutionäre Verständnis, das in der Analogie zwischen Kindern und homerischen Griechen aufscheint: Kinder brauchen lange, bis sie wissen, dass sie einen Körper haben. Die ersten Monate und bis ins erste Lebensjahr hinein haben sie nur einen zerstreuten Körper, Glieder, Körperhöhlen, Öffnungen. Erst im Spiegelbild ordnet sich all das und nimmt buchstäblich Gestalt an. Noch erstaunlicher ist die Tatsache, dass die Griechen zu Homers Zeiten kein Wort für die Einheit des Körpers besaßen. So paradox es klingen mag, vor Troja, unter den von Hektor und seinen Gefährten verteidigten Mauern, gab es keine Körper, es gab nur erhobene Arme, eine mutige Brust, schnelle Beine, blitzende Helme auf den Köpfen, aber keinen Körper. Das griechische Wort für Körper erscheint ...
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Hans Peter Duerr über Bruno Snell
Hans Peter Duerr schreibt in den Tatsachen des Lebens unter anderem über den "seelischen Innenraum" bei Naturvölker und kommentiert dabei auch Snells Analysen: Vor dieser Zeit [der frühen Neuzeit; Anm. d. Verf.] hätten die Menschen ihre Handlungen noch nicht so sehr auf ihre eigenen Willensentscheidungen zurückgeführt, als auf das Eingreifen äußerer Mächte wie Heilige (Abb. 8) oder dem Teufel (Abb. 9), ein Empfinden, das die Individuen von der Verantwortung für ihre Taten befreit habe. (270) Anmerkung 270: Bekanntlich hat Bruno Snell auf diese Weise das Handlungserleben und den Persönlichkeitstypus des archaischen Griechen, namentlich der Helden von Ilias und Odyssee, beschrieben, eine Auffassung, die insbesondere von P. Feyerabend (1983, S. 347; 1989, S.207 ["Wider den Methodenzwang" und "Irrwege der Vernunft"; Anm. d. Verf.]) aufgegriffen wurde. Sieht man sich die Beispiele etwas näher an, in denen nicht eigentlich die Menschen agieren, sondern durch sie hindurch die Götter, dann erkennt man rasch, daß es sich um Extremsituationen handelt, in denen auch wir sagen würden, «Das war nicht er, der so ...
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Sonntag, 2. Oktober 2005
Der fehlende Körper und die fehlende Seele bei Homer
Bruno Snell bringt in seinen "Studien zur Entdeckung des europäischen Geistes bei den Griechen"(1) filigrane Untersuchungen darüber, warum es bei Homer sowohl keine Vorstellungen eines einheitlichen Körpers und keine Vorstellungen einer einheitlichen Sphäre der menschliche Seele/Geistes gibt. Damit existiert in der homerischen Welt eine ganz grundlegende Unterscheidung der modernen europäischen Zivilisation nicht. Über das Verhältnis von Körper und Seele wird in der westlichen Gesellschaft permanent gestritten: Sind Körper und Seele eines? Gibt es neben dem Körper nicht nur Seele, sondern auch Geist? Sind geistige Prozesse ausschließlich durch körperliche bedingt? Oder ist der menschliche Geist der Bestimmer aller körperlichen Prozesse? Ist der Geist in den Körper eingesperrt? Beeinflussen sich Körper und Seele wechselseitig. Nicht nur die esoterische Literatur, sondern auch die populärwissenschaftliche ist voll von solchen Fragen. Grundlegend ist jedoch, dass die sprachlichen Kategorien "Körper" und "Seele/Geist" als solche selbst in diesem Diskurs permanent verwendet werden: Der Mensch, die damit ...
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