Axonas ist ein Zettelkasten, der Notizen, Exzerpte und Zitate aufbewahrt. Weder stellen die Notizen meine abschließenden Gedanken dar noch drücken die gesammelten Exzerpte und Zitate unbedingt meine Meinung aus.

Als öffentlich begehbarer Buchstabengarten ist dieser Zettelkasten zugleich Bestandteil eines Austauschs an Gedanken und Ideen, den ich mit einigen Menschen pflege. Er ist ein Hilfsmittel im Wechselspiel von Rede und Widerrede und den Nutzen und die Grenzen eines solchen Buchstabengartens hat Sokrates in Platons Phaedros treffend beschrieben.

Rationalitaet

Dienstag, 7. März 2006

Irrationales um die Ratio wiederzugewinnen


"Bei Homer bezeichnet sōphrosynē einen sehr allgemeinen Wert; sie ist der gesunder Verstand: Die Götter vermögen ihn demjenigen wiederzugeben, der ihn verloren hat, und können ihn auch den klügsten Geistern nehmen. Doch schon bevor der Begriff von den Weisen in einem politischen Zusammenhang neu interpretiert wurde, scheint er in bestimmten religiösen Kreisen weiterentwickelt worden zu sein. Er bedeutet dort die Rückkehr in einen Zustand der Ruhe, des Gleichgewichts und der Selbstkontrolle nach einer Periode der Unruhe und der Besessenheit. Die zur Herstellung der sōphrosynē angewandten Mittel sind von der bereits erwähnten Art: Musik, Gesänge, Tänze und Reinigungsriten. Manchmal mögen sie auch handfester gewesen sein und als eine Form von Schocktherapie gewirkt haben. So wurde noch Pausanias im Heiligtum des Herkales in Theben ein Stein gezeigt, den Athene dem rasenden Heroen an den Kopf geworfen haben soll, als dieser – nachdem er, schon vom Wahnsinn verblendet, seine Kinder umgebracht hatte – sich auch anschickte, Amphitryon zu töten.“ Jean-Pierre Vernant: "Die Entstehung des griechischen ...
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Mittwoch, 1. März 2006

Umsichtiges Politmanagement: Geheimriten der Polis


In der Polis werden die alten Priesterämter, die bisher im Besitz spezifischer aristokratischer Sippen waren, in den Dienst der Allgemeinheit gestellt. Die sacra, die zuvor geheim aufbewahrt worden waren, werden nun in die öffentlichen Tempel gebracht: „Mit dem Charakter des Geheimen verlieren sie die Eigenschaft, wirkkräftige Symbole zu sein; und sie da, sie sind zu «Bilder» geworden deren einzige rituelle Funktion es ist, gesehen zu werden, und deren einzige religiöse Realität ihre Erscheinung ist!“ (1) Doch bemerkenswert ist, dass auch in der demokratischen Polis magische Entscheidungsformen und magische Symbolik weiterhin benutzt werden: „Das spartanische Herrschaftssystem bietet das beste Beispiel für diese Geheimverfahren. Doch auch für andere Orte ist gut belegt daß geheime Heiligtümer, private, bestimmten Magistraten ausschließlich vorbehaltene Orakel und Sammlungen von Wahrsageregeln als Techniken der Machtausübung gebraucht wurden. Darüberhinaus sehen viele Städte ihr Heil im Besitz von geheimen Reliquien: Gebeinen eines Heroen, dessen Grab der Allgemeinheit unbekannt ist und ...
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Dienstag, 31. Januar 2006

Während der Bauch sich wolllüstig im Irrationalen baden kann...


Rüdiger Sünner hat in der info3 einen kritischen Kommentar über die schizophrene Haltung der Mainstream-Medien zu religiösen Themen veröffentlicht und konstatiert: „Der mediale Umgang mit Spiritualität läuft also meistens auf eine Heiß-Kalt-Strategie hinaus, in der dem Kopf ein aufgeklärter Rationalismus vorgegaukelt wird, während der Bauch sich wolllüstig im Irrationalen baden kann. Dazwischen aber darf keine Verbindung bestehen: moderne Form einer durch Amputation erzeugten Kulturschizophrenie, die schon Friedrich Schiller in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechtes geißelte. Die Moderne, so schrieb er dort, sei trotz aller Aufklärung immer noch barbarisch, weil es nicht gelungen sei, eine echte Brücke zwischen Vernunft, Herz und Triebleben zu bauen.“ Ich tue mich immer wieder schwer mit Sünners Vokabular („spirituelle Einsichten“, „ganzheitliche Deutungen“, mechanistisches Denken“), aber es erfrischend, dass sich eine kritische Stimme meldet, die die bigotte Instrumentalisierung esoterischer und mythischer Themen in bestimmten ...
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Montag, 23. Januar 2006

Tugendhat über anthropologische Wurzeln der Mystik


Die „Monde diplomatique“ veröffentlichte in ihrer Januar-Ausgabe eine gekürzte Version die Dankesrede, die Ernst Tugendhat anlässlich der Verleihung des Meister Eckart Preises durch die Identity Foundation am 5. Dezember hielt. Tugendhat geht es seit längerem darum, die anthropologischen Wurzeln der Mystik freizulegen und diese zugleich von denen der Religion zu unterscheiden. Für Tugendhat ist es nämlich die verbreitete Einstellung indiskutabel, mystische Haltungen entweder als irrational oder als Ausdruck einer kulturellen Tradition zu verstehen, die nur innerhalb dieser Tradition verstanden werden kann. Zwischendurch macht er der Religion einen kurzen Prozess: Alles kontingente Geschehen lässt sich kausal erklären, und Gott erweist sich als Projektion einer Wunschvorstellung, die Moral lässt sich nur noch als intersubjektiv begründet verstehen, ihre Absolutsetzung war ihrerseits eine Projektion. Das Merkwürdige ist, dass man das auch schon in der Religion immer geahnt hat, denn sonst hätte sie sich nicht auf besondere, geheiligte Traditionen berufen müssen. Religiöse Wahrheit ist immer nur entweder ...
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Sonntag, 8. Januar 2006

Habermasens Ideen über den Dialog mit der Religion


Habe am Wochenende in Trier den Sonderdruck von Habermasens Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2001 entdeckt, herausgeben von Suhrkamp. Mir schon vor Jahren empfohlen, schien sie mir eine gute Gelegenheit, einen ersten Einblick in seine aktuelle Auseinandersetzung mit Religion und Glaube zu gewinnen. Die Rede zeigt die Lust am Argumentieren, und gerade in ihrem abrupten Start und fragendem Ende macht sie in sympathischer Weise den hohen Dialogethos des Preisträgers deutlich. Ihr Kerngedanke kreist um die Frage, wie Religion der säkularen Gesellschaft nutzt und wo das in den Augen Habermas berechtigte Primat der Wissenschaft zur Hybris wird: „Wenn wir mit Max Weber den Blick auf die Anfänge der »Entzauberung der Welt« lenken, sehen wir, was auf dem Spiel steht. Die Natur wird in dem Maße, wie sie der objektivierenden Beobachtung und kausalen Erklärung zugänglich gemacht wird, entpersonalisiert. Die wissenschaftlich erforschte Natur fällt aus dem sozialen Bezugssystem von Personen, die sich gegenseitig Absichten und Motive zuschreiben, heraus. Was wird nun aus solchen Personen, wenn sie ...
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Samstag, 15. Januar 2005

Ein Beispiel wie irrational Kritiker des "Irrationalismus" gerne sind


Die meisten sogenannten Aufklärungsbücher über Esoterik sind austauschbar. Schnell auf den Markt geworfen und schlampig recherchiert, bearbeiten sie im ähnlich lamentierenden Duktus die immer gleichen Aspekte und historischen Zeitlinien des Themas. Der gutgemeinte Ansatz, die "Gesellschaft" vor problematischen politischen Geistesströmungen zu warnen, muss dann als Entschuldigung herhalten, dass man unreflektiert Vorurteile wiederkäut und die ewig gleichen Stereotypen benutzt. Die daraus entstandene Kritik ist ungefähr so wirksam wie die Vielzahl an Kampfschriften, die Ende der 60er bis Mitte der 70er vor den Gefahren des Marxismus warnten. Eine solche Kritik verpufft denn auch bei denjenigen, die sie angeht. Publikationen, die von der politischen Linken stammen, sind dabei nur eine Untergruppe. Allerdings zeichnen sie sich in ihrem unreflektierten Fortschrittspathos und der metaphysisch motivierten antireligiösen Stossrichtung durch eine besondere Schärfe aus. Ein typisches Beispiel für die heute übliche linke Literatur über Esoterik scheint mir ein Büchlein von Claudia Barth zu sein: “Über alles in der Welt ...
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Donnerstag, 30. Dezember 2004

Verwissenschaftlichung des "Esoterik-Hokuspokus"


Im Zuge eines liberalen Wissenschaftsverständnisse s kann man sich dafür einsetzten, dass auch die Wissenschaft offen sein soll für solche Praktiken wie Akupunktur, Astrologie, Homöpathie, Feng Shui, Geomantie, Radioästhesie, Aura Lesen, Orgontherapie, Schamanismus etc. Es wäre dies dann nur ein weiterer Schritt nachdem z.B. schon die Psychoanalyse es geschafft hat, sich aus dem Areal des Obskuren in die lichtdurchfluteten Hallen der akademischen Wissenschaft hinüberzuretten. Tatsächlich gibt es ja gerade unter liberalen Wissenschaftlern eine Menge, die solcherlei fordern. Und so mancher Vertreter dieser Disziplinenen scheint selbst den Anschluss an die Wissenschaften zu suchen - wie z.B. Paul Devereux für die Geomantie. Die seltsamen Praktiken sind nach dieser Auffassung dann so etwas wie Proto.SWissenschaften, denen noch eine gewisse Systematiserung, eine experimentelle Überprüfung, ein Forschungsbetrieb und eine rationale Ausübungsregulierung ähnlich wie in den anerkannten Wissenschaften fehlt. Das Angenehme an diesen Ansätzen ist, dass je mehr sie sich durchsetzen, so manche recht verschwomme Laraifari-Begründung ...
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